Blausäure

Blausäure

Blausäure (Acidum hydrocyanicum, A. borussicum, A. zooticum, Cyanwasserstoffsäure, Hydrocyansäure, Chem.), C2NH, von Scheele entdeckt, von Gay-Lussac näher untersucht, scheint jedoch schon im Alterthum den ägyptischen Priestern bekannt gewesen zu sein, findet sich in Verbindung von Bittermandelöl in den bittern Mandeln, den Kernen, Blüthen u. Blättern mehrerer Arten der Gattungen Prunus u. Amygdalus, bes. in den Blättern des Kirschlorbeers, denen allen sie den bittermandelartigen Geruch u. Geschmack verleiht; wird außerdem durch Zersetzung der Cyanmetalle durch Säuren u. bei der trocknen Destillation mancher stickstoffhaltigen Substanzen od. bei der Einwirkung von Salpetersäure auf gewisse organische Stoffe erhalten; sie bildet sich auch bei der Destillation von ameisensaurem Ammoniak sie besteht aus 1 Äquivalent Cyan u. 1 Äquivalent [868] Wasserstoff; sie wird wasserfrei dargestellt nach Trautwein durch Destillation von 15 Theilen Ferrocvankalium (s. Cyan) mit einer erkalteten Mischung von 9 Theilen Schwefelsäurehydrat u. 9 Theilen Wasser übergossen, in einer sehr kalt gehaltenen Vorlage, in welcher 5 Theile grob zerstückeltes Chlorcalcium sich befindet, so lange, bis die übergegangene Flüssigkeit letzteres bedeckt; man erhält dabei 2–21/2 Procent wasserfreie B. Sie ist wasserhell, von 0,5967 spec. Gewicht bei 18°, erstarrt bei 15° C. zu einer weißen faserigen Masse, siedet bei 26,5°, ist in jedem Verhältniß mit Wasser, Weingeist u. Äther mischbar, leicht entzündlich, brennt mit weißer leuchtender Flamme, röthet Lackmus kaum, riecht eigenthümlich, bittermandelartig, erstickend, reizt die Augen zu Thränen; ihr Dampf, eingeathmet, tödtet augenblicklich; sie ist höchst giftig. Wasserhaltig (Scheelsche od. Medicinische B.) wird sie auf ähnliche Weise, bei verändertem Verhältniß des Ferrocyankaliums, der Schwefelsäure u. des Wassers, u. bei vorgeschlagenem Wasser; auch durch Zerlegung des Cyanquecksilbers (s. Cyan) mit Schwefelwasserstoff, od. des Cyankaliums (s. Cyan) mittelst Weinsteinsäure bereitet, ist der Vorigen, die Stärke ausgenommen, im Wesentlichen gleich, zersetzt sich, wie diese, sehr leicht bei Einwirkung des Lichts, wobei sich ein brauner Niederschlag u. Ammoniak, zum Theil an Ameisensäure gebunden, bildet. Ein sehr kleiner Zusatz einer mineralischen Säure verhindert diese Zersetzung, größere Mengen zerlegen sich schnell in Ammoniak u. Ameisensäure, als deren Nitril die B. anzusehen ist. Mit Metalloxyden in Wechselwirkung gebracht, läßt sie den Wasserstoff entweichen, während das Cyan sich mit dem Oxyd verbindet. Um die Stärke der Medicinischen B. zu prüfen, wird die geringe Menge der etwa der Haltbarkeit wegen zugesetzten mineralischen Säure durch 1 Tropfen Kalilauge neutralisirt u. Quecksilberoxyd in der B. gelöst, wo dann 4 Theile gelöstes Oxyd 1 Theil reiner B. entsprechen. Die giftigen Wirkungen der chemisch bereiteten B. übertrifft die des Kirschlorbeer- u. Bittermandelwassers, sowie des Bittermandelöls, indem schon 20–30 Tropfen von der concentrirten Lösung der B. einen Menschen zu tödten vermögen. Elephanten u. Pferde vertragen sie in weit größeren Gaben, kleineren, bes. warmblütigen Thieren sind schon die bitteren Mandeln ein Gift. Insecten werden zum Theil von der B. nur scheintodt u. erholen sich nach einiger Zeit wieder. Sie wirkt, in den Magen aufgenommen, in frische Wunden gebracht od. als Dampf eingeathmet, gleich verderblich u. scheint vorzugsweise durch Lähmung der Nerven, bes. derer des Herzens, zu tödten. Wenn der Tod nicht fast augenblicklich, wie bei sehr großen Gaben, erfolgt, so gehen ihm heftige Brustbeklemmungen, Angst, Schwindel, Blindheit, Krämpfe, Lähmungen etc. voraus. In der schnell in Fäulniß übergehenden Leiche bemerkt man gewöhnlich ihren eigenthümlichen Geruch, die Glieder bleiben biegsam, die Augen länger als gewöhnlich glänzend, die Venen sind meist mit dunkelrothem, oft bläulichem Blute überfüllt. Oft finden sich auch anscheinende Spuren von Entzündung im Verdauungskanal. Die B. durch chemische Reagentien nachzuweisen, geschieht auf folgende Weise: Man setzt zu der zu prüfenden Flüssigkeit einen Tropfen Kali u. dann eine Lösung von schwefelsaurem Kupferoxyd; setzt man auch etwas Salzsäure hinzu, so wird das Oxyd aufgelöst u. das Kupfercyanür bleibt als weißer Niederschlag zurück; man erkennt durch diese Reaction noch, 1/20000 B. Das empfindlichste Reagens auf B. gibt aber ihr Verhalten zu Schwefelammonium; die zu prüfende Flüssigkeit mit einem Tropfen Schwefelammonium auf einem Uhrglase so lange erwärmt, bis die Mischung farblos ist, gibt, wenn B. vorhanden, eine schwefelcyanhaltige Flüssigkeit, welche mit Eisenoxydsalzen eine blutrothe Färbung u. mit Kupferoxydsalzen bei Gegenwart von schwefeliger Säure einen weißen Niederschlag von Kupferschwefelcyanür gibt. Als Gegenmittel, wenn zur Anwendung Zeit ist, eignet sich verdünnter ätzender Salmiakgeist, Kalilösung, bes. der starke schwarze Kaffee. In der Medicin wird die B. als Heilmittel in Krankheiten, wo eine krankhaft gesteigerte Reizbarkeit herabzustimmen ist, in manchen Entzündungskrankheiten, Krämpfen, Lungenaffectionen, in ihrer verdünnt in Form (auch wohl als Blausäuredunst) zu wenigen Tropfen angewendet, erfordert aber stets große Vorsicht, weshalb auch bei den Verordnungen die Art der Bereitung, ob nach Scheele's, Robiquet's, Ittma's, Vauquelin's etc. Vorschrift zu verfahren ist, wegen der verschiedenen Stärke des Präparats von dem Arzte sorgfältig berücksichtigt werden muß.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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