Italien [2]


Italien [2]

Italien (Geschichte). I. Älteste Geschichte. Zu der Zeit, wo J. in die Geschichte eintritt, wurde die Halbinsel von Völkern sehr verschiedenen Stammes bewohnt. Im äußersten Nordosten, dem heutigen Venetien, wohnten die Veneter, welche wahrscheinlich dem illyrischen (albanesischen) Völkerstamme zugehörten; in der Mitte Oberitaliens die Etrusker od. Rafener, weiter westlich im heutigen Sardinischen Staate bis weit nach Toscana herein Ligurer (noch auf der Insel Elba), zu denen vielleicht auch die alten Bewohner der Insel Sardinien, welche zahlreiche räthselhafte Grabthürme (Nurhagen) hinterlassen haben, zu rechnen sind. Die Mitte J-s bewohnten Völker italischen Stammes, den Südosten endlich Völker japygischen Stammes Die Veneter waren Einwanderer,[106] welche die Sage nach dem Trojanischen Kriege unter Führung des Antenor aus Paphlagonien gekommen sein läßt; ihr Gebiet scheinen vorher Umbrer bewohnt zu haben, wie die Namen der Städte Hatria u. Spina bekunden. Die Ligurer, welche noch das meiste Anrecht darauf haben, die Urbewohner der von ihnen bewohnten Länder gewesen zu sein, scheinen mit keinem aller übrigen Völker verwandt. In Toscana, wo sie wahrscheinlich an den Küsten wohnten, während Umbrer die Gebirge des Innern besetzt hielten, gingen sie in den Etruskern auf, einem ebenfalls ganz eigenartigen Volke, welches sich aus seinen nördlichen Wohnsitzen hier ausbreitete u. hier seine eigenthümliche Civilisation zur Reise brachte, s. Etrusker. Die italischen Völker (Italiker) sind indogermanischen Stammes u. wanderten von Nordosten her in die Halbinsel ein, ehe noch die Veneter daselbst saßen. Die Einwanderung erfolgte in zwei Strömungen, der latinischen u. der umbrisch-sabellischen. Der latinische Arm, welcher zuerst aufgebrochen zu sein scheint, ließ sich in den Ebenen von Latium u. Campanien nieder; die Anfoner Campaniens waren jedenfalls ein latinischer Stamm. Auch die ursprünglichen Bewohner der später von den Lucanern u. Bruttiern bewohnten Landschaften, die eigentlichen Italer (Itali, d.i. Bewohner des Rinderlandes), waren nicht japygischen, sondern italischen Stammes u. sind jedenfalls den Latinern zuzuzählen. Vieles spricht auch dafür, daß die Siculer der östlichen Hälfte Siciliens ebenfalls dahin zu rechnen sind. Später scheint die Wanderung der umbrisch-sabellischen Stämme begonnen zu haben, welche sich jedoch mehr in der Mitte der Halbinsel u. der östlichen Küste zu hielt Wie schon bemerkt, mögen sie sich früher über das ganze östliche Norditalien ausgedehnt haben, wurden aber von Norden u. Westen her zurückgedrängt in das enge Bergland zwischen beiden Armen des Apennin, das sie später inne haben. Die Tusker sollen ihnen, der Sage nach, allein 300 Städte weggenommen haben; in den Nationalgebeten der umbrischen Iguviner werden vor Allem die Tusker als Landesfeinde verwünscht. Während die Umbrer im Norden weichen mußten, drangen sie selbst nach Süden vor, wo sie in vielfache Berührung mit den Latinern kommen mußten. Im Ganzen behaupteten sich die Sabiner, wie sie hier genannt werden, in den Bergen, wie in der seitdem nach ihnen benannten Landschaft in Latium, sowie im Lande der Volsker. Der Hauptstock des umbrischen Stammes besetzte aber östlich der Sabina die Gebirge der Abruzzen u. das südlich an diese sich anschließende Hügelland; sie besetzten auch hier vorzugsweise die gebirgige Landschaft, deren dünne Bevölkerung sich ihnen unterwarf, während in dem ebeneren apulischen Küstenlande, wenn auch unter harten Kämpfen, die alte einheimische Bevölkerung der Japygier (s.d.) sich erhielt. Diese Wanderzüge mögen sich zu der Zeit zugetragen haben, als in Rom die Könige herrschten. Nach der Sage gelobten die Sabiner, als sie von ihren umbrischen Stammesgenossen hart bedrängt wurden, alle in einem Kriegsjahre geborenen Kinder, wenn sie erwachsen wären, auszusenden, um sich neue Wohnsitze zu suchen. Aus der einen Schaar, welche der Stier des Meeres führte, entstanden die Safiner od. Samuiten, welche sich zuerst am Sagrusfluß festsetzten, später aber auch die Ebene am Matesegebirg um die Quellen des Tiernus besetzten. Eine zweite Schaar, unter Führung des Spechtes, bildeten den Ursprung der Picenter, eine dritte, unter Führung des Wolfes, den der Hirpiner. Auf ähnliche Weise zweigten sich noch die kleinen Völkerschaften der Prätuttier, Vestiner, Marruciner, Frentaner, Pelinger u. Marser ab. Alle diese kleinen sabellischen Völker waren sich ihrer Stammesverwandtschaft bewußt, obgleich sie in ihren Bergcantonen abgeschlossen blieben, u. vermochten nur in geringem Grade ein Städteleben zu entwickeln. Nur die Samniter gelangten zu größerer historischer Bedeutung; sie nahmen unter den umbrisch-sabellischen Völkern denselben Höhepunkt der politischen Entwickelung ein, wie die Latiner unter dem latinischen Zweige der Italiker dahin gelangten. Schon seit etwa 1000 v. Chr. hatten sich im südlichen I. u. auf Sicilien Griechen niedergelassen, welche hier blühende Städte u. Staaten gründeten (s. Großgriechenland) u. dort angesessene latinische u. japygische Stämme entweder völlig hellenisirten (wie aus Sicilien), od. wenigstens so schwächten, daß sie den vorrückenden Stämmen der Sabiner bald unterliegen konnten. In Latium war Albalonga die Metropole der Latiner; alle übrigen Städte galten als Colonien derselben; jeder dieser Stadtgaue stand zunächst zwar für sich allein als politische Einheit, doch schlossen sich zu größerer Sicherheit mehrere derselben zusammen zu Eidgenossenschaften. An der Spitze solcher Bunde standen Alba u. Aricia, wahrscheinlich auch Gabii; als Muttergemeinde aber für alle galt Alba. Die jüngste Stadt in Latium scheint Rom gewesen zu sein.

II. Italien unter römischer u. germanischer Herrschaft. 753 v. Chr. entstand Rom (s.d.), erhob sich zum Haupt der latinischen Städte u. durch 500 Jahre lang fortgesetzte Kriege zum Oberherrn von ganz I. Unter Roms langer Regierung gewann I. an Cultur u. Bildung, wurde aber durch Bürger- u. andere Eroberungskriege, durch Luxus u. Sittenverderben physisch entkräftet u. verweichlicht u. menschenleer. Diese Entvölkerung u. Erschlaffung, ebenso wie die Verlegung der Hauptstadt des Römischen Reichs von Rom nach dem fernen Constantinopel, 330 n.Chr. erleichterte den germanischen Volksstämmen die Besitznahme J-s bei der großen Völkerwanderung. Nachdem es Westgothen. (408) durch ihre verheerenden Einfälle erschüttert u. Attilas Hunnen (452) u. die Vandalen unter Genserich (455) verwüstet hatten, stifteten zuerst die Heruler u. Rugier unter Odoacer (s.d.) zu Verona ein Königreich (476) u. zerstörten bald das Abendländische Kaiserreich. Auf das Reich der Rugier folgte bald (493) das Ostgothische (s. Gothen II. A) zu Ravenna, hierauf aber das Longobardische (s. Longobarden), zu Pavia (568), welches Norditalien umfaßte, während Mittel- u. Unteritalien von einem Exarchen des oströmischen Kaisers von Ravenna aus beherrscht wurde (s. Exarchat 2). Das Longobardische Reich bestand aus: a) Austria, mit den Herzogthümern Trident, Friaul u. dem Haupttheil Austria (Venetia), darin mehre kleinere Herzogthümer (Ducate), Vicenza, Padua, Mantua, Verona etc.; b) Neustria, mit den Herzogthümern Eboreja, Turin u. dem Haupttheil Neustria, mit den Stadtherzogthümern von Bergamo, Brixia, Mailand; c) Amilia, welches nur die Stadtherzogthümer [107] Placentia, Parma, Reggio u. Mutina begriff; d) Tuscia, mit den Ducaten Lucca, Florenz u.a.; in Süditalien die Herzogthümer Spoleto u. Benevent, mit den Guastaldaten Capua, Bovianum, Teate etc. Seit dem 7. Jahrh. dehnten die Longobarden ihre Besitzungen fast über das ganze Festland aus, bis sie 752 auch noch das Exarchat erobert hatten. Den Byzantinern blieb nur noch, bis zum Sturz des Longobardischen Reichs, Istria, Venetia, die Herzogthümer Rom u. Neapel u. Südcalabrien, beide letztere gehörten zum Patriziat Sicilien. Aus Neapel bildeten sich im 9. Jahrh. die Staaten Amalfi u. Sorrento. In Rom wußte sich unterdeß der Papst durch Muth u. Klugheit zu behaupten, rief aber zuletzt, von dem Longobardenkönig Aistulf bedrängt, den König der Franken, Pipin, zu Hülfe, der nach zwei glücklichen Kriegen das Exarchat mit dem Gebiete der Stadt Rom den Longobarden entriß u. dem Päpstlichen Stuhle als Kirchengut schenkte (756).

III. Seit dem Gelangen des Papstes zur weltlichen Macht bis zur Zerstörung des Königreichs Italien, 756–962. Nachdem Karl der Große mit Aufhebung des Longobaroischen Reichs (774) I. an die Franken gebracht hatte, überließ er Unteritalien (Calabrien u. Apulien) dem griechischen Kaiser, das Exarchat größtentheils dem Römischen Stuhle unter fränkischem Schutz, mit Vorbehalt des Wahlrechts, gab den bisherigen longobardischen Herzögen von Spoleto, Friaul u. Benevent diese Besitzungen zu Lehen u. verband blos den oberen Theil J-s mit seinem Erbreiche. Karl empfing am Weihnachtsfest 799 (800) in der Peterskirche vom Papst Leo III. die römische Kaiserkrone, u. seitdem hielt man die Kaiserwürde mit dem jedesmaligen Besitzer J-s verbunden, sowie den Kaisertitel von der päpstlichen Krönung abhängig. Zum König von I. bestimmte Karl seinen Sohn Pipin, welcher 781 bei seiner Taufe auch als König gekrönt wurde. Er bekriegte 787 den Baiernherzog Thassilo, 791 die Avaren, 791 u. 792 (793) die Beneventiner, schlug 796 wiederum die Avaren, verheerte 797 das Land der im Nordosten von I. wohnenden Slawen u. zog 800 von Neuem gegen die Beneventiner; 806 erhielt er von seinem Vater zu I. noch Baiern, vertrieb die Mauren von Corsica, entfernte 807 die zu Venedig liegende griechische Flotte durch einen Waffenstillstand, eroberte 810 Venedig u. st. in diesem Jahre. Zum König von I. setzte Karl der Große 812 Pipins natürlichen Sohn, Bernhard, ein; dieser aber empörte sich 817 gegen seinen Vetter Ludwig den Frommen, weil derselbe I. seinem Sohne Lothar gab; besiegt u. gefangen, wurde Bernhard 818 geblendet u. starb bald. Lothar wurde 822 in Mailand als König gekrönt. Unter seiner Regierung setzten sich seit 826 die Araber in Unteritalien (im Gebiet von Tarent) fest u. entrissen den Griechen auch Sicilien. Durch den Theilungsvertrag zu Verdun 843 erhielt Lothar zu I. alles Land zwischen Alpen, Rhein, Schelde, Maas, Saone u. Rhone. Zum König von I. ließ er 844 seinen Sohn Ludwig II. krönen, welcher 848 die Sarazenen bei Benevent schlug. 855 wurde Ludwig Kaiser, u. während er sich mit seinen Brüdern in Erbschaftsstreitigkeiten befand (s. Deutschland [Gesch.] III.), hatten sich die italienischen Herzöge wieder unabhängig zu machen gesucht u. waren die Sarazenen wieder in I. gelandet. Schnell griff Ludwig Letztere an u. besiegte sie, ebenso unterwarf er die Herzöge von Salerno, Benevent u. Capua. 870 u. 871 besiegte er die Sarazenen wieder bei Capua u. Luceria u. trieb sie aus Bari. 871 wurde er von den, wegen der Erpressung seiner Soldaten empörten Beneventinern gefangen, aber wieder losgelassen. Mit Ludwig st. 875 die italienische Linie des Karolingischen Hauses aus, worauf sich die französischen u. deutschen Karolinger J-s bemächtigten, welches ohnehin durch die Einfälle der Araber u. die Fehden der kleinen Herzöge fortwährend beunruhigt wurde.

