Großbritannien [2]


Großbritannien [2]

Großbritannien (Gesch.). I. Von der Erhebung des Hauses Hannover auf den englischen Thron bis zu den Französischen Revolutionkriegen 1714–1793. Im Jahre 1707 waren die Reiche England u. Schottland durch einen Parlamentsbeschluß unter dem Namen G. zu Einem Reiche vereinigt worden, u. von da an, namentlich aber mit der nach dem Tode der Königin Anna 1714 erfolgten Erhebung des Hauses Hannover auf den britischen Thron, beginnt für beide Reiche eine neue Ära (die frühere Geschichte beider Staaten s.u. England u. Schottand). Im August 1714 bestieg, kraft der protestantischen Successionsurkunde von 1701, der seitherige Kurfürst Georg Ludwig von Hannover als Georg I. den britischen Thron. Er löste das Toryministerium auf, berief die Whigs unter Robert Walpole's Führung ins Cabinet u. zog jenes wegen des Utrechter Friedens zur Rechenschaft. Unter seiner friedlichen Regierung stieg die Macht u. das Ansehen G-s immer höher, so daß es als eine Hauptstütze des europäischen Gleichgewichts betrachtet wurde. Georg I. wußte durch gewandte Unterhandlungen den Frieden zu bewahren u. wurde in seinen Bemühungen durch Walpole unterstützt. Er regierte bis 1727, aber trotz der friedlichen 13 Jahre wurde die schon von Wilhelm III. herstammende Nationalschuld nicht vermindert, u. dieser Umstand, sowie seine Vorliebe für Hannover, gereichten ihm in den Augen der Engländer zum großen Vorwurf. Er starb 22. Juni 1727 in Osnabrück auf einer Reise nach Hannover.

Georg II., sein Sohn u. Nachfolger, behielt die Regierungsgrundsätze, sowie das Ministerium Georgs I. bei. Auch er bemühte sich, den Frieden u. das politische Gleichgewicht Europas zu erhalten; der Handel G-s hob sich von Jahr zu Jahr, doch wurde 1739 das Reich wegen gefährdeter Handelsinteressen zu einem Krieg mit Spanien veranlaßt, welcher aber trotz überlegener Streitkräfte nur mit geringem Erfolg geführt wurde u. die erwarteten Vortheile nicht gewährte. Ebenso sah sich G. als Gewährleister der Pragmatischen Sanction 1740 genöthigt, an dem Österreichischen Erbfolgekriege Antheil zu nehmen, doch unterstützte Georg II. Marien Theresien Anfangs nur insgeheim durch Hülfsgelder, u. erst 1742, nachdem das Whigministerium Walpole durch ein Toryministerium unter Lord Carteret, einem entschiedenen Gegner Frankreichs, ersetzt worden war, erklärte G. an Frankreich u. dessen Verbündete den Krieg. 17,000 Briten landeten in den Niederlanden u. vereinigten sich mit 16,000 Hessen u. Hannoveranern, u. 1743 ging Georg II. selbst nach Deutschland u. schlug am 27. Juni 1743 den Marschall von Noailles bei Dettingen am Main, ohne daß jedoch dieser Sieg Folgen gehabt hätte. Während im folgenden Jahre die Briten zur See glücklich waren u. am 22. Febr. 1744 die französische Flotte bei Toulon schlugen, erlitt dagegen der Herzog von Cumberland am 11. Mai bei Fontenoy eine Niederlage. Indessen bereitete, von Frankreich unterstützt, der junge Prätendent, Karl Eduard (s.d. 25), Jakobs II. Enkel, eine Landung in Schottland vor. Der erste Versuch mißlang, wogegen der zweite (im Juli 1745) um so besser glückte. Der Prinz zog siegreich in Edinburgh ein, u. die Jakobiten standen, da Schottland von Truppen gänzlich entblößt war, auf; doch wurden die kühnen Entwürfe des Prätendenten durch die, von dem aus den Niederlanden herbeigeeilten Herzog von Cumberland, Bruder des Königs, gewonnene Schlacht bei Culloden (den 27. April 1746) zerstört u. er selbst zur Flucht genöthigt. Der Frieden von Aachen endigte 1748 den Krieg, welcher, da die auf beiden Seiten gemachten Eroberungen wieder zurückgegeben wurden, G. nichts als einige Handelsvortheile u. die Anerkennung des Hauses Hannover auf dem Thron von G. von Frankreich einbrachte, während die Schulden zu einer bedeutenden Höhe gesteigert worden waren. Auch mit Spanien wurde 1750 Friede geschlossen, worin G. auf die erlangten Handelsvortheile gegen eine Geldsumme Verzicht leistete. Nach hergestelltem Frieden wurden die Zinsen des größten Theils der Nationalschuld auf 3 Procent herabgesetzt u. aus den dadurch entstandenen Ersparnissen ein Tilgungsfond gebildet, welcher aber sehr oft zu anderen Zwecken verwendet wurde. Schon 1755 entbrannte wegen Grenzstreitigkeiten in Nordamerika der Krieg mit Frankreich von Neuem u. gab Anlaß, daß G. auch in Deutschland als Verbündeter Preußens an dem Siebenjährigen Kriege (s.d.) Antheil nahm. Der Krieg wurde in Amerika, Ostindien u. Deutschland zugleich geführt, u. in beiden ersteren Ländern, namentlich in Ostindien, wo Lord Clive die Bewegungen in Bengalen dazu benutzte, der Ostindischen Compagnie die Reiche Bengalen, Orissa u. Bahar zu unterwerfen, machte G. beträchtliche Eroberungen. Während dieser Zeit leitete William Pitt (s.d.) die Angelegenheiten G-s als Premierminister. 1763 wurde der Krieg durch den Frieden von Paris geendet, dem zu Folge Frankreich Canada abtrat u. G. einen Theil seiner Eroberungen in West- u. Ostindien behielt. Der Friede war glorreich u. die Eroberungen ungeheuer; die Nationalschuld war indessen auf 184 Mill. Pfd. Sterl. angewachsen.

Noch während des Krieges war Georg II. 25. Oct 1760 gestorben u. ihm sein Enkel Georg III., der Sohn des 1751 verstorbenen Prinzen Friedrich Ludwig, gefolgt. Aus Ostindien flossen G. zu jener Zeit große Reichthümer zu, durch welche der Luxus zwar sehr gesteigert, der Finanzverwirrung aber in keiner Art abgeholfen wurde. Um diese einigermaßen zu mindern, belegte das Ministerium Greenville die Nordamerikanischen Colonien, welche ursprünglich theils von den Briten angelegt, theils von den Holländern u. Schweden im 17. Jahrh. abgetreten u. ziemlich wohlhabend geworden waren, eigenmächtig mit Abgaben aller Art, erhöhte die Eingangszölle, beschloß die Einführung einer Stempeltaxe, entschädigte auch zugleich die Ostindische Compagnie mit verschiedenen Handelsfreiheiten[689] an den amerikanischen Küsten für die Summen, welche sie an die Regierung entrichten mußte. Dies veranlaßte die Nordamerikanischen Colonien, welche sich nicht vom Mutterlande eigenmächtig besteuern lassen wollten, 1774 zu Klagen u. endlich zur Erhebung; es entspann sich ein Krieg, welcher nach wenig Jahren die Einmischung Frankreichs, das die Amerikaner unterstützte, zur Folge hatte; s. Nordamerikanischer Freiheitskrieg. G. litt in demselben so bedeutende Unfälle, daß es endlich, nachdem Lord North abgedankt hatte u. ein Whigministerium ans Rudergekommen war, 1782 die Unabhängigkeit der Nordamerikanischen Freistaaten aussprach. Mit den Franzosen zugleich, od. doch kurz nach ihnen, nahmen auch Spanien u. Holland an dem Kriege gegen G. Theil, in welchem Spanien Minorka 1762 eroberte, welches seit 1708 in der Gewalt der Briten gewesen war; dagegen waren die großen Anstrengungen der Franzosen u. Spanier, Gibraltar (s.d.) zu erobern, vergebens gewesen. Ebenso scheiterten die Angriffe der Franzosen auf die Engländer in Ostindien in Verein mit Hyder Ali u. Tippo Saib, an der Tapferkeit u. Energie Hastings (s.u. Ostindien); ohne Zweifel würden dieselben im weiteren Verlaufe von Erfolg gewesen sein, wenn nicht im entscheidenden Augenblicke der Friede von Versailles u. Paris (1782) die Einigkeit unter den europäischen Mächten hergestellt u. so Tippo Saib der französischen Hülfe beraubt worden wäre. Die Kaiserin Katharina von Rußland benutzte diesen Krieg, die nordischen Mächte zu einer bewaffneten Neutralität gegen G. zu vereinigen, um dessen Beherrschung des Handels zu beschränken. Dies Bündniß blieb jedoch ohne Erfolg, u. wenn auch G. in Amerika unglücklich war, gelang es ihm doch in Europa aus allen Kämpfen siegreich hervorzugehen. Die Nationalschuld war während dieser Kriege bis zur Höhe von 235 Mill. Pfd. St. gestiegen. Schon früher hatte G. mehrere Reisen zur Erforschung des Stillen Oceans unter Anson, Byron, Wales u. And. (s.d. a.) veranlaßt, regte dieselben jetzt in vergrößertem Maßstabe an, u. namentlich machte James Cook (s.d.) während des Nordamerikanischen Freiheitskrieges die wichtigsten Entdeckungen in Australien, welche später zu Anlegung der Colonien auf Neu-Süd-Wales führten. Mit den Whigs war William Pitt der Jüngere in das Ministerium getreten, u. er war es namentlich, der die Maßregeln einleitete, welche es möglich machten, daß sich G. während der Französischen Revolution u. der darauf folgenden politischen Umwälzungen behaupten u. ehrenvoll aus dem Kampfe hervorgehen konnte. Zu diesen gehörte bes. die Einrichtung des Sinkingfond, welcher, ursprünglich zur Tilgung der ins Ungeheuere gewachsenen Staatsschuld bestimmt, jetzt der Regierung Mittel an die Hand gab, in schwierigen Fällen augenblicklich kräftig zu wirken.

II. Großbritannien während der Napoleonischen Zeit 1793–1815. Während der Friedensjahre hatte die Opposition unter Fox (s.d.) im Parlamente eine Menge politischer Reformen in Vorschlag gebracht, welche jedoch sofort zurückgezogen wurden, als die leitenden Ideen der Französischen Revolution auch in England Sympathien erweckten u. die aristokratische Staatsverfassung bedrohten, durch deren Umsturz beide Adelsparteien, Whigs u. Tories, verloren haben würden. Im Anfang derselben verhielt sich G. passiv; nach Ludwigs XVI. Hinrichtung wurde jedoch der französische Geschäftsträger, Chauvelin, aus London verwiesen, u. am 1. Febr. 1793 erklärte Frankreich an G. den Krieg. In Europa führte G. diesen Krieg zur See mit großem Glück, weniger zu Lande, erreichte dagegen in Ost- u. Westindien bedeutende Erfolge; s.u. Französischer Revolutionskrieg. Während desselben waren sämmtliche französische Häfen unausgesetzt blockirt, u. nur selten konnte sich ein französisches Schiff in See wagen. Dabei stieg der britische Nationalreichthum, wie der Einfluß G-s fortwährend, u. selbst als die Bank 1707 aufhörte, baar zu zahlen, erschütterte dies den Credit G-s nicht. Eine französische Diversion in Irland 1708 (s.u. Irland [Gesch.]) mißlang u. bewirkte, daß die Irländer fast auf gleichen Fuß mit den Engländern gestellt wurden, trug auch dazu bei, daß 1800 das irische Parlament mit dem G-s vereinigt ward, wobei Irland zu der großen britischen Einigung der Form nach trat, wie es bisher der That nach schon vereinigt gewesen war. Bedeutender schien die bewaffnete nordische Neutralität, welche Kaiser Paul von Rußland wieder aufnahm u. welche die Durchsuchung neutraler Schiffe durch Schiffe G-s hindern sollte, aber die Seeschlacht bei Kopenhagen 2. April 1800 (s. Dänemark [Gesch.]), worin Nelson die Dänen schlug, sowie der Tod Kaiser Pauls u. die darauf erfolgende Thronbesteigung Alexanders lösten den Bund auf. G. schloß im Juni 1801 einen Schifffahrtsvertrag mit Rußland, welchem bald darauf auch Schweden u. Dänemark beitraten, u. selbst Frankreich gegenüber zeigte sich das Ministerium zum Frieden geneigt, da die Schulden bis 490 Mill. gestiegen waren u. das Verlangen nach Ruhe allgemein laut wurde. Pitt trat, theils um der Volksstimmung entgegen zu kommen, theils weil er das bei Gelegenheit der erfolgten Vereinigung des irischen u. britischen Parlaments gegebene Versprechen, auch die letzten Schranken zwischen Katholiken u. Protestanten fallen zu lassen u. jenen völlig gleiche Rechte mit diesen zu ertheilen, nicht erfüllen konnte, das Ministerium an Addington Sidmouth ab, welcher am 27. März 1802 den Frieden von Amiens abschloß. Dieser Friede erregte jedoch in G. allgemeine Unzufriedenheit, da G. nur Trinidad u. Ceylon erhalten u. sonst alle Eroberungen zurückgegeben hatte. Deshalb brach schon 1803 der Krieg wieder aus, u. Pitt übernahm von Neuem das Staatsruder. Die Engländer eroberten schnell wieder die meisten der französischen u. holländischen Colonien, besiegten die in Ostindien von den Franzosen zum Aufruhr gebrachten Mahratten u. schlugen bei Trafalgar 1805 die vereinigte spanisch-französische Flotte, veranlaßten Österreich u. Rußland zu einem Feldzug gegen Frankreich, welcher jedoch, wenigstens bei erster Macht, schnell durch den Frieden von Presburg geendigt wurde (s. Österreichischer Krieg gegen Frankreich im Jahre 1805). Schon 1803 hatte Napoleon Hannover als Besitzthum des Königs von G. besetzt, u. dasselbe 1805 an Preußen als. Entschädigung für das abgetretene Ansbach u. Baireuth übertragen, dies verwickelte Preußen 1806 in einen Krieg mit G. Der Tod Pitts brachte Fox u. Addington Sidmouth im Januar 1806 wiederum in das Minissterium[690] , welches sogleich Friedensunterhandlungen mit Frankreich anknüpfte, welche jedoch, da Fox im September schon starb, nicht zu Stande kamen. In diesen Unterhandlungen hatte Napoleon G. Hannover wieder angeboten, u. Preußen, sich betrogen sehend, ließ sich nun leicht zu einer Alliance mit Rußland u. G. bewegen (s.u. Preußisch-russischer Krieg gegen Frankreich von 1806 u. 1807). Der unglückliche Ausgang dieses Kriegs entzog G. alle Hülfe auf dem Continent, da nicht nur Rußland sich an Frankreich anschloß, sondern auch die Türken, durch eine versuchte Landung des Admirals Duckworth bei Constantinopel, gegen G. aufgebracht, sich mit Napoleon vereinigten. Als Napoleon auch Dänemark bewegen wollte, die Häfen seines Landes den englischen Schiffen zu versperren, u. dies im Begriff schien, sich diesem Ansinnen zu fügen, erschien im September 1807 plötzlich eine britische Flotte unter Gambier vor Kopenhagen, bombardirte die Stadt u. erzwang die Auslieferung der dänischen Flotte. Eine Kriegserklärung von Rußland u. Dänemark war die Folge dieser Gewaltthat, u. wenn auch die Briten hierauf die dänischen Colonien eroberten u. in Lissabon 9 russische Kriegsschiffe wegnahmen, so waren ihnen dagegen von nun an alle europäischen Häfen, bis auf die Portugals u. Schwedens, verschlossen u. der britische Handel reducirte sich fast ausschließlich auf ein, freilich sehr ins Große getriebenes Schmuggelgeschäft.

Seit Foxs Tode hatte Lord Howick (Grey) bis zum März 1807 an der Spitze des britischen Ministeriums gestanden; ihn ersetzte Portland, unter welchem Georg Canning (s.d.) mit großer Energie die auswärtigen Angelegenheiten leitete. Die Lage G-s wurde nach dem Tilsiter Frieden (1807) immer verzweifelter, da auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika in Folge einiger gewaltthätigen Handlungen gegen amerikanische Schiffe den Briten ihre Häfen verschlossen. Dessenungeachtet trat es wieder feindselig gegen Frankreich auf, als Napoleon im November 1807 ein französisches Corps unter Junot in Portugal einrücken ließ, nach der Flucht des Prinzregenten Lissabon besetzte u. zugleich die Spanier, damals noch mit Frankreich vereinigt, sich Oportos bemächtigten. Als im Mai 1808 Spanien u. in dessen Folgeauch Portugal sich gegen Frankreich erhob, sendete G. im Aug. 1808 ein Truppencorps unter Arthur Wellesley nach Portugal u. ein anderes unter John Moore nach Spanien. Von da an fochten englische Heere auf der Pyrenäischen Halbinsel bis zu deren, hauptsächlich durch sie bewirkten Befreiung (s. Spanisch-portugiesischer Befreiungskrieg). Indessen dehnte sich auf dem übrigen Theile des europäischen Festlandes das Continentalsystem (s.d.) immer weiter aus. Rußland, Dänemark, Deutschland, Italien, die Türkei u. die ganze Französische Monarchie waren für englische Schiffeerschlossen, u. nach der Thronentsagung des Königs Gustav Adolf IV. von Schweden, trat auch Schweden dem Bunde gegen G. bei. Dagegen behaupteten sich die Briten in Sicilien u. Portugal, u. als 1809, während der größte Theil der französischen Armee in Spanien beschäftigt war, Österreich an Frankreich den Krieg erklärte, glaubte G. neue Hoffnungen fassen zu können. Es unterstützte den Kaiser Franz durch Subsidien u. versprach eine Diversion im N. von Deutschland od. den Niederlanden zu unternehmen. Doch hatte auch dieser Krieg ein schnelles u. unglückliches Ende (s. Öfter reichisch-französischer Krieg im Jahre 1809), u. das englische Corps landete erst am 30. Juli 1809 auf Walchern, als schon der Waffenstillstand zwischen Frankreich u. Österreich geschlossen war, eroberte zwar Vließingen, mußte aber, ohne einen wirklichen Erfolg erreicht zu haben, wieder abziehen. Nachdem schon im September 1809 Canning u. Castlereagh aus dem Ministerium getreten waren, starb im December desselben Jahres der Herzog von Portland u. wurde durch Spencer Perceval ersetzt. Unter ihm war der Marquis Wellesley Minister des Auswärtigen u. Lord Liverpool des Kriegs u. der Colonien. Die Politik G-s erlitt durch diesen Wechsel keine Veränderung, Krieg bis auf das Äußerste mit Frankreich blieb das Losungswort jeder britischen Verwaltung, denn die Lage G-s wurde immer kritischer u. nur ein Sturz der Napoleonischen Herrschaft konnte es retten. Die Continentalsperre wurde immer strenger, die englischen Waaren wurden in den von Napoleon unterworfenen Ländern sogar verbrannt, u. gegen das Ende des Jahres 1810 schien auch die Pyrenäische Halbinsel der Unterwerfung durch die Franzosen nahe. Blos Cadix u. Lissabon waren noch in spanischen u. britischen Händen. Da erkaltete die Freundschaft zwischen Alexander von Rußland u. Napoleon, u. der zwischen diesem u. Rußland 1812 ausbrechende Krieg befreite die Spanier, Briten u. Portugiesen auf der Pyrenäischen Halbinsel von der Übermacht der französischen Waffen.

Zu jener Zeit wurde der geistige Zustand Georgs III. hoffnungslos, u. in Folge davon dem Prinzen von Wales (nachherigem Georg IV.), welchen schon 1792 u. 1804 das Parlament zum Regenten einzusetzen beabsichtigt hatte, 1811 als Prinzregent die eingeschränkte, am 5. Febr. 1812 aber die volle königliche Gewalt übertragen. Kurz darauf wurde Lord Perceval ermordet (11. Mai 1812). Ihm folgte Lord Liverpool, unter welchem Lord Castlereagh das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten übernahm. Vor dem Ausbruche des Kriegs zwischen Rußland u. Frankreich hatte das neue Ministerium, obgleich sich G. seit 1808 noch in Krieg mit Rußland befand, den Frieden zwischen letzter Macht u. den Türken vermittelt u. selbst am 18. Juli 1812 zu Örebro Frieden u. eine Allianz mit Rußland geschlossen, welcher Allianz auch die Pforte beitrat. G. verlangte, als Pfand der Bundestreue, die Auslieferung der russischen Kriegsflotte bis zum Frieden; der Kaiser Alexander gab nach, u. 30 Kriegsschiffe wurden an G. übergeben. G. trat dann auch dem allgemeinen Bunde gegen Frankreich bei u. betheiligte sich bet Napoleons Sturze, (s. Russisch-deutscher Krieg von 1812–15 gegen Frankreich). Durch den Frieden von Paris (am 30. Mai 1814) wurde der lange Krieg zum Vortheil G-s geendigt, Frankreich in seine alten Grenzen zurückgedrängt, die Bourbonen wieder dort eingesetzt, das Königreich der Niederlande gebildet, das bereits von den Johannitern u. den Franzosen eroberte Malta, Tabago, St. Luciä, Isle de France u. die Sechellen von Frankreich, Demerary, Essequebo, Berbice, das Cap der guten Hoffnung u. Ceylon von Holland, Helgoland von Dänemark an G. abgetreten. Außerdem wurde G. Schutzherr der Ionischen Inseln u. das Stammland Hannover zum Königreich erhoben u. vergrößert.[691] Dagegen war aber die Nationalschuld auf die ungeheuere Summe von fast 800 Mill. Pfd. St. gestiegen. An dem kurzen Kriege von 1815, durch Napoleons Rückkehr von Elba entzündet, nahm G. wiederum Antheil (s. Russisch-deutscher Krieg von 1812–15 gegen Frankreich), erfocht mit Preußen den Sieg von Waterloo u. sicherte durch die definitive Entscheidung über das Schicksal Napoleons die Ruhe Europas; der Heiligen Allianz (s.d.) trat es dagegen nicht bei. Zu dem großen Kriege, welchen G. gegen Frankreich unterhielt, kam 1812 noch ein anderer Krieg mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika, da diese am 18. Juni 1812 an G. den Krieg erklärten. Die Briten zerstörten zwar Washington, unterlagen aber bei mehreren Seegefechten u. wurden im Januar 1815 bei New Orleans von den amerikanischen Milizen geschlagen. Dagegen mißlang der Versuch der Amerikaner gegen Canada, u. am Schluß des Jahres 1814 kam zu Gent zwischen beiden Nationen ein Friede auf Grund des Status quo zu Stande. Dem Frieden folgten im Juli 1815 u. im October 1818 Handelsverträge zwischen den Vereinigten Staaten u. G., welcher jedoch jene vom ostindischen Handel ausschloß. 1816 gerieth G. mit Algier wegen Nichtachtung der britischen Flagge in Krieg. Lord Exmouth bombardirte am 27. u. 28. Aug. Algier, zwang den Dey, die dort befindlichen christlichen Sklaven freizugeben, u. nöthigte ihm das Versprechen ab, die Christensklaverei in seinem Lande aufzuheben. Die günstige Gelegenheit, die Macht des Raubstaates zu vernichten, wurde hingegen nicht benutzt, u. zwar, wie man allgemein annahm, deshalb nicht, weil sein Bestehen zwar andern Mächten nachtheilig, den Interessen G-s aber förderlich war. Auch die in demselben Jahre erfolgte Übergabe von Perga durch die Briten an Ali Pascha von Janina, offenbar gegen alle Verträge mit den unglücklichen Bewohnern dieser Stadt, erregte die laute Mißbilligung von ganz Europa.

