Assyrien [2]


Assyrien [2]

Assyrien (Ant.). Die Assyrischen Antiquitäten sind erst im Laufe der letzten Decennien in Folge der Untersuchungen u. Ausgrabungen, welche zuerst (1820) von dem Engländer Rich, später von Botta, dem französischen Consul zu Mosul (1843), ferner in umfassendem Maße von dem Engländer Layard (1845–48) unternommen wurden, bekannt geworden. Weitere Nachforschungen stellte Rouet, welcher auf Botta im Amte folgte, an u. ergänzte u. erweiterte die Layard'schen Entdeckungen. Die Ruinenhügel in der Gegend des alten Ninive, am östlichen Ufer des Tigris zwischen Khorsabad u. Keschaf am Fuße des Dschebel-Maklub, zu Nimrud, Khorsabad, Kujjundschick, Malthaijah, Kalah Scheryhat (der größte Hügel in Assyrien) ergaben bedeutende Resultate an plastischen Werken, so wie die Inschriften auf dem großen Obelisk bei Nimrud u. die Felsensculpturen bei Bawian. Zu den Untersuchern der assyrischen Trümmerstätten gesellte sich dann der Sprachforscher Rawlinson, welcher für die englische Regierung dort arbeitete, u. neben ihm gruben Loftus u. Boutcher auf Kosten einer Londoner Privatgesellschaft, Assyrian-Excavation-Society; aber 1855 wurden des Krieges wegen die Arbeiten vom Staate u. von jener Gesellschaft eingestellt. Wesentliche Ergebnisse aus jenen Nachgrabungen haben sich für den archäologischen Theil der A-n A. herausgestellt. Es fanden sich dort Denkmäler, welche verschiedenen Perioden des Assyrischen Reiches, sowohl der des Alt- als des Neuassyrischen, angehören. In dem Ruinenhügel Nimrud legte Layard vier Paläste bloß, von denen einer 28 Säle einschließt; ein anderer Palast wurde von ihm bei Kujjundschick ausgegraben. Ein vorzügliches Werk ist der große Obelisk zu Nimrud mit Inschriften historischen Inhalts. Nach den Andeutungen u. Nachrichten, welche sich über Assyrische Religion, Sitte u. Denkmäler in den griechischen Schriftstellern u. dem Alten Testamente vorfinden, unterliegt es keinem Zweifel, daß die aufgefundenen Bauwerke, Sculpturen, Gefäße etc, ninivitischen Ursprungs sind. Die ältesten dieser Überreste assyrischer Cultur sind die nordwestlichen Theile der Nimrudschen Paläste u. die dazu gehörigen Bau- u. Bildwerke; der neuassyrischen Periode hingegen gehören die südwestlichen Theile derselben Paläste u. ihrer Sculpturen, sowie die Alterthümer von Khorsabad u. Kujjundschick an. Erstere weisen massigere Formen, letztere mehr zierliche u. künstlerische Behandlung des Materials auf. Architektur u. Sculptur zeigt eine Ähnlichkeit mit der ägyptischen u. etruskischen Bau- u. Bildkunst. Die assyrischen Baudenkmäler bleiben jedoch in Bezug auf Colossalität hinter denjenigen der Ägyptier weit zurück, ein Umstand, der sich aus dem Mangel an Bruchsteinen erklärt, die in Babylon gar nicht, in Ninive nur zum Unterbau der Paläste verwandt zu sein scheinen. Diese terrassenförmigen Unterbaue, die zum Schutze gegen Überschwemmung erforderlich waren, geben den assyrischen[846] Bauwerken einen eigenthümlichen Charakter. Die Architektur an sich ist nüchtern u. roh, da weder Fensteröffnungen, noch Wölbungen, noch Säulen zur gefälligen Gliederung der Massen verwendet wurden. Diesen Mangel suchten die Assyrer durch Ornamente zu ersetzen, mit denen die Wände überladen sind. So ist der nordwestliche Nimrudsche Palast im Inneren ganz mit Alabasterreliefs ausgekleidet. Kolossale Thiergestalten (Löwen, Stiere etc.) mit Menschengesichtern finden sich an den Eingängen der, Gebäude. Freistehende Bildsäulen sind nur wenig entdeckt u. wenigstens von riesigen Götterstatuen, von denen Diodoros Sikulos berichtet, ist noch keine Spur angetroffen worden; desto reicher war die Ausbeute an Basreliefs, welche theils religiöse Verrichtungen, theils Kriegs- u. Jagdscenen, theils Aufzüge der Könige, aber zu sehr geringem Theile Scenen aus den täglichen Leben, als Ackerbau, Fischfang etc., darstellen. An Götterbildern mit menschlichen Leibern u. Thierköpfen fehlt es nicht. Die Kunstfertigkeit der Assyrer war bei Weitem größer, als die der Ägyptier. Ihre Figuren sind weniger steif, u. der besondere Fleiß, der auf die Darstellung der Musculatur verwendet ist, gibt den Gestalten einen lebensvolleren Ausdruck. Die Bildkunst beider Völker sucht womöglich nur ganze Figuren wiederzugeben, so daß keine einen Theil der anderen deckt. Das von den Assyrern zur Sculptur verwendete Material war hauptsächlich Alabaster; außerdem entdeckte man auch Gegenstände von einem glänzend gelben Kalkstein