Eine Partei erhob den deutschen König, Karl den Dicken, auf den Kaiserthron, aber nach dessen Absetzung stritten die Herzöge Guido von Spoleto u. Berengar von Friaul um die italienische Krone. Endlich theilten sie so, daß Guido das römische u. Berengar das longobardische od. fränkische I. bekam. Nochmals entzweit mit Berengar, schlug Guido denselben bei Brescia, vertrieb ihn, wurde nun König von ganz I. u. stiftete das Königreich I. 888–962. Als er 891 auch Kaiser wurde, nahm er seinen Sohn Lambert zum Mitregenten an. Berengar wurde von dem König Arnulf wieder in sein Reich eingesetzt. Die Kriege mit Guido u. nach dessen Tode 894 mit dessen Nachfolger Lambert dauerten fort; Arnulf, welcher Lambert die Kaiserwürde entreißen wollte, verband sich wieder mit Berengar, gleichwohl eroberte Lambert 895 einen Theil der Lombardei u. Mailands. Nach Lamberts Tode (898), der sich durch die Päpste Stephan VI. u. Johann IX. gehalten hatte, kämpfte Berengar Anfangs glücklich, später unglücklich gegen die Ungarn, welche er gegen einen neuen Prätendenten in I., König Ludwig von Provence, in Sold genommen hatte u. welche I. verheerten. Diesen Ludwig fing er, blendete ihn u. entriß ihm so die Provence. Nun wurde Berengar 915 zum Kaiser gekrönt, aber auch in neue Kriege mit Ivrea, Toscana u. Mailand verwickelt; Alberich von Ivrea rief den König Rudolf II. von Burgund zu Hülfe, u. durch diesen wurde 921 Berengar bei Firenzuola geschlagen, von den Seinen verlassen u. 924 ermordet. Nun wurde Rudolf II. von Burgund Herr in Italien; er hatte mit den Ungarn u. den Sarazenen viele Jahre lang blutige Kämpfe. Indessen wurden die Italiener mit Rudolf, welcher zu oft in seinem Burgund war, unzufrieden u. riefen 925 Hugo, Grafen von Provence, auf den italienischen Thron. Hugo wurde unterstützt von seinen Stiefbrüdern, den Herzögen von Spoleto u. Toscana, seiner Schwester, der Markgräfin von Toscana, von dem Erzbischof von Mailand, vom Papste u. vielen Andern; er landete 926, wurde gekrönt u. vertrieb Rudolf, mit dem er aber 930 einen Vertrag schloß, nach welchem Rudolf auf I. verzichtete u. dafür die Provence erhielt. Nun wendete Hugo seine Macht gegen die italienischen Herzöge, welche ihn auf den Thron gehoben hatten, u. vernichtete deren Macht einzeln; er riß Toscana an sich u. gewann Rom durch Heirath mit der Frau seines Bruders Guido. Von da aber von seinem Stiefsohn Alberich vertrieben, mußte er sich mit Oberitalien begnügen. Als er sich 940 gegen Berengar von Ivrea wendete, dieser aber 945 mit kaiserlicher Hülfe gegen ibn auftrat, fielen alle Städte von ihm ab, daß er nach[108] der Provence entweichen mußte, wo er 947 starb. Nach ihm hielt sich Lothar, Hugos Sohn, welcher schon seit 931 Mitregent gewesen war, noch eine Zeit lang als König, doch die Macht besaß schon Berengar II., u. als Lothar 949 starb, wurde Berengar wirklich König. Lothars Gemahlin, Adelheid, rief den Kaiser Otto I. abermals zu Hülfe, u. dieser erwarb mit ihrer Hand auch I. Kaum hatte sich Otto wieder entfernt, so erhob sich Berengar II. von Neuem wieder; der Kaiser schickte 956 seinen Sohn Ludolf nach I., u. dieser schlug Berengars Sohn Adelbert so entscheidend, daß er Herr von I. wurde. 957 starb Ludolf in Pombia, u. Berengar riß nun die Herrschaft über I. nochmals an sich. Endlich kam Otto I. selbst 961 wieder nach I., stellte die Ruhe her u. wurde in Pavia als König von I. u. 962 in Rom als Kaiser gekrönt, wodurch er auch Oberherr von Rom wurde. Er fing 964 Berengar in dem Bergschloß S. Leone. So kam I., welches seit Karls des Dicken Absetzung von Deutschland getrennt war, mit der Kaiserwürde wieder an Deutschland.

IV. Italien unter deutschen Kaisern bis zum Erlöschen der Hohenstaufen 962_–1267. Diese erneuerte Verbindung war Gewinn für das bisher durch Anarchie u. das Eindringen der Araber, Ungarn u. anderer wandernden Horden erschöpfte I., wurde aber nachtheilig für das, durch diese Verhältnisse in lange Kriege verwickelte Deutschland, dessen Kaiser sich nie dauernden Gehorsam in I. erzwingen konnten. In der Eintheilung J-s u. der Benennung J-s unter den sächsischen u. hohenstaufischen Kaiserhäusern ging folgende Veränderung der: statt der Herzogthümer wurden jetzt Markgrafschaften (Marchionate) u. Grafschaften (Comitate), deren Herren Anfangs bloße Statthalter des Kaisers waren; so die Markgrafschaft Savoyen, Saluzzo, Montserrat, Treviso, Romandiota, Verona. Tuscien, die Grafschaften Friaul u. die von vielen Städten, wie Vercelli, Novara, Mailand, Pavia, Crema, Bergamo etc. (die meist von den Bischöfen dieser Städte verwaltet wurden), die Marken Savona u. Genua, die Marca Guarnerii (Ancona), Fermo, Teate etc., nur dos Herzogthum Spoleto blieb; das römische Gebiet (Patrimonium St. Petri) blieb dem Papste; in Süditalien gründeten im folgenden Zeitraum die Normannen die Herzogthümer Apulien u. Calabrien u. die den Sarazenen abgenommene Insel Sicilien erhoben sie zu einer Großgrafschaft. In Norditalien hatte sich Genua u. Pisa schon früh frei gemacht; ein geistliches Reich war noch das Patriarchat von Aquileja; Venedig blieb frei. 965 nach Deutschland zurückgekehrt, mußte Otto I. schon 966 wieder nach I. wegen daselbst ausgebrochner Unruhen; jetzt hielt er ein strenges Gericht u. ließ viele Aufrührer, bes. Römer, hinrichten u. seinen Sohn Otto II als seinen Nachfolger krönen. Um den Rest von I. mit seinem Reiche zu vereinigen, wollte er mit seinem Sohne die griechische Prinzessin Theophania verloben, welche ihm Apulien u. Calabrien als Brautschatz zubringen solte. Der vom Kaiser Nikephoros Phokas verworfne Antrag hatte einen Einfall Ottos in Apulien zur Folae, u. erst der Kaiser Johannes Zimiskes ging 970 auf den Vorschlag ein. Aber die Griechen wollten diese Länder nicht abtreten, u. als Otto II. deshalb 980 einen Eroberungszug gegen sie machte, riefen sie die Sarazenen zu Hülfe, u. Otto wurde 982 bei Basentello geschlagen. Als von Verona aus ein neuer Feldzug gegen die Griechen gerüstet wurde, starb Otto in Rom 983 Auch sein Sohn Otto III. halte fortwährende Unruhen in Rom zu schlichten; zweimal war er in I. gewesen; im Jahre 1000 ging er zum dritten Male dahin, wahrscheinlich um dort für immer seine Residenz zu nehmen, denn er hatte eine große Vorliebe für I., aber ein gefährlicher Aufruhr in Rom 1001 bestimmte ihr zur Rückkehr nach Deutschland, doch starb er 1002 in Palermo.

Die Lombarden, welche dem neuen deutschen Könige Heinrich II. keinen Gehorsam schuldig zu sein glaubten, da er kein Abkömmling Otto's war, hängten sich an den Markgrafen Arduin von Ivrea; doch rief dessen Gegenpartei Heinrich ins Land, u. dieser wurde 1004 zu Pavia als König von I. gekrönt. Einem hier entstandenen Aufruhr mit Mühe entgangen, kehrte Heinrich nach Deutschland zurück, ohne zur Befestigung seiner Macht in I. etwas gethan zu haben. 1013 zog Heinrich wieder nach I. u. wurde 1014 in Rom als Kaiser gekrönt; Arduin, von allen seinen Anhängern verlassen, ging ins Kloster. 1022 unterwarf Heinrich die Herzöge von Benevent, Capua u. Neapel (s.d. a.), u. gab den Normännern, die ihm beigestanden hatte, ein Stück Land ab. So faßten diese in I. festen Fuß. 1026 kam Konrad II. nach I., unterwarf sich die Widerspenstigen in Oberitalien, wurde in Mailand als König u. 1027 in Rom als Kaiser gekrönt. Während seiner Abwesenheit in Deutschland waren zwischen den kleinen Lehnsträgern u. den Freien einer- u. den Bischöfen u. Capitani andrerseits blutige Fehden ausgebrochen. Konrad stiftete 1037 Frieden u. gab zu Gunsten der kleinern Vasallen eine Constitution über die Lehn, in welcher die Vererbung der Lehn in männlicher Linie bestimmt wurde. Während dessen wurden die Römischen Bischöfe mächtiger u. einflußreicher, u. schon Otto I. hatte sich gegen den Papst u. Clerus weit nachgiebiger u. freigebiger erwiesen, als es mit dem kaiserlichen Interesse vereinbar war. Die Papstwahlen geschahen nach Ottos Zeit meist ohne Genehmigung des deutschen Kaisers, u. oft erhob die kaiserliche Gegenpartei ihren eignen Papst; hingegen sollte kein deutscher König den Kaisertitel annehmen, als nach der päpstlichen Krönung u. Bestätigung, wie man dies als Grundsatz bei der Krönung Heinrichs II. feststellte, wonach sich auch lange die nachfolgenden Könige u. Kaiser in ihrem Kanzleiceremoniell richteten. Heinrich III. (1039–1056) stellte bei seinen: Römerzug 1046, wo er auch als Kaiser zu Rom gekrönt wurde, die kaiserlichen u. Reichsrechte in I. wieder her u. schützte dieselben gegen die Päpste, allein nach seinem Todeerhob Gregor VII. den Investiturstreit u. vollendete durch seine Consequenz das Gebäude der Hierarchie bei allen deutschen u. italienischen Angriffen, wobei ihn die Normänner getreu unterstützten, welche päpstliche Lehnssoldaten u. tributär geworden waren, nachdem der Papst Nikolas II. Robert Guiscard als Herrn von Apulien (s.d.) in seinen Eroberungen in Unteritalien anerkannt u. mit Sicilien belehnt hatte (1059). Die unwürdige Behandlung, welche Heinrich IV. von dem Papste 1077 in Canossa erfuhr, wo er, um aus dem Bann zu kommen, Buße thun u. auf die königlichen Rechte in I. verzichten mußte, schadete dem Kaiser bei den Italienern[109] sehr. Um Rache an dem Papste zu nehmen, welcher ihn darauf wieder in den Bann gethan hatte, ging Heinrich IV. 1081 nach I. u. nahm 1084 Rom ein, s.d. (Gesch.). Nachdem er zum Kaiser gekrönt worden war, verließ er I. wieder, kehrte jedoch 1090 zurück u. führte mit den Päpstlichen den Krieg über die Mathildischen Güter. Nachdem er 1092 nach Deutschland gegangen war, fiel sein Sohn Konrad, den er in I. zurückgelassen hatte, mit dem Heere ab u. wurde 1093 zum König von I. gekrönt; Mailand, Cremona, Lodi u. Piacenza erklärten sich für ihn, aber als er 1101 starb, hatten ihn alle Städte wieder verlassen.

