Gesicht [2]


Gesicht [2]

Gesicht, 1) (Facies), der Vordertheil des Kopfes, sofern er im äußeren Anblick mit einem eigenen Eindruck erscheint, auch bei Thieren, bes. bei Pferden, am meisten bei Affen; vorzüglich aber der am Menschenkopf, weder von Natur durch das Haupthaar, noch durch Kleidung bedeckte (also zu Gesicht kommende) Vordertheil. In ihm vereinen sich alle Sinne. Die eigene Bildung des Menschengesichts ist eine Folge der höheren Ausbildung des menschlichen Gehirns. Bei allen Thieren ist die Nase u. der Mund in einer Schnauze vorwärts u. in die Länge gezogen, u. diese werden dann häufig, bei ermangelnden Händen, auch Tastorgane. Die Stirn dagegen ist abgeplattet, verkürzt u. blos Übergangstheil zum Hinterkopf; beim Menschen aber ist das G. perpendiculär gestellt, seiner aufrechten Körperhaltung entsprechend, die Stirn aber ein Haupttheil des G-s, wenn sie auch ihrer knöchernen Grundlage nach zu dem Hirnschädel gerechnet wird, von welchem sie die vordere Wand bildet. Unterwärts wird das G. durch das Kinn, seitwärts durch die Backen u. den Schlaf vollendet. Durch die Verschiedenheit der Verhältnisse der Gesichtstheile gegen einander entsteht die Gesichtsbildung, die ins. Unendliche abweichend ist, daher auch jeder Mensch sein eigenes, leicht in der äußeren Wahrnehmung unterscheidbares u. zum Wiedererkennen vornehmlich dienendes G. hat. Dadurch aber, daß dem Menschen eine bewegliche Gesichtshaut verliehen ist, auch Augen u. Mund zu den beweglichsten Theilen des Körpers gehören u. in ihrer Bewegung der Gemüthsstimmung entsprechen, bekommt jedes G., nebst dem von seiner Bildung abhängigen dauernden, auch einen wechselnden Gesichtsausdruck u. wird durch Benutzung dieser Beweglichkeit, der geistigen Aufregung entsprechend, zum belebten G. Bei der Verschiedenartigkeit der Gesichtstheile, ihrem näheren Bezug auf die geistige Thätigkeit (der Mund bes. auch als Theil des Sprachorgans), bei ihrer Blosstellung, bei dem erhöhten Nervenleben der Gesichtshaut, das zugleich den Zuständen des körperlichen Wohlseins u. dem allgemeinen Lebenswechsel entspricht, ist es sehr natürlich, daß der Ausdruck von Körperschönheit, so wie von deren Mangel od. Gegensatz vornehmlich im G. gegeben ist. Bedingung eines schönen G-s ist besonders das Ebenmaß der Gesichtstheile. Alle Abstände der Gesichtstheile von einander haben ihre Normalmaße, welche Zeichner für Darstellung eines schönen Gesichts zu beachten haben. Doch ist einige Abweichung von diesen Normen selbst gefordert, um einem schönen G. auch einen gewissen Charakter u. dadurch erst ein Interesse zu verleihen Hierin liegt aber auch der Grund, warum ein an sich nicht schönes G. doch einen wohlgefälligen Anblick gewährt, wenn in demselben sich ein erfreulicher Geistes- u. Gemüthszustand ausspricht; daher auch der Reiz eines freundlichen G-s, wenn es echter Ausdruck von Wohlwollen ist. Die Gesichtsfarbe entspricht der übrigen Hautfarbe u. ist daher nach der Verschiedenheit der Menschenracen auch eine verschiedene. Im Allgemeinen aber zeichnet sie sich bei Menschen von weißer Hautfarbe durch ein höheres Colorit aus, welches in jugendlichen G-ern, bei größerer Feinheit der Haut, sich durch eine, bes. gemäßigt, gefällige Gesichtsröthe, vorzugsweise in den Backen darlegt u. mit der höheren Lebendigkeit der Blutcirculation in Verbindung steht, daher auch bei Erhöhung dieser durch Körperbewegung, Weingenuß, Hitze, Fieberreize etc. vermehrt wird. Eine andere Art von Gesichtsröthe ist die alternder Personen, die auf Erschlaffung der kleineren Gesichtsvenen beruht, in denen das Blut in etwas großerer Menge sich verhält; vgl. Erröthen des G-s u. Blässe. Sonst hängt die Gesichtsfarbe auch von der Hautfärbung ab, welche die Sonne u. Luft bewirkt, u. welche mehr od. weniger zur bräunlichen Farbe sich neigt, so wie auch von reichlichem Gallenstoff im Blut, welcher das G. vergelbt, was