Encyklopädie


Encyklopädie

Encyklopädie (v. gr.), 1) die Lehre von dem Gehalt u. dem Zusammenhang aller Wissenschaften u. Künste; 2) Übersicht von Allem, was wissenschaftlich erforscht u. anerkannt worden ist. In letzter Beziehung sind die E-n entweder systematische od. lexikographische. A) Systematische E-n, nach einem logischen Princip geordnete. Das Bedürfniß, das ganze Feld wissenschaftlicher Kenntnisse, bes. solcher, die ein allgemeines (humanistisches) Interesse haben, zu überschauen, trat erst in neuerer Zeit mit dem immer weiteren Anbau der Wissenschaften ein, indem dadurch bes. die innere Verkettung der Wissenschaften unter sich u. der Vorschub, den eine der[686] anderen leistet, einleuchtender wurde. Die Aristotelischen Schriften u. Varros: Rerum humanarum et di vinarum antiquitates et disciplinae (verloren), des Plinius Historia naturalis. des Martianus Capella Satyricon können indessen als encyklopädische Versuche früherer Zeit gelten. Doch beginnt die Periode der Universal-E-n erst im 15. Jahrh. mit Vincents de Beauvais Speculum majus (Strasb. 1473–76, 7 Bde., Fol., u.ö., zuletzt als Bibliotheca mundi, Douay 1624, 4 Bde., Fol.), welchem G. Reifchs Margarita philosophica mit Holzschnitten (Freib. 1503 u.ö., Bas. 1583) bald folgte. Den Namen E. (statt Speculum od. Summa) scheint aber P. Scalich durch seine Ency clopaedia s. Orbis disciplinarum epistemon, Bas. 1559, zuerst eingeführt zu haben. Auch Reifchs Margarita philos. nahm später den Titel Encyclopaedia an. Die erste deutsche E. von größerem Umfang ist Alsteds Cursus philosophici encyclopaedia (Herborn 1620, 4 Bde., dann als Scientiarum omnium encyclopaedia, ebd. 1630 u. Lyon 1649, 7 Thle. od. 4 Bde., Fol.), dann Lykosthenes Theatrum vitae humanae, bearbeitet von Beyerlinck (Köln 1631, 8 Bde., Ven. 1707). Die eigentliche Bahn für encyklopädisches (nicht blos rhapsodisches) Wissen aus einem inneren Princip brach aber erst Bacon (s.d.) von Verulam. Seitdem mehrten sich die Schriften, welche ein umfassendes Wissen in einer systematischen Ordnung zum Gegenstand haben; u.a. Morhofs Polyhistor, Condillacs Cours d'étude. Unter den Deutschen machten sich in neuerer Zeit bes. Ernesti, Sulzer (Kurzer Inbegriff aller Wissenschaften, Berl. 1756), Adelung, Ebert, Reimarus, Büsch, Klügel, Ruß, Buhle, Eschenburg (Lehrbuch der Wissenschaftskunde, Berl. 1792, 3. Aufl. 1806), de Wette, Krug, Hester, Burdach, Kraus, Erh. Schmid (Allgemeine E. u. Methodologie der Wissenschaften, Jena 1811), Jäsche, Kronburg, Gruber, Kirchner (Akademische Propädeutik, Lpz. 1842) u. m. durch Verbreitung encyklopädischer Kenntnisse in eigenen Werken u. durch Bearbeitung von Grundlagen dafür derdient. Special- od. Particular-E-n beschränken sich auf eine einzelne Wissenschaft; z.B. E. sämmtlicher Kenntnisse od. Schulwissenschaften, herausgeg. von von F. W. D. u. Ch. W. Schnell, erschien in verbesserter Aufl. in 4 Abtheil. u. 19 Bdn., Gießen 1805–15. Lardners Cabinet Cyclopaedia, Lond. 1830 ff., ist eine Sammlung von Einzelwerken über alle Zweige des Wissens, bes. Geschichte der verschiedenen Länder, Biographien etc.