Nur dem Namen nach blieb I. bei Deutschland; der heimliche Groll wurde von den Päpsten unterhalten, welche noch eußerdem über die Mathildische Erbschaft mit den Kaisern in Händel geriethen. Die kaiserlichen Statthalter machten durch ihre Strenge den deutschen Namen in I. verhaßt. Der Haß brach endlich unter den Hohenstaufischen Kaisern in den beiden Parteiender Ghibellinen (kaiserlich) u. Guelfen (päpstlich) öffentlich aus. Kaiser Friedrich I. unternahm vier Heerzüge nach I. u. opferte das Leben vieler Tausende dem Bestreben auf, das kaiserliche Ansehen in I. aufrecht zu erhalten; er eroberte u. zerstörte auf seinem zweiten Zuge 1162 Mailand, als das Haupt der empörten Städte, aber veranlaßte hierdurch, daß sich die Städte unter päpstlichem u. sicilischem Einfluß desto enger gegen ihn verbanden (1167). Er verlor 1176 die Schlacht bei Legnano gegen die Conföderirten u. sah sich zuletzt (1183) zu dem Vergleich von Kostnitz genöthigt, wodurch die Städte ihre republikanische Regierungsform od. das Recht, sich nach eignen Gesetzen zu regieren, bestätigt erhielten. Zwar hatten die Kaiser in I. noch Statthalter od. Stellvertreter des Reichs, allein schon Papst Innocenz III. vertrieb den kaiserlichen Stadtpräfecten aus Rom u. den kaiserlichen Statthalter aus dem Kirchenstaat (1198), u. als Otto IV. die Reichsrechte geltend machte, einen Herzog von Spoleto ernannte u. Apulien u. Neapel eroberte (1212), wurde er von Innocenz excommunicirt. Friedrich II. erneuerte den Kampf gegen die italienischen Städte u. wurde selbst König in Neapel, aber seine Härte u. die Grausamkeit seines Statthalters Ezzelino brachte ihn um die gewonnenen Vortheile. Den Kaisern blieben seit dieser Zeit blos die oberlehns- u. richterlichen Rechte in I., dagegen verloren sie bes. in Hinsicht auf Abgaben u. Finanzen. Dies veränderte Verhältniß der Deutschen gegen I. war die Folge von dem höhern Flor des Handels u. des Wohlstandes der Städte, wodurch sich ein eigenthümlicher Geist gebildet hatte, der sich nicht mehr mit der Unterwürfigkeit unter ihre Oberherrn vertrug u. von einem reichen Mittelstand ausging, welcher Wissenschaften u. Gewerbe an sich gebracht hatte (seit 1140). Einige Städte waren durch Schifffahrt u. Handel so empor gekommen, daß sie zum Theil ganze Herrschaften gekauft, zum Theil kleinere Städte unterdrückt u. vieler sonst nur der Krone zugestandener Regalien sich bemächtigt hatten, die sie auch im Kostnitzer Vergleich behielten. Oberitalien verwandelte sich sofort in viele kleine u. größere Freistaaten, von denen Venedig, Lucca, Genua, Florenz, Mailand, Siena, Pisa u. Bologna (s.d. a.) die vornehmsten waren. Da sie aber weder durch ein Föderativsystem, nicht einmal durch einen Congreß zur gemeinsamen Berathschlagung u. Betheiligung verbunden, noch ihre eignen Stadtverfassungen gehörig eingerichtet waren, so lebten sie unter sich ohne politischen Zusammenhang in beständigen Fehden u. innern bürgerlichen Streitigkeiten. Die großen Städte neckten die kleinern, eine Republik unterjochte die andere, ganze adelige Geschlechter wurden vertilgt u. der Factionsgeist nährte die Flamme der Zwietracht in ganz Ober- u. Mittelitalien zwischen Guelfen u. Ghibellinen. In diesen Zeitraum fallen die blutigen Kriege zwischen Parma u. Piacenza, Genua u. Pisa, Mailand u. Pavia, Ravenna u. Ferrara u. v. a. Am längsten dauerten die Rivalitätskriege zwischen Venedig u. Genua (s. die Geschichte aller dieser Städte). Diesem Parteigeist verdankten die deutschen Kaiser noch die Erhaltung einer Partei in I., aber ihr Einfluß nach dem Erlöschen der Hohenstaufen (1267), dessen letzten Sprößling Konradin der französische Mitbewerber, Karl von Anjou, hinrichten ließ, wurde immer schwächer u. hörte während des Interregnums u. unter Rudolf von Habsburg ganz auf. Manche Städte kauften sich auch wohl die Befreiung von kaiserlichen Statthaltern. Binnen 60 Jahren kam kein Kaiser nach I.; Heinrich VII. machte zuerst wieder einen vergeblichen Römerzug (1310).

V. Seit Erlöschen des deutschen Einflusses bis zur Französischen Revolution 1300–1792. Unterdessen traten (seit 1300) in den großen Städten J-s mächtige u. reiche Familien, wiewohl mit heftigem Widerstand ihrer Mitbürger, auf, denen bei Leitung der öffentlichen Angelegenheiten blos der fürstliche Titel fehlte, der aber meist später von ihnen angenommen wurde. So entstanden, neben den ältern allein bestehenden Häusern Este, Montserrat u. Savoyen (s.d. a.) in Mailand die Visconti, in Florenz die Medici, in Padua die Carrari, in Verona die Scaligeri, in Mantua die Gonzagas (s.d. a.) u. andere. Nur Venedig, Genua u. Lucca blieben Republiken, Mitten unter den Reibungen eines bewegten Volkslebens blühten Handel Wissenschaften, Industrie u. schöne Künste. In I., wohin sich gelehrte Griechen geflüchtet hatten, begann die Wiederherstellung der Klassischen Literatur (s. Italienische Literatur) u. des guten Geschmacks in dem Abendlande. Pisa, Siena, Bologna, Padua, Pavia (s.d. a.) u.a. waren Universitäten, Florenz die erste Kunstschule. Das Römische, Canonische u. Feudalrecht fand in I. seine ersten Bearbeiter. Bei den immer fortdauernden innern Kriegen, in denen die italienischen Fürsten selten mit einander aus eignen Kräften kämpften, sondern französische u. deutsche Truppen in Sold nahmen u. Keiner vor des Andern Eifersucht sicher war, hielten es Viele für rathsam, sich von den Kaisern bestätigen zu lassen u. die Belehnung zu empfangen; so Galeazzo Visconti in Mailand (1395), die Gonzagas in Mantua u. Montserrat (1354), Amadeus VIII. von Savoyen (1416), Este in Modena (1452), u. so wurde der Form nach die Verbindung zwischen I. u. Deutschland wieder hergestellt; ja es gab bis zum Frieden von Luneville deutsche Reichslehen in I. Kaiser Friedrich III. verabsäumte den Zeitpunkt, wo er nach Aussterben der Familie Visconti (1447) das erledigte Herzogthum Mailand hätte in Besitz nehmen können; Francesco Sforza kam in Besitz desselben u.[110] suchte ganz I. 1454 in die Ligue von Italien zu vereinigen, welche keine Einwirkung fremder Staaten auf italienische Angelegenheiten dulden wollte, u. welcher fast alle italienischen Staaten beitraten, die aber an der Uneinigkeit der Mitglieder scheiterte, vielmehr folgte nun eine recht kriegerische Epoche. Dies war der Ursprung der langen Französischen Kriege, indem Herzog Karl von Orleans, als Schwestersohn des letzten Visconti, Ansprüche auf Mailand erhob, welche Ludwig XII. von Frankreich, als Enkel desselben, durchsetzte (1499) u. Mailand mit Genua eroberte, was damals Kaiser Maximilian I. nicht verhindern konnte, sondern ihm die Belehnung reichen mußte. Auch zur Wiedereroberung des Königreichs Neapel, das schon sein Vorfahr. Karl VIII., wegen vererbter Prätensionen des Hauses Anjou eingenommen u. eben so schnell wieder verloren hatte (1495), unternahm Ludwig einen Kriegszug, mußte es aber im Frieden Ferdinand dem Katholischen von Aragonien überlassen (1505). So setzte Spanien sich in I. fest u. kämpfte von dieser Zeit an mit Frankreich um dessen Besitz, u. von da an überschwemmten Fremde I. mit ihren Heeren. Zur Zeit der Ligue von Cambray (1508), wodurch Frankreich seine mailändischen Staaten zu vermehren hoffte, schlugen sich Franzosen, Deutsche, Spanier, Österreicher u. Schweizer auf italienischem Boden; u. in den Kriegen zwischen Karl V. u. Franz I. (1515–58), in denen Mailand wieder das Streitobject war, wurde das ohnehin durch den veränderten Welthandel geschwächte I. vollends entkräftet. Die italienischen Fürsten hinderten aber hierbei die Fortschritte der Sieger durch List u. Intriguen. In I. bildete sich auch zuerst das System des Gleichgewichts, das nachmals bei jeder Staatengefahr Europas als politischer Grundsatz aufgestellt wurde. Durch das kluge Benehmen der italienischen Fürsten blieb es im 17. Jahrh. endlich ruhig in I., bis es im Spanischen Erbfolgekriege wieder der Kriegsschauplatz zwischen den Häusern Bourbon u. Habsburg wurde, welche daselbst um die Dictatur von Südeuropa stritten (1700–48); bes. betrachtete das Haus Österreich I. als nothwendig zu seiner Erhaltung.