III. Vom zweiten Pariser Frieden bis zur Thronbesteigung Wilhelms IV. 1815 bis 1830. Regierung u. Volk von G. hatten gehofft, daß nach dem Frieden eine ungeheuere Nachfrage nach britischen Fabrikaten entstehen würde, sahen sich aber getäuscht. Die Continentalsperre hatte auf dem Festlande Fabriken u. Manufacturen befördert u. die englischen Fabrikate mußten, um Absatz zu finden, verschleudert werden. Dadurch stieg die Noth immer höher u. die Steuerlast drohte die Steuerpflichtigen zu erdrücken. Die Eigenthumsteuer wurde zwar nach dem Frieden vom Parlament verworfen, aber die Noth wuchs, als die Mißernte von 1816 die schon durch die eingeführten Korngesetze künstlich gesteigerten Kornpreise zu einer unerhörten Höhe trieb. Jetzt brachen überall Unruhen in G. aus; die Getreidevorräthe der Kornhändler zu Dundee, Sunderland u. Sheffield wurden geplündert u. die Maschinen zerstört. Am 2. December 1816 kam es zu einem Proletarieraufstand in London, dem bald darauf ähnliche in anderen Städten folgten. Das Ministerium unterdrückte dieselben durch Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte, Beschränkung der Presse u. Verbote der Versammlungen, welche Maßregeln das Parlament nur mit Widerwillen genehmigte. Glücklicherweise war die Ernte von 1817 eine sehr reiche u. trug wesentlich zur Beruhigung G-s bei. Am 5. November desselben Jahres starb die Thronerbin, Prinzessin Charlotte, einzige Tochter des Prinzregenten, seit dem Mai 1816 mit Prinz Leopold von Sachsen-Koburg vermählt. Die Lage der Finanzen war unterdeß durch große Steuererleichterung sehr schwierig geworden; man mußte daher neue Auflagen zur Deckung des Deficits verlangen u. eine Anleihe von 12 Millionen Pfd. Sterl. aufnehmen, da jene nicht zulangten Die Noth der Fabrikarbeiter dauerte fort, u. in Manchester wurde eine Volksversammlung mit gewaffneter Hand auseinander gejagt (16. August), wobei mehrere Hundert Menschen das Leben verloren.

Am 29. Januar 1820 starb der geisteskranke u. blinde Georg III., u. der Prinzregent bestieg nun als König Georg IV. den Thron. Im Februar wurde eine Verschwörung entdeckt, an deren Spitze Thistlewood stand u. deren Zweck es war, die Minister bei einem Mittagsmahle, das am 23. Februar statt finden sollte, als Sühnopfer für die in Manchester Umgekommenen zu ermorden. Thistlewood u. vier andere Verschworene wurden gehängt. Bald darauf begann der Scheidungsproceß des Königs von seiner Gemahlin, Karoline von Braunschweig, der aber am 10. Nov. 1820 dadurch geendigt wurde, daß die Regierung den Antrag auf Scheidung zurücknahm (s. Karoline). Schon seit 1820 drohten die Revolutionen in Spanien, Neapel u. Portugal die Ruhe Europas zu stören. Congresse zu Troppau u. Laibach wurden auf Österreichs Veranlassung gehalten, u. da die Tories die Befestigung des legitimen Princips für solidarisch mit der Befestigung der britischen Aristokratie hielten, auch von Seiten G-s durch Charles Stuart beschickt. In Folge davon rückten die Österreicher in Neapel ein u. stellten die früheren Zustände wieder her. Das Ministerium Castlereagh billigte dies Alles, ohne jedoch gegen die Bewegung selbst Partei zu nehmen, sondern indem es vielmehr möglichst zu vermitteln suchte. Die Verhältnisse Spaniens kamen auf dem Congreß zu Verona (1822) zur Entscheidung u. diesen sollte Lord Castlereagh selbst besuchen, aber er starb am 12. August d.i. An seine Stelle trat als Minister des Auswärtigen Canning ein, u. mit ihm nahm G-s Politik eine freisinnigere Richtung an, weshalb nun G-s Abgeordnete an den Verhandlungen in Verona keinen Antheil nahmen, u. den Einmarsch französischer Truppen in Spanien zur Unterdrückung der Verfassung von 1812 suchte Canning auf alle Weise durch diplomatische Unterhandlungen zu verhindern. Er knüpfte darauf Verhandlungen mit den südamerikanischen Freistaaten an u. befahl den britischen Kriegsschiffen, in der Levante die griechische Blockade eben so, wie die der Türken zu respectiren. Dies war das erste Zeichen der Anerkennung der griechischen Regierung durch eine fremde Macht. Zugleich verstärkte er 1824 die Gesetze gegen den Sklavenhandel, setzte es durch, daß dieser der Seeräuberei gleichgestellt wurde, u. wußte zugleich im Verein mit dem Finanzminister Huskisson die Lasten des Volkes zu erleichtern u. den Aufschwung der Gewerbe zu befördern. Am 1. Januar 1825 erklärte Canning den fremden Gesandten, daß G. die Südamerikanischen Republiken anerkannt habe, während in Lissabon Unterhandlungen angeknüpft wurden, welche die Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal zum Ziel hatten. Allgemeine Ruhe in[692] G. u. ein friedlicherer Gang in den Parlamentsverhandlungen waren die Früchte des Wirkens Cannings u. seiner Freunde. Nur in Irland war die Ruhe noch nicht hergestellt; vielmehr gewann dort die katholische Association, an deren. Spitze Daniel O'Connel stand u. deren nächster Zweck die Emancipation der Katholiken von politischer Rechtlosigkeit war, immer mehr Ausdehnung u. Macht. Vergebens kämpfte Canning für die Emancipation der Katholiken, das Haus der Lords verwarf alle Anträge, die in dieser Angelegenheit an dasselbe ergingen.

Zu dieser Zeit (Ende 1825) drohte eine Handelskrisis G. gefährlich zu werden; Actienschwindel u. Anleihen an die Südamerikanischen Republiken hatten viel baares Geld verschlungen; die Londoner Bank traf Vorsichtsmaßregeln, beschränkte die Ausgabe ihrer Noten u. verweigerte mehreren Handelshäusern die gewohnten Vorschüsse. Die Folge davon war ein großer Schrecken an der Börse, alle Papiere sanken, u. nicht nur viele Handelshäuser, sondern auch 60 Provinzialbanken machten Bankerott. Doch ging auch diese Krisis vorüber, u. 1826 setzte Canning es durch, daß die Regierung ermächtigt wurde, bei dringenden Fällen die Einfuhr von Getreide gegen mäßigen Zoll zu erlauben. Die Zustände in Portugal (s. d, Gesch.) nöthigten G. im December 1826, ein Truppencorps dorthin zu schicken, um die durch die absolutistischen Bestrebungen Dom Miguels gefährdete Ruhe dort aufrecht zu erhalten. Balddarauf legte Lord Liverpool sein Amt als Premierminister nieder, u. Canning, welcher in der letzten Zeit die Seele des Ministeriums gewesen war, trat im April 1627 an dessen Stelle; in Cannings Cabinet wurde der Herzog von Clarence, der muthmaßliche Thronerbe, selbst Großadmiral u. Marineminister. Gegen das neue Ministerium bildete sich aber eine ziemlich compacte Opposition, besonders im Oberhause, u. der erste Schritt gegen dasselbe war, eine Beschränkung der Korneinfuhr im Widerspruch gegen das Gesetz von 1826 durchzusetzen. Dagegen vermochte es Canning, daß am 6. Juli 1827 zwischen Rußland, Frankreich u. G. ein Vertrag abgeschlossen wurde, welcher die politische Selbständigkeit Griechenlands verbürgte; dies war sein letztes Werk, denn er st. am 8. Aug. d.i. An seine Stelle trat Lord Goderich (Robinson), der sich aber durch die Verwickelungen in Folge der Schlacht bei Navarin u. die portugiesischen Wirren in eine so schwierige Lage versetzt sah, daß er am 28. Januar 1828 sein Amt niederlegte. Der Herzog von Wellington ersetzte ihn u. bildete ein neues Cabinet, dessen kräftigste Stütze Robert Peel (s.d.) war. Die veränderte Richtung der Politik, welche Wellington einschlug, zeigte sich bald in dem verminderten Einfluß, welchen G. auf die Ereignisse auf dem Festlande ausübte. Obgleich das britische Cabinet im Einverständniß mit dem russischen eine Conferenz zu London zu Stande brachte, wodurch die Pforte vorläufig zum Waffenstillstand mit Griechenland gebracht wurde, so war es doch eigentlich Frankreich, das durch Entsendung eines Truppencorps Ende 1828 den Waffenstillstand erzwang. Trotz aller Anstrengungen konnte G. den Krieg zwischen Rußland u. der Türkei (1828–29) nicht verhindern, u. als endlich durch Vermittelung Preußens der Frieden von Adrianopel zwischen Rußland u. der Türkei geschlossen war, war es wieder Rußland, welches die völlige Unabhängigkeit Griechenlands statt eines Lehnfürstenthums wie es G. beabsichtigte, durchsetzte. Zwar wurde im britischen Interesse der Prinz Leopold von Sachsen-Koburg, Gemahl der verstorbenen Tochter Georgs IV., Anfangs 1830 zum König von Griechenland bestimmt, allein als dieser die bereits angenommene Krone zurückwies, waren die griechischen Zustände wieder in Frage gestellt. Eben so ohnmächtig war die Politik des Ministeriums Wellington den Angelegenheiten in Portugal gegenüber. Als die britischen Truppen dort zurückgezogen wurden, usurpirte Dom Miguel den Thron, stieß die Verfassung um u. herrschte als Despot, ohne daß G. trotz der Protestation der Königin Maria da Gloria, die sich persönlich nach London wandte, intervenirt hätte Der Herzog von Clarence, von Wellington wegen der Schlacht von Navarin, zu der er die indirecte Veranlassung gewesen war, beleidigt, legte sein Amt als Großadmiral nieder, u. bald bildete sich gegen das neue Ministerium eine starke Opposition, welche im Febr. 1626 die Aufhebung der Testacte erzwang u. so die Emancipation der Katholiken vorbereitete. Das Handelssystem wurde indessen nicht verändert, auch herrschte in allen Zweigen der Verwaltung die strengste Ordnung.

Wellington sah bald ein, daß er in einigen Punkten der öffentlichen Meinung nachgeben müsse, adoptirte deshalb Cannings Gesetzentwurf wegen der Korneinfuhr u. bemühte sich, den König u. mehrere Gegner der katholischen Emancipation für dieselbe zu gewinnen. Dieses gelang, u. so erhielten im März 1829 die Katholiken in G. u. Irland gleiche staatsbürgerliche Rechte mit den Protestanten. Der Kampf wegen der Emancipation hatte von 1792 an gedauert, wo die irischen Katholiken den ersten Versuch machten, Gleichheit der Rechte zu erlangen u. diese auch in kirchlicher u. bürgerlicher Hinsicht erhielten. Nur 30 Staatsämter konnten sie nicht erlangen, so wenig als einen Sitz im Parlament, weil sie den Testeid verweigerten, durch den sie die Suprematie des Staates auch in geistlichen Sachen anerkennen sollten (s.u. Anglikanische Kirche A). Der Unwille der Irländer brach schon damals in helle Flammen aus, wurde aber durch die Strenge des Statthalters, Lord Camden, niedergehalten; 1798 erhoben sie sich (s. ob.) aufs Neue, in der Hoffnung sich gänzlich von England unabhängig zu machen, u. erreichten wenigstens in mehrfacher Beziehung Gleichstellung mit England. 1801, als das irische Parlament mit dem großbritannischen vereinigt wurde, versprach Pitt den Katholiken die vollkommene Emancipation, ohne sie jedoch durchsetzen zu können (s. oben). 1805, 1808, 1819, 1822 u. 1825 wiederholten sie ihre Petitionen., aber stets vergebens, wiewohl die beiden letzten Male blos von dem Oberhause zurückgewiesen. Der große Sieg der liberalen Grundsätze hinsichtlich der Emancipation gab Hoffnung zu einer durchgreifenden Parlamentsreform. Es bildeten sich überall Vereine, welche Ausschließung der verrotteten (herabgekommenen) Flecken (Rotten Boroughs) von der Vertretung im Parlament, Hinzuziehung der neu entstandenen Städte, wie Birmingham u.a., u. die Verbesserung des Wahlsystems anstrebten. Aber bei der Eröffnung des Parlaments am 4. Februar 1830 zeigte[693] es sich, daß die Regierung zu Reformen von solcher Tragweite wenig geneigt sei. Der König empfahl in der Thronrede vorsichtige Maßregeln gegen die Noth des Landes zu ergreifen u. stellte die Anerkennung Dom Miguels als König von Portugal in Aussicht. Die Opposition verlor indeß die Hoffnung nicht, u. als am 23. Februar 1823 Lord Russel im Unterhause auf Parlamentsreform antrug, wurde dieser Antrag blos durch eine Mehrheit von 23 Stimmen verworfen; ein sicheres Zeichen, daß der Kampf über die Entscheidung dieser wichtigen Frage nahe bevor stand. Vergebens suchte man durch Abschaffung einiger Abgaben auf nothwendige Lebensbedürfnisse die öffentliche Stimme für sich zu gewinnen, was jedoch nicht einmal in England gelang. Im Parlament brachte der seit Aufhebung der Testacte eingetretene Dubliner Advocat O'Connel den Vorschlag ein, die Vereinigung von Irland u. G. aufzuheben (Repealer) u. Irland wieder ein eigenes Parlament zu verschaffen, da es sich deutlich zeige, daß die Emancipation der Katholiken die Wunden des Landes allein nicht heilen könne. So hatte es das Ministerium Wellingtons auf der einen Seite mit den Hochtories verdorben, ohne auf der anderen die Opposition u. das Volk für sich zu gewinnen.

IV. Großbritannien unter König Wilhelm IV. 1830–1837. Während sich überall Vorboten folgenschwerer politischer Ereignisse zeigten, st. Georg IV. am 26. Juni 1830 in Agindsor, u. der Herzog von Clarence bestieg als Wilhelm IV. den Thron u. behielt, da er sich kurz zuvor mit Wellington versöhnt hatte, das Ministerium bei. Als jedoch die Nachricht von der Julirevolution in Paris nach England kam, zeigte sich überall eine so drohende Aufregung im Volk, daß man den Sturz desselben voraussehen konnte, obgleich G. von allen Mächten Europas die Julirevolution in Frankreich zuerst anerkannte u. dadurch vortheilhaft auf die Stimmung im Lande zu wirken hoffte. Nachdem am 2. November das Parlament eröffnet worden war, gab sich am 15. Nov. bei der Berathung über die Civilliste des neuen Monarchen eine so entschiedene Stimmung des Unterhauses gegen das Ministerium zu erkennen, daß dieses am 16. abdankte u. durch ein gemäßigtes Whigministerium ersetzt wurde, an dessen Spitze Lord Grey stand. Lord Althorp wurde Finanzminister, Brougham wurde Kanzler, Palmerston Minister des Auswärtigen, Melbourne des Innern, Goderich der Colonien u. Graham erster Lord der Admiralität. Am 22. Nov. legte Grey bereits den Entwurf eines neuen Wahlgesetzes vor, vertagte darauf das Haus bis zum 3. Febr. 1831 u. brachte nach der Wiedereröffnung in beiden Häusern den Entwurf einer Parlamentsreform ein. Nach demselben sollten 60 Ortschaften, in denen das Wahlrecht von Einzelnen ausgeübt wurde, dasselbe verlieren, u. 47 Flecken, deren Einwohnerzahl nur 2000 betrug, von nun an nur noch Ein Parlamentsglied zu wählen haben. Dadurch verloren 168 Mitglieder des Unterhauses ihre Stellen im Parlament, u. obgleich 27 nicht vertretene Städte nun nach Verhältniß ihrer Größe 2 u. 1 Repräsentanten erhielten, auch die Repräsentanten für London u. 27 Grafschaften vermehrt wurden, so wurde doch das Haus der Gemeinen, ging das Gesetz durch, von 658 auf 627 vermindert. Da dieser Entwurf die entschiedenste Opposition fand, so forderte am 21. April das Ministerium seine Entlassung. Der König nahm diese jedoch nicht an, sondern löste am 22. April das Parlament auf. Bei den neuen Wahlen siegte die Volkspartei entschieden, u. als am 4. Juli die Bill wiederum vor das neue Haus der Gemeinen kam, ging sie am 6. Juli 1831 mit großer Stimmenmehrheit durch, wurde aber vom Oberhaus am 7. October mit einer Mehrheit von 41 Stimmen verworfen. Hierauf vertagte der König am 10. October das Parlament, u. während die Minister sich bemühten, die gemäßigten Tories für ihre Ansichten zu gewinnen, zeigte sich im Lande wiederum große Aufregung; es kam zu einem gefährlichen Aufstande in Bristol; in London bildete sich eine Nationalunion, die mit allen politischen Vereinen im Lande in Verbindung trat. Am 6. December 1831 wurde das Parlament wieder versammelt, die wenig veränderte Reformbill dem Unterhause wieder vorgelegt u. am 23. März 1832 nach langen Kämpfen von ihm angenommen. Das Oberhaus trat abermals in Opposition, u. als am 7. Mai der Antrag des Lord Lyndhurst: zuerst zu entscheiden, welche Städte das Wahlrecht erhalten sollten u. dann erst, welche Flecken es verlieren sollten, gegen Greys Meinung vom Oberhause angenommen wurde, gaben die Minister ihre Entlassung. Wellington erklärte auf die Aufforderung des Königs, ein neues Ministerium zu bilden, welches im Stande sei, eine ausgedehnte Parlamentsreform durchzusetzen, dies für unmöglich, weshalb der König am 15. Mai das alte Ministerium wieder einberief. Die Versammlungen über die Parlamentsreform wurden nun fortgesetzt, das Volk nahm eine immer drohendere Haltung an, so daß endlich am 4. Juni 1832 auch im Oberhaus die Bill über die Parlamentsreform durchging u. am 7. Juni 1832 vom König bestätigt, zum Landesgesetz wurde. Durch dieselbe wurde die Zahl der Wähler auf eine Million erhöht, 56 verrottete Flecken verloren ihr Wahlrecht; dagegen erhielten das Wahlrecht in den Grafschaften alle lebenslänglichen Freibesitzer (Freeholders) mit 10 Pfd. Sterl. reiner Rente, alle Laßbesitzer (Lehnspächter, Copyholders) u. alle Pächter auf 20 Jahre mit 50 Pfd. Sterl. Rente, in den Städten alle diejenigen, welche Haus-, Armen- od. Fenstersteuer zahlen od. aus einem Hause 10 Pfd. Sterl. Rente beziehen.

