Blŏis


Blŏis

Blŏis (spr. Bloa), 1) Arrondissement im französischen Departement Loire u. Cher; 134,000 Ew.; 2) Hauptstadt daselbst, an der Loire, über welche eine 930 Fuß lange Brücke führt; Bischofssitz, hat Kathedrale u. Schloß (worin König Ludwig XII. geboren wurde), 2 Friedensgerichte, Departementalbehörden, Handelsgericht, Ackerbaugesellschaft, geistliches Seminar, öffentliche Bibliothek, Physikalisches u. Naturhistorisches Cabinet, Botanischen Garten, Börse, Hospital, Fayence-, Leder- u. Teppichfabrik, Wein-, Branntwein- u. Holzhandel. Eine in Felsen gehauene Wasserleitung (Aron) ist Überbleibsel aus der Römerzeit; 17,700 Ew. In B. soll das reinste Französisch gesprochen werden. – B. kommt namentlich in alten Zeiten nicht vor. Im Gebiete des nachherigen B. stießen die Völkerschaften der Turoner u. Carnuter zusammen. Die Grafschaft B. (Pagus Blesensis, seit dem 15. Jahrh. Blaisois), mit dem Orte Bleza (später Blesis, Castrum Blesense, jetzt Blois), am Liger, entstand im 9. Jahrh. unter den Merowingern; sie lag in Francia an beiden Seiten des Liger, zwischen dem Pagus Turonicus, Cenomannia, P. Dunensis, Aurelianus, der aquitanischen Sicalanula u. P. Bituricus. Der erste Graf war Wilhelm, Sohn Theodeberts, der Ahne Hugo Capets; er wurde 834 getödtet. Ihm folgten in directer Linie 5 Grafen, der letzte, Thibaut II., st. 1004 kinderlos u. nun wurde sein Bruder, Eudo II., Graf von B., Chartres u. Tours, welcher den Titel als Pfalzgraf annahm; 1019 bekam er noch die Champagne u. andere Districte, welche nach seinem Tode 1037 seine Söhne theilten; Thibaut III., sein 2. Sohn, erhielt B., Tours u. Chartres, u. vereinigte 1047 nach seines Bruders Tode die ganzen väterlichen Besitzungen. Seine Söhne theilten 1089 wieder u. B., Chartres u. einzelne Theile der Champagne kamen an Heinrich; dieser nahm an dem ersten Kreuzzuge 1096 Theil, kehrte aber kurz vor der Einnahme Antiochiens, 1098 nach Europa zurück; als er 1102 wieder nach Palästina gegangen war, wurde er in der Schlacht bei Rama, 27. Mai 1102, gefangen u. in Askalon hingerichtet. Sein zweiter Sohn Thibaut IV. folgte u. erhielt 1125 auch die Grafschaft Champagne von seinem Oheim Hugo; nach seinem Tode, 1152, wurden beide Grafschaften wieder getrennt, indem sein älterer Sohn, Heinrich I., Champagne, der jüngere, Thibaut V. der Gute, B. bekam; dieser zog 1190 in das Gelobte Land u. starb 1192 vor St. Jean d'Acre, worauf sein Sohn Ludwig Graf von B. wurde. Auch dieser nahm das Kreuz u. erhielt als Theil von den Eroberungen in Kleinasien Nicäa in Bithynien. Er blieb in der Schlacht bei Adrianopel, 15. April 1202, gegen die Walachen u. hatte zu seinem Nachfolger in B., Chartres u. Clermont seinen Sohn Thibaut VI.; da derselbe noch minderjährig war, so führte seine Mutter, Katharine, Tochter des Grafen Raoul von Clermont, die Regierung; obgleich zweimal verheirathet, hinterließ er bei seinem Tode 1218 doch keine Kinder, u. die Grafen[899] von B. starben im Mannsstamm mit ihm aus. Seine Tanten Elisabeth u. Margarethe, Töchter des Grafen Thibaut V., folgten ihm u. theilten; Letztere, welche damals in 3. Ehe mit Gautier II., Herrn v. Avesnes (st. 1249 