VI. Seit der Französischen Revolution bis 1815. Die Häupter der Französischen Revolution wußten die Wichtigkeit J-s zu würdigen; es war eins der ersten Länder, welches sie überfielen. Savoyen u. Nizza wurde von den Franzosen erobert u. departementisirt (1792) u. somit fester Fuß in I. gewonnen, worin nach einander (1796–1802) die Cispadanische (Modena, Reggio, Ferrara u. Bologna, die Romagna) u. die Transpadanische Republik (die österreichische Lombardei umfassend), Römische (Rom), Ligurische (Genua), Parthenopäische Republik (Neapel) erschienen (s.d. a.), vgl. Französischer Revolutionskrieg III. B) u. C). Einige von diesen waren blos ephemer, aus der Cis- u. Transpadanischen ging 1797 die Cisalpinische Republik hervor (10 Departements, 771 QM., 3, 500,000 Ew., regiert von fünf Directoren u. zwei gesetzgebenden Räthen [dem Rath der Alten von 80 u. dem größern von 160 Personen]; Hauptstadt: Mailand). Kurz nach Errichtung der Cisalpinischen Republik war durch den Frieden von Campo Formio 1797 das Gebiet der aufgelösten Republik Venedig bis an die Etsch u. andere Parcellen au Österreich überwiesen worden, welches dasselbe zur besondern Provinz organisirte; Rom war dem Papst, Neapel aber dem Könige beider Sicilien wieder herausgegeben worden. Bald brach aber der Krieg wieder aus, u. Neapel wurde wieder besetzt, durch das Vorrücken Suwarows u. der Österreicher die Cisalpinische Republik wieder über den Haufen geworfen, die Franzosen gezwungen, Neapel zu räumen u. erst durch die Schlacht von Marengo 14. Juni 1800 der Zustand J-s wie zur Zeit des Friedens von Campo Formio hergestellt, u. der Friede von Luneville 1801 bestätigte alle diese Bestimmungen, aber zugleich die gewaltsame Vertreibung des Königs von Sardinien aus seinen Ländern auf dem Festlande J-s, die 1798 durch Gewaltstreich der französischen Regierung erfolgt war. 1800 erfolgte die Wiederaufhebung der Cisalpinischen Republik u. dieselbe nahm nun 1802 den Namen Italienische Republik an (vgl. Französischer Revolutionskrieg III. E) F) G). Sie bestand damals, wie die frühere Cisalpinische, aus der österreichischen Lombardei, dem Gebiet von Venedig bis an die Etsch, den päpstlichen Legationen Bologna, Ferrara, Romagna, aus Modena, Massa u. Carrara, dem Veltlin, Chiavenna u. Bormio. Die Verfassung blieb im Ganzen die frühere, nur traten die französischen Formen noch bestimmter hervor. Bonaparte wurde auf zehn Jahre zum unumschränkten Präsidenten, Melzi d'Erile zum Vicepräsidenten gewählt. An der Seite standen diesen mehre Minister u. ein Staatsrath, ferner eine Staatsconsulta von acht Mitgliedern, ein Gesetzgebendes Corps von 75 Mitgliedern, welche von den Grundeigenthümern, den Gelehrten u. den Kaufleuten gewählt werden sollten. 1805 erklärte sich Napoleon, nachdem er den Kaisertitel angenommen hatte, am 15. März zum König von I., erhob also das Reich zum Königreich I., erklärte aber zugleich, daß er diese Krone nur so lange tragen wollte, als die Russen Korfu, die Engländer Malta besetzt hielten, u. sie dann einem natürlichen od. angenommenen Sohn übertragen werde. Die Verfassung der Republik wurde im Wesentlichen beibehalten, nur ein Staatsrath, aus Räthen, Gesetzgebern u. Auditoren bestehend, der die Geschäfte des französischen Senats u. Staatsraths besorgen sollte, eingerichtet, die Staatsconsulta aufgehoben u. in den gesetzgebenden Versammlungen Änderungen in der Organisation getroffen, der Orden der Eisernen Krone gestiftet, Bonapartes Stiefsohn, Eugen Beauharnais, am 7. Juli zum Vicekönig ernannt u. derselbe den 12. Januar 1806 adoptirt u. zum Nachfolger in I. ernannt. Das Königreich I. erhielt nun durch den Frieden von Presburg das Herzogthum Venedig, das venetianische Istrien u. Dalmatien, Poglitza u. Cattaro u. wuchs dadurch von 771 QM. u. 3, 500,000 Ew. auf 1483 QM. u. 5, 500,000 Ew. verlor dagegen Massa-Carrara u. Garfagnana an Lucca u. Guastalla als unabhängiges Herzogthum, welches die Prinzessin Pauline, Schwester Napoleons, erhielt, die es aber nach wenigen Wochen gegen eine Geldsumme zurückgab. Wenige Monate später wurde die Ligurische Republik (Genua) damit vereint. 1807 im August wurde die Republik Ragusa, 1808 Ancona, Urbino, Macerata u. Camerino, früher päpstliches Gebiet, im März 1810 auch ein großer Theil des südlichen Tyrol dem Königreich I. einverleibt, u. es wurde hierdurch auf 1532 QM. u. 6, 500,000 Ew. vermehrt u. in 21 Departements[111] getheilt. 1807 wurde die Einverleibung des kaum geschaffenen Königreichs Etrurien (Toscana), u. 1809, nach Gefangennehmung des Papstes, die Roms u. eines Theils vom Kirchenstaat mit Frankreich verkündet, während schon seit 1805 erst Joseph, Bruder Napoleons, dann sein Schwager Murat als König herrschte. Nur Sicilien war noch unerobert. Der Umsturz aller bisherigen Einrichtungen, die Einführung des französischen Wesens mit Conscription, Staatslasten, Continentalsperre u. Zöllen, erregte in ganz I. große Unzufriedenheit; dennoch vertheidigte 1814 der Vicekönig Eugen I. tapfer gegen die Österreicher u. zuletzt auch gegen Murat, König von Neapel, der von seinem Schwager abgefallen war u. selbst gegen denselben in die Waffen trat. Erst im April, als der Sturz Napoleons u. die Ereignisse bei Paris bekannt wurden, wurde ein Waffenstillstand geschlossen u. darnach die Theilung des Königreichs I. beschlossen. Der größte Theil desselben kam an Österreich (Lombardisch-venetianisches Königreich), der Papst bekam seinen Antheil zurück u. einen Theil erhielt Sardinien. Murat, König von Neapel, zog sich durch seinen Angriff 1815 auf die Österreicher Krieg u. Entsetzung zu, worauf das Königreich Neapel wieder vom König Beider Sicilien in Besitz genommen wurde. Auch der Papst erhielt den Kirchenstaat zurück. Auf dem Wiener Congreß erhielt den östlichen Theil Oberitaliens Österreich, den westlichen Savoyen, das Großherzogthum Toscana u. das Herzogthum Modena seine alten Besitzer, österreichische Erzherzöge, welche 1805 Entschädigungen in Deutschland erhalten hatten, Parma aber Marie Luise, Kaiserin von Frankreich, Tochter des Kaisers Franz II. von Österreich, bis zu ihrem einstigen Tode; die Republik S. Marino aber blieb, wie sie es auch in französischer Zeit gewesen war, in ihrem Besitz.

VII. Neueste Zeit. Mit der Rückkehr zum alten Zustand war aber der alte Sinn u. die alte Ruhe nicht zurückgekehrt: man bemerkte, daß doch manche von den Franzosen geschaffenen Einrichtungen nicht so drückend gewesen wären, als man geglaubt hatte, man war gegen den wiederkehrenden zu großen Einfluß des Clerus, man wünschte Einheit od. doch ein föderatives Verhältniß von ganz I., u. geheime politische Gesellschaften, bes. die Carbonari (s.d.), arbeiteten dahin, diese u. ähnliche Zwecke zu erstreben. Der durch solche Gesellschaften hervorgerufene Aufstand in Neapel u. fast zugleich in Piemont brachten beiden Staaten Constitutionen nach Art der spanischen, zugleich aber innere Verwirrungen, u. beide Constitutionen wurden durch das bewaffnete Einschreiten Oesterreichs 1821 aufgehoben u. die alten Regierungen in der Fülle ihrer Macht wieder eingesetzt. Während die Österreicher, um das Bestehen dieses Zustandes zu sichern, die Länder, wo sie die Ruhe durch ihre Waffen hergestellt hatten, einige Jahre militärisch besetzt hielten, wurden die geheimen politischen Gesellschaften mit Strenge verfolgt u. unterdrückt Die Französische Julirevolution von 1830 erweckte dagegen die früheren Ideen von Constitution, Einheit, Föderativismus mit einem Male wieder auf, u. in Folge davon wurden auf verschiedenen Punkten des Landes Versuche gemacht die Revolution auch hierher zu verpflanzen, aber durch das rasche u. energische Auftreten Österreichs abermals vereitelt. Dennoch konnte der erwachte Revolutionsgeist nicht gebannt werden, u. während die italienischen Flüchtlinge, bes. die in Frankreich, Alles aufboten, denselben wach zu erhalten, gestalteten sich auch in I. selbst die Verhältnisse so, daß der Geist der Unzufriedenheit neue Nahrung fand. Zunächst wurden in dem Kirchenstaate unter Papst Gregor XVl. (seit 1831) die von demselben anfänglich verheißenen Reformen in der Staatsverwaltung nicht nur nicht eingeführt, sondern auch jede freiere Regung unterdrückt, u. die Presse möglichst beschränkt, so daß sich der Zündstoff immer mehr anhäufte u. bei einer Explosion auch die anderen Theile J-s zu ergreifen drohte. Daher erließen auch am 21. Mai 1831 auf Österreichs u. Frankreichs Betrieb die fünf Großmächte eine Collectivnote an das päpstliche Cabinet, in welcher demselben die dringendsten Reformen namhaft gemacht wurden. Da aber dieselbe erfolglos blieb, so konnten sich auch die Aussichten für die Zukunft nicht beruhigender gestalten, u. wurde auch ein neuer Aufstand in der Romagna durch päpstliche u. österreichische Truppen in Kurzem wieder niedergeworfen, so lebte doch der Geist der Revolution im Geheimen fort. In Neapel, wo die Krone an Ferdinand II. gekommen, u. in Sardinien wo gut Karl Felix 1831 Karl Albert gefolgt war machte der Thronwechsel mancherlei Hoffnungen rege. Die eigentliche Seele der Revolutionspartei war schon damals Giuseppo Mazzini (s.d.), welcher damals, aus Genua entflohen u. in Marseille lebend, als Redacteur der Zeitschrift Giovine Italia von dort aus alle Mittel in Bewegung zu setzen suchte, um I. zu einer unabhängigen Republik zu machen. Er stiftete die geheime politische Verbindung des Jungen Italien (s.d.), deren Mitglieder sich zu Gunsten einer zu gründenden einigen, unabhängigen italienischen Republik zunächst die Revolutionirung des gesammten I-s zum Ziele setzten; Mazzini selbst, sowie die übrigen Häupter der Verbindung, entwickelten dabei eine so große Thätigkeit, daß alsbald über ganz I. ein großes Netz ausgespannt wurde. Der weitere Plan der Verschworenen ging dahin, daß der Einmarsch einer aus italienischen Flüchtlingen u. Freiwilligen anderer Länder zu bildenden Revolutionsarmee das Signal zu einem allgemeinen Aufstande geben solle, worauf dann ein aus Vertretern aller Provinzen J-s gebildeter Ausschuß bis zur völligen Vertreibung der Österreicher die Oberleitung der Geschäfte übernehmen u. eine in Rom einzusetzende Nationalversammlung über das weitere Schicksal J-s berathen werde. Allein noch ehe die Sache zur Reise gedieh, wurde sie entdeckt, u. obgleich dennoch Anfangs Februar 1834 zwei kleine Colonnen von Genf aus unter Mazzini u. dem General Romarino gegen I. sich in Bewegung setzten (Savoyerzug), so fehlte doch dieser Unternehmung jede weitere Theilnahme.

Da in Folge dieses neuen Revolutionsversuches die italienischen Regierungen fortan jede freie Regung noch mehr verfolgten, so schien seitdem in I. alles politische Leben erstorben. Einen sichtbaren Beweis von nationalem Streben brachte erst das Jahr 1839, in welchem die italienischen Gelehrten auf Anregung des Großherzogs von Toscana in Pisa einen wissenschaftlichen Congreß hielten, bei dieser Gelegenheit aber auch zeigten, daß ihnen die politischen Interessen ihrer Nation nicht fremd geblieben[112] waren, u. daß auch in ihren Kreisen auf nationale Einigung unausgesetzt hingearbeitet wurde. Seitdem waren die Parteien genauer zu unterscheiden: Gemäßigtliberale, die bei ihrem Streben nach einem freieren Staatsleben u. nach nationaler Einigung zur Erreichung dieses Ziels jede Gewaltmaßregel verwarfen, u. die Radicalen, die Anhänger des Jungen J-s, welche zur Gewinnung einer nationalen Einheit vorerst eine vollständige Beseitigung aller bestehenden Verhältnisse u. dann, eine bewaffnete Insurrection, namentlich gegen Österreich, für erforderlich hielten u. jedes Mittel gut hießen, welches ihren Bestrebungen nur irgendwie einen Erfolg sicherte. Vergebens hofften diese eine Förderung ihrer Pläne im Jahre 1840 von der Aussicht auf einen europäischen Krieg od. wenigstens von einem Krieg, der 1840 zwischen Neapel u. England auszubrechen drohte (weil jenes, mit Hintansetzung früherer Rechte der Engländer, einer französischen Handelscompagnie den Schwefelhandel Siciliens als Monopol verkauft hatte), der letztere wurde durch die Vermittelung Frankreichs verhütet. Auch die in Neapel u. im Kirchenstaate ausbrechenden Tumulte fanden bei den Massen des Volkes keine Theilnahme u. wurden von der bewaffneten Macht der einzelnen Staaten rasch wieder unterdrückt, u. ganz I. bot in politischer Beziehung bald dasselbe Bild wieder, welches es vorher geboten hatte: äußerlich tiefe Ruhe u. bei den Massen des Volkes vollkommene Gleichgültigkeit gegen jeden politischen Gedanken; im Geheimen Wuth über die bestehenden Zustände u. lauernder Haß gegen Alles, was in irgend einer Beziehung diesen Zuständen eine längere Dauer zu sichern suchte. Daher kamen auch einzelne Empörungsversuche u. revolutionäre Aufstände immer wieder zum Vorschein, so 1843 der Aufstand in Bologna, der sich nach u. nach zu einem förmlichen Guerillakriege gestaltete u. erst gegen den Schluß dieses Jahres ein Ende nahm; ferner der Aufstand in Calabrien 1844, der ziemlich schnell an Umfang gewonnen hatte, aber auch rasch unterdrückt wurde; der Revolutionsversuche der Brüder Attilio u. Emilio Bandiera (s.d.), welche, als Anhänger des Jungen J-s in I. nicht mehr sicher, nach Korfu geflohen waren, um von da aus den Freiheitskampf J-s vorzubereiten. Sie landeten, in der Hoffnung, daß es bei ihrem Erscheinen zu einem allgemeinen Aufstande kommen würde, mit nur 20 Mann an der Küste von Calabrien, wurden aber nach kurzer Gegenwehr gefangen u. am 25. Juli 1844 in Cosenza erschossen. Noch schneller wurde ein im September 1845 in Rimini ausbrechender Aufstand unterdrückt.