Während im Inneren Englands diese Kämpfe stattfanden, beobachtete die Regierung gegen außen eine vorsichtige Politik. So wie Wilhelm IV. die neue Regierung in Frankreich nach den Julitagen zuerst anerkannt hatte, so bestand er auch darauf, daß in Belgien nicht intervenirt würde, u. schon am 4. Nov. versammelte sich im Auswärtigen Amte zu London eine Conferenz der Bevollmächtigten Österreichs, Englands, Frankreichs, Rußlands u. Preußens, um einen Waffenstillstand zwischen Belgien u. Holland zu vermitteln. Sie bewilligte, daß Prinz Leopold von Koburg die belgische Königskrone annehme, u. war bemüht, einen Frieden zwischen Belgien u. Holland herbeizuführen. Die Emancipation der Katholiken konnte keine allgemein wohlthätigen Folgen äußern, so lange diese noch den Zehnten an die protestantischen Geistlichen in Irland abgeben mußten. Gegen diese drückende Abgabe hatte Irland fortwährend Protestirt, u. die Bill, welche den Beamten der Krone das Recht gab, öffentliche Versammlungen [694] zu verbieten, ja im Fall der Noth sogar das Kriegsgesetz zu proclamiren, trug keineswegs zur Herstellung der Ruhe bei. 1634 verlangte Grey Erneuerung dieser nur für ein Jahr bewilligten Bill an, obgleich ein Theil des Ministeriums selbst dagegen war. Bei den Verhandlungen über dieselbe trug ein Mitglied des Unterhauses darauf an, die Einkünfte der protestanischen Kirche in Irland, welche das Bedürfniß derselben weit überstiegen, verhältnißmäßig zu vermindern u. den Überschuß anderweit zu verwenden. Dieser Antrag wurde von einigen Ministern unterstützt, während Grey heftig dagegen war, u. wenn er es auch durchsetzte, daß das Cabinet endlich zu der Erneuerung jener Bill seine Zustimmung gab, so konnte er es doch nicht verhindern, daß die Minister Althorp u. Spencer, mit Littleton, dem Staatssecretär für Irland, vereinigt, Maßregeln trafen, welche die Fortdauer jener Bill in ihrer ganzen Strenge unmöglich machen sollten. Als Grey davon unterrichtet wurde, legte er am 9. Juli 1834 sein Amt nieder, u. Lord Melbourne trat an seine Stelle, worauf mildere Maßregeln gegen Irland in Vorschlag kamen, welche aber das Oberhaus verwarf. Darauf wurde am 16. August 1834 das Parlament vertagt. Der König durch die versöhnlichen Schritte, welche das Ministerium den irischen Katholiken gegenüber gethan hatte, beruhigt, ergriff die Gelegenheit, als Lord Althorp nach dem Tode seines Vaters, des Grafen Spencer, aus dem Cabinet austrat, dieses am 14. November 1834 für aufgelöst zu erklären u. Wellington nochmals mit der Bildung eines neuen Cabinets zu beauftragen. Dieser, nicht geneigt, selbst an die Spitze eines solchen zu treten, übertrug seine Vollmacht an Robert Peel, der sich bemühte, mehrere gemäßigte Whigs zum Eintritt in das Cabinet zu bewegen. Diese lehnten aber ab, u. er sah sich genöthigt, ein Toryministerium zu bilden. Am 30. December wurde auch das Parlament aufgelöst u. am 19. Februar 1835 das neue eröffnet, worauf das Ministerium im April 1835 wieder abdankte, da im Unterhause der Vorschlag des Lords Russel durchging: die Überschüsse des protestantischen Kircheneinkommens in Irland zur Verbesserung des dortigen Erziehungswesens zu verwenden. Der König beauftragte nun Lord Melbourne aufs Neue mit der Bildung eines Cabinets, in welches auch ein Theil seiner früheren Collegen eintrat, Russel wurde Minister des Innern, Spring-Rice der Finanzen u. Denham, an Broughams Stelle, von dem sich der König persönlich für beleidigt hielt, Präsident des Oberhauses, die Stelle eines Lordkanzlers aber wurde einer Commission von drei Mitgliedern übergeben; zum Lordlieutenant von Irland wurde der wegen seiner liberalen Principien hochgeachtete Lord Mulgrave ernannt u. von den Iren mit Enthusiasmus aufgenommen. Im Sommer 1835 wurde im Parlament eine neue Städteordnung, nach welcher die städtischen Beamten aus freier Wahl hervorgehen u. jeder Steuerpflichtige wahlberechtigt wurde, angenommen, vom König zum Gesetz erhoben u. zugleich ein Gesetzvorschlag in Berathung gezogen, durch welchen der Streit über den Zehnten in Irland ausgeglichen, die dortige Kirchensteuer abgeschafft u. der Aufwand für die protestantische Kirche dadurch gedeckt werden sollte, daß man die Zahl der Bischöfe in der Zukunft beschränkte u. die Einkünste der neu anzustellenden verminderte. Die bischöflichen Ländereien sollten in Erbpacht gegeben u. die Pfründen der niederen Geistlichkeit mit einer Steuer von 7 Procent belegt werden. Dem Gesetzentwurf war die Clausel beigefügt, daß die durch dieses Verfahren erzielten Überschüsse zum Besten des Staates verwendet werden sollten, eine Clausel, welche die Tories die Appropriationsclausel nannten, weil sich der Staat durch sie etwas zueigne, was ihm nicht gehöre. Von dem Unterhause wurde der Gesetzentwurf angenommen, von dem Oberhause aber die Appropriationsclausel verworfen u. deshalb vom Ministerium die Bill einstweilen aufgegeben. In der Sitzung von 1836 wurde namentlich eine Städteordnung für Irland u. die Reform der dortigen protestantischen Kirche ebenda berathen, die aber beide in dem Oberhause scheiterten. Außerdem wurde im December d.i. von der Regierung der 1828 gestifteten Universität in London ein Freibrief (Charter) gegeben. Wegen der auswärtigen Politik wurde das Ministerium vielfach angefochten; besonders machten es ihnen die Tories zum Vorwurf, daß sie die constitutionelle Regierung der Königin von Spanien gegen Don Carlos unterstützten u. sogar dem Oberstlieutenant Lacy Evans die Errichtung einer englischen Legion für Spanien gestatteten. Wenn die Regierung Wilhelms IV., indem sie den Forderungen der gemäßigten Whigs gerecht wurde, einerseits die Tories im höchsten Grade erbitterte, so erfüllte sie andererseits bei Weitem die Hoffnungen der Radicalen nicht, welche geheime Abstimmung (Ballot) bei den Parlamentswahlen, jährliche Erneuerung dieser Wahlen u. eine Reform des Oberhauses verlangten, durch die dieses in einen wählbaren Senat verwandelt u. die Macht der Aristokratie, welche durch die Reform bereits einen bedeutenden Stoß erlitten hatte, gänzlich vernichtet worden wäre. Das Ministerium verwarf sämmtliche Forderungen. Die Häupter der Radicalen drohten nun sich gänzlich von der Regierung zu trennen, eine Drohung, die aber nicht ausführbar war, sobald sie im Parlament nicht allen Einfluß verlieren wollten.

V. Großbritannien seit der Thronbesteigung der Königin Victoria. A) Bis zum Kampf um die Kornzölle (1837–1841). In der Sitzung von 1837 kamen die irischen Fragen aufs Neue in bei den Häusern zur Sprache u. ein furchtbarer Kampfstand in Aussicht: als am 20. Juni 1837 König Wilhelm IV. nach langwieriger Kränklichkeit starb, u. seine Nichte Victoria, geb. am 24. Mai 1819, die einzige Tochter des Herzogs von Kent, den Thron bestieg. Trotz ihrer Jugend ging ihr der Ruf eines klaren, festen Sinnes, einer großen Herzensgüte u. einer ausgezeichneten Erziehung voraus, u. selten ist eine neue Regierung mit so ungeheucheltem Enthusiasmus begrüßt worden, als die ihrige. Sie huldigte den Principien der Whigs, u. ihr war wohl bekannt, daß der Orangebund, der aus lauter Tories bestand, wenige Jahre vorher den Plan entworfen hatte, sie von der Thronfolge auszuschließen. Ihr ganzer Hofstaat bestand aus Whigs. Altem Herkommen gemäß mußte das Parlament so schnell als möglich aufgelöst werden; man beeilte sich deshalb, die Session zu schließen, u. die irischen Fragen blieben unerörtert. Doch wurde vor der Auflösung des Parlaments (17. Juli 1837) die Aufhebung der Todesstrafe in den meisten Fällen,[695] wo sie bisher das Gesetz verhängte, genehmigt. Die Wahlen in G. fielen in dem großen Wahlkampfe, der nach Auflösung des Parlaments begann, für die Whigs entschieden ungünstig aus, indem diese von den Radicalen nicht unterstützt wurden u. es so den Tories möglich wurde, an vielen Orten die Stimmenmehrheit zu gewinnen. Dagegen sendete Irland eine große Anzahl whigistischer Parlamentsglieder, u. als am 19. Novbr. 1837 das Parlament eröffnet wurde, hatte das Ministerium noch immer auf eine, wenn auch schwache Majorität zu rechnen. Das Parlament sollte zunächst die Civilliste bewilligen u. dann bis Anfang Februar 1838 vertagt werden, aber Nachrichten von einem Aufstande in Canada (s.d.) machten eine frühere Einberufung nöthig. Nachdem die Vorschläge der Minister fast einstimmig angenommen worden waren, nach welchen Lord Durham mit dictatorischer Gewalt versehen, als Generalgouverneur nach Canada abging, kamen im Mai 1838 die irländischen Angelegenheiten wieder zur Berathung, doch war die Bill wegen der kirchlichen Angelegenheiten ganz verändert u. die Appropriationsclausel weggelassen. Durch diese Nachgiebigkeit gegen die Tories hofften die Minister die Städteordnung für Irland im Oberhause zur Annahme zu bringen, aber diese Hoffnung scheiterte, u. das Cabinet mußte einen derartigen Antrag fallen lassen, wogegen die irische Zehntenbill u. ein Armengesetz von beiden Häusern angenommen wurden. In Folge der Indemnitybill, welche auf Antrag Lord Brougham's die Acte des Generalgouverneurs als Vollmachtsüberschreitung für nichtig erklärte, legte Durham im November sein Amt nieder. Zu dieser Zeit entstand in England eine neue Partei, eine äußerste Fraction der Radicalen, die von dem irischen Advocat Feargus O'Connor gestiftet, in einer von ihnen aufgestellten Volkscharte (daher die Partei Chartisten genannt) allgemeines Wahlrecht, geheime Abstimmung, jährliche Erneuerung des Parlaments, eine neue Wahlbezirkseintheilung etc. verlangten. Diese Partei trat namentlich mit den politischen Handwerkervereinen in Verbindung u. schrieb 1838 öffentliche Versammlungen in ganz G. aus, um eine Nationalpetition an das Parlament zu entwerfen, welche alle Punkte der Volkscharte enthalten sollte. Man wollte Abgeordnete von allen Versammlungen nach London schicken, welche die Annahme der Charte auf alle Weise befördern sollten. Diese Vorgänge waren wohl geeignet Besorgniß zu erregen; der ungetheilte Enthusiasmus am Krönungstage der Königin, 28. Juni, zeigte jedoch, wie tief noch die Anhänglichkeit an das monarchische Princip in G. wurzelte u. wie wenig Aussicht die Chartisten hätten.

Gegen das Ausland war die Politik G-s seit einer Reihe von Jahren sich ziemlich gleich geblieben, man hatte seit Cannings Tode fast nur beobachtet, ohne handelnd einzugreifen. Die Bewilligung der Conferenz, daß der Prinz Otto von Baiern die Krone von Griechenland erhalte u. die endliche Stillung der Feindseligkeit zwischen Belgien u. den Niederlanden waren die einzigen Ereignisse von politischer Bedeutung; da erregte das immer weitere Umsichgreifen Rußlands im Orient u. sein unbedingter Einfluß auf die Regierung der Pforte u. Persiens im englischen Cabinet Besorgniß. Dazu kam, daß ein englisches Schiff, welches den Tscherkessen für Privatrechnung Kriegsbedürfnisse zuführen sollte, von dem russischen Blockadegeschwader im Schwarzen Meer genommen u. für gute Prise erklärt wurde; eine Handlung, die man zu rächen zwar nicht wagte, die aber den britischen Stolz aufregte u. den Minister des Auswärtigen, Palmerston, bewog, dem Einfluß Rußlands im Orient auf diplomatischem Wege zu begegnen. Er schloß deshalb einen Handelsvertrag mir Österreich ab, in welchem beide Mächte sich über die Politik verständigten, die sie im Orient beobachten wollten; zugleich kam auch ein politisch-commercieller Vertrag mit der Pforte zu Stande, der G. großen Einfluß in Constantinopel verschaffte, dagegen den Rußlands schwächte. Zu derselben Zeit unternahm der Schah von Persien einen Zug gegen Herat an der Grenze von Afghanistan, vereinigte sich mit den Fürsten Dost Mahomed von Kabul u. Kohal Dil Khan von Kandahar u. faßte den Plan, mit ihrer Hülfe u. von Rußland unterstützt, die englische Macht in Indien zu brechen. Aber die Perser fanden in Herat unerwartet heftigen Widerstand, so daß der Generalgouverneur von Ostindien, Lord Auckland, Zeit gewann, dem Sturme zu begegnen. Im Dec. 1838 landeten 6000 Briten in der Mündung des Indus, ein anderes Heer kam zu Lande aus Bengalen u. im März 1839 drang die britische Macht gegen Kandahar u. nach Kabul vor, zwang den Schah, die Belagerung von Herat aufzugeben, vertrieb Dost Mahomed nach Persien u. setzte den vertriebenen Schudschah als Schah von Afghanistan ein (s. Afghanistan II). Das Britisch-ostindische Reich wurde durch diesen Zug nach Afghanistan beträchtlich vergrößert.

In G. selbst wurden aber die Verhältnisse immer schwieriger. Die schlechte Ernte des Jahres 1838 hatte die Getreidepreise auf eine außerordentliche Höhe getrieben u. die Aufregung der niederen Stände dadurch vermehrt. Die Fabrikanten verlangten die Aufhebung der Korngesetze, denen zu Folge nur dann fremdes Getreide nach G. gebracht werden durfte, wenn der Preis des inländischen Getreides auf eine festbestimmte Höhe stieg; die Chartisten unterstützten diese Forderung zwar nicht, suchten aber die Aufregung für ihre Zwecke zu benutzen. Bei der Eröffnung des Parlaments für 1839 nahmen die Radicalen eine drohende Stellung im Unterhause gegen das Ministerium an, u. da zugleich die Deputation der Chartisten mit ihrer Petition u. eine Deputation der Fabrikstädte mit einer Petition wegen Aufhebung der Korngesetze in London eintrafen, so fehlte es nicht an Ursachen zur Besorgniß. Die Deputation aus den Fabrikstädten löste sich zwar auf, weil das Parlament sich gegen ihre Petition erklärte, während hingegen die Chartisten die ihrige mit 1,500,000 Unterschriften bedeckt übergaben u. im Vertrauen auf ihre Macht mehrere Excesse begingen, welche endlich die Regierung nöthigten, ernste Maßregeln gegen sie zu ergreifen. In den Westindischen Colonien waren schon in den letzten Jahren die Gesetze des Parlaments, welche die Befreiung der Negersklaven herbeiführen sollten, nicht beachtet u. ihnen bes. in Jamaica von der Colonialgesetzgebung entschiedener Widerstand geleistet worden. Da dieses auch jetzt wegen der Aufhebung der Lehrlingschaft (Apprenticeship, im Grunde nichts anderes als Sklaverei) der Neger der Fall war, so trug das Cabinet darauf an, daß[696] die Verfassung Jamaicas auf 3 Jahre außer Kraft gesetzt werden sollte, u. da sich gegen diesen Vorschlag die Radicalen mit den Tories verbanden u. das Ministerium im Unterhause blos eine Mehrzahl von 5 Stimmen erhielt, so dankte dasselbe am 7. Mai 1839 ab, u. Robert Peel erhielt Auftrag, ein neues Cabinet zu bilden. Da dieser jedoch nur unter der Bedingung den Auftrag anzunehmen erklärte, daß die Königin ihren Hofstaat ändern u. mit Tories besetzen würde, so übertrug dieselbe die Vollmacht an Melbourne, mit welchem auch nach wenigen Tagen die früheren Minister ins Cabinet traten, nur daß Lord John Russel anstatt des Innern die Colonien, Normanby das Innere u. Macaulay das Kriegsdepartement übernahm. Die Hochtories, über diese Vorgänge erbittert, gingen so weit, in ihren Organen auf das Schicksal Karls I. u. Jakobs II. hinzuweisen. Die Chartistenunruhen wuchsen immer mehr, u. da ihre Forderungen im Parlament keine Berücksichtigung fanden, so wurde in Birmingham ein förmlicher chartistischer Nationalconvent von ihnen eröffnet, welcher eine Heilige Woche verkündete, in welcher kein Arbeiter arbeiten, sondern nur berathen sollte. Außer O'Connor zeichneten sich unter ihnen bes. O'Brien, Vincent u. ein Pfarrer Stephens aus; auf O'Brien's Vorschlag sollte die Heilige Woche mit dem 12. Aug. 1839 beginnen, worauf jedoch die Massen nicht eingingen. Bereits im Juli d.i. kam ein Aufstand in Birmingham zum Ausbruch, das Militär mußte einschreiten u. die strengsten Maßregeln überall ergriffen werden. Der Nationalcongreß in Birmingham löste sich zwar auf, trat aber bald darauf in London wieder zusammen. Bis im Nov. dauerten die partiellen Aufstände in G. fort, die von den Chartisten veranstaltet, aber überall u. oft erst nach blutigen Kämpfen von dem Militär unterdrückt wurden; der bedeutendste davon war der in Südwales unter Leitung von Frost, Williams u. Jones, welche mit 8000 Mann die Stadt Newport überfielen. Ein ernster Angriff des Militärs reichte hin, sie zu zerstreuen, die Anstifter selbst wurden gefangen u. deportirt.

Die erste Berathung des am 16. Jan. 1840 wieder eröffneten Parlaments betraf die Apanage des Bräutigams der Königin, des Prinzen Albert von Sachsen-Koburg-Gotha, mit dem sie am 10. Febr. d.i. ihre Vermählung vollzog. Das Parlament bewilligte dem Prinzen am 27. Jan. statt der beantragten 50,000 Pfd. nur 30,000 Pfd. Sterl. des Jahres. Da ein von der Toryopposition in das Unterhaus gebrachtes directes Mißtrauensvotum gegen das Ministerium mit nur geringer Majorität abgeworfen wurde, so suchte dieselbe das Cabinet durch Interpellationen über die finanzielle Lage des Landes, u. da auch dies mißlang, durch einen von Stanley eingebrachten Antrag zu erschüttern, der anscheinend nur auf Abstellung mehrer Mißbräuche bei den Parlamentswahlen in Irland gerichtet, in der That aber auf Unterdrückung der Volkspartei bei den dortigen Wahlen berechnet war, wodurch das Ministerium unfehlbar die Majorität im Unterhause verlieren mußte. Die Minister zogen die Berathung über diesen Punkt bis zum Ende der Session hinaus, worauf Stanley den Antrag fallen ließ. Noch während der Parlamentssitzung am 10. Juni 1840 wurde von einem jungen Menschen, Oxford (s.d.), ein Attentat auf die Königin ausgeführt; da Oxford keiner politischen Partei angehörte u. keinen politischen Zweck bei seiner That verfolgt hatte, so wurde er als wahnsinnig ins Irrenhaus geschickt. Währenddem hatten G., Rußland, Österreich u. Preußen am 15. Juli 1840 einen Tractat wegen der Orientalischen Angelegenheiten abgeschlossen, welcher Anfangs unter Zustimmung Frankreichs erfolgte, später jedoch ohne dessen Hinzuziehung unterzeichnet wurde, was zu vielfachen diplomatischen Verhandlungen mit Frankreich u. zu einem Kriegszuge gegen Syrien Veranlassung gab. Da der Vicekönig von Ägypten die Annahme des Ultimatum der vereinigten Mächte verweigerte, landeten vom 10. bis 12. Sept. die Soldaten der unter dem Oberbefehl Lord Stopfords stehenden türkischen, britischen u. österreichischen Seemacht vor Beirut, bombardirten dasselbe u. besetzten es am 15. Sept. 1840. Von dort weg wandte sich die Expedition nach St. Jean d'Acre, das, zu Wasser u. zu Lande belagert, sich nach kurzem Widerstand am 11. Novbr. 1840 ergab. Hierdurch zum Nachgeben gezwungen, zog Mehemed-Ali seine Armee aus Syrien zurück, s.u. Ägypten (Gesch. IX). Am 15. März 1841 schlossen G., Rußland, Österreich, Preußen u. Frankreich einen Vertrag mit der Pforte, durch welchen die Dardanellen allen Kriegsschiffen verschlossen wurden. Wichtiger als dieser Kampf in Syrien war die Aufregung, die sich in Folge des Ausschlusses bei den Orientalischen Angelegenheiten in Frankreich zeigte u. die endlich zu vollständigen Rüstungen führte. Indessen imponirte die besonnene Ruhe der vier Großmächte den Franzosen; das französische Ministerium unter Thiers dankte Ende 1840 ab, machte dem friedlichen Ministerium Soult-Guizot Platz, u. die Aussichten auf einen allgemeinen europäischen Krieg verschwanden. Außer jenem Kampf in Syrien war seit Frühjahr 1840 auch ein anderer Krieg mit China, wegen der Zerstörung einer Quantität Opium durch die chinesischen Behörden, ausgebrochen (s. China, Gesch. VI. B). Auch mit Nordamerika sah sich G. in neue Händel verwickelt; 1838 hatten Briten ein amerikanisches Schmuggelschiff, welches den Behauptungen der Amerikaner zu Folge, innerhalb der amerikanischen Grenzen vor Anker lag, weggenommen, u. ein Brite, Mac Leod, sollte dabei thätig gewesen sein. Dieser wurde zwei Jahre später in Nordamerika verhaftet u. aller Protestationen des britischen Gesandten ungeachtet 1841 vor Gericht gestellt. Diese Maßregel gab zu vielen diplomatischen Verhandlungen Anlaß u. endigte sich dadurch, daß Mac Leod endlich am 16. Oct. 1841 freigesprochen wurde.