u. Jaspis, Thiere von grobem Kalkstein, Gefäße u. Geräthschaften aus Thon u. Kupfer, Vasen von Glas u. Krystall. Die Gewänder auf den Reliefs, ebenso die Tische, Stühle u. sonstige Hausgeräthe, lassen auf die Pracht u. die reichen Zierrathen schließen, mit welchen sie in Wirklichkeit ausgestattet gewesen sein müssen. Die Religion der Assyrer war, nach Layards Meinung, in ältester Zeit reiner Sabäismus, in welchem die Himmelskörper als blose Typen der Macht u. der Attribute der höchsten Gottheit verehrt wurden; der Feuerdienst kommt erst später vor u. ist, wie die Basreliefs zu Khorsabad u. Kujjundschick zeigen, dann die vorherrschende Form der Religion in Assyrien. Der höchste Gott der sabäischen Religionsperiode war Nisroch od. Assarak, er heißt (nach Rawlinsons Inschriftendeutung) der große Herr, König aller großen Götter, der höchste Gott des Himmels; die oberste Göttin, Beltis, heißt die Schutzherrin, die Mutter der Götter; neben diesen werden noch auf dem Obelisk von Nimrud angeführt: Ani der König; Nik, der mächtige, u. Artenk der oberste Gott der Provinzen. Das Bild Assarak's ist die geflügelte Sonnenscheibe, od. ein Adler in der Sonnenscheibe, wie sich denn auch diese Darstellung neben der anderen, wo er als Mensch mit Adler- od. Habichtskopf erscheint, in den Reliefs des ältesten Nimrudschen Palastes mehrfach vorgefunden hat. Die Enbleme der Beltis sind Mauerkrone, Henkelkreuz u. Halbmond; sie kommt in den genannten Reliefs gleichfalls vor, wenn auch ohne das gewöhnliche Attribut des Löwen, in dessen Begleitung sie auf dem von Rouet entdeckten Felsenrelief von Malthaijah u. auf den Reliefs von Yatidi-Kaijah abgebildet ist. Das Gewand, welches gemeiniglich ganz fehlt, läßt den unteren Theil des Körpers unbedeckt. Die Götter sind theils bärtig, theils unbärtig, haben die gehörnte od. mit Sternen bedeckte Mütze auf dem Kopfe (Planeten), in der einen Hand einen Ring, in der andern eine Schlinge od. Schlange; sie stehen auf Thieren od. sitzen auf einem Thron. Die heiligen Thiere, meist geflügelt, sind Löwen, Greise, Stiere, Pferde; der heilige Baum, vielleicht das Geisblatt, kommt oft sowohl auf Monumenten, als auch an Kleiderverbrämungen, als Verzierung an Wagen r. Waffen u. als Gemälde an den Wänden vor. Der König trägt auf seinem Helm als Abzeichen einen kegelförmigen Knopf u. um dieselbe ein schmales Band geschlungen, welches auf die Schultern herabfällt; er ist bewehrt mit Bogen u. Pfeilen in der Linken u. umgeben von Kriegern u. seiner Befehle wartenden Dienern, ein Eunuch mit Fliegenwedel unmittelbar hinter ihm. Über ihm schwebt der Feruer (s.d.). Die Soldaten tragen Helme, Bogen, Pfeile, Keulen; man hatte umwallte Städte u. Burgen, an deren Mauern Schilde aufgehängt waren; bei Belagerungen diente der Sturmbock; dem Sieger wurden pompöse Triumphe gefeiert. Männervergnügungen im Frieden waren Jagden zu Wagen, u. Gastmähler; man aß an Tischen u. saß auf Stühlen; die Tafeln waren mit kostbaren Gefäßen besetzt. Hausthiere waren Pferde u. Kameele. Aus den auf den Sculpturen vorkommenden Draperien kann man schließen, daß die Assyrer in der Kunst des Webens leinener u. wollener Stoffe von verschiedenen Farben hinter den andern asiatischen Völkern nicht zurückgeblieben waren; auch erzählt die Bibel, daß Assyrer unter denen waren, welche mit blauen Zeugen u. Stickereiarbeiten nach Tyrus handelten. Die noch sehr wenig bekannte Sprache der Assyrer gehört zur Semitischen Sprachfamilie u. ist der babylonischen verwandt. Die Schrift ist Keilschrift (s.d.); eine sehr umfangreiche Probe davon findet sich auf dem Obelisken von Nimrud; Hincks u. Rawlinson haben die Deutung derselben begonnen, allein nach des Letztern eignem Geständniß ist die Entzifferung derselben noch in der Kindheit begriffen, sie macht nur langsame Fortschritte u. beruht zumeist noch auf unsichern Vermuthungen. Übrigens hat sich aus Tafeln, welche Loftus in Warka auffand, ergeben, daß man sich der Keilschrift noch zur Zeit der Seleuciden in Assyrien bediente. Vgl. Layard, Niniveh and its Remains, Lond. 1849, 2 Bde. (deutsch von Meißner, Lpz. 1850); Monuments of Niniveh, 1851–53,2 Lief.; u. Discoveries in the Ruins of Niniveh and Babylon, Lond. 1853; Vaux, Handbook of the Antiquities in the British Museum, 3. A. Lond. 1851 (deutsch von Zenker, Lpz. 1852); Gosse, Assyria, Lond. 1852.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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