Die Folge von allen diesen Aufständen war, daß der Einfluß des Jungen J-s mehr u. mehr sich verminderte, dagegen bei der Abneigung, welche den Seiten der Regierungen allen beantragten Staatsreformen entgegengesetzt wurde, u. in Folge der weitverbreiteten Unzufriedenheit u. des wirklichen Bedürfnisses von Verbesserungen, die Partei der Gemäßigtliberalen von Tag zu Tag mehr Boden gewann u. in den einflußreichsten Kreisen Zustimmung u. Unterstützung fand. Da starb am 11. Juli 1846 Papst Gregor XVI., dessen Nachfolger, Pius IX., gleich durch seine ersten Regentenhandlungen die Annahme eines neuen Regierungssystems verkündete. Unter die wichtigsten Verfügungen gehörten vor Allem eine allgemeine Amnestie für politische Vergehen fest 1831 u. Concessionen von Eisenbahnen Mit Theilnahme verfolgte man diese reformatorischen Bestrebungen des Papstes in den übrigen italienischen Staaten, während aus denselben die im Auslande befindlichen italienischen Patricten neue Hoffnung schöpften, da von derjenigen Seite mit Reformen vorgegangen werden sollte, wo bisher das Haupthinderniß derselben gewesen war. Zu den wichtigeren dieser neuen Reformen gehörte die Entlassung vieler dem Volke verhaßter Staatsbeamten, die Einsetzung eines eigenen Censurgerichtshofes u. die Erlaubniß für einzelne Städte in der Romagna, welche bes. von Räubern u. Banditen heimgesucht wurden, Bürgerwachen zu bilden etc. Am 19. April 1847 erließ Pius IX. ein Decret, worin die Vorstände der Provinzen aufgefordert wurden, dem Gouvernement Männer des öffentlichen Vertrauens zu bezeichnen, aus denen die Regierung je einen für jede Provinz wählen werde, der in Rom verweilend sie bei der Reorganisation der Staatsverwaltung mit Rath u. That unterstützen sollte; ferner wurde die Gründung von Volksschulen u. Kleinkinderbewahranstalten beschlossen, größere Freiheit im Unterrichte in Aussicht gestellt, ja das Decret vom 6. Juli gestattete sogar für die Stadt Rom die Organisation einer Bürgergarde (Guardia civica) u. verhieß, daß ein Gleiches sofort in den Provinzen stattfinden solle. In Folge dieser Anerkennung des liberalen Princips von Seiten des Papstes wurden plötzlich in ganz I. Stimmen laut, welche auf Rom hinwiesen u. zur Nachahmung aufforderten. Und so erschien am 21. Juli 1847 in Toscana ein Motuproprio des Großherzogs, worin derselbe für die neue italienische Bewegung offen Partei nahm, freiere Institutionen verhieß u. die Todesstrafe wieder abschaffte, endlich auch am 4. Septbr. die Bitte um Errichtung der Bürgergarde gewährte, s. Toscana (Gesch.). In Sardinien, wo, wie in Toscana, sogleich nach Pius IX. Auftreten ein neues Leben erwacht war u. die öffentliche Meinung entschieden für die päpstlichen u. toscanischen Staatsreformen Partei nahm, fand die Regierung für gut, einen gleichen Weg einzuschlagen, s. Sardinien, Gesch.). Dagegen hatte sich der Herzog von Lucca entschlossen den Wünschen seiner Unterthanen keinerlei Bewilligung zu machen, gewährte aber dann in Folge einer von den Luccesischen Bürgern unternommenen großen Demonstrationen die Errichtung einer Bürgergarde, sowie alle Reformen, welche in Toscana bereits gemacht wären od. noch gegeben werden würden, darauf trat er aber am 15. Sept. von der Regierung zurück. Nicht so ging es im Königreich Beider Sicilien, von dem Wege der Petition schritten die Völker auf den des Aufstandes, wurden aber wiederholt mit Waffengewalt zur äußerlichen Ruhe gebracht, s. Neapel (Gesch.) Auch die kleineren Staaten Modena u. Parma blieben nicht frei von Aufstandsversuchen. Als in Modena die Demonstrationen, bes. gegen die Jesuiten, sich häuften u. es am 15. Septbr. 1847 in Reggio zwischen Militär u. Volk zum Handgemenge kam, rückten endlich zum weiteren Schutz des Landes österreichische Truppen ein. Ein Gleiches war der Fall in Parma, wo nach dem Tode der Herzogin Marie Luise am 17. Decbr. 1847 Karl Ludwig[113] von Bourbon den Thron bestieg, an welchen sofort eine Petition um Gewährung der toscanischen Reformen erging. Er gewährte nichts, sondern ließ vielmehr österreichische Truppen ins Land rufen, welche Ruhe hielten. Die entschiedenste Abneigung gegen Neuerungen im Sinne der italienischen Fortschrittspartei zeigte die Regierung des Lombardisch-Venetianischen Königreiches, weshalb die Lombarden gegen die Regierung immer erbitterter wurden.

Mit Beginn des Jahres 1848 brach der längst befürchtete Revolutionssturm los. Im Königreich Neapel kam es bereits am 6. Januar zu Messina u. am 11. Jan. in Palermo zu einem Aufstande, wobei die königlichen Truppen unterlagen. In Folge davon wurde die Stimmung in Neapel selbst so unruhig u. bedenklich, daß König Ferdinand II. 10. Febr. 1848 eine Constitution gab, aber den Sicilianern genügte diese nicht, ja sie erklärten den König Ferdinand u. dessen Dynastie des sicilischen Thrones für verlustig, indem sie sich, die Wahl eines andern Königs vorbehielten. Ähnliche revolutionäre Auftritte folgten in anderen italienischen Staaten, zunächst in Sardinien. Die Stimmung des Volkes, bes. in Genua, wurde hier nach u. nach so schwierig, daß der König Karl Albert am 8. Febr. 1848 eine freisinnige u. volksthümliche Constitution gab. Ebenso sah sich der Großherzog von Toscana genöthigt, die verheißene Verfassung zu geben; sie wurde am 17. Februar 1848 publicirt. Inzwischen hatte sich der Aufstand auch im Lombardisch-Venetianischen Königreiche zum Ausbruche vorbereitet, u. schon in den ersten Tagen des Januar 1848 kam es in Mailand u. Pavia zu bedeutenden Tumulten, wobei das Militär von den Waffen Gebrauch machte. Im Laufe des Januar u. Anfang Februar kam es fast in allen lombardischen Städten, sowie in Venedig, zu Aufständen, so daß die Regierung am 20. Februar in dem ganzen Königreiche das Standrecht proclamirte. Dagegen erschien mit der Kunde von der Pariser Februarrevolution ein Manifest, worin der Kaiser die Verheißung gab, sich mit den Vorschlägen der Centralcongregationen zur Verbesserung der Verwaltung sorgfältig beschäftigen zu wollen, aber auch erwarte, daß die italienischen Unterthanen keine thörichten Hoffnungen auf unthunliche Reformen in den organischen Institutionen des Königreichs hegten. Die Lombarden antworteten auf das Manifest am 17. März mit einem Aufstande u. wurden von den Sardiniern unterstützt, sowie denn überhaupt sich in Kurzem die ganze Revolution in Sardinien concentrirte, s.u. Lombardisch-Venetianisches Königreich. Bes. schlugen sich Modena u. Parma, welche am schnellsten dem von der Lombardei gegebenen Signal folgten, sogleich auf die Seite Sardiniens. Bald darauf ging endlich der langgehegte Wunsch der italienischen Radicalen, daß es zum Kriege kommen möchte, in Erfüllung. Nachdem der österreichische Gesandte in Turin die sardinische Regierung um Aufklärung über die umfangreichen Rüstungen gebeten, aber darauf ebensowenig, als auf sein Ultimatum Antwort erhalten u. deshalb am 9. März die sardinischen Staaten verlassen hatte, überschritt am 23. März Karl Albert, der selbst den Oberbefehl übernommen hatte, an der Spitze von 40,000 Mann, ohne vorhergegangene Kriegserklärung, die österreichische Grenze u. rückte in die Lombardei ein. Seitdem schien ganz I. ein großes Heerlager. Von allen Seiten strömten Schaaren Freiwilliger herbei, alle italienischen Regierungen wurden entweder gezwungen, an dem Kriege gegen Österreich wirklich mit Theil zu nehmen, od. mußten es wenigstens ruhig geschehen lassen, daß zahlreiche Schaaren ihrer Unterthanen sich an demselben betheiligten. In die bedenklichste Lage kam über das Verlangen seines Volkes, Österreich mit bekriegen zu helfen, der Papst, welcher, je mehr er zögerte auf dieses Verlangen einzugehen, von Tag zu Tag an Popularität verlor. Endlich entzog er sich der Gefahr, persönlich den Krieg an Österreich erklären zu müssen, dadurch, daß er sich entschloß, das Recht der Kriegserklärung der künftigen Ständeversammlung, bis dahin aber dem bisherigen verantwortlichen Ministerium zu übertragen. Unterdeß war Karl Albert bis zum Mincio vorgedrungen, u. während er diesen Fluß überschritt, zwischen Peschiera u. Mantua eine feste Stellung einnahm u. auf seinem rechten Flügel von toscanischen u. neapolitanischen Truppen u. Freiwilligen gedeckt wurde, drang der römische General Durando mit 10–12,000 Mann in das Venetianische, wogegen gleichzeitig von Neapel noch 15,000 Mann Hülfstruppen in Anmarsch waren. Allein nur zu bald erwies sich die Siegesgewißheit der Italiener als voreilig. Ohne einen entscheidenden Schritt zu wagen, verblieb Karl Albert mehre Wochen lang unthätig in, seiner festen Stellung u. machte es dadurch den Österreichern möglich, sich wieder zu sammeln u. zu verstärken. Dazu kam, daß plötzlich von Neapel ein Befehl anlangte, daß die im Anzug begriffenen neapolitanischen Truppen auf der Stelle den Rückmarsch antreten sollten. In Neapel nämlich war wegen einer vom König nicht bewilligten Forderung der Stände am 15. Mai abermals ein Aufstand ausgebrochen, in welchem aber der König mit seinen Truppen vollkommen obsiegte, worauf gegen die Aufständischen mit der äußersten Strenge verfahren, die Stadt in Belagerungszustand erklärt, die Kammer aufgelöst, die Verfassung suspendirt u. die Truppen aus Oberitalien zurückberufen wurden. Kaum hatten die neapolitanischen Truppen ihre Theilnahme an dem Kriege gegen Österreich eingestellt, als auch von Rom aus eine Consistorialallocution erschien, in welcher der Papst feierlich erklärte, mit Österreich in Frieden verharren zu wollen. In Folge davon kam es in dem ganzen römischen Staatencomplex zu neuen Aufständen. Dieser Umstand erleichterte den Österreichern die Kriegsführung. Bereits am 25. Juli errangen sie bei Custozza einen großen Sieg u. blieben auch in zwei späteren Gefechten am 26. Abends u. am 27. Früh bei Volta im Vortheil. Am 31. Juli nahm Radetzky Cremona, Brescia u. am 3. Aug. Lodi, u. am 5. Aug. capitulirte endlich auch Mailand, worauf am 12. Aug. zwischen Karl Albert u. Radetzky ein sechswöchentlicher Waffenstillstand (welcher nachher immer verlängert wurde) abgeschlossen wurde, um Friedensunterhandlungen einleiten zu können. Mit Ausnahme Venedigs, welches sich noch länger hielt, u. Osoppos, welches sich indeß schon am 14. Aug. ergab, hatten hiermit die Österreicher all ihr früheres Gebiet wieder erobert; s.u. Lombardisch-Benetianisches Königreich.

