Pockenimpfung


Pockenimpfung

Pockenimpfung (Pockeninoculation), geflissentliche Übertragung von Pockenstoff in einen für die Pockenkrankheit noch empfänglichen Körper, um präsumtiv dadurch einen gutartigen u. milden Verlauf der Krankheit zu bewirken u. die zu Impfenden den Gefahren zu entziehen, denen sie ausgesetzt sein dürften, wenn sie unter ungünstigen Verhältnissen, bei herrschenden bösartigen Pocken etc. davon befallen werden sollten. Sie ist längst außerhalb Europa bei mehren Völkern bewirkt worden, namentlich bei den Chinesen, welche ihren drei- bis sechsjährigen Kindern einen noch feuchten Pockenschorf in die Nase stecken (Pockensäen), eben so in Indien, wo die Braminen umherreisen u. mit Pockenstoff getränkte Baumwolle auf geriebene Stellen des Vorderarmes auflegen, od. auch seidene, damit durchdrungene Fäden durch die Haut ziehen. Eben so sind Impfungen in Arabien, in Georgien, bes. unter den Circassiern, um die Schönheit der Mädchen zu erhalten, in der Berberei, in der Türkei, namentlich in Constantinopel, seit langer Zeit üblich. Hier war es bes., wo Lady Montagne dieselbe 1717 kennen lernte u. nach ihrer Rückkehr nach London 1721 ihren ganzen Einfluß anwandte, um die P. im christlichen Europa (wo sie bisher zwar hier u. da empirisch geübt, aber doch nicht eigentlich von Ärzten als Schutzmittel anerkannt worden war) einzuführen. Dies gelang auch, indem sie nach u. nach in allen europäischen Staaten, auch in Amerika (bes. nach Vorgang einer Menge fürstlicher Personen, welche für sich u. ihre Familien mit gutem Erfolg davon Gebrauch machten) üblich u. häufig benutzt wurde. Die Ärzte bemühten sich, theils durch Vorbereitung der Impflinge, theils durch zweckmäßige Impfmethoden, theils durch sorgsame Wahl des Impfstoffes die Vortheile der P. zu erhöhen, Dimsdale, Sutton u. A. erwarben sich in dieser Hinsicht Ruf. Das gewöhnliche Verfahren ist, daß die Spitze einer Lanzette, od. einer vorn breit geschliffenen Nadel, mit Pockeneiter befeuchtet, an den Armen, od. zwischen dem Daumen u. Zeigefinger, unter das Oberhäutchen geschoben, od. auch mit einer Lanzette ein flacher, nicht od. kaum blutender Einschnitt in einen od. beide Arme gemacht u. ein mit Pockeneiter getränkter Faden eingelegt wird. Auch wird durch ein Blasenpflaster eine kleine Hautstelle von der Oberhaut entblößt u. in dieselbe pulverisirter Pockenschorf eingestreut, od. auch ein mit Pockeneiter getränkter Faden eingelegt, od. frisches Pockeneiter aufgetragen. Die geimpfte Stelle entzündet sich nun gewöhnlich vom dritten Tage an, doch auch wohl erst am siebenten, u. wird zu einer wirklichen Pocke. Gewöhnlich brechen nun den neunten bis zum dreizehnten Tag nach der P. die Pocken ohne erhebliche vorherige Fieberbewegungen aus. Ost sind es dann nur wenige, u. bei Weitem in den meisten Fällen ist der Verlauf der Krankheit gutartig, so daß man im Allgemeinen nur etwa unter 300 od. auch nur unter 500 Fällen einen unglücklichen Ausgang rechnet. Indem aber solche Fälle doch auch vorkommen u., wo sie eintraten, immer große Sensation machten, auch die geimpften [227] Pocken hin u. wieder einen bösartigen Charakter annehmen u., wenn auch die Kranken mit dem Leben davon kommen, doch Nachkrankheiten zurückbleiben, auch es vorkam, daß durch die geimpften Pocken, obgleich sie ihren gehörigen Verlauf machten, die Empfänglichkeit für eine nochmalige Infection mit Pocken nicht aufgehoben wurde: so hatte die P. immer auch mit Widersachern zu kämpfen, u. auch unter den Ärzten erhoben sich Stimmen dagegen. Indessen blieb sie doch das beste Schutzmittel gegen die so gefürchtete Krankheit, bis sie durch Entdeckung der Kuhpocken (s.d.), welche bei viel minderer Gefahr Sicherung gewähren, in den Hintergrund gedrängt wurde, ja, wo strenge Medicinalpolizei gehandhabt wird, sogar gesetzlich untersagt ist.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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