B) Bis zum Bündniß mit Frankreich u. dem Ausbruch des Orientalischen Kriegs (1853). In der inneren Politik G-s bewegte sich der Parteikampf von jetzt an namentlich um die Kornzölle; bereits 1838 hatte sich unter Richard Cobden's (s.d.) Vorsitz in Manchester ein Verein (Anticorn-Law-League) gebildet, welcher die Erschütterung des bestehenden Schutzzollsystems im Allgemeinen u. Aufhebung der Kornzölle insbesondere anstrebte. Das Parlament für 1841 wurde am 26. Jan. durch die Königin eröffnet, aber bald zeigte es sich, daß das Ministerium auf eine zahlreiche Majorität nicht rechnen konnte. Am 27. Mai trug Peel darauf an, das Haus möchte erklären, daß die Minister das Vertrauen des Parlaments nicht besäßen, u. dieser Vorschlag wurde nur durch die Majorität[697] einer Stimme am 5. Juni verworfen. Hierauf wurde das Parlament am 22. Juni vertagt, am 23. aufgelöst u. das neue Parlament, in welchem die Tories die Majorität hatten, am 19. Aug. eröffnet. Das Unterhaus gab an demselben Tage die oben von Peel verlangte Erklärung, worauf am 28. Aug. sämmtliche Minister niederlegten u. von R. Peel ein Torycabinet gebildet wurde, in welches Wellington, Lyndhurst, Buckingham, Gulbourn, Graham u. Stanley eintraten. Peel kündigte für die nächste Session große Gesetzreformen an, ließ aber das Parlament für 1841 sich schon am 7. Oct. 1841 vertagen. Um dieselbe Zeit entdeckte man eine große Anzahl falscher Schatzkammerscheine, die zu einem Processe Veranlassung gaben, in welchem mehrere Beamte compromittirt wurden. Die Noth in den Fabrikstädten war groß, u. hier u. da tauchten wieder Unruhen auf, die von Chartisten angestiftet waren. Am 9. November 1841 erfolgte die Geburt eines Thronerben, der bei der Taufe (den 25. Jan. 1842) die Namen Albert Eduard erhielt. Gleich nach Beendigung der Tauffeierlichkeiten trafen von Ostindien aus sehr beunruhigende Nachrichten ein; seit der Besetzung Kabuls in Afghanistan war die Eroberung ziemlich unangefochten festgehalten worden; zwar wurde der britische Resident in Kelat Ende 1840 ermordet, allein Dost Mahomed, am 2. Novbr. d.i. geschlagen u. von seinen eigenen Truppen verlassen, hatte sich den Briten im Novbr. freiwillig ergeben. Dagegen brach unter Akbar-Khan, einem Sohne Dost Mahomeds, im Novbr. 1841 ein allgemeiner Aufstand der Afghanen, bes. in Kabul, aus, in welchem der Capitän Burnes, englischer Gesandter am Hofe Schudschahs, u. viele andere Briten ermordet wurden. Die Briten hatten sich überall zum Rückzuge genöthigt gesehen u. waren auf dem Rückzuge gegen die Capitulation von den Feinden überfallen u. am 10. u. 11. Januar 1842 in den Keiberpässen niedergemacht od. gefangen genommen. Auf diese Nachricht, die in England große Entrüstung erregte, wurden sogleich Truppen nach Ostindien geschickt, um die Afghanen energisch zu züchtigen, s. Afghanistan (Gesch.). Am 20. Dec. 1841 wurde zwischen G., Frankreich, Österreich, Preußen u. Rußland ein Tractat wegen Unterdrückung des Sklavenhandels abgeschlossen, dessen Ratification von Seiten Frankreichs aber, des gegenseitigen in Anspruch genommenen Durchsuchungsrechts der Schiffe halber, verweigert wurde, während die anderen Mächte sämmtlich unterzeichneten. Nachdem am 2. Febr. 1842 der Herzog von Buckingham, der sich als ein starrer Vertheidiger der bestehenden Kornzölle, mit Peels Gesetzvorschlägen nicht vereinigen konnte, aus dem Cabinet getreten war, wurde am Tag darauf das Parlament von der Königin eröffnet u. am 9. von Peel ein Korngesetz ins Unterhaus gebracht, dem zu Folge der Zoll zwar herabgesetzt, eine nach Verhältniß des Preises schwankende Scala aber beibehalten werden sollte. Brachte dieser Vorschlag schon große Aufregung hervor, indem er den Tories, als den conservativen Principien widersprechend, den Whigs u. Reformers aber als unzureichend für die Milderung des Nothstandes im Lande erschien, so war dies bei der am 11. März dem Hause vorgelegten Bill in noch größerem Maße der Fall, durch welche alle den Verkehr störenden Zölle beseitigt u. das Deficit durch eine Steuer von 3 Procent auf jedes größere Einkommen gedeckt werden sollte. Dieser Vorschlag wurde, mehrfachen Widerspruchs ungeachtet, am 1. Juni mit großer Stimmenmehrheit angenommen, da Peel für die verlorenen Stimmen der Tories eine große Anzahl Whigs gewonnen hatte. Während man über diese Bill noch debattirte, geschah am 30. Mai 1842 durch Francis (s.d. 2) ein neuer, aber ebenfalls erfolgloser Mordversuch auf das Leben der Königin. Der Thäter wurde verhaftet u. am 17. Juni zum Tode verurtheilt, aber von der Königin zur Deportation begnadigt; ein bloßer Schreckversuch, von Bears am 3. Juli auf die Königin unternommen, wurde blos mit einiger Gefängnißstrafe geahndet. In Folge davon wurde am 12. Juli eine Bill zum Schutz der Person des Trägers der Krone ins Parlament gebracht. Bei Drohversuchen sollte ein schneller u. unceremoniöser Proceß Statt finden u. ähnliche Frevler, wie Bears, zu siebenjähriger Deportation u. vorhergehender Auspeitschung bestraft werden. Dieser Gesetzvorschlag wurde angenommen. Am 12. Aug. wurde das Parlament vertagt.

Im Innern G-s herrschte im Anfang bis in die Mitte 1842 große Unruhe, meist durch die Noth der Fabrikarbeiter hervorgerufen. In den Fabrikbezirken, bes. in Preston u. Manchester, nahmen die Fabrikarbeiter im Verein mit den Chartisten eine drohende Stellung ein, um höheren Arbeitslohn zu erzwingen, u. es kam nochmals zu Aufständen, die durch Militärgewalt unterdrückt werden mußten. Die gute Ernte des Jahres 1842 trug dagegen hauptsächlich dazu bei, daß die Fabrikarbeiter wieder zur Arbeit zurückkehrten. Aber dieselbe war nicht überall zu finden, da sich in manchen Fabrikzweigen ein gänzlicher Geschäftsstillstand, bes. durch die, durch ungeheuere Bankerotte in den Vereinigten Staaten von Nordamerika u. durch Zollmaßregeln des Festlandes, bes. des Deutschen Zollvereins, so wie durch Überfüllung mit englischen Waaren veranlaßt, auf fast allen Punkten zeigte. Mehrfache Brände, bes. in Liverpool, bezeichneten auch für England das Jahr 1842 als ein unglückliches, u. das im Oct. erfolgte Fallissement der Bank in Manchester wirkte ebenfalls höchst ungünstig ein. Mit Ende 1842 nahmen dagegen die Verhältnisse eine entschieden günstige Wendung. Nachdem bereits am 9. Aug. 1842 ein Grenzvertrag mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika abgeschlossen worden war u. so den Hauptanlaß zu Streitigkeiten glücklich beseitigt hatte, langte Ende Nov. an Einem Tage die Nachricht von der Besiegung der Afghanen u. von dem Frieden von Nanking mit China in London an; s.u. Afganistan u. China (Gesch.) VI. B). In dem letzteren Frieden wurde die Insel Hong-kong auf ewige Zeiten an England abgetreten, 21 Millionen Dollars als Schadenersatz gezahlt u. den Briten sollten die Häfen Canton, Amoy, Ninghpo, Thinghai u. Fu-tscheu-fu geöffnet werden. Auch in anderer Beziehung traten für G. bessere Verhältnisse ein; die Ausfuhr englischer Fabrikate begann sich günstiger zu gestalten, Bestellungen gingen ein, der chinesische Markt eröffnete eine große Aussicht, während der ärmere Theil der Bevölkerung durch Ermäßigung der Brodpreise befriedigt worden war. Differenzen mit Frankreich wegen des Durchsuchungsrechtes u. einer Besetzung der Marquesasinseln durch den französischen Contreadmiral Dupetit-Thouars wurden auf diplomatischem Wege[698] geschlichtet. Dagegen gab der Anfang des Jahres 1843 wieder zu ernsten Besorgnissen Veranlassung. Die Finanzen zeigten ein Deficit von 3 Millionen Pfund Sterling, die Nahrungslosigkeit in den Fabrikstädten, der Chartismus u. die kirchlichen Parteistreitigkeiten Irlands nahmen wieder eine drohendere Gestalt an. Hierzu trat noch eine neue Erscheinung, die sogenannte Rebekka u. ihre Töchter in Wales, eine Verbindung der dortigen Einwohner, welche es sich zum Ziel gesetzt hatte, Schlagbäume u. Zollhäuser zu zerstören. Anfangs trieben die Rebekkaiten, die sogleich in Trupps von Hunderten auftraten, ihr Unwesen fast nur des Nachts, bald aber nahmen ihre Zollhäuserzerstörungen einen so wilden u. gefährlichen Charakter an, daß es der bewaffneten Macht nur mit Mühe gelang, die Ordnung wieder herzustellen. Erst als es in der zweiten Hälfte des Jahres gelang, viele der Rebekkaiten u. darunter die Hauptanführer gefangen zu nehmen, kehrte in dem unruhigen Districte allmälig die Ruhe zurück, obgleich einzelne Excesse selbst noch gegen Ende des Jahres vorkamen.

Währenddem nahm das Unwesen geistlicher Zwistigkeiten, sowie die hiermit in engem Zusammenhange stehenden Fortschritte, welche der Puseyismus (s.d.) u. Katholicismus machten, die öffentliche Aufmerksamkeit um so mehr in Anspruch, als sich seitdem die Übertritte zur Römisch-katholischen Kirche sehr bedeutend vermehrten, u. dabei auch in der Kirche von Schottland eine Spaltung ausbrach (s.u. Schottische Kirche). Indeß blieben doch auch diese Dinge im Grunde nur vorübergehende Erscheinungen; anders dagegen verhielt es sich mit dem gleichzeitigen, unter O'Connell stattfindenden, einen rein politischen Charakter an sich tragenden Repealbewegungen in Irland, welches in das innerste Staatsleben G-s eingriff. In wie weit O'Connell schon in der früheren Zeit für Trennung der legislativen Union Irlands von England (Repeal of the Union), u. für Wiederherstellung eines besonderen irischen Parlaments thätig gewesen war, s.u. Irland (Gesch.) u. O'Connell. 1843 wurde der Proceß über diese, in dem ganzen Reiche mit gleichgroßem Interesse verfolgte Angelegenheit eingeleitet, O'Connell u. seine Genossen in Anklagestand versetzt, u. da sich der Proceß sehr in die Länge zog, erst am 30. Mai 1844 von der Dubliner Gerichtsbench zu mehrmonatlicher Freiheitsstrafe, zu Geldstrafen von verschiedener Höhe u. Caution, sowie Bürgenstellung für eine siebenjährige Erhaltung des Friedens verurtheilt. Dieses Urtheil wurde zwar schon am 4. Sept. auf eingelegte Appellation wegen vorgefallener Formenfehler vom Oberhause cassirt u. O'Connell wieder in Freiheit gesetzt, allein die Kraft des irischen Agitators war gebrochen u. die Repealbewegung verstummte nach u. nach gänzlich. Nach glücklicher Lösung dieser Frage, die übrigens sehr bald mehrere zeitgemäße Reformen in der Staatsverwaltung Irlands zur Folge hatte, blieb vor der Hand nur noch die immer mehr mit dem Freihandel identisch werdende Bewegung für Aufhebung der bestehenden Getreidegesetze im Vordergrunde. Seit der Sanctionirung der Peelschen Zollmaßregeln, in welchen die Anti-Cornlaw-League eine Annäherung an die von ihr verfochtenen Principien erkannte, entwickelte dieser Verein eine so außerordentliche Thätigkeit u. machte dabei so bedeutende Fortschritte, daß schon jetzt an einem endlichen Siege dieser Sache nicht gezweifelt werden konnte. Während im ganzen Norden Englands Vereine gebildet, Meetings veranstaltet, öffentliche Vorlesungen gehalten, eine große Anzahl von Schriften vertheilt, kurz die Agitation in alle Kreise hinein verbreitet wurde, erzielte man im Jahre 1843 durch die Subscription, welche zur weiteren Leitung u. Verfolgung der Bewegung eröffnet wurde, die Summe von 50,000 Pfd. Die vorzüglichsten Führer der Bewegung waren Cobden, Fox, Bright u. Wilson, der Hauptsitz des Ganzen aber die Stadt Manchester (weshalb die Anhänger des Freihandelsystems den Namen der Manchesterpartei od. Manchesterschule erhielten) u. seit Februar 1843 in London. Hier machte die League große Fortschritte u. trug auch bei dem Wahlkampf für die Londoner City im Sommer 1843 den Sieg für ihren Candidaten Pattison davon. Dagegen zeigte sich gegen Ende 1843 u. Anfang 1844 im Gegensatz zur League eine große Bewegung unter den Agriculturisten in den Grafschaften Essex, Sussex etc., in Folge deren vorzugsweise unter der Leitung des Herzogs von Buckingham sich eine förmliche Gegen-League zur Aufrechthaltung der Korngesetze constituirte, die im Vereine mit der bereits 1842 gestifteten Centralgesellschaft für den Schutz des Landbaues den Bestrebungen der League eine Grenze zu setzen suchte. Allein alle die Versuche zu Gunsten des Schutzzolls blieben erfolglos. Von den sonstigen Ereignissen der Jahre 1843 u. 1844 verdienen noch erwähnt zu werden: die Eröffnung des Tunnels unter der Themse am 25. März 1843; die Besuche des Kaisers von Rußland u. des Königs der Franzosen in London 1844 u. die durch Peel in der Parlamentssession von 1844 durchgebrachte Bankreform. Nach der Bankbetriebsacte vom 19. Juli d.i. wurde zur Feststellung des jedesmaligen Verhältnisses der Ausgabe von Papiergeld zu den vorhandenen Fonds die Bank in zwei getrennte Departements getheilt, das eine für die Ausgabe von Papiergeld, das andere für das eigentliche Bankgeschäft beide verpflichtet, regelmäßig wöchentlich eine Übersicht ihres Geschäftsbetriebes zu veröffentlichen.

Das Parlament von 1845 wurde am 4. Februar eröffnet; die Thronrede hatte ihren eigentlichen Schwerpunkt darin, daß eine Erneuerung der Einkommensteuer in Aussicht gestellt u. auf die Nothwendigkeit einer weiteren Verbesserung der Zustände in Irland, namentlich in geistiger Beziehung, hingewiesen wurde. Die Irländische Frage concentrirte sich schließlich in der von Peel am 5. April eingebrachten sogenannten Maynooth/Bill, welche eine erweiterte Unterstützung des katholischen Seminars zu Maynooth beantragte, u. dann in einer von Sir I. Graham am 9. Mai eingebrachten Bill, welche darauf hinausging, an drei Plätzen in Irland akademische Collegien vom Staate errichten u. ausstatten zu lassen. Beide Anträge riefen in beiden Häusern des Parlaments einen gewaltigen Sturm hervor, u. während gegen den ersten die Vorkämpfer des Protestantismus mit aller Entschiedenheit in die Schranken traten, nahmen an dem zweiten Antrag namentlich die katholischen Bischöfe deswegen Anstoß, weil in den zu errichtenden akademischen Collegien vorzugsweise weltliche Wissenschaften,[699] mit Ausschließung des theologischen Elementes, gelehrt werden sollten. Ungeachtet des großen Widerstandes aber, den beide Bills fanden, gingen sie doch endlich durch. Noch größeren Widerstand erfuhren Peels beantragte Erneuerung der mit dem Jahr 1845 ablaufenden Einkommensteuer u. die damit in engem Zusammenhang stehenden, zugleich in Vorschlag gebrachten Finanzmaßregeln. Aus dem bei dieser Gelegenheit vorgelegten Rechenschaftsbericht ergab sich für den Schluß des laufenden Finanzjahres ein Überschuß von 5 Mill. Pfd. Sterl. Die dessenungeachtet beantragte Forterhebung der Einkommensteuer begründete Peel theils durch die gesteigerten Positionen für Heer u. Flotte, theils durch gleichzeitig beantragte Zollreductionen, u. schließlich wurden seine Anträge in unveränderter Form in beiden Häusern angenommen. Diese Erfolge der Peelschen Verwaltung erfüllten die Freihandelspartei mit immer größerer Zuversicht; denn wenn auch vor der Hand in dieser Parlamentssession weder der Antrag Villiers gegen die Korngesetze, noch der Antrag Cobdens auf Niedersetzung eines Comités zur Untersuchung der Folgen des Schutzsystems auf den Ackerbau durchgebracht werden konnte, so stieg doch in der öffentlichen Meinung die Sympathie für die Principien der League von Tag zu Tag höher, u. die namhaftesten öffentlichen Blätter u. Journale traten eins nach dem andern auf die Seite der League über. Den Impuls zu einer weiteren Sanctionirung der Freihandelsprincipien gaben die traurigen Verhältnisse in Irland, wo die Kartoffel-, also die Haupternte der arbeitenden Klassen, gänzlich mißrathen war u. sonach eine Hungersnoth in naher Aussicht stand. Die Anti-Cornlaw-League entwickelte sogleich aufs Neue ihre Thätigkeit u. zeigte, daß zur Abwendung des bevorstehenden Unglücks nur. Ein Mittel ausreichende Garantie biete, nämlich die sofortige Freigebung der Lebensmitteleinfuhr. Dem Ministerium blieb unter diesen Verhältnissen nur die Wahl zwischen zwei Wegen, entweder dem dringenden Verlangen der League u. deren zahlreichen Anhänger auf seine eigene Verantwortlichkeit ohne vorherige Befragung des Parlaments nachzugeben, od. das Parlament vor der gesetzlichen Zeit einzuberufen Peel war für den letzteren Weg entschlossen, vermochte aber nicht die übrigen Cabinetsmitglieder zu gleichem Entschluß zu bringen u. mußte es geschehen lassen, daß vor der Hand nur eine neue Commission entsendet wurde welche den Auftrag erhielt, über den Stand des Getreidemarktes die umfassendsten Erkundigungen einzuziehen. Da erschien J. Russels offener Brief am 22. Nov., worin nicht nur auf eine sofortige Einberufung des Parlaments gedrungen, sondern auch das Volk aufgefordert wurde, geeignete Schritte zu thun, um sobald als möglich die Frage über freie Getreideeinfuhr zur Entscheidung zu bringen. Jetzt verlangte Peel vom Cabinet die Zustimmung zur schleunigen Eröffnung der Häfen, u. da er bei seinen Collegen u. namentlich bei Lord Stanley auf heftigen Widerstand traf, so reichte er seine Entlassung ein. Lord John Russel, von der Königin mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt (19. Decbr.), gab nach einem vergeblichen Versuche die erhaltene Vollmacht wieder in die Hände der Königin zurück, welche nun wiederum Rob. Peel mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragte. In Folge davon trat das frühere Cabinet wieder ins Amt, mit Ausnahme Stanleys, dessen Stelle Gladstone übernahm. Hiermit war der endliche Sieg der Anti-Cornlaw-League u. die Aufhebung der bestehenden Getreidegesetze so gut wie entschieden.

Das Parlament für das Jahr 1846 wurde schon am 19 Jan. eröffnet, u. bereits am 27. Jan. trat Peel mit seinen Reformationsplänen hervor, welche hauptsächlich dahin gingen, im Allgemeinen den Weg anzubahnen, um nach u. nach allen Zweigen des Staatslebens eine den Grundsätzen einer freisinnigen Handelspolitik entsprechende Gestaltung zu geben, vor der Hand aber bes. dafür Sorge zu tragen, daß Lebensmittel aller Art, Getreide ausgenommen, wobei er nur noch für die nächsten drei Jahre eine niedrige gleitende Scala in Vorschlag brachte, sofort frei eingeführt, dem Landbau drückende Lasten abgenommen, zur Hebung desselben Anleihen gemacht, u. in Rücksicht auf Manufacturen die bestehenden Zölle auf die Hälfte des Betrags vermindert würden, wobei indeß die gröberen Artikel in Wolle, Leinen u. Baumwolle eine Ausnahme erfuhren, u. für dieselbe freie Einfuhr beantragt wurde. Diese Anträge wurden nach langen Verhandlungen schließlich in beiden Häusern in unveränderter Form angenommen, wogegen am 25. Juni die sogenannte Irische Zwangsbill, ein Gesetzvorschlag, welcher vornehmlich gegen die geheimen Bauernverschwörungen in Irland gerichtet u. zum Schutz von Eigenthum u. Leben in Irland bestimmt war, verworfen wurde. Nach dieser Niederlage trat Peel aus dem Ministerium.

Das neue Whigministerium, welches an die Stelle des abgetretenen Torycabinets trat, hatte zu seinen hervorragendsten Mitgliedern: Premier Lord John Russell, Minister des Äußern Lord Palmerston, des Innern Sir G. Grey, Colonialminister Lord Grey, Großsiegelbewahrer Lord Minto, Generalzahlmeister Macaulay, wogegen den Oberbefehl über das Heer der Herzog von Wellington wieder übernahm. Das neue Ministerium sah sich namentlich in Rücksicht auf die irländischen Zustände großen Schwierigkeiten ausgesetzt, die noch in dieser Parlamentssession zu schleuniger Abhülfe gebieterisch aufforderten. Die Regierung hatte zwar, um der drohenden Hungersnoth in Irland vorzubeugen, Anfang 1846 große Partien Mais dorthin geschafft, um dieselben unter die Armen vertheilen zu lassen, allein diese Beihülfe hatte sich um so unzureichender erwiesen, als die niedern Klassen großes Mißtrauen gegen dieses Nahrungsmittel bezeigten. Unter solchen Verhältnissen nahmen die Verbrechen gegen die Sicherheit der Person u. des Eigenthums täglich zu. Um zunächst die öffentliche Sicherheit in Irland wiederherzustellen, machte Labouchere, Secretär für Irland, im Parlament den Vorschlag, man möge vorerst zu einer provisorischen Erneuerung der Irischen Waffenbill schreiten, wonach der Besitz von Feuerwaffen in Irland an gewisse Einschränkungen gebunden ist. Trotz der Gehässigkeit dieser Bill setzte die Regierung dieselbe bis zu ihrer zweiten Lesung durch, ließ jedoch kurz darauf den ganzen Antrag wieder fallen. Dagegen wurde unter Genehmigung des Parlaments der Lordlieutenant von Irland ermächtigt, einer Gesellschaft auf deren Verlangen Geld zu öffentlichen Bauten vorzuschießen.[700] Da die Zustände in Irland gegen Ende des Jahres immer drohender wurden, so sah sich nach Schluß der Parlamentssession (28. August), die Regierung genöthigt, auf eigene Verantwortung hin der ebenerwähnten Bill. in soweit eine Ausdehnung zu geben, als die öffentlichen Gelder gegen ausreichende Sicherheit auch zu Arbeiten auf dem Grund u. Boden von Privaten zur Beschäftigung von Arbeitern verwendet werden durften. Indeß auch diese Maßregel bewies sich als unzureichend; das Elend in Irland stieg immer höher u. Hunger, Krankheiten, Verzweiflung, Aufruhr, Raub u. Mordthaten nahmen immer mehr überhand. Hierzu kam noch, daß sich auch England u. Schottland von einer Theuerung heimgesucht sahen, so daß auch im Jahre 1847 ein früherer Zusammentritt des Parlaments nöthig wurde. Derselbe erfolgte am 19. Januar, u. schon am 21. Jan. schlug die Regierung eine Suspension der Getreide- u. Schifffahrtsgesetze bis zum 1. Sept. 1847 vor, welche ohne Weiteres angenommen wurde. Ebenso wurde eine weitere Proposition Lord John Russel's angenommen, nach welcher in jedem Wahlbezirke Irlands mit dem Ankauf u. der Vertheilung von Lebensmitteln beauftragte Wohlthätigkeitscomités niedergesetzt, den Grundbesitzern zur Zurückzahlung der ihnen im vorigen Jahre vorgestreckten Fonds nicht nur eine längere Frist zugestanden, sondern auch neue 50,000 Pfd. Sterl. zum Ankauf von Saatkorn u. außerdem 1 Mill. zur Verbesserung der noch brach liegenden Ländereien vorgestreckt, der Verkauf zu schwer belasteter Güter erleichtert wurde etc. Von den noch in dieser Parlamentssession, wenn auch nicht zu einer Entscheidung, aber doch auf die Bahn gebrachten wichtigeren Fragen, waren die wichtigsten die über die Arbeitszeit in den Fabriken, über das öffentliche Erziehungswesen, wobei die Errichtung neuer Schullehrerseminare beantragt u. genehmigt wurde, u. die über die Herabsetzung der bisher lebenslänglichen Dienstzeit des Militärs auf 10 Jahre. Geschlossen wurde die Session am 23. Juli, u. hiermit löste sich, da die 7 Jahre, für welche das Unterhaus gewählt war, abliefen, das Parlament selbst auf.