bes. in kränkelnden Zuständen, der Gelbsucht etc. der Fall ist, auch von Ausartungen der kleinen Hautdrüsen od. Hautwärzchen, die sich durch kleine schwarze Pünktchen u. andere Hautflecken andeuten. So wie das G. der bezeichnendste Theil im individuellen Leben ist, so treten auch gewisse Übereinstimmungen in der Gesichtsbildung Mehrer hervor. Jede Menschenrace hat ihre Hauptandeutung im G.; auch Völker u. weitverbreitete Geschlechter haben Gesichtseigenheiten (wie die Judengesichter). So gibt es auch Nationalgesichter, Familiengesichter etc. Die Gesichtsbildung eines Menschen wiederholt sich zuweilen erst in der dritten od. einer späteren Generation. Das G. ist in der Krankheit eine der hauptsächlichsten Andeutungen für die Höhe u. die Beschaffenheit dieser; gut ist es, wenn in diesen das G. so wenig als möglich vom natürlichen abweicht; Röthe ist ein gewöhnlicher Begleiter der Fieberhitze, so wie Blässe im Allgemeinen auf Schwäche hindeutet; gelbe Farbe verräth Störungen in der Ab- u. Aussonderung der Galle; bleifarbenes od. ins Schwärzliche fallendes G. aber großes Verderbniß der Säfte, eingefallenes G. Sinken der Lebenskräfte; vgl. Hippokratisches Gesicht. Auch der Gesichtsausdruck ist in Krankheiten sehr bezeichnend, bes. der des Auges. 2) (Visus), als Sinn Sinnesverrichtung, durch welche mau mittelst des Auges sichtbare, hinlänglich erleuchtete Gegenstände wahrnimmt. Man räumt dem G. die erste Stelle, dem Gehör die zweite unter den Sinnen ein, beide haben aber das gemein, daß sie auf die Außenwelt im Räumlichen u. zwar in der Entfernung gerichtet sind, unterscheiden sich aber dadurch, daß erster ein Dauerndes, letzter ein Vorübergehendes auffaßt. Im Auge ist der in eine Haut sich ausbreitende Sehnerv (Netzhaut) der beim Sehen durch Erleuchtung zunächst afficirte Theil. Das Auge verhält sich, hinsichtlich des Einfallens[293] der Lichtstrahlen, wie eine dioptrische Camera obscura. Die durchsichtigen Theile desselben bilden namlich in Verbindung mit einander eine Linse, obgleich von complicirterer Form. Durch dieselben werden die einfallenden Lichtstrahlen dreifach gebrochen: a) durch die wässerige Feuchtigkeit, über welche sich die durchsichtige Hornhaut wölbt; b) durch die Krystalllinse mit der sie umgebenden durchsichtigen Feuchtigkeit (Liquor Morgagnii) u. der ebenfalls durchsichtigen Kapsel der Krystalllinse; c) durch den Glaskörper mit seiner ebenfalls durchsichtigen Haut (Membrana hyaloidea). Die Verbindung dieser Theile ist nun so, daß der Brennraum des Auges, so weit es ein durchsichtiges Organ ist, bei völliger Normalbildung genau auf die Netzhaut fällt, u. also von in abgemessenen Abständen von dem Auge erblickten Gegenständen dann auf derselben ein deutliches u. scharfes Bild entsteht, daß also immer alles, was leuchtend u. farbig in das Auge einstrahlt, auf ihr verkleinert u. im Farbenbilde, u. zwar verkehrt, sich darstellt. Der Durchmesser des ganzen Menschenauges, welchen die Lichtstrahlen in der Sehachse von der Mitte der Hornhaut bis zur Mitte der Netzhaut durchdringen, beträgt etwa 8 Linien. Das Vorstellungsvermögen gelangt nun durch den Tastsinn dahin, welcher Gesichtsgegenstände, deren bloßes Bild im Auge zu ihm gelangt u. von ihm in eine Vorstellung aufgenommen wird, als etwas Äußeres voraussetzt. Das G. ist aber nicht blos ein receptiver Act, sondern es macht sich dabei ein Eigenvermögen, das Sehvermögen, geltend, welchs vom Gehirn ausgeht. Bei jedem Sehen ist immer auch eine gewisse Spannung, die von innerer Lebensthätigkeit ausgeht, zu unterscheiden. Wir sind uns derselben, wenn wir den Blick auf etwas richten, bewußt; ihr entsprechend wirken dann die der Willkür unterworfenen, theils zur Bewegung des Augapfels dienenden, theils den Außentheilen des Auges, den Augenlidern u. Augenbrauen, angehörigen Muskeln mit. Die Augen von mit offenen Augenlidern Schlafenden empfangen auch