Die Folgen dieses siegreichen Auftretens der [114] Osterreicher in der Lombardei waren in den einzelnen Ländern sehr verschieden; in einigen Staaten, so namentlich in Neapel, trat eine fast maßlose Reaction ein; in anderen erfüllten die Nachrichten von dem Glücke der Österreicher die Radicalen mit so großer Erbitterung, daß die Regierungen eine kurze Zeit deren Spielball wurden. Letzteres war namentlich in Toscana u. im Kirchenstaate der Fall, wie denn auch die weitere Entwickelung der italienischen Verhältnisse im Allgemeinen vorzugsweise von diesen beiden Staaten ausging. In Toscana brachten es die Radicalen dahin, daß das republikanische Ministerium Montanelli-Guerazzi an die Spitze trat u. der Großherzog seine Zustimmung zur Berufung einer Constituente italiana gab, die über die weitere Zukunft J-s entscheiden sollte. In eine noch schlimmere Lage kam der seit seiner Protestation gegen den italienischen Unabhängigkeitskrieg ganz unpopulär gewordene Papst. In Rom kam es zum Ausbruch am 15. Novbr. 1848 nach der Ermordung des Ministers Rossi. Man forderte ein demokratisches Ministerium; das Volk belagerte den Papst in seinem Palaste, dem es endlich gelang, mit den Cardinälen durch heimliche Flucht nach Civita-Vecchia u. von da nach Gaëta zu entfliehen (den 25. Novbr 1848). Nun bildete sich eine revolutionäre Regierungsjunta (den 19. Decbr.) u. berief nach Auflösung der Kammer eine Constituirende Versammlung für den 28. Decbr. ein. Bereits am 18. Jan. 1849 rief das römische Ministerium alle Völker J-s auf, die Constitnente zu beschicken; bald nachher, am 9. Febr., wurde Pius IX. seiner weltlichen Macht entsetzt erklärt u. die Römische Republik proclamirt. Der Papst richtete darauf an alle europäischen Regierungen die Bitte um bewaffnetes Einschreiten, wozu sich Österreich, Spanien, Neapel u. Frankreich bereit erklärten, welches letztere denn auch alsobald eine Expedition nach I. abgehen ließ. Allein in Rom rüstete man ebenfalls. Gleiches Schicksal wie der Papst hatte zu derselben Zeit der Großherzog von Toscana. Da der Papst seinen Bannstrahl auf alle Diejenigen ausgedehnt hatte, welche sich an der italienischen Constituirenden Nationalversammlung betheiligen würden, zog der Großherzog von Toscana seine früher dazu gegebene Genehmigung zurück, wodurch aber in dem ganzen Lande u. namentlich in Florenz die Stimmung eine so erbitterte wurde, daß der Großherzog Florenz verließ, zuerst nach Siena u. dann gleichfalls nach Gaëta ging. In Folge davon kam es auch hier zum Äußersten. Nachdem sich am 8. Febr. eine hauptsächlich auf die Vereinigung mit Rom hinarbeitende, aus Guerazzi, Mazzini u. Montanelli bestehende provisorische Regierung gebildet hatte, wurde auch hier am 18. Febr. die Republik proclamirt.

Mit diesen neuen Katastrophen in Toscana u. Rom gingen neue Rüstungen des Königs Karl Albert von Sardinien Hand in Hand. Dieser glaubte jetzt die Zeit günstig genug, den gegen Österreich unterbrochenen Kampf von Neuem wieder aufnehmen zu können, u. kündigte den früher abgeschlossenen Waffenstillstand. So kam es von Neuem zum Krieg, welcher aber schon in wenigen Tagen, am 23. März durch Radetzkys Sieg bei Novara zum Nachtheil der Sardinier entschieden wurde. Karl Albert trat darauf die Krone an seinen Sohn Victor Emanuel ab, ging nach Frankreich u. dann nach Portugal, wo er schon am 18. Juli in Oporto starb. Victor Emanuel aber schloß bereits am 26. März einen neuen Waffenstillstand, so daß also von dieser Seite her für die Radicalen nichts mehr zu hoffen war. Indeß war Venedig noch nicht unterworfen u. eben so wenig waren die Lombarden zur Ruhe gebracht. Ebenso war in Rom, sowie in den kleineren italienischen Staaten, die Revolutionspartei noch am Ruder. Auch in Sardinien kehrte nach Abschluß des Waffenstillstandes mit den Österreichern die Ruhe nicht sobald zurück. Am 1. April brach in Genua ein blutiger Aufstand aus, wobei die Truppen unterlagen u. eine provisorische Regierung eingesetzt wurde. Aber schon in den nächsten Tagen traf der General La Marmora vor Genua ein, welches sich schon am 12. April den Truppen des Königs ergab, welcher Letztere dann nach langen Unterhandlungen am 6. August mit Radetzky den Frieden abschloß. So erhielt Österreich, das beim Ausbruch der Italienischen Revolution jedenfalls am meisten gefährdet gewesen war, die Obergewalt wieder gänzlich in seine Hände. Im Mai ergab sich Venedig (s.d.) Gegen Toscana, wo es in Florenz mittlerweile am 11. April zu neuen blutigen Auftritten gekommen war, marschirten die Österreicher bereits Anfangs Mai u. rückten den 21. Mai in Florenz ein Mit den Österreichern kam auch der Großherzog zurück. In Parma hatte bereits am 14. März Herzog Karl II. zu Gunsten seines Sohnes Karl III. abgedankt. Als aber der dortige Magistrat Anschluß an Sardinien verlangte, besetzten am 5. April 16,000 Österreicher Parma u. am 6. April errichtete daselbst der Feldzeugmeister d'Aspre eine provisorische Regierung für Parma u. Piacenza in Namen des abwesenden Herzogs Karl III. Im Kirchenstaate kam am 26. April eine französische Expedition in Civita-Vecchia an u. zog von da gen Rom, wo man sich zum äußersten Kampfe vorbereitete. Während ein österreichisches Corps unter Feldmarschalllieutenant Wimpffen (den 16. Mai) Bologna u. dann Ancona für den Papst wieder genommen hatte, zog ein anderes über Perugia ebenfalls nach Rom. Zu gleichem Zweck landeten auch am 27. Mai noch 4500 Spanier in Gaëta. Nachdem sich die Stadt mit unerwarteter Tapferkeit u. Ausdauer unter Garibaldi's Leitung vertheidigt hatte u. am 18. Juni noch die neue Verfassung von der Nationalversammlung beendigt worden war, erklärte die Nationalversammlung am 30. Juni, daß sie einen nunmehr unmöglich gewordenen Widerstand einstelle, u. beauftragte die Regierung, die Unterwerfung anzubieten. Am 3. Juli rückten darauf die Franzosen in Rom ein u. am 19. Septbr. erschien eine aus Portici vom 12. dieses Monats datirte Proclamation des Papstes, worin die Einsetzung eines Staatsraths, ferner eine berathende Versammlung für Finanzangelegenheiten angeordnet, die Provinzialräthe bestätigt, sowie eine freisinnige Gemeindeordnung versprochen wurde; s.u. Kirchenstaat. Im Königreich Neapel war 1849 die Insel Sicilien der Hauptschauplatz der Ereignisse. Da die Sicilianer das ihnen vom König gestellte Ultimatum verworfen hatten, kam es bereits Ende März 1849 zu neuem Kampf; am 6. April fiel nach blutigem Kampfe Catania in die Hände der königlichen Truppen,[115] wogegen sich Syracus, Augusta u. Noto am 9. April ohne Widerstand ergaben; ebenso unterwarf sich am 23. April Palermo, u. hiermit war die Revolution in Sicilien gebrochen; der König aber beeiferte sich darauf die thatsächlich schon längst beseitigte Verfassung formell wieder abzuschaffen, s.u. Neapel.

So war am Schluß des Jahres 1849 in ganz I. die Ruhe wieder hergestellt, u. am 3. Decbr. wurde zwischen Parma, Modena u. Österreich zu Wien ein Zollvertrag abgeschlossen. Im Königreich Sardinien schritt man auf der Bahn eines constitutionellen Lebens fort. Anfang 1850 wurde das vom Justizminister Siccardi entworfene Gesetz angenommen, wonach in Zukunft die Privilegien der Geistlichen aufgehoben u. zur Hebung der herabgekommenen Finanzen die Klostergüter eingezogen wurden; am 24. Nov. ward das neue Parlament für 1851 eröffnet. Im Kirchenstaate lenkte man dagegen in das alte Geleis wieder ein, ohne daß irgend eine von den Verheißungen eines freieren Staatslebens in Erfüllung gegangen wäre. Ebenso wurde in Neapel die Constitution gänzlich vernichtet, wogegen sich König Ferdinand vom Militär u. den Beamteten von Neuem den Eid der Treue als absoluter König schwören ließ. Die Fürsten aller übrigen italienischen Staaten schlossen sich ihrer größeren Sicherheit halber von jetzt an immer enger an Österreich an; so schloß der Großherzog von Toscana bereits im Frühjahre 1850 eine Militärconvention mit Österreich ab, wonach 10,000 Mann österreichische Occupationstruppen im Großherzogthum aufgestellt wurden. Das Lombardisch-Venetianische Königreich selbst blieb der speciellen Obhut Radetzky's anvertraut. Ungleich entscheidender aber u. bestimmter gestalteten sich die italienischen Verhältnisse im Jahre 1851. Die größte Aufmerksamkeit zog auch jetzt wieder Sardinien auf sich, welches auf dem einmal eingeschlagenen Wege eines constitutionellen Staatslebens weiter vorwärtsschritt, der Kirche gegenüber, ungeachtet der dadurch entstehenden Differenzen mit der päpstlichen Regierung, ihre Stellung behauptete u. durch Postreformen, durch Aufstellung eines neuen Zolltarifs, so wie durch Abschluß von Handelsverträgen mit England, Frankreich u. Belgien bemüht war, auch in materieller Beziehung den Aufschwung des Landes zu befördern In Rücksicht auf das österreichische Territorium brachte bereits am 31. Decb. 1850 ein kaiserliches Decret die definitive Einrichtung der politischen Verwaltungsbehörden im Lombardisch-Venetianischen Königreiche. Während auf diese Weise Österreich auf eine Vereinfachung in der Verwaltung seiner italienischen Länder hinzuarbeiten u. außerdem vornehmlich durch Begünstigung u. Unterstützung großer Eisenbahnbauten, so wie durch Gewährung von Zollerleichterungen dem tiefgesunkenen commerciellen Leben in diesen Ländern eine neue Basis zu geben suchte, wendete es zugleich die umfassendste Aufmerksamkeit auf eine für alle Eventualitäten ausreichende Verbesserung u. Vermehrung seiner militärischen Streitkräfte zu Lande u. zur See, wogegen durch neue Zugeständnisse an die Kirche die clerikale Partei aufs Neue der Regierung eng verbunden wurde u. der Kaiser durch wiederholtes persönliches Erscheinen in I. (so im März u. November), so wie durch Begnadigung einzelner politisch Verurtheilter die Liebe u. das Vertrauen des Volkes sich zu gewinnen bemüht war. Von den übrigen italienischen Staaten wußte sich nur der König von Neapel seine Unabhängigkeit vom Auslande zu bewahren, während er im Inneren durch sein Regierungssystem sich immer unpopulärer machte. Die kleineren italienischen Staaten, Toscana an der Spitze, kehrten ihrer inneren Sicherheit halber ohne Ausnahme nach u. nach zu ihren alten Regierungssystemen zurück, ohne selbst den in den vorigen Jahren aufgetauchten besseren Wünschen u. Bestrebungen vollkommen Rechnung zu tragen. Der Papst, welcher zwar im Auslande der Kirche neue Siege zu gewinnen wußte, vermochte in seiner politischen u. finanziellen Ohnmacht nichts für die Ruhe seines Landes zu thun u. mußte ruhig zusehen, daß die Interventionstruppen auch ferner das Land besetzt hielten.