Während in Irland die allgemeine Noth fortdauerte u. nur in manchen Districten verbesserte Zustände zum Vorschein kamen, brach jetzt plötzlich über ganz G. in Folge einer allgemein herrschenden Geldklemme eine Handelskrisis herein, u. man berechnete bis zum Oct. die Passiva der gefallenen Handelshäuser bereits auf mehr als 10 Mill. Thaler. Hierzu kam noch eine Stockung im Fabrikwesen. In der Umgebung von Mancchester waren in Folge der Arbeitseinstellung in Ashton u. Mossley gegen 30,000 Spinner beschäftigungslos, wozu in Kurzem noch 10–12,000 Entlassene kamen; in Bolton waren 14 Fabriken ganz geschlossen, 47 arbeiteten nur kurze Zeit u. nur 20 gaben ihren Leuten noch volle Beschäftigung, so daß in dieser wichtigen Fabrikstadt mehrere Tausende ganz beschäftigungslos wurden. Außerdem klagte man in Schottland u. Irland immer lauter über die zahlreichen Schaaren von Eisenbahnarbeitern, welche, da die meisten Eisenbahnbauten wegen des herrschenden Geldmangels ganz od. theilweise eingestellt wurden, sich genöthigt sahen heimzukehren. Unter solchen Verhältnissen trat das neue Parlament am 23. Novbr. 1847 zusammen. Vor allen Dingen wurden die Handelskrisis u. die Zustände in Irland, wo in weiterer Folge der materiellen Noth die geheimen Verschwörungen, Mordthaten u. Verbrechen aller Art unterdeß noch mehr überhand genommen hatten, zur Verhandlung gebracht. In Rücksicht auf die Handelskrisis wurde auf Antrag der Regierung ein Comité zur Untersuchung der Ursachen derselben u. der auf Banknoten gerichteten Gesetze niedergesetzt; in Bezug auf die irländischen Zustände aber die am 25. Juni 1846 von Peel eingebrachte, aber damals verworfene Irische Zwangsbill angenommen. Kurz vor dem Schluß des Jahres, am 20. December 1847, vertagte sich darauf das Parlament. Das Jahr 1847 erhielt noch eine besondere Bedeutung dadurch, daß es am 24. December endlich zu einem Friedensabschluß in der Capcolonie mit den seit 1846 aufrührerischen Kaffern kam, wodurch die Herrschaft der Engländer in Südafrika einen neuen Halt erhielt (s. Capland, Gesch.). Der Wiedereröffnung des Parlaments, am 3. Februar 1848, sah man mit allgemeiner Spannung entgegen. Zu den schwebenden inneren Fragen kamen jetzt auch zwei die Politik Englands nach außen betreffende Angelegenheiten: die spanischen Heirathen (s. Frankreich u. Spanien, Gesch.), gegen deren Art u. Weise Palmerston Protest erhoben hatte, u. Englands weiteres Verhalten in der Schweizer Sonderbundsangelegenheit (s.u. Schweiz, Gesch.), die unterdessen in so fern in ein neues Stadium eingetreten war, als die späteren Verhandlungen die übrigen Großmächte, bes. das französische Cabinet, in der Meinung bestärkt hatte, daß auch England zu ernsten Schritten bereit sein werde. Der erste Act des Ministeriums nach Wiederöffnung des Parlaments von 1848 war am 18. Febr. der Antrag auf Erhöhung der Einkommensteuer von 3 auf. 5 Procent, welcher einen höchst ungünstigen Eindruck im ganzen Lande hervorbrachte. Mitten in diese Bewegung hinein fiel die Nachricht von der Pariser Februarrevolution, Russell erklärte im Parlament, daß G. sich von jeder Einmischung fern halten werde, dessenungeachtet ließ das Cabinet, um auf alle Fälle vorbereitet zu sein, zu Land u. zu See rüsten. Unverkennbar in Verbindung mit den bewegenden socialistischen Ideen in Paris erhoben sich auch die Chartisten wieder. Schon Ende März hatten sich die Abgeordneten derselben aus allen großen Städten Englands, Schottlands u. Irlands in London versammelt, um die Annahme der Volkscharte als Landesgesetz durchzusetzen. Als jedoch bald die Sprache der Chartisten drohender wurde, entwickelte die Regierung sofort eine so große polizeiliche Thätigkeit, daß an Erfolge der Chartistenbewegung nicht zu denken war. Bei Übergabe einer angeblich mit mehreren Millionen bedeckten Riesenpetition an das Parlament wurde die Ruhe auch nicht gestört. Ebenso glücklich war die Regierung in Irland, wo die französische Februarrevolution gleichfalls die Unzufriedenen zu neuen Hoffnungen u. damit zu erhöhter Opposinon gegen die Regierung trieb; doch traf die Regierung auf Grund der ihr zugestandenen Ausnahmegesetze so umfassende militärische Vorkehrungen, daß die ganze dortige Bewegung in sich zusammenfiel. Nachdem eine Erhöhung der Einkommensteuer abgeschlagen worden war, fand die Finanzfrage, wenn auch nach abermaligen harten Kämpfen im Parlament durch eine[701] dem Deficit entsprechende Anleihe ihre endliche Erledigung. Eine in das erste Viertel des Jahres fallende Differenz des Londoner Cabinets mit Spanien, hervorgerufen durch das bei einer revolutionären Bewegung in Madrid von der englischen Regierung in Schutz genommene Wirken Bulwer's, britischen Gesandten in Madrid, führte zu einem scharfen Notenwechsel u. trug schließlich nur dazu bei, dem englischen Einfluß am Madrider Hofe eine neue Unterlage zu geben. Die Parlamentssession von 1848 lieferte auch noch vor ihrem Schluß (am 5. Septbr.) den Beweis, daß selbst unter so gewaltigen politischen Stürmen im Ausland die Vertreter der englischen Nation es wagen konnten, an Staatsinstitutionen zu rütteln, welche Jahrhunderte lang dem englischen Handelsleben als Basis gedient hatten, nun aber, wenn anders das zur Geltung gebrachte Freihandelssystem consequent durchgeführt werden sollte, ebenso fallen mußten, wie früher die alten Korngesetze. Während schon die Thronrede auf die Aufhebung der alten Navigationsgesetze hingewiesen hatte, trat am 15. Mai Labouchere, Präsident des Handelsamtes, mit dem hierauf bezüglichen Plan des Ministeriums offen hervor u. stellte im Namen der Regierung den Antrag, daß mit Ausnahme des Küstenhandels u. der Fischerei, sowohl in G. als in den Colonien sämmtliche Häfen den Schiffen aller Nationen ohne Unterschied eröffnet, den Colonien aber mit Einwilligung der Krone auch gestattet werden solle, ihren Küstenhandel freizugeben. Wegen der gewaltigen Opposition, die sich dagegen erhob, konnte die Bill, da die vorgerückte Zeit zum Schluß der Session drängte, nur bis zur ersten Lesung gebracht werden.

Bei der am 1. Februar eröffneten Parlamentssession für 1849 stellte die Königin in der Thronrede diese Frage wieder in den Vordergrund. Indeß hatte die eigenthümliche Constellation der politischen Verhältnisse Europas u. das Verhalten Englands in den Fragen der auswärtigen Politik, namentlich in Beziehung auf den Ungarischen Revolutionskampf den Regierungen Österreichs u. Rußlands gegenüber, das Interesse der Vertreter der Nation so rege gemacht, daß vorerst die inneren Angelegenheiten G-s in den Hintergrund traten. So sehr aber auch die Regierung hierbei im Unterhause angegriffen wurde, so vertheidigten doch Lord John Russel u. Palmerston die von ihnen befolgten Grundsätze so glücklich, daß ihnen die Majorität der Versammlung blieb. Als später von Seiten Rußlands u. Österreichs die Türkei wegen ihres Verhaltens gegen die Ungarn bedroht wurde, trat Palmerston auf das Energischste zu Gunsten der Pforte auf u. gab seinen Noten dadurch noch besonderen Nachdruck, daß sich die englische Flotte unter Admiral Parker den Dardanellen näherte. Auf den Ionischen Inseln, namentlich Kephalonia, wo schon in dem verflossenen Jahre zum Zweck einer Losreißung von England ein blutiger Aufstand ausgebrochen war, kam es 1849 abermals zu einer Empörung, zu deren Dämpfung die äußersten Mittel in Bewegung gesetzt wurden (s.u. Ionische Republik, Gesch.). Von G-s Beziehungen zum Auslande ist hier noch der in dieses Jahr fallende Kampf in Pendschab zu erwähnen, der, wie die früheren im Jahre 1846 u. 1848, für die Engländer glücklich ausfiel. Am 29. März 1849 wurde die Einverleibung des Pendschab verkündigt (s. Indien, Gesch.). Rücksichtlich des gleichzeitigen inneren Staatslebens kam G. im Jahre 1849 mit seiner Handelspolitik vollends zu dem Ziele, welches ihm durch Anerkennung des Freihandelssystems vorgezeichnet war. Bereits am 12. Juni erfolgte die dritte Lesung u. Annahme der neuen am 1. Januar 1850 in Kraft tretenden Navigationsacte, wonach der Handel mit England u. seinen Colonien allen Nationen in ihren eigenen Schiffen gestattet wurde, mit Ausnahme des Küstenhandels, welcher nach wie vor auf britischem Schiffe, bemannt mit britischen Matrosen, beschränkt blieb. Die anderen Nationen bewilligte Vergünstigung anlangend, erhielt das neue Gesetz die Separatbestimmung, daß, wo von Seiten eines fremden Staates Reciprocität nicht eingehalten würde, die Königin im Staatsrathe den. Befehl erlassen könne, den Schiffen des betreffenden Staates besondere Abgaben aufzuerlegen, daß dieser Befehl jedoch jedesmal amtlich veröffentlicht werden müsse. Einen großen Triumph errang noch die Politik des Ministeriums in dem langausgedehnten Streit mit dem Dictator Rosas u. der Argentinischen Republik, welcher am 24. Nov. 1849 durch einen Vertragsabschluß zwischen England u. der Argentinischen Republik zu Gunsten G-s geendigt wurde (s. Argentinische Confederation, Gesch.). Unter den neu auftauchenden Fragen, welche das innerste Staatsleben G-s berührten, stand eine Finanz- u. eine Parlamentsreform oben an. Namentlich entwickelte die demokratische Partei in Rücksicht auf letztere eine bedeutende Thätigkeit. Um das Wahlgesetz zu ändern, bemühte sich dieselbe die Zahl der Wähler zu vermehren, indem sie durch Zerschlagung größerer Grundstücke u. deren Erwerbung von Personen, welche dadurch das Wahlrecht erlangten, ihre Partei zu verstärken suchte. Übrigens erhielt das englische Gebiet während dieses Jahres eine Erweiterung, indem die Krone Dänemark ihre Niederlassungen u. Forts an der Goldküste in Afrika auf Grund eines am 31. Oct. 1849 zu London unterzeichneten Abtretungsvertrags an G. verkaufte. In ebendemselben Jahre wurde auch, hauptsächlich durch Prinz Albert, den Gemahl der Königin, der Plan gefaßt, in London nächstdem eine Industrieausstellung aller Nationen zu veranstalten, u. bereits am 4. Jan. 1850 veröffentlichte die London Gazette ein königliches Decret, welches die Commission zur Beförderung u. Leitung der im Jahre 1851 abzuhaltenden Industrieausstellung ernannte.

Bei Wiedereröffnung des Parlaments (den 31. Januar 1850) wurde die öffentliche Aufmerksamkeit bes. auf einen Streit Englands mit Griechenland gelenkt, wozu die Entschädigungsansprüche zweier englischer Unterthanen als Vorwand dienten. Mit der englischen Note in Athen erschien im Januar eine englische Flotte im Piräos, welche, da die griechische Regierung die Forderung nicht erfüllen wollte, trotz der Protestation von Seiten Rußlands, Österreichs u. Baierns u. der vorgeschlagenen Vermittelung Frankreichs den Piräos u. später die ganze Küste blockirte u. griechische Schiffe aufbrachte. Da der französische Vermittelungsversuch erfolglos blieb, mußte Griechenland im April nachgeben, s. Griechenland (Gesch.) IX. D). Der Eindruck, welchen diese Politik in G. namentlich auf das versammelte Parlament machte, war je nachdem verschiedenen Standpunkte[702] der Parteien verschieden. So groß aber auch der Sturm war, den die Debatten hierüber im Unterhause gegen Palmerston hervorriefen, so endigten dieselben doch zu Gunsten des Ministeriums. Diese Angelegenheit brachte zugleich eine vorübergehende Differenz zwischen dem Cabinete von G. u. Frankreich hervor, indem der als Vermittler von Frankreich nach Athen geschickte Baron Gros von dem Vertreter Englands, Wyse, ziemlich mißachtet worden war, weshalb der französische Gesandte, Drouyn de Lhuys (auf einige Tage) aus London abberufen wurde, während der englische Lord Normanby, in Versailles blieb. In ähnlichen Conflict kam die englische Regierung mit Neapel über eine Ersatzforderung für den Schaden, den englische Unterthanen in Folge der revolutionären Bewegungen in Sicilien erlitten hatten. Wie Griechenland, so mußte auch Neapel den englischen Forderungen nachkommen (s. Sicilien, Gesch.). Die übrigen Parlamentsverhandlungen des Jahres 1850 bezogen sich hauptsächlich auf innere Fragen, u. namentlich traten dabei wieder die über Finanz- u. Parlamentsreform in den Vordergrund. Die bereits jährlich wiederkehrende Motion auf Verbesserung des Zustandes der Volksvertretung im vereinigten Königreiche, d.h. auf Ausdehnung des parlamentarischen Wahlrechts auf jeden steuerzahlenden Unterthanen, welcher volljährig u. gesunden Geistes sei, u. dann auf Einführung der geheimen Abstimmung bei den Wahlen (Ballot), stellte in diesem Jahre im Unterhause Joseph Hume, beide Anträge aber wurden auch jetzt wieder mit einer großen Majorität verworfen, wozu am meisten Russels Erklärung beitrug, daß eine allmälige Erweiterung des Wahlrechts auf constitutionellem Wege angebahnt werde. Auch kam noch in dieser Session eine Vereinbarung des Unterhauses mit dem Oberhause über die Irische Wählerbill zu Stande. Ferner kam es noch in dieser Session zu Verhandlungen über den Zutritt der Juden (26. u. 29. Juli), welche dadurch herbeigeführt wurden, daß der von der City Londons zweimal gewählte Baron von Rothschild seinen Sitz hier einnehmen, aber nur den Eid auf das Alte Testament ablegen wollte, woran mehrere Mitglieder Anstoß nahmen. Mitten im Laufe dieser Session, die am 1. August geschlossen wurde, verlor England durch den am 2. Juli erfolgten Tod Sir Robert Peels einen seiner größten Staatsmänner. Viele, obschon abermals vergebliche Geldopfer brachte die Regierung, wie schon früher, so auch wieder in diesem Jahre, am über das Schicksal der im Spätfrühjahre 1845 zur Entdeckung der nordwestlichen Durchfahrt abgesegelten Capitäns John Franklin (s.d.) u. seines Gefährten Crozier Kunde zu erhalten, nachdem schon 1849 die dazu abgefertigte Expedition des Capitäns J. Roß vergeblich geforscht hatte. Jetzt wurden 10–20,000 Pfd. als Prämie für jeden Seefahrer ausgesetzt, der alle od. nur einen Theil jener Seefahrer retten würde. In Indien gaben in diesem Jahre wieder Raubzüge der Affridis den englischen Waffen Beschäftigung, s.u. Indien (Gesch.).

Die größte Bewegung im ganzen Reiche brachte im Oct. d.i. der Versuch einer Wiedereinführung der katholischen Hierarchie in G. hervor, als der Papst anstatt der acht päpstlichen Vicarien, welche Bischöfe in partibus infidelium waren, jetzt zwölf Bischöfe von englischen Sitzen, alle unter einem Erzbischof von Westminster, ernannte. Diese Angelegenheit beschäftigte zum großen Theil die Parlamentssitzung des Jahres 1851 u. fand ihre Erledigung dadurch, daß die geistliche Titelbill, wonach jene päpstlichen Ernennungen annullirt u. für die Folge verboten, der Erzbischof Cardinal Wisemann aber ausgewiesen wurde, am 5. Juli, wenn auch nicht ohne einen gewaltigen Sturm von Seiten der katholischen Mitglieder u. ohne eine Niederlage für das Ministerium, im Unterhause angenommen wurde. Lord John Russel beantragte nämlich die Streichung der Verschärfungen der Bill, welche die hochkirchliche Majorität durch die Annahme eines Amendements von Sir F. Thesiger im Comité durchgesetzt hatte. Nach diesem Amendement sollte nämlich die Einwirkung u. Veröffentlichung päpstlicher Bullen, welche die Creirung geistlicher Territorialwürden betreffen, ebenso bestraft werden, wie die Annahme geistlicher Territorialwürden selbst, auch sollte es ferner jedem britischen Unterthan freistehen, wegen der in der Bill verzeichneten Vergehen die Klage anhängig zu machen. Der Antrag des Ministers auf Streichung dieser Punkte nun wurde vom Hause nicht genehmigt, sondern die Bill in ihrer Fassung angenommen. In Folge jenes für die Römisch-Katholischen ungünstigen Beschlusses wurde am 19. August in Dublin von den Häuptern des Katholicismus ein großes Meeting abgehalten, worin man nicht nur eine Reihe von Resolutionen gegen die kirchliche Titelbill faßte (die man dabei als eine Verletzung der Emancipationsacte von 1829 bezeichnete), sondern auch die möglichste Ausdehnung der römisch-katholischen Vertheidigungsassociation beschloß. Eine weitere Folge hatte diese Versammlung nicht. Inzwischen war am 1. Mai d.i. die allgemeine Londoner Industrieausstellung aller Nationen in dem von Paxton erbauten Glaspalast durch die Königin eröffnet worden. Dieses Unternehmen hatte den erwünschtesten Erfolg. Vom 1. Mai bis 15. October wurde die Ausstellung, an welcher sich die Industriellen ganz Europas, auch mehrere von den andern Welttheilen betheiligt hatten, von mehr als 6 Millionen Menschen besucht (s.u. Industrieausstellungen) Im Parlament wurde ein neuer Vorschlag Lord Russels, den ins Unterhaus gewählten Israeliten durch Abänderung der Formel des beim Eintritt zu leistenden Eides den Eintritt zu ermöglichen, verworfen, u. Lord Torrington wegen seiner Amtsführung als Gouverneur von Ceylon u. namentlich wegen seiner bei Unterdrückung eines Aufstandes bewiesenen zu großen Härte vom Parlamente zwar zur Rechenschaft gezogen, aber freigesprochen. Am 28. September wurde durch Legung des Telegraphendrahtes zwischen Dover u. Calais die Telegraphenverbindung Englands mit dem Festlande hergestellt, u. dieses neue Verkehrsmittel am 13. November dem öffentlichen Gebrauch übergeben. Unter den Colonien zeichnete sich auch in diesem Jahre Australien vortheilhaft aus; ein neuer wichtiger Landstrich war westlich von Darling-Dowes in Neu-Südwales ungeheure Goldlager aufgefunden worden (s.u. Australien, Gesch.). Dagegen waren die Bemühungen, den Krieg mit den Kaffern glücklich zu beendigen, auch in diesem Jahre fruchtlos. Auf der Westküste von Afrika nahmen die Engländer nach einem dreitägigen [703] Kampfe die Negerstadt Lagos u. setzten den König ab. In Asien war am 27. November eine englische Flotte vor Rangun erschienen, um von der Regierung der Birmanen für erlittene Vertragsverletzungen Genugthuung zu fordern, s.u. Birma (Gesch.); ferner wurde das Thal Dour, früher zu den Besitzungen Dost Mahomeds gehörig, am 20. Sept. den britischen Besitzungen einverleibt. Ein Handelsvertrag mit Sardinien (27. Februar) u. ein anderer mit Frankreich wegen Sicherung des Literarischen Eigenthums bekundete die freundschaftlichen Beziehungen mit diesen Staaten. Das gute Einvernehmen mit Frankreich erhielt noch einen besonderen Ausdruck durch das große Festmahl, welches der Stadtrath von Paris am 1. August in Paris zu Ehren der Industrie auf Veranlassung der Londoner Ausstellung gab, u. woran eine Menge Engländer, John Musgrave, Bürgermeister von London, an der Spitze, dazu eingeladen, theilnahmen. Deutschland gegenüber beharrte Lord Palmerston auf seinen Bemühungen, den Eintritt Österreichs mit seinen Gesammtstaaten in den Deutschen Bund zu verhindern, u. vergrößerte die Spannung, die in den Beziehungen zu Österreich eingetreten war, durch den Umstand, daß die 76 ungarischen Flüchtlinge, welche die türkische Regierung internirt u. für Österreich unschädlich zu machen versprochen hatte, auf seine lebhafte Verwendung hin sämmtlich im Sommer 1851 freigelassen wurden. Mit welcher Aufmerksamkeit das englische Cabinet die Angelegenheiten im Orient im Auge behielt, bewies das starke Kriegsgeschwader im Mittelmeer, welches aus 4 Linienschiffen, 1 Fregatte u. 3 Kriegsdampfern bestand, wozu später noch 2 Linienschiffe mit einer Verstärkung von 2000 Mann Landungstruppen kamen. Dem von Frankreich mit Rußland u. der Türkei wegen der Heiligen Orte in Palästina angezettelten Streit sah G. ruhig zu, erwirkte aber von der Pforte die Erlaubniß zum Bau der ägyptischen Eisenbahn von Kairo nach Suez, die vorher verweigert worden war. Gegen die italienischen Regierungen, welche dem österreichischen Einflusse folgten, beobachtete Lord Palmerston eine drohende Haltung, welche am gehässigsten in der Veröffentlichung einiger Briefe Gladstones (s.d.) über Neapel hervortrat u. zu begründeten Klagen von Seiten der neapolitanischen. Regierung Veranlassung gab. Neuen Stoff zur Mißstimmung gab der englische Staatssecretär des Äußeren der österreichischen u. russischen Regierung durch sein Verhalten bei Kossuths Aufenthalt in England, der, auf seiner Reise nach Nordamerika am 25. October in Southampton gelandet war u. die Städte als öffentlicher Redner bereiste, um die öffentliche Meinung G-s gegen Österreich u. Rußland einzunehmen. Die Aufnahme, welche die politischen Flüchtlinge aller Länder in England fanden, waren die Veranlassung, daß zuerst der französische Botschafter in London im November von seiner Regierung angewiesen wurde, mit Ernst gegen Mißbrauch des Asylrechts zu remonstriren, worauf auch Rußland u. Österreich u. der Deutsche Bund nachdrückliche Noten in gleichem Sinne überreichten. Mittlerweile erfolgte in Paris der Staatsstreich Louis Bonapartes am 2. December, u. schon Tags darauf sprach Palmerston dem französischen Botschafter zu London gegenüber seine Billigung aus u. ließ kurz darauf dem englischen Gesandten in Paris einen Verweis darüber zugehen, daß er nicht in gleichem Sinne gehandelt habe. Indessen hatte das englische Gesammtministerium am 8. December dem Präsidenten Louis Napoleon gegenüber die Annahme einer zurückhaltenden, aber nicht unfreundlichen Politik beschlossen, der zufolge die weiteren Handlungen der französischen Regierung zwar mit geringerem Vertrauen, aber ohne Feindseligkeit abgewartet werden sollten. Lord Palmerston hatte diesem Beschlusse nichts entgegengesetzt, wich aber in seinen Weisungen an den Gesandten in Paris davon ab. Als nun dieser sich über diesen Widerspruch beklagte, trat das Gesammtministerium am 24. December zusammen u. Lord Russel bat in Folge eines daselbst gefaßten Entschlusses die Königin, Lord Palmerston seiner ministeriellen Stellung zu entheben. In Folge dessen trat Lord Palmerston aus dem Ministerium u. Lord Granville an seine Stelle. Einer der ersten Schritte desselben war die Beantwortung der wegen der Flüchtlinge von dem Pariser, Wiener u. Petersburger Cabinet u. dem Deutschen Bunde erhobenen Beschwerden, worin Maßregeln gegen den Mißbrauch des Asylrechtes zugesagt wurden. Dessenungeachtet unterließ die englische Regierung nicht, mißtrauisch gegen die neuen Entwürfe Bonapartes, zu Anfang des Jahres 1852 die Seehäfen u. Küstenfestungen G-s in Vertheidigungsstand zu setzen.