B) Den lexikographischen od. alphabetischen E-n der neueren Zeit waren in älterer die Sachwörterbücher von Suidas u. Pollux vorausgegangen. Die ersten nach Wiederherstellung der Wissenschaften beschränkten sich auf berühmte Personen u. Orte, namentlich Rob. Estienne's (Stephanus) Dictionarium proprium nominum virorum, mulierum, populorum, idolorum, urbium, fluviorum, montium etc., Par. 1544, u. Charles Estienne's Dictionar. hiatoricum et poeticum, vermehrt von R. Lloyd, Oxf. 1671, Lond. 1686. Von nun an kamen mehrere größere Werke heraus, die auch andere Wissenschaften umfaßten u. so immer meyr einen eigentlichen encyklopädischen Charakter annahmen. Unter den historischen Wörterbüchern erlangte Moreris Le grand dictionnaire historique, Lyon 1674, Fol., 20. Ausg., Par. 1759, 10. Bde., Fol., die allgemeinste Verbreitung u. gad Gelegenheit zu Bayles Dictionnaire historique et critique, das, obgleich es zunächst keine E. sein sollte, doch eine Menge wissenschaftlicher Gegenstände aller Art behandelte. Zugleich mit Moreri legte auch J. J. Hofmann ein Lexicon universale historico-, geographico-, chronologico-, poetico-, philologicum (Bas. 1677, 2 Bde., Fol., dazu Continuatio, 1683, u. Aufl. Leyd. 1698) an, welches als das erste größere encyklopädische Werk in alphabetischer Form angesehen werden kann Weit größere Werke dieser Art waren a) in Italenischer Sprache: Biblioteca univ. sacro-profana, o sia gran dizionario is torico, geografico etc., auf 40–45 Bde. Fol. angelegt, erschien nur in 7 Bdn. bis zum Wort Caque, Vened. 1701 (s.u. Coronelli); G. P. Pivatis Nuovo dizionario scientifico e curioso sacro-profano, Vened. 1746–51, 12 Bde., Fol.; Enciclopedia italiana, ebd. 1854, 278 Lief. b) In England war Harris Universal english dict. of arts and sciences, Lond. 1704, 2 Bde. Fol., das erste; eine Erweiterung desselben ist Chambers Cyclopaedia, ebd. 1728, 2 Bde. Fol., u.ö., zuletzt von J. Rees, ebd. 1786, 5 Bde.; aus der neueren Zeit: Jam. Tytlers Encyclopaedia britannica, Edinb. 1771, 3 Bde., seit der 4. Ausg. (Encyclop. britann., or Dictionary of arts, sciences and miscellaneous literature, 8. Aufl. 1853 f., 20 Bde.) von Napier herausgeg.; Brewsters Edinburgh E., 1810–39, 24 Bde.; J. Wilkes E. londinensis, 1796 ff., 24 Bde.; Jam. Millars E. edinensis, ebd. 1816 ff., 6 Bde.; The english E., Lond. 1800, 10 Bde.; W. Nicholsons British encycl., ebd. 1809; Abr. Rees, The Cyclop., ebd 1802–20,39 Thle., nebst 6 Bdn. Kupf.; Willichs Domestic E., or a Dict. of facts and useful knowledge, ebd. 1802, 4 Bde.; Miller, E. perthensis, ebd. 1816, 23 Bde.; Johnsons u. Exleys Imperial E., ebd. 1814; G. Gregorys Dictionary of arts and sciences, ebd. 1806, 3 Bde.; Edw. Smedleys E. metropolitana, or Universal Dict. of knowledge etc., ebd. 1818–45, 25 Bde.; Perrington, British Cyclopaedia, ebd. 1832, 12 Bde.; Penny Cyclop., ebd. 1833–43, 27 Bde.; Knight, National Cyclop., ebd. 1847–51, 12 Bde.; u. in Amerika: Encyclopaedia Americana, Pyn. 1830–47, 14 Bde. c) Unter allen encyklopädischen Unternehmungen in Frankreich ist die von Diderot u. d'Alembert unternommene Encyclopédie ou Diction. raisonné des sciences, des arts et métiers, Par. 1751–72, 28 Bde., 2 Bde. Kupfer, u. Supplem., 5 Bde. (mit Einschluß von 1 Kupferb.), 1776 f., Fol.; dann (Monchons) Table analytique et raisonnée des matières. ebd. 1780, 2 Bde., Fol., die bekannteste (vgl. Encyklopädisten); außer einem Nachdruck der ersten 28 Bde. erschien auch in Genf hiervon ein zweiter Abdruckin 39 Bdn., mit Einschluß von 3 Kupferb., 1777, wozu Tables (Lyon 1780, 6 Bde.) gehören. auch ein anderer in Lausanne u. Bern 1781, in 36 Bdn. u. 3 Bdn. Kupfern, endlich mit Vermehrungen von Fortunat de Felice, Euler Vater u. Sohn, Haller d. J. u. A. in 58 Bdn. (wovon 10 Bde. Kupfer), Yverdun 1770–80, u. mehrere Nachdrücke. Allerdings ist diese E. von der E. métbodique (in 48 Abth.), der größten E., welche existirt, verdrängt worden; diese erschienen in Paris[687] bei Panckoucke u. Agasse 1781–4832 in 201 Bdn. Außerdem erschienen: N. Courtins E. moderne ou Dict. des sciences, des lettres et des arts, Par. 1823–32, 24 Bde.; Dictionnaire de la conversation et de la lecture, ebd. 1835–39, 52 Bde.; Supplém., ebd. 1844–51, 16 Bde., u. Aufl. 1852 ff.; P. Leroux u. I. Reynauds Encyclopédie nouvelle, ebd. 1841 ff.: Encyclopédie des gens du monde, ebd. 1833 33–44, 22 Bde. (nach dem Brockhausschen Conversations-Lexikon). d) In Deutschland war das von J. Th. Jablonsky herausgegebene Allgemeine Lexikon der Künste u. Wissenschaften (Lpz. 1721, vermehrt in 2 Bdn., Königsb. 1748 u. 67) die erste allgemeine alphabetische E.; doch sind Theologie, Geschichte u. Geographie ausgeschlossen. Die bändereichste aber ist das von J. P. von Ludwig veranstaltete, in der Folge von I. A. von Frankenstein, M. D. Longolius u. And., bes. dem Verleger redigirte, auch nach demselben das Zedlersche genannte große Universallexikon aller Wissenschaften u. Künste, Halle u. Lpz. 1732–52, 64 Bde., nebst 4 Supplembdn., ebd. 1751–54, Fol. (letztere im Anfang von L. G. Ludovici bearbeitet). Die vom Buchhändler Varrentrapp in Frankfurt unternommene Frankfurter E., od. Allgemeines Real-Wörterbuch der Künste u. Wissenschaften, Frkf. a. M. 1778–1804, 23 Bde., kl. Fol., zuerst von Köster, dann von Roos geleitet, schließt Biographien, Geographie, Geschichte, alte Literatur, gänzlich aus u. reicht blos bis zum Buchstaben K; 1 Kupferband dazu erschien noch 1807, kl. Fol. Von der Webelschen Buchhandlung unternommen, erschien darauf das Encyklopädische Sachwörterbuch, Zeitz 1792–1806, 21 Bde. (mit Ausschließung der Biographien u. der Naturgeschichte), 2. Aufl. ebd. 1822–23, 3 Bde. Einen ganz eigenthümlichen Literaturzweig eröffnete das Conversations-Lexikon (s.d.) von Brockhaus. Aus demselben gingen in demselben Verlag die Taschenencyklopädie (von Hasse redigirt, Lpz. 1816–20, 4 Bde.), das Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk (ebd. 1837–41, 4 Bde.) u. das Kleine Brockhaussche Conversations-Lexikon (ebd. 1854–56, 4 Bde.) hervor. Die von Ersch u. Gruber unternommene Allgemeine E. der Wissenschaften u. Künste (Lpz. 1818 ff.) erschien zuerst im Gleditschischen Verlag (Enoch Richter) u. ging 1831 mit demselben an F. A. Brockhaus über. Dieselbe erscheint in 3 Sectionen: die 1. Section AG, seit Erschs Tode von Gruber, dann von M. H. E. Meier u. Herm. Brockhaus redigirt; die 2. H–N, redigirt von A. G. Hoffmann in Jena; die 3. O–Z, redigirt von M. H. E. Meier in Halle. Überhaupt waren bis 1858 112 Bände erschienen. Diese E. ist die beste, die in dieser Art in irgend einer Literatur erschienen ist; sie schließt jedoch Biographien Lebender aus. Unser Werk erschien in seiner Ausgabe als Encyklopädisches Wörterbuchder Wissenschaften, Künste u. Gewerbe 1834–36 in 26 Bdn., dazu Supplemente 1840–47, 6 Bde.; in der 2. Aufl. umgearbeitet als Universallexikon, 1840–46 in 34 Bdn., mit einem Band Abbildungen; 3. Aufl. 1849–52, 16 Bde., dazu Supplemente 1851–54, 6 Bde., u. Neueste Supplemente 1855 f., 2 Bde.; 4. Aufl. 1857 ff. Darauf erschien das Liechtensternsche, später Schiffnersche Allgemeine Sachwörterbuch aller menschlichen Kenntnisse u. Fertigkeiten, Meißen 1824–31, 1) Bde. u. 1 Supplementband; das Deutsche Universal-Conversations-Lexikon, Lpz. 1836–39 (19 Hefte, ACuria); das Brüggemannsche Conversations-Lexikon u. die Wolfsche Pfennig-E.; Strahlheims General-Lexikon (blos bis zum Artikel Baukunst erschienen); Meyers Conversations-Lexikon, Hildburgh. 1840–54, 42 Bde. u. 6 Bde. Supplem. 1853–55, u.a. s. Conversationslexikon. Zu den umfassendsten encyklopädischen Werken über einzelne Zweige der Wissenschaften gehört J. G. Krünitzs (vom 74. Bde. von F. J. Flörke, vom 78. Bde. an von L. G. Flörke, vom 125. Bde. an von Korth fortgesetzte) Ökonomisch-technologische E., od. Allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- u. Landwirthschaft, Berl. 1773._– 1853, 216 Bde.; vom 125. Bande an wurde von Flörke eine eigene Suite, Brünn 1818 ff., bearbeitet. Eine neue unveränderte Aufl. der ersten 97 Bde. erschien Berl. 1782–1814, ein Auszug von Schütz u. And., ebd. 1785–1812, 32 Bde. (die bis zum 116. Bde. des Hauptwerks reichen). Auch Encyklopädische Zeitschriften gibt es, die sich über das ganze Feld des Wissens erstrecken, so Julliens Révue encyclopédique, Par. 1819 bis 1833, u. Fernsacs Bulletin encyclop., ebd. 1823–31, welches später eine kurze Zeit von Neuem erschien.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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