Licht, eben so die Augen von in Epilepsie u. Starrkrampf Liegenden, von Ohnmächtigen od. Scheintodten, auch von Amaurotischen; aber schon ihr Ansehen, das starre Richten derselben deutet dahin, daß diese Augen nichts sehen, d.h. das empfangene Augenlicht nicht percipiren. So wie die Perception des Lichts aber Statt hat, wird auch sogleich in dem vorzugsweise durch die Irritabilität beherrschten Außengebilde eine entsprechende Thätigkeit rege, welche ein Haupttheil des Sehactes ist. Zu den bes. irritabeln Theilen des Auges gehört aber die Iris, durch welche Verengerung u. Erweiterung der Pupille bewirkt wird, wodurch das Auge den Vortheil erhält, von den Gegenständen, die erblickt werden sollen, nur ein verhältnißmäßiges Licht zu empfangen. Das Auge hat die Fähigkeit, sich verschiedenen Entfernungen entsprechend einzurichten (Accomodationsvermögen), die bei verschiedenen Menschen verschieden ist. Darauf u. auf der Verschiedenheit der Lichtbrechungsfähigkeit des Auges beruht der Unterschied der Myopie u. Presbyopie (s.b.), u. so wie die Sehweite bei verschiedenen Menschen nicht dieselbe ist, so ist auch die Lichtempfänglichkeit eine verschiedene. Diese geht von der Sensibilität der Netzhaut aus. Auch hier kann man eine mittlere normale unterscheiden, die dann ihre Extreme hat. Ein in dieser Hinsicht normales Auge wird von starkem Lichte geblendet u. von allzuschwachem, wie in gewöhnlicher nächtlicher Dunkelheit, von dem noch übrigen geringen Lichtreiz nicht afficirt; in beiden Fällen sieht es nicht, aber aus entgegengesetzten Ursachen. Jene Extreme aber werden erstere mit Nyktalopie u. letztere mit Hemeralopie bezeichnet. Das Gesichtsfeld (Sehfeld) od. der Raum, welcher beim Sehen auf einmal zu überblicken ist, ist im Allgemeinen eine runde Fläche, der Rundung des Augapfels u. der Pupille entsprechend. Beim Schauen mit nur Einem Auge wird aber dieser Raum oberwärts in etwas durch den hervorstehenden Bogen der Augenbrauen, einwärts von der Nasenwurzel, u. von der Nase begrenzt, bei jedem Menschen mehr od. weniger, je nach der Bildung dieser Theile. Sehen wir mit beiden Augen zugleich, so verschwindet die Begrenzung, welche das Sehfeld eines einzelnen Auges von der Nase erhält, ganz. Die Beweglichkeit des Augapfels gewährt aber eine bedeutendere Erweiterung des Sehfeldes. Das Heben u. Senken des Auges befördert dagegen blos das deutliche Sehen, erweitert aber nicht das Sehfeld. Beim Sehen kleiner Gegenstände u. überhaupt beim Scharfsehen ist es aber meist nur Ein Auge, mit welchem dies geschieht, u. der Eindruck, welchen der Gegenstand in dem anderen macht, bleibt unbeachtet. Daß man mit zwei Augen nicht doppelt, sondern nur einfach sieht, geschieht deshalb, weil der Mensch, während er in frühester Kindheit sehen lernt, auch bald dahin gelangt, die gesehenen Gegenstände auf den Ort, den sie in dem Sehfelde einnehmen, zu beziehen, u. daher beide Augenachsen auch nur einen u. denselben Ort, wo er sie durch den Tastsinn nur einfach wahrnimmt, treffen, u. bei weiten Gegenständen, die der Tastsinn nicht erreicht, auch nur Einen Ort des Zusammenfallens beider Bilder voraussetzt. Dieses Einfachsehen mit zwei Augen setzt aber außerdem stets eine parallele Richtung der beiden Augenachsen voraus. So wie durch Druck am Augapfel od. Krankheit die Richtung des einen Auges geändert wird, sieht man doppelt. Über das stereoskopische Sehen s.u. Stereoskop. Das wirkliche Doppeltsehen ist krankhaft (s. Diplopie) u. findet dann wohl auch auf Einem Auge statt. 3) Etwas in der Einbildung Gesehenes, s. Vision u. Zweites Gesicht; 4) (Techn.), an Büchsen u. Armbrüsten, die Kimme des Visirs, worin das Korn gefaßt wird; 5) (Bergb.), bei der Verzimmerung eines Stollens ein Einschnitt am Thürstock; 6) G. der Orgel, so v.w. Orgelfronte.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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