Nach der Eröffnung des Parlaments am 3. Febr., wobei in der Thronrede neue Verbesserungen im Gerichtswesen u. im Wahlgesetze angekündigt wurden, legte Lord Russel einen Gesetzentwurf wegen Bildung einer Miliz für den Schutz des Landes u. Vermehrung des stehenden Heeres um 5000 Mann vor. Bei der Berathung im Unterhause am 20. Februar unterstützte Palmerston zwar die Grundlage des Gesetzes, brachte jedoch ein Amendement dazu ein, welches gegen die Einsprache des Ministeriums angenommen wurde. Lord Russel bat mit dem Ministerium sofort um seine Entlassung, u. der ehemalige Lord Stanley, jetzt Graf Derby trat als Erster Lord des Schatzes an die Spitze des neuen Ministeriums, Graf Malmesbury wurde Minister des Äußeren, Benjamin Disraeli der der Finanzen, die übrigen Ämter wurden an Graf Lonsdale (Präsident des Geheimen Rathes), Lord St. Leonards (Lordkanzler), Lord Salisbury (Lord-Siegelbewahrer), Walpole (Inneres), Herzog von Northumberland (Marine), John Packington (Colonien), Lord Manners (öffentliche Arleiten), J. Herries (Indisches Controlamt), Henley (Handel), Graf Hardwicke (Generalpostmeister) vertheilt. Dieses reine Toryministerium stellte Frieden mit dem Auslande u. Erfüllung der völkerrechtlichen Verpflichtungen als Programm auf u. erklärte in Beziehung auf die Kornzölle bei seiner Überzeugung zu verharren, die Entscheidung jedoch der Nation zu überlassen; die Justizreform solle beendigt werden, eine Wahlreform werde jedoch nicht beabsichtigt. Es zeigte sich sehr bald, daß das Ministerium weder die Mehrheit im Parlamente, noch die öffentliche Meinung für sich habe, u. die Anti-Cornlaw-League trat sofort wieder ins Leben. Der neue Gesetzentwurf über die Bildung einer Miliz, welchen das Ministerium dem Parlamente vorlegte, stellte in zeitgemäßer Form die alte wieder her u. wurde angenommen. Danach besteht dieselbe in Friedenszeiten aus 80,000 Mann u. wird bei drohender[704] Kriegsgefahr auf 120,000 Mann erhöht. Am 1. Juli wurde das Parlament aufgelöst, um nach erfolgten Neuwahlen die Haltbarkeit des Ministeriums in dem im Herbst zu versammelnden Parlamente zu erproben. In der Zwischenzeit starb am 14. September der Herzog von Wellington. Am 11. November wurde das neue Parlament eröffnet. Die Thronrede wies namentlich darauf hin, daß, da die neuere Gesetzgebung, obwohl neben anderen Umständen zu diesem glücklichen Zustande beitragend, doch auch gewisse Interessen verletze, es rathsam sei, sich ohne Leidenschaft darüber auszusprechen, in wie weit diesem Übelstande billigerweise abgeholfen werden könne. Diesem Angriffe auf die freie Getreideeinfuhr begegnete bereits am 22. November Villiers im Unterhause mit dem Antrage, das Haus möge die Aufrechthaltung u. weitere Ausdehnung der Freihandelspolitik als am meisten zur allgemeinen Wohlfahrt beitragend befürworten. Am 3. December legte endlich Disraeli seinen Finanzplan vor. Die. Staatseinnahmen waren im Jahre 1851 nur mit 527,027 Pfd. Sterl. hinter denen von 1850 zurückgeblieben, was sich aus der Abschaffung der Fenstersteuer u. einer Herabsetzung des Zuckerzolles erklärte; dagegen die Armensteuer seit 1849 von 6,180,000 Pfd. Sterl. auf 4,692,000 Pfd. Sterl. heruntergegangen u. in manchen Verwaltungszweigen, namentlich auch in den diplomatischen Gehalten, Ersparnisse eingetreten. Der Finanzminister erklärte, daß durch die neuere Zollgesetzgebung die Interessen der Schifffahrt u. der Zuckerproduction in den Colonien u. der einheimischen Landwirthschaft verletzt seien, u. schlug verschiedene Steuernachlässe zu deren Gunsten im Gesammtbetrage von 2,100,000 Pfd. Sterl. vor, die durch eine Erhöhung der Haussteuer u. eine neue Einrichtung der Einkommensteuer gedeckt werden sollten. Das Unterhaus verwarf aber schon am 16. Dec. die Erhöhung der Haussteuer, worauf das Toryministerium abtrat, welchem das Ministerium Aberdeen folgte (s. unten). Außer den politischen Ereignissen zeigte sich in diesem Jahre auch noch eine sociale Bewegung in größerem Maßstabe, die sogenannte Strike, eine Arbeitseinstellung der Fabrikarbeiter, um von den Arbeitgebern günstigere Bedingungen zu erlangen. Durch Zusammenhalten der Fabrikherren wurde die ganze Angelegenheit jedoch nach einigen Monaten friedlich beigelegt. Die Telegraphenverbindung wurde durch die Legung des unterseeischen Telegraphendrahtes zwischen der englischen u. irischen Küste (1. Juni) vervollständigt. Von Australien war bis zum 27. Januar 18521 Mill. Pfd. Sterl. in Gold geliefert worden, u. zudem meldete man die Entdeckung neuer ergiebiger Goldlager in Port-Philipp. Der Kaffernkrieg am Vorgebirg der guten Hoffnung dauerte, obwohl mit besserem Erfolge als vergangenes Jahr, fort. Die Ergreifung von Maßregeln zur Unterdrückung des Sklavenhandels setzte die Regierung eifrig fort. Zu dem Ende waren Verträge mit dem Negerkönig von Dahomey u. anderen schwarzen Häuptlingen geschlossen worden. Am 10. Januar begann der Krieg gegen Birma u. nach glücklichem Fortgange am 20. Dec. die Provinz Pegu dem Britisch-indischen Reiche einverleibt (s.u. Birma). Die Reibungen, welche zwischen den Engländern u. Nordamerikanern fast ununterbrochen fortdauerten, drehten sich in diesem Jahre um die Fischereien an den Küsten der britischen Besitzungen in Nordamerika (s.d., Gesch.). In seiner äußeren Politik trat G., bei dem Streite der Pforte mit Ägypten wegen der hohen Strafgerichtsbarkeit, mit Erfolg im eigenen Interesse vermittelnd auf, um zu bewirken, daß Ägypten mehr im Verhältniß der Lehnstreue als in dem der Unterwürfigkeit gegen die Pforte unangetastet fortbestehe. Bevollmächtigte von Dänemark, Rußland, Österreich, G., Frankreich, Preußen u. Schweden traten (28. April bis 8. Mai) in London zu Conferenzen zusammen, um ein Protokoll zur Ordnung der Erbfolge im Königreich Dänemark zu entwerfen, was am 19. Juni ratificirt wurde (s. Dänemark [Gesch.] IV, B). Die Erbfolgeordnung des Königreichs Griechenland regelte eine Übereinkunft, welche zu London am 20, November zwischen den Bevollmächtigten G-s, Frankreichs, Rußlands, Baierns u. Griechenlands zu Stande kam. Auch in Bezug auf die Angelegenheiten der Schweiz u. der La-Plata-Staaten einigten sich die Regierungen von G. u. Frankreich, dagegen war der Besuch der Königin Belgien (11. August) ein Wink für Ludwig Napoleon, daß G. dieses Land nicht ungestraft angreifen lassen würde. Auch dauerten die Vertheidigungsanstalten gegen Frankreich fort; die Inseln im Kanal wurden stärker befestigt, die Flottenmannschaft vermehrt u. auf den englischen Kriegswerften war eine große Thätigkeit sichtbar. Die Wiederherstellung des französischen Kaiserthums unter Napoleon III. erkannte das neue Cabinet sofort an u. theilte dies am 6. Decbr. beiden Häusern des Parlamentes amtlich mit.

Lord Aberdeen, die Spitze des neuen Ministeriums, Tory u. Anhänger Robert Peels, umgab sich mit Männern seiner Partei, schloß sich jedoch auch die hervorragendsten Whigs an, um eine Coalition aller Talente ins Leben zu rufen. Gladstone (Finanzen), Lord Cranworth (Lord-Kanzler), Herzog von Newcastle (Colonien), James Graham (Seewesen), Sydney Herbert (Krieg), Granville (Präsident des Geh. Raths), Herzog von Argyll (Lord-Siegelbewahrer), Palmerston (Inneres), Clarendon (Auswärtige Angelegenheiten), Ch. Wood (Indisches Controlamt), Canning (Generalpostmeister), W. Molesworth (öffentliche Arbeiten) waren die Mitglieder des Coalitionsministeriums. Außerdem gehörten als Minister ohne Departement Lord Russell u. Lansdowne zum Ministerrathe. Als Grundzüge der neuen Verwaltung gab Aberdeen an: Versöhnung der Parteien, weitere Entwickelung der Zollbefreiungen, Verbesserung der Rechtspflege u. Sorge für die Volkserziehung; in Bezug auf die auswärtigen Verhältnisse Fortsetzung der Vertheidigungsmaßregeln u. Erhaltung des Weltfriedens. Darauf wurde das Parlament bis zum 11. Febr. 1853 vertagt. Nach der Wiedereröffnung brachte Lord Russel eine Menge Maßregeln zur Verbesserung der staatlichen Zustände im. Innern in Vorschlag, namentlich ein Gesetz über die Verwaltung milder Stiftungen. Ein neuer Entwurf, durch Abänderung des Parlamentseides den Israeliten den Eintritt ins Unterhaus zu ermöglichen, wurde im Oberhause abermals verworfen. Gladstone stellte das Aufhören der Einkommensteuer, welche eingeführt worden war, um den durch die Reformen Peels herbeigeführten Zollbefreiungen verursachten Ausfall zu decken, fürs Jahr 1860 in [705] Aussicht. Die Zölle von 13 zur Ernährung dienenden Artikeln wurden herabgesetzt, die Zölle von 133 Halbfabrikaten aufgehoben. Die Nachlässe bei den Eingangszöllen betrugen 3,446,000 Pfd. St. Die Stempelsteuern wurden theils ermäßigt, theils aufgehoben, mehrere andere Steuern herabgesetzt. Außerdem nahm das Parlament noch einen Gesetzentwurf Grahams an, wodurch die Anwerbung von Mannschaft für die Kriegsschiffe erleichtert wurde. Auch in diesem Jahre tauchten die Arbeitseinstellungen (Strike) in großartigem Maßstabe wieder auf u. fanden durch gegenseitige Nachgiebigkeit ihre Erledigung. Aus den Colonien wurde gemeldet, daß am 9. März am Vorgebirge der guten Hoffnung der Krieg mit den Kaffern glücklich beschlossen worden war, u. daß am 30. Juni der Generalgouverneur des Britischen Indien den Abschluß des Friedens mit Birma (s.d.) verkündigt hatte. Die Regierung Ostindiens erlitt übrigens durch die Gesetzgebung eine wesentliche Umgestaltung, wodurch die britische Regierung nicht nur in den von den Mitgliedern der Ostindischen Compagnie gewählten Directorium größeren Einfluß gewann (indem sie das Recht erhielt, 6 Mitglieder davon zu ernennen), sondern auch sonst in Stand gesetzt wurde, kräftiger einzuschreiten. Bei der Wichtigkeit der Vorgänge in China (s.d., Gesch. VI. D) sah sich die Regierung veranlaßt (1. März) eine kleine Flotte in die Mündung des Yang-tse-Kiang zu senden. Gegen den Versuch der Vereinigten Staaten von Nordamerika, sich der Sandwichinseln zu bemächtigen, legten die dortigen Consuln G-s u. Frankreichs Rechtsverwahrung ein. Die Republik von Paraguay wurde von G. anerkannt u. mit ihr ein Handels- u. Schifffahrtsvertrag abgeschlossen. Nach einem Vertrage mit der Argentinischen Republik vom 10. Juli 1853 wurden die Flüsse Parana u. Uruguay der freien Schifffahrt geöffnet.

C) Großbritannien während des Orientalischen Krieges (1853–1856), Wichtiger als alles Andere war das neue Bundniß zwischen G. u. Frankreich, dessen Entstehung sich bereits im December von 1852 andeutete, aber im Jahre 1853 zur vollen Entwickelung kam. Nachdem sich bereits am 4. Juni die vereinigten Flotten von G. u. Frankreich den Dardanellen genähert hatten, erklärte Lord Palmerston in der Sitzung des Unterhauses vom 8. Juli, daß die Regierungen von G. u. Frankreich in Bezug auf die Russisch-türkische Frage einig seien u. auf einer u. derselben politischen Bahn vorwärts gehen würden, u. volles Vertrauen in einander setzten. Indessen gingen die Versuche, den Frieden zu erhalten, mit den Maßnahmen, welche die Führung eines großen Krieges erfordert, fortwährend neben einander her, u. am 2. Novbr. liefen die Flotten von G. u. Frankreich in den Bosporus ein. Nach der Seeschlacht bei Sinope trat Lord Palmerston am 13. Decbr. plötzlich wegen eines dem Parlament vorzulegenden Wahlgesetzes (Reformbill) aus dem Ministerium, jedoch am 24. d. M. schon wieder ein. An demselben Tage unterzeichnete Graf Clarendon die Antwort auf eine französische Note, worin der Vorschlag der französischen Regierung, die türkische Flagge u. das türkische Gebiet gegen Rußland zu schützen u. alle russischen Kriegsschiffe im Schwarzen Meere nach Sebastopol zurückzuweisen, angenommen wurde, u. am 4. Jan. 1854 erfolgte die Abfahrt der verbündeten Flotten ins Schwarze Meer. Das Parlament wurde am 31. Jan. 1854 wieder eröffnet. Die Thronrede sprach von einem Kriegszustande, welcher an die Stelle der Verhandlungen getreten sei, u. verlangte die Vermehrung der Streitkräfte zu Land u. zur See. Die wohlthätigen Wirkungen der Zollermäßigungen bei dem eingetretenen Nothstand wurden hervorgehoben, u. Verbesserungen im öffentlichen Unterrichtswesen, in der Rechtspflege, in der Armengesetzgebung u. in den Gesetzen über die Wahlen zum Parlament angekündigt. Gleich bei der Eröffnung wurde dem Parlament das Abbrechen der diplomatischen Verbindungen zwischen G. u. Rußland angezeigt u. am 7. Febr. der englische Botschafter von Petersburg abberufen; am 22. Febr. schifften sich die ersten britischen Truppen in Southhampton u. Liverpool nach dem Orient unter Generalseldzeugmeister Lord Raglan ein, welcher zum Oberbefehlshaber des englischen Expeditionsheeres ernannt war. Die Übersicht des Staatshaushaltes, welche Gladstone dem Unterhause am 6. März bereits vorgelegt hatte, war übrigens sehr befriedigend. Die Zolleinnahmen waren nur um 80,000 Pfd. St., die Grundsteuer um 72,000 Pfd. St. hinter dem Voranschlage zurückgeblieben; dagegen hatten alle übrigen Einnahmen die Voranschläge bedeutend überstiegen, u. in den Ausgaben waren 1,012,000 Pfd. St. erspart worden, so daß im Ganzen vom Budget des Finanzjahres vom 5. April 1853 bis 31. März 1854 noch 2,854,000 Pfd. St. übrig waren. Aber der Krieg forderte voraussichtlich ungefähr 14 Mill. Pfd. St. Ausgabe mehr als das gewöhnliche Budget; die betreffenden Vorschläge wurden vom Parlament bewilligt. Am 11. März ging die erste Abtheilung der britischen Ostseeflotte unter dem Viceadmiral Charles Napier von Spithead aus unter Segel, worauf am 27. März die Botschaft an das Parlament folgte, daß der Krieg mit Rußland ausgebrochen sei. Hatte G. mit Frankreich u. der Türkei schon am 12. März einen Vertrag zum Schutz der Türkei geschlossen, so kam am 10. April noch ein Bundesvertrag zwischen G. u. Frankreich zu Stande, worin beide Mächte ihr Möglichstes zu thun versprachen, um die Wiederherstellung des europäischen Friedens auf Grundlagen, welche gegen die Wiederkehr ähnlicher Verwickelungen schützen, zu erwirken, darauf verzichteten, irgend einen besonderen Vortheil aus den Ereignissen zu ziehen, u. anderen Mächten den Beitritt offen ließen. In einer Verordnung vom 15. April machte die britische Regierung die Grundsätze bekannt, welche sie in diesem Kriege in Bezug auf die Rechte der Neutralen zur See aufrecht zu halten versprach. Sie behielt sich vor, Kriegscontrebande auch auf neutralen Schiffen wegzunehmen u. neutrale Schiffe zu verhindern, dem Feinde Depeschen zu überbringen, erkannte aber den Grundsatz an, daß die neutrale Flagge jede Waaren deckt od. schützt.

Indessen waren die Kriegskosten so gestiegen, daß das Parlament neue Mittel bewilligen mußte. Die Verwaltung des Kriegswesens, welche bisher unter dem Colonialminister gestanden hatte, erhielt eine neue Einrichtung, indem ein neues Departement dafür gebildet wurde, welches der Herzog von New Castle übernahm. Staatssecretär für die Colonien wurde Sir Georg Grey u. Lord Russel erhielt die Präsidentschaft im Geheimrath (12 Juni). Bei der[706] Unzulänglichkeit des stehenden Heeres sah man sich schon damals genöthigt, 15,000 Mann der neugebildeten Miliz zum Kiegsdienst zu verwenden. Am 22. April war Odessa bombardirt u. am 25. Mai der Piräus besetzt worden; aber die Strandung der englischen Kriegsdampffregatte Tigris auf der Höhe von Odessa (12. Mai), deren Bemannung von den Russen gefangen genommen wurde, machte einen übeln Eindruck, den die Nachricht, daß Napier in der Hangöbai einen russischen Kauffahrer hatte wegnehmen u. einige russische Befestigungen hatte zerstören lassen, kaum auszugleichen vermochte, u. man drang im Parlament darauf, zu wissen, welches Ziel des Krieges die Regierung vor Augen habe. Die Erklärung Lord Aberdeens im Oberhause, der Krieg sei nicht unternommen, um Rußland zu verkleinern, sondern um die Unabhängigkeit der Türkei sicher zu stellen, brachte einen Sturm des Unwillens gegen ihn hervor, der ein Mißtrauen gegen das Haupt des Ministeriums in der großen Menge auch da noch zurückließ, als dieser im Parlament sich gerechtfertigt u. die befriedigendsten Aufschlüsse über seine Politik der russischen gegenüber gegeben hatte. Die am 22. Juli gestellte Forderung eines Credits von 3 Millionen Pfund Sterling zur Deckung der Kriegskosten gab Veranlassung zu neuen Angriffen. Im Oberhause konnten Aberdeen u. Clarendon allgemein gehaltene Erklärungen entgegenstellen; als aber im Unterhause Lord Russel bemerkte, daß die Stellung Rußlands in Sebastopol mit der Sicherheit der Türkei unverträglich sei, u. daß kein Frieden geschlossen werden dürfe, welcher Rußland in dieser drohenden Stellung ließe, schloß die Gegenpartei daraus auf eine Spaltung im Ministerium, welche man Lord Aberdeen zum Vorwurf machte. Dazu kamen die Meldungen der Admirale Napier u. Chads aus der Ostsee, daß sie mit ihren Flotten gegen Sweaborg u. Kronstadt nichts vermöchten, so wie die angekündigte Besetzung der Donaufürstenthümer durch die Österreicher, die man mit entschiedener Mißgunst aufnahm. Unter diesen Verhältnissen erfolgte die Vertagung des Parlamentes am 12. August. Die hauptsächlichsten Resultate der gesetzgeberischen Thätigkeit dieser Sitzung waren die Regelung der Rhederei, bes. an den Küsten, die nun auch fremden Fahrzeugen freigegeben wurde, Vereinfachung im. Rechnungswesen bei der Erhebung der indirecten Steuern, eine Verbesserung des Verfahrens bei den oberen Gerichtshöfen, ein neues Statut für die Universität Oxford u. ein Gesetz zur Verhütung u. Bestrafung der bei den Wahlen eingerissenen Mißbräuche. Trotz der ungünstigen politischen Vorgänge war am 10. Juni eine großartige Industrieausstellung (Sydenhamer Glaspalast), eröffnet worden.

