Janitscharen


Janitscharen

Janitscharen, (eigentlich Jenkridschari, Jenitschjeri, d.h. neue Krieger, in der Türkei gewöhnlicher Kapikuli, d.i. besoldetes Fußvolk), vor 1825 die reguläre Infanterie bei den Türken. Sie wurden Anfangs 12,000 Mann stark, nach Einigen 1362 n. Chr. vom Sultan Murad, nach Anderen schon durch Sultan Orkan 1329 aus den Christenkindern, von denen das je fünfte als Tribut geliefert wurde, errichtet, weil die eigentlichen Türken sich nicht zum Dienst zu Fuß verstehen wollten. Hadschi Bektasch, ein muhammedanischer Heiliger, segnete das Corps, ließ hierbei seinen Ärmel auf den Kopf eines ihrer Anführer fallen, wodurch die Truppe die weiße Filzmütze erhielt, u. prophezeite ihnen Glück. Die Zahl der besoldeten J. stieg zuweilen auf 100,000, sie sanken auch wieder auf 40,000; außerdem waren über 100,000 Türken in den Listen der J. eingeschrieben, dienten aber ohne Sold u. blos wegen einiger Vortheile, bes. wegen der Befreiung von Abgaben, u. zogen selten ins Feld. Eintheilung in 249 (nach Anderen 196 od. 162) Ortas (Hordas); keine Orta war über 1000 Mann stark, meist aber schwächer, oft kaum 100 Mann, welche in kleine Abtheilungen zerfiel. Jede Orta hatte ihr eigenes Oda (Caserne, Kammer). Alle J. zerfielen in vier Hauptabtheilungen: die erste, Dschemaat, bestand aus 100 Ortas, u. vier von diesen (Solaks) bildeten die Leibwache des Großherrn; unter der zweiten, Buluk, 61 Ortas stark, diente der Großherr selbst u. empfing seinen Sold als gemeiner Janitschar; die dritte u. vierte, Seymen u. Adschemi Oglan, waren meist von 34 Ortas. Der Oberbefehlshaber mit unumschränkter Gewalt über Leben u. Tod der I. hieß Aga; der zweite Befehlshaber Kjetchuda-Bey; sein Lieutenant Kul-Kjetchuda; der vierte Kul-Kjöchaja (Generalquartiermeister der J.); der J.-Effendi zahlte Sold, führte die Musterrolle u. sprach Recht unter den J. Zusammen bildeten sie den Divan der J. zu Constantinopel, außerdem befand sich aber noch in jeder türkischen Provinz ein Serdar, Befehlshaber über die I. in dieser. Jeder einzelnen Orta stand ein Tschor Baschi (Suppenkoch, weil er die Suppe vertheilte) vor, ferner hatte jede einen Oda Baschi (dessen Lieutenant), Wekil Scheres (Quartiermeister), Bairaktar (Fähnrich) u. Bas Eschky (Führer). Der Koch (Akhgi) war zugleich Gefangenaufseher, die Küche zugleich Gefängniß; er trug silberne Löffel u. Messer zur Auszeichnung; jeder kleinen Abtheilung stand ein Spiur Baschi (Arra Baschi) vor. Die kupfernen Kessel, in denen der Pillau gekocht wurde, wurden zum Zeichen einer Versammlung der J. ausgestellt, u. ihr Verlust durch den Feind galt für einen Schimpf. Der Sold der J. stieg nach der Dienstzeit, der Recrut erhielt nur wenig (etwa 1 Gr. 6 Pf.), der gediente Janitschar zuletzt 12–15 Asper (3 Gr. 9 Pf.) täglich. Außerdem erhielt jeder Kost u. Kleidung u. bei der Thronbesteigung eines neuen Sultans ein Geschenk von etwa 17 Thlrn. Löhnung u. ein Reißkuchen wurde vierteljährig in Constantinopel vor der Thür des Divans gereicht. Von den Offizieren erhielt der Tschor Baschi 120 Asper täglich, die höheren 12–1600 Thlr., ein Aga 5000 Thlr., außerdem aber beträchtliche Sporteln. Tracht: blaue weite Beinkleider u. rothe Strümpfe; Farbe des Rocks nach Belieben; hohe, oben breite, weiße Mützen mit Säcken, zuletzt auch Turbane. Bewaffnet waren die europäischen J. mit einer langen Flinte, kurzem Säbel, Pistol im Gürtel; die asiatischen statt der Flinte mit Bogen u. Pfeil. Fechtart: Angriff des Feindes ohne Ordnung u. Plan laufend mit dem Geschrei Allah, sie feuerten ihr Gewehr nur einmal ab u. bedienten sich dann der anderen Waffen. Zu mehr als drei Angriffen waren sie nicht verbunden u. durften sich dann aus dem Gefecht begeben; sie unterlagen daher geregelten [738] Truppen fast stets. Verbesserungen in ihrer Taktik wurden zwar oft versucht, allein stets zurückgewiesen. Kein Janitschar durfte ursprünglich heirathen od. Gewerbe treiben; seit dem Karlowitzer Frieden war indessen beides erlaubt, u. die verheiratheten wohnten außerhalb der Odas bei ihren Weibern. Die in Constantinopel in Garnison liegenden J. hießen Koridschis; die übrigen waren in den anderen Städten des Türkischen Reichs vertheilt. Die in Constantinopel trugen wegen öfteren Mißbrauchs keine Waffen, sondern lange Stäbe. Mehrere dieser Ortas hatten von den verschiedenen Diensten, die sie leisteten, besondere Namen, so hießen die J. von der 64. Orta Zagrandschis, d.h. Aufseher über die Hunde, die der 75. Samsondschis, Aufseher über die Bullenbeißer, die der 68. Tumandschis, Aufseher über die Windhunde u. Falken, die der 14., 35. u. 49. Orta Sumeng, d.h. Schützen etc. Die 65. Orta war auf Murads II. Befehl ganz aus der Zahl der Ortas ausgeschieden, weil sich ein Janitschar aus ihr an der Person von dessen Bruder, dem abgesetzten Sultan Osman II., vergriffen hatte. Da die J. einen von dem übrigen Staate abgesonderten Stand bildeten, so erzeugte sich bald ein Corps d'esprit u. sie wurden rebellisch u. dem Staatsoberhaupt sehr gefährlich, bes. als die Recrutirung durch das fünfte Christenkind aufhörte u. sie nach dem Karlowitzer Frieden heirathen, Gewerbe treiben u. sich dem Kriegsdienst entziehen konnten. Manchen Sultanen kostete der Versuch, Ordnung u. Subordination wieder einzuführen u. sie an die Form der europäischen Truppen zu gewöhnen, das Leben, so Selim III., der durch Aufstellung von 30,000 Mann europäisch organisirter Truppen, Nizam, ein Gegengewicht gegen die J. zu schaffen versuchte u. 1807 Thron u. Leben verlor. Selims Nachfolger, Mustapha IV., mußte den Nizam wieder aufheben u. wurde doch noch vom Bairaktar vom Throne gestoßen.

Zur Sicherung des Thrones bereitete nun Mahmud IV. im Geheimen Alles vor, um die I. zu vernichten. Seit 1814 errichtete er den Nizam wieder, u. als seine Macht genügend gestärkt war, verkündete er 1826 durch einen Hattischerif dessen Einrichtung. Da brach am 14. Juni eine Meuterei unter den J. aus, sie stürmten das Haus ihres Aga u. rückten gegen das Serail vor. Aber der Sultan ließ die Fahne Muhammeds, welche alle Bekenner des Islam zu den Waffen ruft, aufstecken, er u. Aga Hussein Pascha griffen mit den übrigen Truppen die J. an u. verbrannten 8000 J. in ihren Kasernen auf dem Atmeidan; 18,000 J. waren im Kampf u. durch Hinrichtungen umgekommen, 30,000 wurden in die entferntesten Paschaliks Asiens verwiesen. Später zeigten sich zwar noch hier u. da Verschwörungen u. Unruhen der J., allein die Strenge des Sultans erstickte sie alle im Aufkeimen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Janitscharen — Janitscharen, die ehemals so gefürchtete Kriegsmacht der Türken, welche 1360 von Amurad I. errichtet wurde. Sie waren mit Flinten, Säbeln, Dolchen, Pistolen bewaffnet; ihr Angriff in der Schlacht geschah in Unordnung unter furchtbarem Allahrufe;… …   Damen Conversations Lexikon

  • Janitscharen — (türk. jeni ṭscheri, »neue Soldaten«), türk. Fußvolk, 1329 von Sultan Orchan aus Kriegsgefangenen, später aus gewaltsam ausgehobenen Christenkindern gebildet. Diese wurden von türkischen Landleuten im Islam erzogen und an Strapazen und… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Janitscharen — Janitschāren (türk. jeni tscheri, d.i. neue Miliz), die türk. Miliz, 1329 vom Sultan Orchan aus jungen, zum Übertritt zum Islam gezwungenen christl. Gefangenen errichtet, 1360 von Murad I. organisiert und mit Vorrechten versehen, weshalb auch… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Janitscharen — (Jenitscheri, d.h. junge Leute), das ehemalige türk. Fußvolk, von Sultan Orchan 1329 errichtet, von Murad I. 1360 vollständig organisirt, den Abendländern furchtbar bis über die Mitte des 17. Jahrh., später der Schrecken der Sultane u.… …   Herders Conversations-Lexikon

  • Janitscharen —   [türkisch yeniçeri »neue Streitmacht«, »neue Truppe«], türkische Fußtruppe, angeblich schon seit 1329, wahrscheinlich jedoch erst seit 1362/63 aus zum Islam übergetretenen christlichen Kriegsgefangenen gebildet und durch die Knabenlese ergänzt …   Universal-Lexikon

  • Janitscharen — Sultan Murads IV. Kammerherr im Kreise der Janitscharen Die Janitscharen (osmanisch ‏یكیچری اوجاغی‎, İA Yeñiçeri Ocaġı, „Janitscharenkorps“, wörtlich „Feuerstelle der neuen Trupp …   Deutsch Wikipedia

  • Memoiren eines Janitscharen — Die Memoiren eines Janitscharen oder Türkische Chronik ist ein seit dem 16. Jahrhundert im slawischen Raum verbreitetes Werk mit dem Erlebnisbericht eines serbischen Janitscharen der Osmanischen Armee. Inhaltsverzeichnis 1 Textgeschichte 2… …   Deutsch Wikipedia

  • Kece — Janitscharen mit Keçe Keçe (Im Deutschen als Ketsche ausgesprochen) war eine den Kopfbedeckungen der Derwische nachgemachte Mütze der osmanischen Eliteeinheit der Janitscharen. Ihr Name entspricht dem türkischen Wort für Filz, da sie aus diesem… …   Deutsch Wikipedia

  • Keçe — Janitscharen mit Keçe Keçe (osmanisch ‏كچه‎, „Filz“) war eine den Kopfbedeckungen der Derwische nachgemachte Mütze der osmanischen Eliteeinheit der Janitscharen. Ihr Name entspricht dem türkischen Wort für …   Deutsch Wikipedia

  • Janitschar — Sultan Murads IV. Kammerherr im Kreise der Janitscharen Die Janitscharen (Einzahl der Janitschar, türkisch Yeniçeri, „neue Truppe“) waren im Osmanischen Reich die Elitetruppen der Infanterie. Sie stellten auch die Leibwache des Sultans und… …   Deutsch Wikipedia