Fourier [2]


Fourier [2]

Fourier (spr. Furich), 1) Jean Baptiste Joseph, Baron de F., geb. 21. März 1768 in Auxerre, war Professor der Mathematikdaselbst, hierauf Director der Ecole normale in Paris, folgte Bonaparte nach Ägypten, wurde 1802 Präfect des Isèredepartements u. 1815 des Rhonedepartements, legte letztere Stelle aber bald wieder nieder u. lebte seitdem in Paris ganz seiten Studien; 1817 wurde er beständiger Secretär der mathematischen Klasse des Nationalinstituts, 1827 Mitglied der Akademie, nach dem Tode von Laplace Präsident des Conseil de parfectionnement der Polytechnischen Schule, später Mitglied der von Martignac niedergesetzten Commission, welche über die Erfindung der Wissenschaften Vorschläge einreichen sollte u. st. 16. Mai 1830. Er schr.: Discours préliminaire, servant de préface hist. à sa description de l'Egypte, Par. 1810; Théorie analytique de la chaleur, ebd. 1822; Mém. sur les températures du globe terrestre et des espaces planétaires. ebd. 1827; Analyse des équations déterminées, herausgegeben von Navier, ebd. 1831, u.a.m. 2) Charles, geb. 7. April 1772 in Besançon, arbeitete als Comptoirist in Rouen, Marseille u. Lyon, kam zuletzt nach Paris, wo er sich ir seinen Musestunden mit der Aufstellung einer neuen socialen Theorie beschäftigte, welche die ganze Menschheit absolut glücklich machen sollte. Als der St. Simonismus 1832 unterging, schlossen sich einige Anhänger desselben an F. an, unter ihnen auch Considérant. Er lebte in der fortwährenden Hoffnung, daß sich irgend ein reicher Capitalist finden werde, der die Mittel zum Beginn der socialen Reform u. Eintheilung der Menschheit in Phalanstere hergeben werde. Endlich fanden sich 1832 hinreichende Mittel, um ein Organ (Le phalanstère) für seine Bestrebungen zu gründen, doch ging dasselbe bald unter, lebte dann 1836 als La phalange wieder auf u. verwandelte sich 1843 in ein Tageblatt La democratie pacifique. F. wurde 10. Oct. 1837 in seiner Kammer todt gefunden. Er schr.: Mouvement aromal (er nannte alle imponderabelen Stoffe Aroma), Par. 1808; Théorie des quatres mou vements, ebd. 1808; Tr aité de l'associat ion domestique-agricole, ebd. 1822, 2 Bde.; Le nouveau monde industriel et sociétai re, ebd. 1829; Dangers de la situation sociale actu elle de la France, ebd. 1832; Etudes sur la science sociale. ebd. 1833; Théorie de Ch. Fourier, ebd. 1834; La fausse industrie, ebd 1835. Sein System (Fourierismus) nennt er selbst die Théorie sociétaire. Es gründet sich auf den absoluten Zweifel (Doute absolu) u. auf den absoluten Irrthum (Ecart absolu); physischer u. moralischer Schmerz ist das Zeichen des Irrthums, Selbstgenugthuung u. Vergnügen Zeichen der Wahrheit. Hierauf basirt er seine Theorie der Leidenschaften, auf welche seine Theorie der.4 Bewegungen, der socialen (passionellen), der animalen (instinctiven), der organischen u. der materiellen hinausläuft. Zu diesen 4 Bewegungen fügte er später noch eine fünfte, die aromale, d.h. die Anziehungskraft der Imponderabilien. F. wollte die menschlichen Leidenschaften auf den Urzustand zurückführen u. sie heiligen, indem er sie nützlich[446] machte, im Widerspruch mit allen religiösen Gesetzgebern, Moralisten u. Philosophen, welche bisher die Leidenschaften für bös hielten, bes. aber gegen die Abstraction der Askese u. gegen die mittelalterliche Kirche, welche nach ihm die unbedingte Selbstvernichtung auf Erden fordere u. das diesseitige Glück für die ungewisse Hoffnung des Jenseits aufgebe. Der Mensch sei, behauptete er, von Natur gut, u. es komme nur darauf an, die Leidenschaften zum Guten zu leiten, um einen Halbgott aus dem zu machen, der sonst der verabscheuungswürdigste Bösewicht geworden wäre. Das Bestreben, seine Bedürfnisse zu befriedigen, sei es gber, was die Leidenschaften erzeuge. Sie zu befriedigen, ohne die allgemeine Wohlfahrt zu stören, sei die Aufgabe des Socialismus; denn in der pathetischen Menschennatur sei die Harmonie der Gesellschaft untergegangen u. der Krieg Aller gegen Alle entzündet. Das Mittel, wodurch er die Menschheit wieder herstellen wollte, war eine Universalassociation, die alle Staaten, Kirchen, Religionen umfassen u. von der die Menschen von ihrer Geburt an Mitglieder sein sollten. Die Welt galt ihm eine gemeinschaftliche Werkstatt, worin er die Menschen ein theilte u. Je. dem seine Beschäftigung anwieß. Eine Phalanx sollte aus 400 Familien (15–18,000 Menschen) bestehen, die in einem einzigen großen Phalansterium (Phalanstère) zusammenwohnen, eine Quadratstunde, Landes cultiviren u. für sich die sonstigen