Wenn nun auch am 16. August mit Hülfe französischer Truppen Bomarsund in der Ostsee genommen u. die Landung in der Krim zur Eroberung Sebastopols glücklich bewerkstelligt worden war; so stellte sich als Folge der Unthätigkeit Deutschlands die Nothwendigkeit heraus, die eigenen Kräfte mehr in Anspruch zu nehmen. Um dieser Forderung zu genügen, wurde das Parlament auf den 12. December außerordentlich einberufen, während eine Zusammenkunft Lord Palmerstons mit Napoleon III. zu Paris am 18. November den Zweck hatte, über die weitere Kriegsführung sich zu verständigen. Der Streit wegen der nordamerikanischen Fischereien, der im Jahre 1652 beinahe zum Kriege geführt hätte, wurde in diesem Jahre durch einen Vertrag (vom 5. Juni 1854) für immer in der Art beigelegt, daß Engländern u. Nordamerikanern in Bezug auf die Fischereien an nordamerikanischen Küsten sowohl Englands als der Vereinigten Staaten gleiche Rechte eingeräumt wurden, als wenn sie einer u. derselben Nation angehörten. Allein auf anderen Punkten dauerten die Reibungen fort. Der englische Generalconsul zu Honolulu erneuerte seinen Protest gegen die angebliche Absicht der Vereinigten Staaten, die Sandwichinseln unter ihre Botmäßigkeit zu bringen (18. September). Noch mehr Grund zur Beschwerde gab die Zerstörung der Stadt Greytown (s.d.) auf der Moskitoküste durch den nordamerikanischen Capitän Hollins, da dieselbe unter britischem Schutze stand. Im Allianzvertrag vom 2. December 1854 zwischen Frankreich, G. u. Österreich machte sich Letzteres verbindlich, wenn der Frieden bis zum Schlusse des Jahres 1854 nicht hergestellt sei, mit G. u. Frankreich weiter zu ergreifende Maßregeln zu erwägen. Mit dieser Nachricht u. der Aufforderung, die Hülfsmittel zu bewilligen, um den Krieg mit Rußland mit dem größten Nachdruck fortsetzen zu können, wurde das Parlament wieder eröffnet. Die Gegner des Ministeriums machten ihm Nachlässigkeit u. Unentschlossenheit zum Vorwurfe, weil es nur 25,000 Mann in die Krim gesandt hätte, die aus Mangel an nothwendiger Verpflegung bereits auf 14,000 zusammengeschmolzen wären. Das Ministerium wies dagegen nach, daß es im Ganzen mit der Reserve vom März bis December 53,000 Mann in die Türkei gesandt hatte, die aber freilich, schon vor der Landung in der Krim, durch die Cholera bedeutende Verluste erlitten hatten. Das Parlament ermächtigte darauf die Regierung, Freiwillige aus der Miliz für das stehende Heer anzuwerben u. während der Dauer des gegenwärtigen Krieges vom britischen Heere abgesonderte Fremdenlegionen (s.d.) zu bilden. Darauf wurde das Parlament bis zum 23. Jan. vertagt. Der Stand der Dinge war übrigens nichts weniger als ermuthigend, da bereits zwei Drittel des englischen Heeres umgekommen u. die Ostseeflotte unverrichteter Sache wieder zurückgekehrt war. Die Zustände in Indien waren auch in diesem Jahre Gegenstand der Parlamentsverhandlungen, u. namentlich wurde gerügt, daß in der Präsidentschaft Madras die Steuern auf ungerechte Weise u. nicht selten mit Hülfe der unmenschlichsten Torturen eingetrieben würden. Ceylon, das Vorgebirge der guten Hoffnung u. die australischen Colonien waren in fortwährender gedeihlicher Entwickelung begriffen.

Nach der Vertagung des Parlaments machten die Nachrichten von dem Untergange eines sehr großen Theiles des Heeres in der Krim, verglichen mit den geringen Erfolgen außerordentlicher Anstrengung, auf die stolze Nation einen tiefen Eindruck. Das Ministerium schwankte. Lord Russell eilte am 9. Januar 1855 nach Paris zu einer Unterredung mit Napoleon III., u. selbst eine von Cobden, einem entschiedenen Vertheidiger des Friedens, am 17. Januar zusammenberufene Volksversammlung sprach sich für die kräftigste Fortführung des Krieges aus. Unterdeß waren am 29. Dec. zu Wien Bevollmächtigte Österreichs, Frankreichs u. G-s zusammengetreten[707] u. hatten sich über vier Friedensbedingungen geeinigt, auf deren Grundlage im Allgemeinen zu unterhandeln, der russische Gesandte Fürst Gortschakow am 7. Januar sich ermächtigt erklärte. Nach Eröffnung des Parlamentes (23. Januar) wurden sofort Anträge in Betreff der Kriegführung u. der Kriegsverwaltung angekündigt. Da trat Lord Russell am 25. Januar aus dem Ministerium, weil sein Rath, die jetzt getrennten Zweige der Kriegsverwaltung in Einer Hand unter Lord Palmerston zu vereinigen, nicht befolgt worden sei. Im Unterhause stellte am 26. Januar Roebuck den Antrag, einen Ausschuß zur unmittelbaren u. ins Einzelne gehenden Untersuchung der ganzen Kriegführung zu erwählen, u. als dieser am 29. Jan. angenommen wurde, trat das Coalitionsministerium Aberdeen zurück. An seine. Stelle trat am 8. Febr. ein Coalitionsministerium Palmerston (welcher schon vorher im Unterhause erklärt hatte, daß, nachdem die alten Parteien durch die eingeführten Reformen in England nicht mehr beständen, zufolge der Stellung der neugebildeten Parteien das Princip der Coalition zur Bildung eines jeden neuen Ministeriums unumgänglich bleibe), u. zwar Premierminister Palmerston, Cornewall Lewis (Finanzen), Cranworth (Justiz), Granville (Geheimrathspräsident), Herzog von Argyll (Geheimsiegelbewahrer), G. Grey (Inneres), Clarendon (Äußeres), Russell (Colonien), Panmure (Krieg), Wood (Seewesen), Smith (Ostindisches Bureau), v. Harrowby (Kanzler von Lancaster), v. Lansdowne (beisitzender Minister ohne Departement). Zugleich wurde der Oberbefehl über die Ostseeflotte von Ch. Napier auf Admiral Dundas übertragen, das Heer von 178,645 Mann auf 193,595 erhöht, vom Unterhause 1,600,000 Pfund Sterling zu Kriegsausgaben bewilligt u. das Verpflegungswesen einer strengen Untersuchung unterworfen. Die im März nach dem Antrage Roebucks stattfindende Untersuchung bestätigte sämmtliche Schilderungen, welche öffentliche Blätter über die traurigen Zustände des englischen Heeres während des Winters gebracht hatten. Ein glänzendes Zwischenspiel bildete der Besuch, den das französische Kaiserpaar vom 16. bis 21. April auf ergangene Einladung der Königin Victoria abstattete. Die Ostseeflotte war vorher (4. April) von Spithead ausgelaufen. Um dieselbe Zeit kam im Parlament das neue Budget zur Verhandlung. Die Einnahme des kommenden Finanzjahres (1. April 1855 bis 31. März 1856) waren auf 86,639,000 Pf. St., die Ausgabe auf 86,639,000 Pf. St. mit 4,385,951 Pf. St. Eintreibungskosten der Einnahme veranschlagt. Unter den letzteren befand sich eine Anleihe von 19 Millionen Pf. St. u. die Einkommensteuer war auf 141/2 Millionen Pf. St. erhöht, die Grundsteuer dagegen um 95,000 Pf. St. niedriger angesetzt. Für Heer u. Flotten waren gegen 33 Millionen Pf. St. berechnet, außerdem fürs Feldzeugamt 7,808,000 Pf. St. u. 3 Millionen für außerordentliche Kriegskosten, zusammen gegen 44 Millionen. Das Parlament gab seine Zustimmung. Aus den parlamentarischen Kämpfen, welche die Opposition wegen des unbefriedigten Verlaufes der Wiener Friedensconferenzen begann, ging das Ministerium siegreich hervor, weil es sein Möglichstes that, die Kriegslust der Nation zu befriedigen.

Gefahrdrohender als die parlamentarische Opposition erschienen die Vereine u. Volksversammlungen, u. namentlich war die am 5. Mai in der London Tavern unter dem Vorsitze des Großhändlers Morley abgehaltene Versammlung von Bedeutung, die sich zur Aufgabe machte, eine Umgestaltung des englischen Verwaltungssystems anzubahnen. Ähnliche Versammlungen folgten in allen größeren Städten. Aber gerade diese Bewegungen schlugen zum Vortheile des Ministeriums aus, weil die Regierung dadurch gedrängt wurde, Dinge zu veröffentlichen, deren Geheimhaltung ihr schädlich gewesen war, u. die Opposition dadurch zu Schritten verleitet wurde, die sie in der öffentlichen Meinung herabsetzten. Am 10. Mai wurden dem Parlamente die Protokolle der Wiener Conferenzen vorgelegt, noch ehe sie förmlich geschlossen waren, u. die Mittheilungen am 18. Mai über die Fremdenlegion (s.d.) u. über die Reformen im Kriegswesen machte den besten Eindruck. Als daher am 25. Mai über einen neuen Antrag Disraelis gegen das Palmerstonsche Ministerium abgestimmt wurde, zeigte sich eine Mehrheit von 100 Stimmen für dasselbe. Das Unterhaus nahm die Nachricht, daß die Wiener Friedensconferenzen ohne Resultat geblieben war, mit Beifall auf, beschloß kräftige Fortführung des Krieges (5. Juni) u. empfahl, dem Ministerium die sorgfältige Revision verschiedener amtlicher Etablissements, um die Geschäfte zu vereinfachen. Ein Antrag Lord Großvenors zur strengeren Beobachtung der Sonntagsfeier rief eine große Aufregung hervor u. hatte im Juni massenhafte Volksaufläufe in London zur Folge, worauf Lord Großvenor seinen Antrag im Parlament zurücknahm. Am 24. Juni war Lord Raglan vor Sebastopol gestorben, u. die Opposition benutzte diese Gelegenheit, um von Neuem nach dem eigentlichen Zwecke des Krieges zu fragen u. Lord Russell wegen der Lösung seiner Aufgabe bei den Wiener Friedensconferenzen anzugreifen. In Folge davon trat er am 13. Juli aus dem Ministerium u. an seiner Stelle übernahm am 21. Juli W. Molesworth das Colonialamt. Nach diesem scheinbaren Siege erlitt die Opposition eine der empfindlichsten Niederlagen, indem das Unterhaus am 17. Juli den Antrag Roebucks, einen Tadel gegen jedes Mitglied des Aberdeenschen Ministeriums wegen des Winterfeldzuges in der Krim auszusprechen, verwarf. Das Parlament ermächtigte noch die Regierung in Gemeinschaft mit Frankreich die Bürgschaft eines türkischen Anlehens von 5 Mill. Pfd. St. zu übernehmen, bewilligte die Mehrausgaben für Heer u. Flotte u. wurde am 14. Aug. vertagt. Unter den vollendeten Arbeiten desselben sind zu erwähnen die theilweise Abschaffung des Zeitungsstempels, eine neue Stadtordnung für London u. Maßregeln zur Verbesserung der Verfassungen von Neu-Südwales, Victoria u. Tasmania u. zur Verleihung größerer Selbstregierungsrechte. Außerdem war am 14. Juni 1855 zwischen G. einerseits u. Preußen wie den meisten übrigen deutschen Staaten andererseits ein Vertrag über das internationale Verlagsrecht abgeschlossen u. am 13. Aug. ratificirt worden. Der Bund mit Frankreich wurde bei der Verabschiedung des Parlaments ganz besonders hervor gehoben, u. zur Bekräftigung reiste die königliche Familie nach Paris, um Napoleon III. einen Gegenbesuch abzustatten, der von französischer Seite aufs glänzendste gefeiert wurde (19.–27. Aug.). Übrigens gestaltete[708] sich die Stimmung sichtlich zu einer ruhigeren u. freudigeren durch die Nachrichten vom orientalischen Kriegsschauplatz. Der Fall von Sebastopol verdoppelte die Thätigkeit in den Kriegsrüstungen, namentlich wurden die Befestigungen der Themsemündung vollendet u. Kanonen- u. Mörserboote gebaut. Die am Schluß des Septembers erfolgende Erhöhung des Bankdiscontos von 41/2 auf 5 Proc., später auf 5 Procent, wurde als eine auf dem Geldmarkt gewünschte Maßregel bezeichnet. Die Wahl des Israeliten David Salomon zum Oberbürgermeister (Lord Mayor) von London am 29. September war fast einstimmig u. konnte als eine Verwirklichung des Grundsatzes des Verwaltungsreformvereins gelten, »daß der rechte Mann auf die rechte Stelle ohne Ansehen der Geburt u. des Glaubens zu stellen sei«, demnach auch als eine Kundgebung gegen das Bestehende, soweit es sich darum handelte, den Einfluß der Geldaristokratie der Macht des großen grundbesitzenden Adels gegenüber zur Geltung zu bringen. Eine nicht unbedeutende Aufregung rief die Erhöhung des Bankdiscontos auf 6 Procent u. 7 Procent. hervor. Sie hatte ihren Grund in der gehäuften Geldnachfrage auf dem Geldmarkte, so daß die Regierung sich veranlaßt fand, die Bank zur Hinausgabe neuer Banknoten im Betrage von 475,000 Pfd. Sterl. zu ermächtigen. Im Britischen Ostindien (s.u. Indien) wurde am 1. Februar die Telegraphenlinie, welche Bombay, Madras, Calcutta, Agra u. Lahore verbindet, dem Gebrauch übergeben u. die Eisenbahn von Calcutta am 3. Februar eröffnet. Zum Generalstatthalter von Indien ernannte die Regierung im Juni den Viscount Canning.

In den auswärtigen Beziehungen waren die Orientalischen Angelegenheiten meistens maßgebend. Mit der Türkei wurde ein Vertrag über Verwendung eines türkischen Corps von 20,000 M. in englischem Dienste, mit Schweden in Gemeinschaft mit Frankreich ein Schutzvertrag gegen Rußland abgeschlossen. Eine Verständigung mit Preußen u. dem Deutschen Bunde über die Orientalische Frage kam nicht zu Stande. Mit Österreich wurden Noten gewechselt über den Sinn des Decembervertrages, indem die britischen Minister behaupteten, Österreich sei verpflichtet am Kriege theilzunehmen, jenes dagegen die Mittel, Frieden zu stiften, noch nicht für erschöpft erklärte. Außerdem wurde die G-s Regierung durch eine neue, sehr ernste Verwickelung mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika beschäftigt. Die Regierung zu Washington beschwerte sich über die Anwerbungen von Seiten Englands auf amerikanischem Gebiet, zu gleicher Zeit aber auch über Verletzung des Vertrags von 1850, wonach G. u. die Vereinigten Staaten gleicherweise sich verpflichtet hatten, Centralamerika weder zu colonisiren, noch zu befestigen, noch sich anzueignen. Hergegen habe G. durch die Besetzung der Baiinseln u. das Protectorat über die Moskitoküste gefehlt. Diese Klagen wurden in einem Tone vorgebracht, welche eine Entschlossenheit zum Kriege voraussetzte. Die Nachricht von der am 16. Januar 1856 erfolgten Annahme österreichischer Friedensvorschläge von Seiten Rußlands änderte in G. nichts, weder in der öffentlichen Stimmung, noch in den Kriegsrüstungen. Am 22. Februar. faßten die Lords den fürs englische Staatsrecht wichtigen Beschluß, den von der Krone auf Lebenszeit zum Peer ernannten Sir Parke nicht Sitz u. Stimme im Oberhause einzuräumen. Über den Fortgang der Friedensverhandlungen hatte Lord Palmerston auf eine Anfrage bereitsam 5. Februar im Unterhause mitgetheilt, daß die englische u. französische Regierung in Bezug auf den Gang der Verhandlungen der in Paris am 25. Februar zu eröffnenden Friedensconferenzen sich dahin geneigt, daß man zuvörderst die Friedenspräliminarien erörtern u. unterzeichnen werde, u. daß dann zur Abschließung eines Waffenstillstandes werde geschritten werden. In der ersten Conferenzsitzung vom 25. Februar in Paris wurde dieser Waffenstillstand abgeschlossen, dauernd bis zum 31. März in vollem Umfange für alle kriegführenden Theile, jedoch ohne Einfluß auf eröffnete od. noch zu eröffnende Blockaden. Während das Unterhaus ein neues Grafschaftspolizeigesetz annahm u. die Opposition, jedoch erfolglos, wegen des Falles von Kars die Regierung angriff, wurden die Friedensverhandlungen in Paris mit Erfolg fortgesetzt u. führten zu dem am 30. April 1856 von den Bevollmächtigten Frankreichs, Österreichs, G-s, Preußens, Rußlands, Sardiniens u. der Türkei unterzeichneten Frieden von Paris. Die große Menge begrüßte den Frieden mit Jubel, obwohl einige der größten öffentlichen Blätter sich anfänglich dagegen aussprachen. Die Ostseeflotte kehrte zurück, die Milizen gaben ihre Waffen ab, das türkisch-englische Contingent trat wieder in den Dienst des Sultans u. die Fremdenlegion, welche zu Anfang April eine Stärke von 18,000 Mann erreicht hatte, wurde aufgelöst; doch sandte die Regierung diejenigen unter ihnen, welche das Anerbieten annahmen, nach der Capcolonie. Am 2. Mai legte Lord Clarendon dem Parlament den zu Paris am 15. April zwischen G., Frankreich u. Österreich vereinbarten Vertrag wegen Aufrechthaltung der Untheilbarkeit der Türkei vor, wonach jede Übertretung des Pariser Friedens vom 30. April 1856 als ein Casus belli betrachtet werden soll. Jedes Haus überreichte der Königin in Gesammtheit eine Dankadresse, u. die Königin gewährte (9. Mai), um den Abschluß des Friedens durch eine Gnadenhandlung auszuzeichnen, allen wegen politischer strafbarer Handlungen Verurtheilten vollständige Verzeihung.

D) Großbritannien seit dem Pariser Frieden von 1856. Die Zustände im Britischen Indien (s. Ostindien) gaben wiederholt innerhalb u. außerhalb des Parlamentes zu ernsten Betrachtungen Veranlassung, als die von Lord Albemarle eingebrachte Petition einer Anzahl Einwohner der Präsidentschaft Madras um Abschaffung der zahlreichen u. grauenhaften Torturarten zur Sprache kam, die sowohl zur Eintreibung von Steuern als in Straffällen angewendet werden. Das ungeheuere Reich war übrigens kurz vor der Ankunft des neuen Generalgouverneurs Visc. Canning vom Generalgouverneur Marquis Dalhousie um das Königreich Audh (Oude) vermehrt worden. Die feierliche Einverleibung geschah am 16. Februar 1856; der Gegenstand derselben waren 24,000 englische (über 1100 deutsche) QM. mit einer Bevölkerung von ungefähr 4 Mill. Seelen u. einem Reinertrag von 1 Mill. Pfd. Sterl., der aber leicht um das Doppelte gesteigert werden kann. Es war dies die vierte Provinz, die Dalhousie während seiner Verwaltung dem Indobritischen Reiche hinzugefügt hatte. Unter[709] den übrigen Colonien zeichnete sich Australien fortwährend durch Goldsendungen aus. Nach Halifax, Quebek u. Montreal wurden im April Truppen u. Kriegsvorräthe gesandt, um die in Canada stehende Kriegsmacht zu verstärken, da die Spannung mit der Nordamerikanischen Union fortdauerte, u. beide Mächte, besonders wegen der centralamerikanischen Verhältnisse, sich nicht verständigen konnten. Während die freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland wieder angeknüpft worden waren, drohte eine neue Verwickelung mit dem dem Russischen Reiche verbündeten Persien, dessen Truppen im Widerspruche mit einem Vertrage Herat (26. October 1856) eingenommen hatten, eine Übergangsstation vom westlichen ins östliche Asien, worauf der Generalgouverneur von Ostindien schon am 1. November in Calcutta die Kriegserklärung gegen Persien veröffentlichte u. eine von Bombay abgegangene Flotte unter Admiral Henry Laeke am 29. vor Abuschär erschien. Die Engländer besetzten die Inseln Karrack im Persischen Meerbusen u. erklärten sie (7. December), ebenso wie die Hafenstadt Abuschär, welche sich am 10. December ergab, für britisches Eigenthum. General James Outram schlug am 5. Januar 1857 bei Burazdschun u. am 8. Januar bei Khuschab das persische Heer gänzlich. Zufolge des hierauf in Paris am 4. März zwischen einem außerordentlichen persischen u. dem englischen Bevollmächtigten abgeschlossenen, am 14. April zu Teheran ratificirten Friedensvertrages verzichtete der Schah auf jeden Anspruch auf Herat u. Afghanistan überhaupt, unterwarf sich im Fall einer Mißhelligkeit mit ihm dem schiedsrichterlichen Urtheil der Engländer u. räumte diesen die Rechte der am meisten begünstigten Fremden ein; wogegen die Engländer sämmtliche Eroberungen wieder herausgaben. Am 28. Januar hatte Dost Mohamed Khan auf Grund einer Übereinkunft seine Einwilligung zur Errichtung einer ständigen englischen Gesandtschaft in Kandahar gegeben. Fast zu gleicher Zeit hatte Contreadmiral Seymour ohne Kriegserklärung den Krieg mit China begonnen, indem er am 24. October 1856, eine geringfügige Veranlassung ergreifend, die Festungswerke um Canton nahm u. großentheils zerstörte, die Stadtmauern erstürmte u. die Stadt u. die Regierungsgebäude mit Bomben beschoß. Bei der hartnäckigen Weigerung der Chinesen, den letzten Friedensvertrag zu erfüllen u. bei ihrer für den europäischen Handel verderblichen Handelspolitik (wonach unglaubliche Summen edeln Metalles für Seide, Thee, chinesische Fabrikate hineingehen, ohne wieder herauszukommen) mußten endlich mit Waffengewalt erträglichere Verhältnisse hergestellt werden.