Inzwischen betrieb die italienische Propaganda im Auslande ihre Pläne fort. Die unter diesen Bestrebungen für die Zukunft am meisten Besorgniß erregende war die von Mazzini zu Gunsten einer neuen Revolutionirung J-s unternommene italienische Nationalanleihe, wobei die Gesammtzeichnung J-s schon im März des Jahres 1850 bereits die Summe von 2, 205, 938 Francs betrug. Neben der Mazzinischen Propaganda in London, hatte sich noch 1851 eine andern Paris etablirt, welche, weil ihr jene zu unitarisch war, sich nicht mit der europäischen Revolution befassen wollte, sondern ihre Grenzen etwas enger gesteckt hatte, indem sie blos die romanischen Völker, Italiener, Spanier u. Franzosen, zu einer gemeinschaftlichen Revolution vereinigen wollte, welche 1852 in I. ausbrechen u. von da sich weiter verbreiten sollte. Die Hauptrolle hierbei sollte die vor der Hand außer Wirksamkeit getretene revolutionäre Regierung spielen, doch die gleichen der anderen italienischen Staaten um ihre Beistimmung begrüßt werden. Zur Befestigung der wiederhergestellten Regierungen tauchten verschiedene Pläne auf, bes. auch der auf dem Wiener Congreß schon besprochene der Aufrichtung eines Italienischen Bundes, nach dem Musterdes Deutschen Bundes, unter Vorsitz des Papstes od. Österreichs. Die österreichische Regierung suchte durch Förderung der materiellen Interessen künftigen Stürmen vorzubauen; sie stiftete einen Zollverein, woran jedoch nur das österreichische Italien, Parma u. die Estensischen Staaten Theil nahmen. Am 31. Octbr. 1852 versammelte der Statthalter der lombardischen Provinzen, Graf Strassoldo, zum ersten Male in Mailand die Vertreter dieser zollvereinten Staaten, welche auf vier Jahre, vom 1. Febr. 1853 an gerechnet, sich verbündet hatten. Sodann war ihr Augenmerk auf den Bau italienischer Eisenbahnen mit Anschluß an die lombardischen Bahnen gerichtet. Schon in den ersten Monaten des Jahres 1853 besprachen dagegen die bedeutendsten englischen Blätter den angeblich vorhandenen Plan italienischer Patrioten in Sardinien, um die sardinische Regierung sich zu schaaren u. Frankreich zu ihren Gunsten in den Kampf gegen Österreich hereinzuziehen, um Oberitalien dem Hause Savoyen, Süditalien der Familie Murat zu erobern u. Savoyen u. Nizza an Frankreich zu geben. Die Gesellschaft der Freunde J-s erblickte[116] in dem fortdauernden Besetzthalten des Kirchenstaates u. Toscanas durch französische u. österreichische Truppen eine Verletzung des Völkerrechtes u. richtete eine Petition, dagegen einzuschreiten, an das englische Parlament. Im Laufe des Jahres 1853 gelang es der österreichischen Regierung den Kirchenstaat, Parma, Modena u. Toscana für den Bau einer italienischen Centralbahn zu gewinnen, wobei Österreich die Verpflichtung übernahm, gleichzeitig mit der Ausführung der Centralbahn seine Bahnen bis Mantua u. Piacenza weiter zu bauen, wo die italienische Centralbahn ausmündet. Die Gesammtausdehnung dieser Bahn beträgt 270 Kilometer, wovon 200 zu einem dichtbevölkerten Gebiete gehören, indem sie von Bologna über Val di Reno, Poretta u. Pistoja nach Toscana führt. Die Arbeiten wurden an fünf Orten zugleich begonnen u. schritten anfänglich im Kirchenstaat u. in den Fürstenthümern rasch vorwärts, stießen aber bald auf Hindernisse, da man sich nicht über den Übergang über die Apenninen einigen konnte. Nachdem endlich die Actiengesellschaft, welcher die verbündeten Regierungen die Erlaubniß zum Bau ertheilt hatten, diejenige gewählt hatte, welche dem Thal des Reno hinauf folgt u. das Bergjoch in der Gegend der La Porettabäder mittelst eines Tunnels durchschneidet, um in das Thal des Ombrone auf dem südlichen Abhange hinabzusteigen u. so Pistoja zu erreichen, wurden die Arbeiten bei Pracchia am großen Tunnel begonnen. Es galt den Reno abzuleiten, um in seinem Bette Raum für die Bahn zu gewinnen, durch den Berg auf eine Länge von vier Kilometern einen Stollen zu führen u. dabei mehre Lichtlöcher od. Schachte mit ungefähr 300 Metern abzuteufen. Anderthalb Jahre wurde daran gearbeitet, sodann die Arbeit eingestellt. Die piemontesischen Bahnen hatten einen viel schnelleren Fortgang.

Einen völligen Umschwung erfuhren die italienischen Angelegenheiten durch den Orientalischen Krieg (1854–56). Von den vier politischen Gebieten J-s (Neapel, Kirchenstaat, Sardinien u. Österreich mit seinen Provinzen u. von ihm abhängigen Dynastien) beobachtete Neapel eine für Rußland gesinnte Neutralität, war Rom gänzlich theilnahmlos für alles Fremde, schloß sich Sardinien mit geheimen Verabredungen für die Zukunft an Großbritannien u. Frankreich u. ging Österreich seinen eigenen Weg, in gleicher Weise den Westmächten gegenüber seine Selbständigkeit vollständig wahrend u. die Gelegenheit benutzend, Rußland aus seiner übermächtigen Stellung an der unteren Donau zu verdrängen. Allein was Österreich dort gewann, schien es schon damals in Italien wieder verlieren zu sollen, denn das enge Bündniß, welches das mit Österreich fortwährend gespannte Sardinien mit den Westmächten abschloß, legte die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Frankreich diesen letzteren Staat zu benutzen beabsichtige, um im französischen Interesse der ohnedies schwierigen u. sehr kostspieligen Stellung Österreichs in Italien neue u. größere Gefahren zu bereiten; u. die französischen Diplomaten wußten diese Besorgniß geschickt zu erhöhen. Um keinen Zweifel darüber zu lassen, reiste der König von Sardinien im November 1855, von keinem ersten Minister Cavour begleitet, nach Paris u. London, wo er nicht allein über die Bedeutung u. Folgen des Bundesvertrags mit den Westmächten, sondern auch zugestandener Maßen über die allgemeinen Zustände Italiens mit den Staatsmännern Frankreichs u. Englands unterhandelte. Die sardinische Regierung konnte nun mit Befriedigung wahrnehmen, daß der Frieden mit Rußland, noch dazu auf Österreichs Betrieb, zu einer Zeit abgeschlossen wurde, wo diese Macht sich Rußland vollständig zum Feinde gemacht hatte, ohne in ein anderes wahrhaft freundschaftliches Verhältniß zu treten; die gegenseitigen Beziehungen blieben vielmehr stets auffallend kalt, während Sardinien mit einer im Voraus ausgemachten Belohnung den Westmächten nicht unwesentliche Waffendienste geleistet hatte.

War es schon bedeutungsvoll, daß Sardinien die Theilnahme an den Pariser Friedensconferenzen im März 1856 zugestanden wurde, in Folge dessen es dieselben mit seinem Premierminister Cavour u. dem sardinischen Gesandten zu Paris v. Villamarina beschickte, so wurde es vollends unzweifelhaft, daß diese Macht für ihre in der Krim gebrachten Opfer Entschädigung in I. im Auge hatte, als die sardinischen Bevollmächtigten während den Verhandlungen der Conferenzen eine Note über die politische Lage u. die Zustände J-s, so wie über die geeigneten Heilmittel bei der englischen u. französischen Regierung einreichten; eine förmliche Anklageschrift gegen Österreich, ohne die Bedeutung u. Festigkeit der Stellung der französischen Truppen im Kirchenstaate nur zu erwähnen. Seit 1849, hieß es darin, hätten die Österreicher die Legationen besetzt, u. seit der Zeit seien Belagerungszustand u. Kriegsgesetz in ununterbrochener Wirksamkeit. Die päpstliche Regierung bestehe dort nur dem Namen nach, da über ihren Beamten ein österreichischer General mit dem Titel u. der Vollmacht eines Civil- u. Militärgouverneurs stehe. Nichts deute auf ein Ende dieses Zustandes, denn die päpstliche Regierung könne die öffentliche Ordnung nicht aufrecht halten, u. Österreich lasse sich die Beschützerrolle sehr gern gefallen. Seit dem Wiener Congreß sei von den Päpsten nichts im Sinne des Fortschrittes geschehen, vielmehr das durch Napoleon I. eingeführte Gute aufgehoben worden. Pius IX. habe einen guten, aber gegen die Organisation des römisch-katholischen Clerus unmächtigen Willen. Eine den Wünschen der Bevölkerung u. den Bedürfnissen der Zeit entsprechende Umgestaltung der päpstlichen Verwaltung sei eine Unmöglichkeit. Nur der von Napoleon III. gemachte Vorschlag enthalte ein durchschlagendes Heilmittel Einführung des Napoleonischen Gesetzbuches u. Säcularisation des Kirchenstaates, d.h. Aufhebung der geistlichen Regierung, des Canonischen Rechtes u. des geistlichen Adels u. Einführung einer weltlichen Regierung. Dazu werde der Papst nie seine Zustimmung geben, man möge daher wenigstens die Legationen insoweit vom eigentlichen Kirchenstaate trennen, daß man ihnen unter der Oberhoheit des Papstes, welcher die diplomatische Vertretung behalten sollte, eine den früheren napoleonischen Einrichtungen sich anschließende besondere Verwaltung, Gerichte, Armee gebe, wodurch die Westmächte einen wohlthätigen Einfluß auf das Herz J-s erhalten würden. Unter den Legationen sollte alles Land zwischen dem Po, dem Adriatischen Meere u. den Apenninen verstanden werden, u. ein vom Papste auf 10 Jahre ernannter weltlicher Statthalter an der Spitze stehen, welcher alle Beamte, [117] Staatsräthe u. Minister anzustellen hätte. In der Sitzung vom 8. April der, ursprünglich nur zum Abschluß des Friedens bestimmten Conferenzen sprach der französische Minister des Äußern den Wunsch aus, daß die versammelten Bevollmächtigten vor ihrer Trennung ihre Gedanken über verschiedene Gegenstände austauschen möchten, um wo möglich neuen Streitigkeiten vorzubeugen. Nach einer kurzen Erwähnung Griechenlands äußerte er, daß auch der Kirchenstaat in einer regelwidrigen Stellung sich befände, was später wiederholt von Paris aus in Bezug auf ganz I. verkündigt wurde. Frankreich sei bereit seine Truppen zurückzuziehen, hoffe aber das Gleiche von Österreich, sobald der geeignete Augenblick gekommen sein werde. Er fragte weiter, ob es nicht wünschenswerth sei, daß mehre Regierungen der Apenninischen Halbinsel auf dem Wege der Gnade einem System ein Ende machten, welches, anstatt die Regierungen zu kräftigen, ihre Kraft lähme, indem sie den Wühlern Parteigänger zuführe, u. bezeichnete namentlich die Regierung Beider Sicilien als eine in diesem Sinne von den Conferenzen aus zu verwarnende. Der englische Bevollmächtigte erklärte die italienischen Zustände u. die Besetzung durch fremde Truppen für nur durch die äußerste Noth gerechtfertigt, erblickte eine Besserung nur in der Heilung der inneren Übelstände u. empfahl daher die Säcularisation des Kirchenstaates nebst Einführung einer guten Verwaltung, welche in Rom schwer, in den Legationen leicht durchzuführen sein werde. Die angeblichen Handlungen der neapolitanischen Regierung scheinen ihm der Art, daß sie dem übrigen Europa die Pflicht auferlegten, sich in die inneren Angelegenheiten dieses Staates einzumischen u. ihm die Verbesserung seiner Regierung u. die Begnadigung der politisch Verfolgten anzurathen. Der russische Bevollmächtigte lehnte die Theilnahme an dieser Besprechung ab, weil seine Vollmachten nicht über die Friedensverhandlungen hinausgingen. Österreich schloß sich zwar den Ansichten Frankreichs in Bezug auf den Kirchenstaat an, erklärte aber für unmöglich, sich über die inneren Angelegenheiten von Staaten zu unterhalten, von denen keine Vertreter in der Conferenz säßen, da ohnedies die österreichischen Mitglieder lediglich über die orientalischen Angelegenheiten zu verhandeln befugt seien. Der preußische Gesandte fragte, ob eine Verwarnung, wie sie Neapel gegenüber vorgeschlagen worden, nicht eher zu einem Aufstande führen, als die Gemüther beruhigen werde, u. beschränkte sich mit Rücksicht auf den Kirchenstaat den Wunsch auszusprechen, daß es gelingen möchte, die päpstliche Regierung in eine Lage zu versetzen, daß sie keine fremden Truppen mehr brauche. Der Stellvertreter Sardiniens verlangte, daß die vernommenen Ansichten zu Protokoll genommen würden, machte bemerklich, daß die Anwesenheit der österreichischen Truppen in den Legationen u. in Parma das politische Gleichgewicht in I. störe u. eine wirkliche Gefahr für Sardinien bilde, u. hielt für höchst dringlich, die neapolitanische Regierung zur Mäßigung zu ermahnen, damit der regelmäßige Gang der Dinge in den anderen italienischen Staaten nicht zu sehr erschwert werde. Schließlich faßte der französische Bevollmächtigte als Ergebniß dieser Unterhaltung in Bezug auf I. zusammen: daß Österreich sich dem von Frankreich ausgesprochenen Wunsche angeschlossen hätte, den Kirchenstaat von fremden Truppen geräumt zu sehen, sobald es ohne Schaden für die Ruhe des Landes u. die Macht des Papstes geschehen könne, u. daß die meisten Bevollmächtigten die Wirksamkeit von Maßregeln der Gnade u. Milde nicht bestritten hätten, welche den italienischen Regierungen bes. der neapolitanischen, anzurathen wären. In der nächsten Sitzung (14. April) vereinigten sich sämmtliche Bevollmächtigte im Protokolle im Namen ihrer Regierungen den Wunsch auszusprechen, daß Regierungen, zwischen denen ein ernster Streit ausbräche, bevor sie zum Kriege schritten, so weit thunlich, eine befreundete Macht um Vermittelung angehen sollten, wobei namentlich auf die italienischen Angelegenheiten Bezug genommen wurde.