Bedürfnisse, Häuser, Nahrungsbereitung, Kleider, Schule, Erziehung, Lehre etc. besorgen sollten; Gruppe ist de Vereinigung mehrerer Menschen von einerlei Geschmacksrichtungen; sie sollte mindestens aus 7 Personen bestehen u. 3 Unterabtheilungen, Männer, Frauen, Kinder, bilden; Reihe ist die Vereinigung mehrerer Gruppen, aufgestellt in aufsteigender u. absteigender Linie, mit gleicher Einrichtung wie die Gruppe. Eine Gruppenreihe sollte gleichartige Verrichtungen, Verrichtungen entgegengesetzter Art u. abwechselnde, selbst zu wählende Arbeit einer u. derselben Person haben. Die Beamten, Aufseher, Lehr- u. Werkmeister für Gruppen, Reihen u. Phalanx sollen aus den geschicktesten don den Mitgliedern selbst erwählt werden Die Arbeit sollte angenehm, alle Industrie, d.h. jede Gewerks-, Landwirthschafts-, wissenschaftliche u. künstlerische Arbeit, in dein Grade anziehend sein, daß Männer u. Weiber, Erwachsene u. Kinder mit lebhafter Luft, ohne Mitwirkung des Zwangs od. des Hungers, an sie gefesselt werden. Die Verbindung von 400 Familien zu den Verrichtungen, a) der Stoffarbeit, dh. der Stoffgewinnung (Culture) u. Stoffveredlung (Fa brique), b) des Gütergebrauchs od. der hauswirthschaftlichen Arbeit u. c) der Gütervertheilung od. des Handels bringe unermeßliche Vortheile zu Wege. Das Gebiet der Phalaux würde wie das Besitzthum eines einzelnen Menschen behandelt, indem nämlich vermöge der Vereinigung der Landbesitz einzelner Personen sich in das Eigenthum einer Actiengesellschaft verwandelte, welcher die Ländereien, Gebäude, Geräthschaften u. Erzeugnisse zur Verbürgung dienten. Alles solle gemeinschaftlich sein (Gütergemeinschaft), wie es die St. Simonisten lehrten, doch solle, um dem nun einmal nicht wegzuleugnenden Triebe nach Privaterwerb zu genügen, jeder an dem Reinertrag, nach Abzug der Steuer, nach dem Maßstabe seines zugeschossenen Capitals, seiner Arbeit u. seines Talents, einen ihm nach Ablauf eines Jahres auszuliefernden Antheil haben. In seinem Kampfe gegen die Civilisation, welche seiner Meinung nach alles Unheil in die Welt gebracht habe, übte F. oft eine treffende u. bittere Kritik der gesellschaftlichen Zustände u. dieser verdankt er seine Erfolge bei dem großen Haufen, welchem jede Revolution der ökonomischen Zustände der Gesellschaft willkommen ist. Das Positive aber, was er an die Stelle der civilisirten Weltordnung setzen wollte, bot dem Spott u. der Ironie so viele Blößen, daß an eine ernste Widerlegung nur wenig gedacht wurde, u. dies um so mehr, als sein System auch eine mysteriöse Zugabe in der Darstellung der letzten Wirkungen erhielt, welche aus der Umwandlung der Gesellschaft in ein großes Phalansterium hervorgehen sollten, sobald nur das erste Phalanstère 1620 (von dieser mystischen Zahl versprach er sich allein Erfolg) Mitglieder zähle. F. gab nämlich dem Menschengeschlecht eine Dauer von 8000 Jahren u. theilte diese in 7 Perioden: Edenismus, Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Civilisation, Garantismus u. Association; die Periode der Civilisation hatte mit der Herrschaft des Adels begonnen, gegenwärtig befände sich die Gesellschaft in dem Übergang zum Garantismus. Nach der Periode des Garantismus werde die Zeit der Association eintreten, wo die nördliche Hemisphäre mit Hülfe zu machender großer physikalischer, chemischer u. industrieller Mittel bis zum 60° angebaut sein, eine Nordlichtkrone den Horizont in Ringform umgeben, in Norwegen Madeira, in Grönland Orangen wachsen, Kamtschatka ein Eldorado sein werde etc. Alles werde riesenhaft wachsen, die Kartoffeln wie eine Melone groß, die Kürbisse auf 6 Ellen Höhe, der Mensch 84 F. hoch u. 144 Jahre alt, 400 Pfund schwer, u. täglich etwa 33 Pfund an Nahrungsmitteln zu sich nehmen. Unter diesen Riesenmenschen habe jede Frau einen Gemahl, von den sie 2 Kinder, einen Erzeuger, von dem sie 1 Kind besitze, einen Günstling, der aber den Anspruch auf seine Stellung nicht verliere, u. mehrere andere Besitzer, die jedoch keinen gesetzlichen Anspruch auf sie machen könnten! Das Wunderbarste gm Fourierismus ist, daß er bei gebildeten Männern Anhang finden konnte, so daß Considérant sogar in Condé sur Vègre den Versuch zur praktischen Ausführung eines Phalanstère machte, welcher natürlich gänzlich scheitern mußte. Später geriethen die Fourieristen selbst mit einander in Streit u. machten dann einer neuen Klasse von Weltordnern Platz, gis deren Haupt Cabet (s.d.) betrachtet werden kann. Vgl. Pellarin, Ch. F., Sa vie et sa théorie, 2. Aufl. Par. 1843.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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