vor Damiette) vermählt war, bekam B.; nach ihrem Tode, 1230, erbte B. ihre u. Gautiers Tochter, Marie, vermählt mit Hugo v. Chatillon, Herrn von Creci u. Grafen von St. Paul, u. erhielt von ihrem Vater noch die Herrschaften Avesnes u.a. Durch ihn kam B. an das Haus Chatillon. Als Marie 1241 st., folgte ihr Sohn Johann, welcher durch seine Gemahlin Alix, eine bretagnische Prinzessin, Pontarci u. Brie-Comte-Robert erhielt u. nach Aussterben des Hauses Chartres 1269 auch diese Grafschaft noch erbte. Ihm folgte 1279 seine einzige Tochter Johanna, vermählt an den Grafen Peter v. Alençon; nach dessen Tode, 1284, verkaufte Johanna 1286 die Grafschaft Chartres an den König Philipp den Schönen (s.u. Chartres), u. 1289 die Herrschaft Avernes an ihren Neffen, Hugo v. Chatillon, Grafen von St. Paul; in B. folgten ihr in gerader Linie 1292 Hugo, 1307 Guido, 1342 Ludwig I., der auf französischer Seite gegen England kämpfte; 1361 Ludwig II., der nicht verheirathet war, daher folgte ihm 1372 sein Bruder Johann II., der durch seine Verheirathung mit Mathilde 1368 Herzog von Geldern geworden war; er lebte in Holland u. st. dort 1381 kinderlos. B. bekam sein Bruder Guido II., Graf von Soissons, u. so wurde durch. ihn Soissons mit B. verbunden, u. als er ohne Nachkommen 1397 st., kam B. 1391 durch Kauf an Herzog Ludwig von Orleans u. nach dessen Ermordung 1407 an seinen Sohn Karl; unter dessen Sohne, König Ludwig XII., wurde B. mit der Krone verbunden. In der Folge gab Ludwig XII. B. seiner Tochter Claudia als Heirathsgut; ihr Sohn, König Heinrich II., verleibte es wieder der Krone ein. – In der Stadt B. wurde das Schloß 1502 ganz neu gebaut. Am 15. April 1499 wurde hier das Bündniß zwischen Frankreich u. Venedig (s.d. [Gesch.]), u. wieder 44. März 1513 gegen den Papst u. den deutschen Kaiser eine Offensiv- u. Defensivallianz (s. ebd.) geschlossen. Der Vertrag zu B., 22. Sept. 1504 zwischen Ludwig XII., dem Erzherzog Philipp u. dessen Vater Maximilian, wonach die französische Prinzessin Claudia, Falls Ludwig keine Söhne bekäme, dem für sie bestimmten Gemahl, Karl von Österreich, Mailand, Genua, den Anspruch auf Neapel, ferner Bretagne, B. u. Burgund zubringen sollte, wurde 1505 wieder aufgehoben. Einen neuen Vertrag zu B. schlossen Ludwig u. Maximilian 7. Nov. 1510, um die Versammlung eines ökumenischen Concils zu einer Kirchenreformation zu bewirken. Hier 1. Decbr. 1513 Friede zwischen Ludwig XII. von Frankreich u. Ferdinand d. Kath. von Spanien. 1588 berief König Heinrich III. hierher einen Reichstag, wo die Ermordung des Herzogs Heinrich I. von Guise u. des Cardinals von Guise beschlossen u. 23. Dec. auf dem dasigen Schlosse auch ausgeführt wurde. 1635 gab Ludwig XIII. B. seinem Bruder Johann Gaston, u. 1660 nach dessen Tode Ludwig XIV. seinem Bruder Philipp. 1697 errichtete Papst Innocenz XII. das Bisthum zu B., erster Bischof war Bertier. Vor Napoleons Sturz ging die Kaiserin Marie Luise am 1. April 1814 mit der Regentschaft nach B., u. hier endete die kaiserliche Regierung, s. Frankreich (Gesch.).


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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