Unstreitig hatte Sardiniens Einfluß auf den Gang der allgemeinen italienischen Angelegenheiten durch diese Vorgänge zugenommen. Im sardinischen Parlament erklärte Cavour, von den Pariser Conferenzen seien die österreichischen u. sardinischen Bevollmächtigten mit der Überzeugung geschieden, daß die Politik beider Länder weiter als je von einer Verständigung seien, u. daß die gegenseitige Spannung sich offener nach den Conferenzen als vorher zeige. Eins sei gewonnen: die Italienische Frage stehe hinfüro auf der europäischen Tagesordnung, die Sache J-s vor dem Gerichte der öffentlichen Meinung u. werde siegen. Das Ziel der sardinischen Politik werde stets die Wohlfahrt J-s sein Davon nahm Österreich Veranlassung, ein Rundschreiben an die italienischen Regierungen des Inhalts zu richten, daß Sardinien nicht befugt sei im Namen J-s zu sprechen. Das gegenseitige Mißtrauen beider Staaten wuchs, u. das Auftreten Sardiniens ließ sich nur erklären, wenn es des Beistandes einer Großmacht im Geheimen versichert war. In Übereinstimmung mit der im Jahre 1850 abgeschlossenen Militärübereinkunft zog Österreich seine Truppen aus Modena u. Toscana. Parma blieb besetzt, da Österreich vertragsmäßig in Piacenza eine Besatzung halten sollte. Sardinien benutzte dies als Vorwand, um Alessandria in eine Festung ersten Ranges zu verwandeln. England u. Frankreich ließen durch ihre Gesandten in Neapel der dortigen Regierung rathen, die bisherige Strenge bei politischen Verfolgungen aufzugeben, u. brachen den diplomatischen Verkehr ab, als dieselbe dies als eine Beeinträchtigung ihrer Selbständigkeit zurückwies.

Während die Regierungen sich diplomatisch befehdeten, ruhten auch die Parteien nicht, von denen als die hauptsächlichsten zu nennen sind die Mazzinisten, als demokratische bekannt; die Cavouristen, auch die Partei der Patrioten genannt, welche mit Hülfe Frankreichs Österreich aus I. vertreiben, Sardinien durch Oberitalien vergrößern u. Neapel dem Hause Murat zuwenden wollten, daher sich ihnen die französisch-italienische Partei der Muratisten anschloß; alle drei arbeiteten durch geheime Gesellschaften u. Sendlinge. Häufige Aufstandsversuche im Jahr 1857 bezweckten, zunächst den Mazzinisten gegen die Cavouristen den Sieg zu verschaffen, u. eine in Genua mit Hülfe der französischen Regierung im Sommer 1857 entdeckte mazzinistische Verschwörung zeigte nach Umfang u. Mitteln, daß die Gefahr nicht unbeträchtlich war. Der Notenwechsel zwischen Österreich[118] u. Sardinien war unterdeß immer lebhafter qeworden; beide Höfe riefen ihre Gesandten ab, jedoch wurde der diplomatische Verkehr nochmals hergestellt. Je feindseliger die Haltung Sardiniens gegen Österreich war, desto freundlicher wurde sie gegen Rußland; man hoffte es in einem Kriege gegen Österreich benutzen zu können. Die piemontesische Presse griff systematisch das Besitzrecht Österreichs in I. an, gleiche Angriffe erfolgten in den Kammern u. überall ging die Regierung mit. Sardinien nahm Deserteure aus dem österreichischen Heere fortwährend auf u. verweigerte gegen die bestehenden Cartellverträge die Auslieferung, wogegen Österreich, nachdem die Anzeigen einer herannahenden Krise sich mehrten, mit doppelter Kraft in I. aufzutreten suchte, mit den außerpiemontesischen Staaten J-s neue Verträge schloß u. alte erneuerte. Dies bot der piemontesischen Presse neuen Stoff zu Klagen, daß durch solche Verträge, wie die, mit Modena u. Parma vom Jahr 1847, wonach Österreich berechtigt war, im Falle von Unruhen in diese Länder einzurücken u. im Kriege sie wie eigenes Gebiet zu behandeln, dieselben thatsächlich Besitzungen Österreichs geworden seien, daß es auf diese Weise Sardinien vollständig umschließe, seine Grenzen bis wenige Märsche von Genua vorgerückt habe u. sich in Stand gesetzt sah, im Kriege alle Vertheidigungslinien seines Nachbars von Süden aus zu umgehen. Die sardinischen Patrioten verwahrten sich gegen ein solches Umsichgreifen Österreichs, womit es die durch die Verträge von 1815 gewährleisteten Rechte verletze. Indessen wurde immer noch, der französisch-sardinische Angriffsplan gegen Österreich so verschleiert gehalten, daß man annehmen muß, die Rüstungen u. Vorbereitungen würden noch länger gedauert haben, wenn nicht ein unvorhergesehenes Ereigniß den Ausbruch beschleunigte Der Mordversuch vom 14. Jan. 1858 auf Napoleon III. wurde Veranlassung zu Kundgebungen, welche dem Kaiser der Franzosen zeigten, daß es die höchste Zeit sei, die Kriegslust des französischen Heeres zu beschäftigen u. die öffentlich u. geheim rege gemachten u. genährten Hoffnungen der Italiener zu befriedigen, wenn das Haus Bonaparte sich auf dem Throne erhalten wollte. Auch mag wohl das Orsinische Attentat den französischen Kaiser auf sehr kräftige Weise an die Versprechungen erinnert haben, wodurch er sich 1830 dem Jungen Italien verbunden gehabt hatte.

Im Laufe des Jahres 1858 bemerkte man, daß die Sprache Sardiniens immer zuversichtlicher wurde, u. in demselben Verhältnisse näherte sich die französische Regierung entschieden der sardinischen u. entfernte sich von der österreichischen. Allerdings waren es anfänglich nur unbestimmte Andeutungen in den Pariser Blättern od. im diplomatischen Verkehr, welche die Neigung bezeugten, sich zu Gunsten Sardiniens in die italienischen Angelegenheiten zu mischen Anlaß dazu bot die Besetzung des Kirchenstaates. Man kam darauf zurück, daß die von Frankreich aus vorgeschlagenen Umgestaltungen des Kirchenstaates die Vorbedingung seiner Räumung seien, u. in den vagen Erörterungen über diesen Punkt leuchtete von Seiten Frankreichs stets der Vorwurf heraus, daß es eben Österreich mit seinem überwiegenden Einflusse sei, welches jede Besserung hindere, sowohl im Kirchenstaate, als im Königreich Neapel. Die Zwecke, welche Frankreich öffentlich vorschützte, konnten der großen Menge beifallswürdig erscheinen. Um das Geheimniß zu bewahren, reiste Cavour im Herbste 1858 nach dem Bade Plombières, um dort mit dem französischen Kaiser persönlich zu unterhandeln. Schon damals soll die Verheirathung der sardinischen Prinzessin Clotilde mit dem Prinzen Hieronymus Napoleon Bonaparte, dem Vetter des Kaisers, verabredet worden sein. Verschiedene Neuerungen, zu denen Österreich im Zusammenhange mit dem vorschwebenden Einheitsstaat schritt, namentlich der neue Münzfuß u. das neue Aushebungsgesetz, wurde von Sardinien benutzt, um das Feuer des Aufstandes in den Städten der Lombardei zu schüren, während laut von einem Plane gesprochen wurde, daß Sardinien im Bunde mit Frankreich, einen solchen Aufstand benutzen werde, um die Österreicher aus I. zu vertreiben. Österreich mußte daher schon gegen Ende des Jahres 1858 Vorsichtsmaßregeln ergreifen, welche darin bestanden, einerseits Alles zu vermeiden, was den Franko-Sarden einen einigermaßen beifallswürdigen Vorwand zum Losschlagen geben könnte, andrerseits seine militärische Stellung bes. in I. zu verstärken, zwei Dinge, welche sich kaum vertrugen. Der französische Kaiser fühlte sich durchschaut, u. als er am 1. Jan. 1859 beim Neujahrsempfange zum österreichischen Botschafter die Worte sprach: Ich bedauere, daß unsere Beziehungen zu Ihrer Regierung nicht mehr so gut sind, wie sie waren; aber ich bitte Sie, dem Kaiser zu sagen, daß meine persönlichen Gefühle für ihn sich nicht geändert haben, wurden sie fast allgemein als eine maskirte Kriegserklärung betrachtet, darauf berechnet, den geeigneten Augenblick zum Angriff abzuwarten, wenn Österreich sich eine Blöße gegeben haben würde. Auf der einen Seite standen Österreich u. die Mehrzahl der Regierungen der italienischen Staaten, aber nicht die Völker; auf der anderen der französische Kaiser, welcher um den Fortbestand seines Hauses kämpfte, mit einem durch die Erfolge der Vergangenheit begeisterten Heere; Sardinien, das niemals die Hoffnung aufgegeben hatte, für Novara sich zu rächen u. I. zu erobern, im Bunde mit den mächtigen u. weitverbreiteten geheimen Gesellschaften der Revolutionäre; England, welches von J-s Sieg die freie Einfuhr seiner Waaren u. die Vernichtung der aufblühenden österreichischen Industrie erwartet; endlich Rußland, welches mit Schadenfreude seinen Gegner im Oriente fallen sieht, während in Deutschland die Bundesverfassung sich als das bewährte, was sie nach der Absicht derer, die sie gaben, sein soll. Während die österreichischen Truppenbewegungen nach I. im Gange waren, eröffnete der König von Sardinien am 10. Jan. seine Kammern mit einer Rede, worin gesagt wurde, daß das Land nicht unempfindlich sei für den Schmerzensschrei J-s. Unmittelbar darauf wurde das sardinische Heer gegen den Tessin hin u. um Alessandria zusammengezogen. Am 30. Jan. wurde Prinz Hieronymus Napoleon mit Victor Emanuels ältester Tochter Clotilde in Turin vermählt, u. zugleich verlautete, daß zwischen Frankreich u. Sardinien ein Schutz- u. Trutzbündniß gegen Österreich bestehe. Die französische Regierung suchte durch Vorlegung unannehmbarer Vorschläge Zeit zu gewinnen, so daß Österreich ermüdet am 24. April ein letztes Wort an Sardinien richtete u. sodann gleichzeitig[119] mit den Franzosen in Piemont einrückte. Der kurze Feldzug schloß nach den Hauptschlachten von Magenta (4. Juni) u. von Solferino (24. Juni) mit dem Frieden von Villafranca (12. Juli), wodurch Österreichs Machtstellung in I. an Frankreich übergegangen ist. Die Grundlagen desselben sind: es soll ein Italienischer Bund nach dem Muster des Deutschen unter der Präsidentschaft des Papstes gebildet werden, die Lombardei wird von Österreich an Frankreich abgetreten, welches sie wiederum an Sardinien überträgt; Österreich behält Venetien mit Mantua u. Peschiera; die während des Krieges durch innere Revolutionen vertriebenen Fürsten von Toscana u. Modena (von Parma, wo Gleiches geschehen war, war geschwiegen) kehren in ihre Staaten zurück.

Außer den unter Italienischer Literatur erwähnten u. den Sammelwerken von L. A. Muratori, C. Denina, F. E. L. Simonde de Sismondi, E. G. G. Botta, F. Guicciardini u. H. Leo, vgl. J. F. Le Bret, Geschichte von I., Halle 1778–87, 7 Bde.; A. E. N. Fantin-Desodoards, Hist. d'Italie depuis la chûte de la République romaine jusqu'an XIX. siècle, Par. 1802 f., 9 Bde.; L. Bossi, Storia d'Italia antica e moderna, Mail. 1819–23, 19 Bde.; G. Perceval, History of Italy, Lond. 1825, 2 Bde.; L. Sforzosi, Compendio della storia d'Italia, Par. 1837; Reumont, Beiträge zur italienischen Geschichte, Berl. 1853–1857, 6 Bde.; Perrens, Deux ans de révolution en Italie (1848–49), Par. 1857; Geschichte des neueren J. von der ersten französischen Revolution bis 1850 (aus dem Englischen des Rich. H. Wrightson, deutsch von Seybt, Lpz. 1857); W. Rüstow, Der Italienische Krieg von 1859, Zürich 1859.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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  • Italien — Ita|li|en; s: Staat in Südeuropa. * * * Itali|en     Kurzinformation:   Fläche: 301 341 km2   Einwohner: (2000) 57,6 Mio.   Hauptstadt: Rom   Amtssprachen: Italienisch …   Universal-Lexikon

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  • Italien — 1. Aus Italien bringen die Deutschen drei Unheil zu Hause: leeren Säckel, kranken Leib und bös Gewissen. – Deutsche Romanzeitung, III, 45, 711; Hesekiel, 30. 2. In Italien sind die Weiber eingezogen und böse, in Deutschland häuslich und… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon