Münster [3]


Münster [3]

Münster, 1) Regierungsbezirk der preuß. Provinz Westfalen, gebildet aus Theilen des frühern Fürstenthums M., der Standesherrschaften Rheina-Wolbeck, Salm-Ahaus, Salm-Bocholt, Horstmar, Recklinghausen, Steinfurt, Anholt, Dülmen, Gehmen u. Gronau, der Grafschaft Tecklenburg u. der Obergrafschaft Lingen; grenzt an die Niederlande, Hannover u. die Regierungsbezirke Minden, Arnsberg u. Düsseldorf, 132,17 QM., gehört fast ganz der norddeutschen Ebene an, mit geringen Erhebungen (die Tecklenburger u. Schafberge, die Haardhügel u. die Billerbecker Höhen); der Boden meist aus Sand, Haiden, Torfmooren, etwas Waldungen u. zum Theil gutem Ackerlande bestehend, wird von der Lippe, Ems (mit Aa u. Werfe), Vechte, Dinkel, Berkel, alten Yssel, Emscher u.a. u. dem Münsterschen Kanal (s.d.) bewässert u. bringt Vieh, Getreide, Torf, Salz, Eisen u. Steinkohlen; die Einwohner, 420,000 (mit Militär), sind größtentheils Katholiken u. treiben Ackerbau, starken Flachsbau u. Viehzucht, Linnengarnspinnerei u. Weberei, Baumwollenweberei macht einen bedeutenden Nebenerwerb für die kleinern Grundbesitzer, so wie auch ein Theil derselben jährlich nach Holland geht, um während der Ernte daselbst Lohn zu erwerben; auch gibt es Fabriken in Tabak, Cichorie, Stärke, Steingut, Zucker etc., Eisengießereien, Messing- u. Kupferwerke etc. Eintheilung in die 10 Kreise: Aahaus, Beckum, Borken, Koesfeld, Lüdinghausen, Münster, Recklinghausen, Steinfurt, Tecklenburg u. Warendorf; 2) Kreis darin, 15, ar QM. mit 37,200 Ew.; 3) Hauptstadt der Provinz Westfalen, des Regierungsbezirks u. Kreises, an der Aa, am Beginn des Münsterschen Kanals u. an der Eisenbahn von Hamm nach Rheine u. Emden; Sitz des Generalcommandos des 7. Armeecorps, des Oberpräsidiums, der Regierung, eines Oberlandesgerichts, Bischofs u. Domcapitels; eine der schönsten Städte Westfalens, die ehemaligen Wälle sind seit 1765 geebnet, mit Bäumen besetzt u. in Spaziergänge verwandelt. Schloß (an der Stelle der vormaligen, die Brille genannten Citadelle erbaut) mit Botanischem Garten, Rathhaus, in welchem 16. Oct. 1648 der Westfälische Friede geschlossen wurde, 1 evangelisch-protestantische u. 10 katholische Kirchen, unter welchen der Dom, vom 13. bis 15. Jahrh. aufgeführt, mit Glasmalereien, Sculpturen, Gemälden u. Grabdenkmälern des Domprobstes F. von Plettenberg (st. 1712), des Bischofs F. Chr. von Plettenberg, der Brüder Droste von Vischering etc.; die im Gothischen Styl erbaute Lambertuskirche, am Thurme mit den 3 eisernen Käfigen, in welchen die Gebeine der Häuptlinge der Wiedertäufer Johann von Leyden, Knipperdolling u. Krechting aufbewahrt waren, u. die vollständig restaurirten St. Ludgeri- u. Über-Wasserkirchen sich auszeichnen; Katholische Akademie, j. Maximilianea Fridericiana genannt (aus dem Fonds der 1818 aufgehobenen Katholischen Universität 1824 gegründet), mit theologischer u. philosophischer Facultät, Bibliothek (Paulinische), Naturhistorisches Museum u. Botanischer Garten, Medicinisch-chirurgische Schule mit Klinikum, Gymnasium mit Bibliothek, Katholisches Priesterseminar, Schullehrerinnenseminar, Handwerksschule, Schulanstalt für jüdische Lehrer, Verein für vaterländische Geschichte u. Alterthümer, Westfälischer Kunstverein, Zucht-, Waisen- u. Krankenhaus, Irren- u. Taubstummenanstalt, mehre Hospitäler, vgl. Bankcomtoir; man fertigt Leder, Wollenzeug, Tuch, Leinwand, Segeltuch u. Sackleinen (Münsterleinen), Bleiweiß, Essig, Liqueur, Stärke u. Kutschen; hat Zuckerraffinerie, Färberei, Dampfmühlen, Tapetenfabriken, viele Brauereien u. lebhaften Handel, bes. mit Lein- u. Wollenwaaren, Garn, Westfälischem Schinken, Pumpernickel u. Wein; Freimaurerloge: Drei Balken des neuen Tempels; 25,400 Ew. Auf dem Überwasserkirchhof Denkmal für I. G. Hamann, für den General von Horn (st. 1829) etc.

Die erste Erwähnung der Stadt findet sich gegen das Ende des 8. Jahrh., als Karl der Große den nachmaligen Bischof Ludger als Prediger des Christenthums nach Mimigardevord schickte. Ludgerbaute hier eine gemeinschaftliche Wohnung für sich u. seine Amtsgehülfen, Monasterium, wornach in der Folge die Stadt u. das Land M. benannt wurden. M. wurde 1121 von dem vertriebenen Bischofe, Dietrich, belagert, u. was dabei zerstört worden war, baute Dietrichs Nachfolger, Egbert, wieder auf, u. Bischof Hermann II. versah die Stadt mit Mauern u. Thoren. Bischof Dietrich fing 1225 den Bau des Doms an, der 1361 vollendet wurde. Im 13. Jahrh. trat die Stadt auch in den Hansabund ein; 1532 wurde die Reformation in M. eingeführt; 1533 kam Johann Bockhold, ein Schneider aus Leyden, u. Johann Matthiesen, ein Bäcker aus Harlem, nach M.; ihre Schwärmerei steckte den Prediger Rottmann u. den Rathsherrn Knipperdolling an, u. ein großer Theil des [542] Volks schlug sich auf die Seite der neuen Propheten. Vergebens ließ der Magistrat denselben die Kirchen verschließen, sie erstürmten das Rathhaus, erzwangen sich einen Vergleich, durch welchen ihnen freie Übung des Glaubens zugesichert wurde, u. vertrieben die Gegenpartei aus der Stadt. Matthiesen trat als Prophet auf u. überredete das Volk, sein ganzes Vermögen zu gemeinschaftlichem Gebrauch auszuliefern u. alle Bücher, außer der Bibel, zu verbrennen. Nachdem er bei einem Ausfalle aus der Stadt geblieben war, warfen sich Bockhold u. Knipperdolling als Propheten auf, ließen die Kirchen zerstören u. errichteten eine neue Regierung, nach welcher 12 Richter über das Volk des neuen Israel herrschen sollten. Aber diese Verfassung wurde gleich darauf wieder umgestoßen, u. Bockhold, unter dem Namen Johann von Leyden, 1534 als König über das neue Zion (Münster) erwählt. Er lebte mit fürstlicher Pracht, führte Vielweiberei ein, schreckte durch Hinrichtungen, erließ gegen auswärtige Regierungen, gegen den Papst u. gegen Luther drohende Manifeste u. ermunterte die Seinen zu hartnäckiger Vertheidigung der durch Hunger u. Pest u. zügellose Unordnung verwüsteten Stadt, welche von ihrem Bischofe belagert wurde. Sie wurde endlich, nach tapferer Gegenwehr, am 25. Juni 1535 erobert, u. dem Reiche der Wiedertäufer ein Ende gemacht. Bockhold, Knipperdolling u. Krechting wurden 1536 mit glühenden Zangen zu Tode gemartert u. ihre Leichname in eisernen Käfigen am Lambertsthurme aufgehängt. Seit diesen Unruhen (Münsterscher Krieg) hatten die Bürger fast immer Streit mit den Bischöfen, bes. mit dem gewählten Bischof Bernhard von Galen, welcher, da ihm die Thore der Stadt verschlossen wurden, die Stadt 1661 mit Sturm nahm, eine Citadelle baute u. den Bürgern alle bis dahin besessenen Privilegien entzog. Die Bischöfe residirten selten in M., die drei letzten meistens in Bonn. 30. Jan. 1648 wurde hier Friede zwischen Spanien u. den Niederlanden, auch 6. Aug. auf dem dasigen Rathhause 1648 der Westfälische Friede geschlossen u. 24. Oct. 1648 unterzeichnet, s.u. Dreißigjähriger Krieg XII. 1759 wurde M. durch Franzosen unter General Guyon besetzt, vom 8. bis 21. November vom Herzog Ferdinand durch General Imhof belagert u. durch Capitulation genommen, s. Siebenjähriger Krieg; erst 1765 wurden die Werke geschleift. Vgl. Sigismund, Topograph.- statistische Darstellung des Regierungsbezirks von M., Hamm 1819; Fortsetzung, ebd. 1823; Heinrich Dorpius, Die Wiedertäufer in M., neu herausgeg. von Merchmann, Magdb. 1847; von Raet, Münstersche Geschichte, Gött. 1788; Actenstücke der Münsterschen Wiedertäufergeschichte, Frankf. 1808; Niesert, Beiträge zu Münsterschen Urkunden, Münst. 1824; A. Wilke, Geschichte der Stadt M., Hamm 1824; H. Jochmus, Geschichte der Kirchenreform zu M., Münst. 1825; H. A. Erhard, Geschichte M-s, ebd. 1837; G. B. Depping, Geschichte des Krieges der Münsterer u. Kölner, im Bündnisse mit Frankreich, gegen Holland, 1772–74, ebd. 1840; Cornelius, Geschichte des Münsterischen Aufruhrs, Lpz. 1860, 1.–2. Bd.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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