Im Inneren erhielt die bewaffnete Macht einen Zuwachs durch die Neugestaltung des Corps der Küstenwächter, welche zugleich als Landwehr benutzt werden sollen. Die Verhandlungen des Parlaments vom Jahr 1856 brachten ein Gesetz, wodurch die Regierung ermächtigt wird, höchstens vier Rechtsgelehrte zu lebenslänglichen Lords zu ernennen, um das Oberhaus in seiner Wirksamkeit als obersten Gerichtshof zu unterstützen; ferner die Organisation der Polizei auf dem Platten Lande u. den kleineren Städten von Seiten der Ortsobrigkeiten unter der Oberaufsicht der Regierung; die Einführung besoldeter Richter in Civilsachen in Bezirksgerichten (während bis dahin nur die Criminalrichter vom Staate besoldet worden waren). Ein Antrag Lord Russells auf Errichtung eines Ministeriums des öffentlichen Unterrichts, um den Einfluß des Staates auf den Unterricht zu vergrößern, wurde als mit der Freiheit des Unterrichtes unverträglich abgelehnt. Die über die Ausführung des Pariser Friedensvertrages von 1856 entstandenen Meinungsverschiedenheiten verhinderten ein gemeinschaftliches Vorgehen G-s u. Frankreichs gegen Neapel, u. beide Regierungen beschränkten sich, nachdem sie vergebens von dem König von Neapel die Veränderung mehrerer innerer Einrichtungen verlangt hatten, darauf, die diplomatischen Verbindungen abzubrechen. In der am 3. Februar eröffneten Parlamentsversammlung von 1857 wurde das Ministerium lebhaft wegen der Ereignisse in China als einer Herabwürdigung der Krone u. des Nationalcharakters angegriffen u. in diesem Sinne auch am 4. März ein Beschluß vom Unterhause gefaßt. Dagegen erklärten die Handelskammern u. die Räthe der größten Handels- u. Fabrikstädte, daß Leben u. Vermögen der englischen Unterthanen in China, sowie überhaupt der ganze Handel Englands mit dem Orient auf dem Spiele ständen, wenn nicht ernstliche Maßregeln zur Abhülfe ergriffen würden. Der fortwährende Abfluß des Baaren hatte bereits Gold u. Silber, namentlich das letztere, auf dem Londoner Geldmarkt selten gemacht, den Bankdisconto erhöht u. die Geschäfte merklich gelähmt. Unter diesen Umständen löste das Ministerium das Parlament auf. In der ersten Sitzung des neugewählten Parlaments (7. Mai), worin die Hauptgegner des Chinesischen Krieges keine Aufnahme gefunden hatten, verkündete die Regierung unter Anderem die Absendung eines außerordentlichen Commissars nach China zur Ordnung der dortigen Angelegenheiten u. die Ablösung des dänischen Sundzolles.

Die Nachricht aus Ostindien, daß sich am 25. Febr. das 19. Regiment Seapoys in Behampur u. 6. März das 54. in Madras empört hatte, ließ noch nicht den Nationalaufstand ahnen, der bald darauf ausbrach. Nicht blos die unleugbaren großen Mißbräuche der britischindischen Verwaltung hatten das Volk abwendig gemacht, sondern die Unsicherheit des Eigenthums u. des Besitzstandes hatte bes. die indischen Großen aufgebracht. Diese Stimmung war unter der Verwaltung des Generalgouverneurs Dalhousie, welcher die reiche Provinz Berar als Bezahlung einer Schuldforderung weggenommen hatte, das Fürstenthum Sattara, Pundschab, Rangun u. Pegu, Bundelkund, Sambalpur, Baghat, einen Theil von Sikkim, Udajapur, das Territorium Cheirpur, das Gebiet von Tularam Sonipat, Dschausi, Bundawal (Kandesch), Nagpore u. zuletzt Audh den indischen Besitzungen einverleibt hatte, eine sehr gereizte geworden. Die Klagen des beraubten Königs von Audh u. seiner Familie blieben nicht ohne Widerhall. Am 8. April 1857 starb der Radscha von Hindu-Kusch, Bischri-Sing, u. sofort proclamirte der Generalgouverneur Canning die Einverleibung des Reichs desselben, welches von der Grenze Persiens bis zum Indus sich erstreckt, im Norden von Afghanistan, im Süden von Badakhan u. dem unabhängigen Turkhestan. Am 10. Mai empörte sich unter der Leitung eines ebenfalls beraubten indischen Fürsten, Nena-Sahib,[710] das ganze trefflich gepflegte u. geübte Heer der Präsidentschaft Bengalen u. rief am folgenden Tage den Sohn des Moguls von Indien als König von Indien aus (s. Ostindien). Trotz dieser beiden Kriege schlug England fremde Hülfe aus u. warb nicht einmal fremde Truppen an. Ein Vertrag zwischen England u. Frankreich (vom 7. März 1857) ordnete die Handelsverhältnisse beider Staaten an der Westküste Afrikas, indem England Portandik an Frankreich überließ, u. dieses dagegen Albreda am Gambiafluß abtrat. Eine kleine Spannung zwischen Frankreich u. England, wegen der Verfassung der Donaufürstenthümer, wurde bei einem Besuche des Kaisers Napoleon bei der Königin in Osborne zu Anfang Augusts gehoben, wo man übereinkam, diese in zu Paris abzuhaltenden Conferenzen zu erledigen. Im Parlament vereinigte man sich über ein Sparkassengesetz zur größeren Sicherstellung der Einleger. Die eingelegten Summen betrugen im Jahr 1856 34,760,000 Pfd. Sterl. von 1,339,000 Einlegern, um so bedeutender, als in Schottland noch besondere Vorschuß- u. Sparvereine sind. Die Sparkassen blieben Privatinstitute, aber die Regierungscommissare wirkten bei der Abfassung der Statuten mit u. überwachten die Ausführung. Die Erkennung der Deportationsstrafen wurden gesetzlich sehr eingeschränkt, indem man die kürzeste Dauer derselben auf 14 Jahre festsetzte, überhaupt nur noch Westaustralien zur Aufnahme von Verbrechern verbunden ist u. in den meisten Fällen an die Stelle der Deportation Zuchthausstrafe tritt. Ein neues Ehescheidungsgesetz ordnet die Errichtung eines besonderen, aus einem Obercivilrichter u. einem Geistlichen bestehenden Gerichtes mit mündlichem Verfahren an, welches in sehr wenigen Fällen die Scheidung od. in mehreren die Trennung aussprechen kann. Der auf Anregung Lord Broughams u. Saint Leonhards niedergesetzte Ausschuß zur Sichtung der bestehenden Gesetze, legte Beweise seiner fruchtbaren Thätigkeit ab, gesetzliche, in alten u. neuen Statuten des Parlaments zerstreute Bestimmungen zusammenzustellen, zu ordnen u. von Veraltetem zu befreien. Nachdem die Britische Bank, zum großen Schaden der Betheiligten, zahlungsunfähig geworden war, legte die Regierung auch ein Gesetz zur Verhütung der Wiederholung ähnlicher Fälle vor, welches von beiden Häusern angenommen wurde. Vor dem Schluß der Sitzung langten so traurige Nachrichten aus Ostindien an, daß sich die Regierung genöthigt sah, die bereits bewilligten außerordentlichen Mittel zur Unterdrückung der Empörung noch bedeutend vermehren zu lassen, u. zugleich auf den Rath der Opposition einzugehen, die Truppen über das Mittelmeer u. Ägypten nach Indien zu senden, während sie bis dahin den wohlfeileren Weg ums Cap der guten Hoffnung vorgezogen hatte. Bei der geringen Neigung zum Kriegsdienst, welche der Engländer zeigt, gab man auch das bisherige System des Verkaufs der Offizierstellen wenigstens insoweit auf, als bei den neu zu errichtenden Corps der Artillerie, den Ingenieurs u. den Stabsoffizieren die Stellen nicht verkauft, sondern dem Verdienstvollsten gegeben werden sollten. Eine großartige Erscheinung war die während des Sommers bis zum Octbr dauernde Kunstausstellung in Manchester, zu welcher aus allen Weltgegenden die größten Meisterwerke geliehen worden waren. Von dem praktischen wissenschaftlichen Sinne der Engländer zeugt der seit mehreren Jahren bestehende Nationalverein zur Entwickelung der Wissenschaft der menschlichen Gesellschaft (Of social science), der vom 13. bis 20. Oct. in Brougham einen Congreß unter dem Vorsitze des Lord Birmingham hielt. Zu den politischen Drangsalen, von denen G. heimgesucht wurde, kam im Herbst von 1857 auch noch eine Geldklemme u. bedenkliche Handelskrisis durch Zusammenwirken mehrer Ursachen. Die mehre Jahre hindurch aufeinanderfolgenden europäischen Mißernten hatten jährlich große Summen für Getreide nach Nordamerika geführt u. die dortige landwirthschaftliche Bevölkerung in Stand gesetzt, die europäischen bes. englischen Fabriken zu beschäftigen u. zu bereichern. Die fruchtbaren Jahre 1856 u. 1857 hatten dies geändert. Die auf Wagniß, zum Theil mit erborgtem Gelde erzeugten Fabrikate blieben liegen, die Zahlungen stockten; dazu kam die Silberausfuhr nach China u. Indien; eine Menge Häuser, bes. die beim amerikanischen Handel betheiligten, fallirten bei der Unmöglichkeit, sich Zahlungsmittel zu verschaffen. Größerem Übel wurde vorgebeugt, als die Regierung die Bank ermächtigte, ausnahmsweise über das gesetzliche Maß hinaus Banknoten auszugeben, was das am 3. December außerordentlich zusammengetretene Parlament genehmigte. Am 25. Januar 1858 erfolgte die Vermählung der Kronprinzessin Victoria mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, Sohn des Prinzen von Preußen, von beider. Nationen mit Freude u. Hoffnung begrüßt. Der am 14. Jan. ausgeführte Mordversuch gegen den Kaiser der Franzosen gab der französischen Regierung Veranlassung, in einer Depesche von der englischen Regierung zu verlangen, daß sie zur Überwachung u. Bestrafung schuldiger politischer Flüchtlinge geeignetere Maßregeln ergreifen möge. Es zeigte sich bei näherer Untersuchung in der That, daß zwar Engländer, die im Auslande an einer Mordverschwörung theilgenommen, der Todesstrafe verfallen, daß aber Fremde, die in England leben, in gleichem Falle höchstens von der Polizei zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt werden können. Bei der Wiedereröffnung des Parlaments (4. Febr.) kündigte daher der Premierminister Palmerston die Einbringung eines Gesetzes zur Abänderung der Strafbestimmungen über Theilnahme an Mordthaten an. Fast alle Parteien waren der Meinung, daß bei der den Briten feindlichen Gesinnung, die in Frankreich bei dieser Gelegenheit zum Durchbruch kam, die Nationalehre der Regierung ein anderes Verfahren hätte eingeben sollen, u. auch das Unterhaus verlieh am 19. Febr. dieser Ansicht Ausdruck, indem es sich mit 234 gegen 215 Stimmen gegen das Ministerium erklärte.

Das Whigministerium trat ab u. an seine Stelle (26. Februar) ein Toryistisches Ministerium, bestehend aus Edw. Stanley, Graf von Derby (Erster Lord des Schatzes), Benjamin Disraeli (Kanzler der Schatzkammer), Frederic Thesiger (Lord-Kanzler), Marquis of Salisbury, Graf von Hardtwicke, Spencer Walpole (Inneres), Graf von Malmesbury (Äußeres), Lytton Bulwer (Colonien), Jonathan Peel, Somerset Parkington, Warner Henlay, Lord Ellenborough u. G. J. Manners. Es erbat sich zunächst eine nähere Erklärung von der französischen Regierung über das von ihr gestellte[711] Verlangen zu der von ihm gewünschten Ausgleichung des obschwebenden Mißverständnisses, welche dahin erfolgte, daß Napoleon III. nichts habe fordern können, was mit Englands Ehre unvereinbar sei; er habe nur einen Wunsch zum Besten des Bündnisses beider Nationen ausgesprochen u. mache gar keine weiteren Forderungen, da er der Freundschaft Englands volles Vertrauen schenke. Nach Erledigung dieser Angelegenheit beschäftigte sich die Regierung mit der Veränderung der Regierungsform Ostindiens, da die beiden obersten Behörden, die bis dahin die ostindischen Angelegenheiten leiteten, nicht immer gehörig schnell zusammenwirken konnten, weshalb schon Lord Palmerston ein Gesetz zur Aufhebung der Ostindischen Compagnie vorgelegt hatte. Am 26. März brachte der Schatzkanzler Disraeli einen neuen Gesetzentwurf ein, wonach die Ostindische Compagnie aufhört u. durch einen Minister der Krone (Staatssecretär) nebst einem Vicepräsidenten ersetzt wird, denen eine Indische Rathskammer von 18 Mitgliedern berathend zur Seite steht, davon ernennt die Krone neun, vier werden durch Offiziere aus Beamten, welche zehn Jahre in Ostindien gedient haben, od. durch indische Fondsbesitzer u. fünf durch die Parlamentswähler Londons, Liverpools, Manchesters, Glasgows u. Belfasts gewählt; die Dauer der Amtszeit dieser Räthe ist sechsjährig. Am 17. April wurde der politische Flüchtling Simon Bernard (Franzose), dessen Theilnahme an dem Mordversuch vom 14. Januar durch die Zeugenaussagen nicht zur Evidenz erwiesen wurde, von den Geschworenen unter allgemeinem Jubel freigesprochen. Der bisherige französische Gesandte in London, Graf Persigny, war schon vorher durch den Marschall Pelissier ersetzt worden. Die Frage wegen Eintrittes der Israeliten ins Parlament wurde endlich durch einen Vermittelungsvorschlag der Regierung gelöst, dahin gehend, daß das Unterhaus gesetzlich ermächtigt sein sollte, in jedem einzelnen Falle zu beschließen, daß aus dem, von dem Neueintretenden zu leistenden Eide die Worte »auf den Eid eines wahren Christen« ausfallen. Nachdem dies in beiden Häusern Genehmigung gefunden hatte, trat Baron Rothschild, der zum Mitglied des Parlamentes gewählt worden war, ins Unterhaus ein u. leistete auf das Alte Testament den vorgeschriebenen Eid. Bei den schwebenden Verhandlungen über die Donaufürstenthümer stellte Gladstone im Unterhause (4. Mai) den Antrag, das Haus möge sich für die Union der Moldau u. Walachei aussprechen, was jedoch nach einer von der Regierung abgegebenen Erklärung mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. In Bezug auf den im Unterhause von Roebuck empfohlenen Suezkanal äußerte sich am 1. Juni der Staatssecretär des Auswärtigen, England müsse aus politischen Gründen mit aller Entschiedenheit dagegen ankämpfen, weil nach Ausführung desselben andere Mächte dem Ostindischen Reiche so nahe rückten, daß England dadurch zu fortwährenden Kriegsrüstungen gezwungen sein werde. Nachdem aber der ganze Postverkehr u. ein großer Theil des Personenverkehrs zwischen England, Ostindien, China u. Australien auf dem Suezweg u. die Rothmeerstraße abgeleitet worden war, hielten es die Engländer zur Sicherung ihrer Schifffahrt auf dem gefährlichen Rothmeer für nöthig, auf der Insel Perim, am Eingange des Rothmeeres, einen Leuchtthurm zu errichten, da täglich in Suez englische Dampfer ankommen u. abgehen. Über den am 10. Juni im Unterhause zur Sprache gebrachten französischen Plan, die Auswanderung sogenannter freier Neger nach französischen Colonien zu betreiben, wurde von Seiten der englischen Regierung bemerkt, daß sie sich sehr entschieden dagegen erklärt hätte. Es sei nun im Einverständniß mit der französischen Regierung ein englischer u. ein französischer Commissar an Ort u. Stelle gesandt worden, um zu erörtern, wie es sich eigentlich mit dieser Auswanderung freier Neger verhalte. Die Entdeckung von Goldlagern an den Flüssen Fraser u. Thompson, im bisher sogenannten Neucaledonien, an der Nordwestküste Nordamerikas, gab Veranlassung zu einer Parlamentsacte vom 2. Aug. 1858, wonach dieser Theil den britischen Besitzungen hinfüro als eine besondere Colonie unter einem eigenen Gouverneur Britisch-Columbia heißen soll, alles Land umfassend, welches im Süden durch die Vereinigten Staaten, im Osten durch die Felsengebirge, im Westen durch das Große Weltmeer u. im Norden durch den Simson River u. dem Finlayarm des Peace River begrenzt wird.

Nach dem Schluß des Parlaments (2. Aug.) langte die Nachricht von der Beendigung des Chinesischen Krieges an. Der Friedensvertrag war am 26. Juni zu Tien-tsin abgeschlossen u. am 23. Juli vom Kaiser bestätigt worden: neun neue Häfen sollen dem englischen Handel geöffnet, das Christenthum geduldet u. 2 Mill. Pfd. St. Kriegsentschädigung gezahlt werden; ein chinesischer Gesandter in London, ein englischer in Peking bleibend sich aufhalten. Nicht mindere Hoffnung bauten die Engländer auf einen mit Japan vereinbarten Handelsvertrag, welcher dieses Land ihrem Handel eröffnet u. Gesandte u. Consuln zuläßt. Nach Annahme des Gesetzes über Aufhebung der Ostindischen Compagnie von Seiten beider Häuser erfolgte am 1. Nov. die feierliche Proclamation der Königin Victoria als unmittelbare Beherrscherin des Indobritischen Reiches. Zum ersten Vicekönig wurde der bisherige Generalgouverneur Lord Canning ernannt. Zum Schutz der centralamerikanischen Regierung gegen etwaige Angriffe von Abenteurern, wie Walker, sandte England zwei Kriegsschiffe in die dortigen Gewässer. In der zweiten Hälfte des Jahres nahm auch die Republik der Ionischen Inseln die Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch, da das dortige Parlament mit dem Bittgesuche sich an die Schutzmacht wandte, die Vereinigung der Inseln mit Griechenland zu gestatten; Gladstone, als außerordentlicher Lordobercommissar, überbrachte jedoch eine abschlägige Antwort (s.u. Ionische Republik). In den Beziehungen zwischen den Höfen u. Regierungen von England u. Frankreich schien sich Nichts geändert zu haben. Beide beschickten die Pariser Conferenzen, aus deren Berathungen am 19. Aug. die Übereinkunft wegen der Verfassung der Donaufürstenthümer hervorging. Am 4. u. 5. August traf die Königin mit ihrem Gemahl in Cherbourg mit dem kaiserlichen Paare von Frankreich bei der Feierlichkeit der Einweihung des dort vollendeten neuen Kriegshafens zusammen, von wo sie zum Besuche des preußischen Hofes nach Potsdam reiste. Allein bei den fortdauernden Kriegsrüstungen Frankreichs zur See u. zu Lande blieb auch England nicht zurück.[712] Die schon seit mehreren Jahren begonnene Befestigung aller zugänglichen Küstenpunkte in den drei Königreichen wurde ununterbrochen fortgesetzt. Die große Anzahl von Kriegsschiffen, welche auch im J. 1858 theils in Stand gesetzt, theils vom Stapel gelassen worden sind, beweisen hinlänglich, daß das Toryministerium ebenso wie sein Vorgänger auf eine Vermehrung der Flotte eifrig bedacht war. Ein für den Weltverkehr Epoche machendes Unternehmen, die Legung eines elektrischen unterseeischen Telegraphen zwischen Valentia in Irland u. der Dreieinigkeitsbai in Neufundland schien am 6. August geglückt zu sein, aber schon am 3. Sept. war die Verbindung wieder unterbrochen. Das Jahr 1859 brachte im Innern die Frage oegen Abänderung des Gesetzes die Wahlen der Mitglieder des Parlaments betreffend, in den äußern Verhältnissen die Italienische Frage (s.d.) u. von Neuem die wegen der Verfassung der Donaufürstenthümer. Eine von dem Ministerium eingebrachte Reformbill, welche eine unbedeutende Erweiterung des Wahlrechts in England u. Wales bezweckte, zog dem Cabinet eine Niederlage im Unterhause zu, da Lord John Russel ein Amendement dazu einbrachte, welches diese Bill für weder gerecht noch politisch erklärte. Bei der Abstimmung darüber in der Nacht vom 31. März zum 1. April blieb das Ministerium mit 291 gegen 330 Stimmen in der Minorität. Derby gab sofort seine Entlassung ein; doch entschloß sich am 4. April die Königin in Rücksicht auf die drohende Lage Europa's, das Torycabinet beizubehalten, das Parlament dagegen aufzulösen, sobald die nothwendigsten Geschäfte erledigt wären.

Vgl. J. Wade, British History, chronologically arranged from the earliest era to the dead of William IV., Lond. 1839; Hume, History of England, mit Smollets Fortsetzung bis auf Georgs II. Tod, ebd. 1811, 15 Bde., fortgesetzt von Adolphus bis 1783, 4. Ausg. ebd. 1817, 3 Bde.; J. M. Gruner, Geschichte von England, Heilbr. 1760–1764, 4 Bde.; T. Smollet, Complet History of England, Lond. 1765, 5 Bde.; O. Goldsmith, History of England, fortgesetzt von C. Coote, ebd. 1805, 4 Bde.; M. K. Sprengel, Geschichte von G. u. Irland, Halle 1783; C. G. Heinrich, Geschichte von England, Lpz. 1806–10, 4 Bde.; F. A. Bertrand de Molleville, Histoire d'Angleterre, Par. 1815, 6 Bde.; Palgrave, History of England, Lond. 1831; Lingard, History of England etc., ebd. 1819–31, 14 Bde, deutsch von C. A. von Salis u. C. P. Berly, Frankf. 1827–33; W. Belsham, Denkwürdigkeiten der Könige von G. aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg, Hann. 1798, 2 Bde.; The Annals of King Georg I., Lond. 1716; N. N. Johnstone, History of the rebellion in 1745 and 1746, ebd. 1821; W. Jones, History of England during the reign of George III., ebd. 1825, 3 Bde.; I. Aikin, Annals of the reign of King Georg III. from 1760–1815, ebd. 1818, 3 Bde.; Georg III., sein Hof u. seine Familie, aus dem Englischen von F. B. von Bibra, Hann. 1820, 3 Bde.; R. G. Wallace, Memoirs of the life and reign of Georg IV., Lond. 1832, 3 Bde.; Macaulay, History of England, Lond. u. Lpz. 1848 u. ff., deutsch von Bülau, Lpz. 1849 u. ff.; Wright, England under the House of Hanover, 3. Aufl., Lond. 1849; Mahon, History of England from the treaty of Utrecht, ebd. 1853–54, 7 Bde.; vgl. außerdem Englische Literatur.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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