Rennthier


Rennthier

Rennthier, 1) (Cervus tarandus L.), Art aus der Gattung Hirsch, 5 Fuß 6 Zoll lang, bei 3 Fuß 5 Zoll Kreuzeshöhe; von allen anderen Hirschen unterscheidet sich das R. dadurch, daß beide Geschlechter ein Geweih tragen, welches gleich über der Stirn einen vorwärts gerichteten Zinken hat u. eine runde nach hinten gebogene Stange, die aber bald am Ende schaufelförmig wird; Nasenkuppe behaart u. unten an dem mehr gesenkt getragenen Halse hängen lange Haare bis zur Brust herab; der Leib ist lang gestreckt u. der drei Zoll lange Schwanz kang behaart; die Farbe ist sehr verschieden, gewöhnlich dunkelschiefergrau, am Bauche dunkler, am Kopfe, Nacken u. den Keulen heller; im Winter sind die Haare am Leibe dichter, länger, struppiger, stark u. sehr spröde, auch werden sie im hohen Norden dann oft ganz weiß. Das Männchen hat ein kleineres, schwächeres Geweihe u. kürzere dickere Hufen. Die Länder des kalten Nordens sind dem R. angewiesen, u. man findet es unter allen Wiederkäuern am weitesten gegen den Pol hin, in der alten, wie in der neuen Welt. Der Reichthum vieler Nordländer besteht einzig u. allein in zahmen R-en. Das Fleisch ist schmackhaft u. wird gekocht, gebraten, geräuchert u. eingesalzen gegessen; doch meist nur im Winter, da man im Sommer sich mit Milch u. Käse begnügt; die Milch schmeckt gut u. aromatisch, ist aber sehr fett; für den Winter lassen die Nordbewohner einen Theil ihres Milchvorraths gefrieren; die Rennthierkäse sind so groß u. rund wie ein Teller u. nur 1/2 Zoll dick; Butter wird nur selten bereitet; auch das Blut wird, auf verschiedene Weise zubereitet, gegessen u. gilt auch als Mittel gegen den Skorbut; das rohe Mark der Knochen gilt als Delikatesse; aus dem Geweihe macht man Schaufeln u.a. Geräthe, die Knochen geben Messer, Löffel, Nadeln etc., die Sehnen Zwirn, die Gedärme Seile u. die Blase wird als Beutel od. Flasche benutzt; die vorzüglich gute Haut gibt roh od. gegerbt den Nordländern alle ihre Kleidungsstücke vom Kopfe bis zu den Füßen, dient zu Fuß- u. Schlittendecken u. mit den Haaren werden Sättel u. Kissen ausgestopft; aus den Hufen macht man Trinkgeschirr, der Talg wird nicht nur zu Lichtern, sondern auch zu Salben u. Pflastern gebraucht. Lebend wird das R. als Last-, vorzüglich aber als Zugthier gebraucht, das in einem Tage oft 20 Meilen macht. Es lebt gesellig in großen Heerden, nährt sich von geringem Futter (Rennthierflechte, Rennthiermoos [s. u. Cladonia u. Flechten], Nadeln der Bäume etc.) u. muß es sich oft erst unter dem Schnee mit dem Geweih vorsuchen; leidet viel von der Rennthierbremse (s. Bremse). Von R-en hat man viel Versteinerungen, theils Knochen, theils Geweihe gefunden, welche jedoch mit der jetzt noch lebenden Art nicht übereinstimmen. Ob das R. je in Deutschland heimisch gewesen ist, was Einige nach römischen Angaben von dem Rheno glauben, ist sehr zweifelhaft, da ihm ein Grad Kälte Bedürfniß ist, welche es in Deutschland nicht gibt, u. die R-e, welche in deutschen Thiergärten u. Menagerien gehalten wurden, in der Regel sehr bald starben. Überreste von fossilen Rennthieren, welche zwar dem jetzt noch lebenden sehr ähnlich sind, aber doch in mehren Stücken abweichen, fand man in den jüngsten Tertiärschichten von Montpellier, im Sande von Etampes, im Diluvium vieler Orte Deutschlands, Frankreichs, Italiens, in der Knochenhöhle von Breugue u. in den Torfmooren des nördlichen Deutschlands u. Schwedens. 2) Sternbild, aus kleinen Sternen vom Polarstern aus nach dem Stern an den Füßen der Kassiopea hin gebildet.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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