Robespierre


Robespierre

Robespierre (spr. Robspiähr), 1) François Joseph Maximilien Isidore, geb. 1759 in Arras, Sohn eines Advocaten; studirte die Rechte in Paris u. prakticirte dann als Advocat in Arras, wurde auch Präsident der dortigen Akademie. 1789 trat er als Deputirter von Arras in die Nationalversammlung u. sprach demokratische Ideen aus. Da er indeß hier nicht beachtet wurde, suchte sein Ehrgeiz einen anderen Weg sich bemerkt zu machen; er sprach vor dem niederen Volke u. schrieb in die Tagesblätter, wodurch er Liebling des Volkes wurde u. sich den Beinamen des Unbestechlichen erwarb. Bes. stieg er in der Volksgunst, als er nach der versuchten Flucht des Königs (20. Juni 1791) verlangte, daß gegen denselben deshalb alle Formen des Rechtes, wie gegen einen gewöhnlichen Bürger angewendet werden sollten. Weil er mit diesem Vorschlag in der Nationalversammlung nicht durchdrang, unterstützte er die Maßregel, daß die Mitglieder der Constituante nicht an der Legislativen Versammlung theilnehmen konnten. R. wurde im September öffentlicher Ankläger beim Criminalgericht des Seinedepartements, legte aber bereits im April des folgenden Jahres diese Stelle nieder u. erschien nun häufig im Jacobinerclub. Auch ein Tageblatt Le défenseur de la constitution gab er heraus. An den Ereignissen im Juni, August u. September betheiligte er sich nicht, hinderte dieselben aber auch nicht, u. trat nach dem Siege der Anarchie an die Spitze der revolutionären Gemeinde gegen die Girondisten, wurde im Sept. 1792 Mitglied des Nationalconvents u. begann nun seine grauenvolle Thätigkeit, s.u. Frankreich (Gesch.) VII. D) u. VIII. A). Anfangs hatte er nur ein Opfer, den König, sich ausersehen u. setzte dessen Hinrichtung mit Verwerfung des Aufschubs im Januar 1793 durch. Darauf verfolgte er die Girondisten, welche er als Gegner der Revolution u. als Föderalisten anklagte, u. setzte deren Sturz u. Achtung im Juni durch, worauf er seit Ende Juni 1793 als Präsident des Wohlfahrtsausschusses unumschränkt herrschte u. die erst am 10. Aug. beschworene Verfassung auf breitester demokratischer Grundlage bereits am 28. Aug. wieder suspendirte. Der Nationalconvent gehorchte ihm, u. so fielen nach u. nach die Königin, die Prinzessin Elisabeth, so wie die Parteihäupter Hebert u. Danton nebst vielen ihrer Anhänger unter der Guillotine. Er empfand jedoch bald, daß er fast allein stand, u. glaubte die ihm abgewendeten Gemüther durch Rückkehr zur Milde u. zum Frieden, sowie durch Wiedereinführung einer Art von Religion sich nähern zu können; er ließ im Mai 1794 das Dasein Gottes als Gesetz vom Convent decretiren u. wollte eine Art Theokratie einführen, in welcher er das Amt des Hohenpriesters zu verwalten gedachte. Um dieselbe Zeit soll ein Mädchen, Cäcilie Renaud, darauf ausgegangen sein, ihn zu ermorden, sie wurde dafür vom Revolutionstribunal sammt ihren Angehörigen guillotinirt. Da inzwischen das erst durch ihn verwilderte Volk keinen Geschmack an seinen Humanitätsplänen zeigte, kehrte er alsbald zu seinem früheren blutigen System zurück u. ließ vom Convent die Aufhebung der letzten Reste der gesetzlichen Formen decretiren. Jetzt sahen Alle sich der Unsicherheit preisgegeben u. für ihr Leben bangend rafften sie sich auf u. stellten sich gegen den Dictator, zuerst der Wohlfahrtsausschuß, dann der Convent, indem sie seine eigensüchtigen Plane enthüllten. Darüber in Mißmuth gerathen mied er die Versammlungen des Wohlfahrtsausschusses u. Convents, näherte sich den Jacobinern u. suchte seine Hauptgegner als vorgebliche Urheber eines Complotes gegen den Convent aus demselben zu entfernen. Aber am 27. Juli 1794 (9. Thermidor) in der Versammlung des Convents von Tallien u. Billaud heftig angegriffen u. nach einer wüthenden Rede seines Freundes St. Just wurde von Billaud auf die Verhaftung R-s u. Henriots angetragen. R-s Vertheidigung wurde durch Geschrei übertönt, u. er sank erschöpft auf eine Bank u. hörte den Beschluß, daß er, sein Bruder, St. Just, Couthon u. Lebas verhaftet werden sollten, stumm an. Er wurde nach dem Luxembourg gebracht, aber hier von einem Nationalgardisten befreit, eilte er sogleich auf das Stadthaus, wo er seine Partei versammelt fand, allein der Convent erklärte R. u. seine Genossen außerhalb des Gesetzes, u. während Barras, mit seiner Verhaftung beauftragt, mit Nationalgarden in den Versammlungssaal der Gemeinde drang, versuchte R. durch einen Pistolenschuß sein Leben zu endigen; allein er zerschmetterte sich nur die Kinnlade u. wurde in diesem Zustande zum Wohlfahrtsausschuß im Conventshause geführt, am 28. Juli 1794 um 6 Uhr Nachmittags auf einem Karren zwischen Couthon u. Henriot sitzend zum Blutgerüste gebracht u. der Letzte von 21 zugleich Verurtheilten guillotinirt. R-s Ansehen war stets bleich, er hatte erloschene Augen, seine Figur war unansehnlich, untersetzt, u. sein Gesicht durch Blattergruben entstellt, seine Reizbarkeit groß u. sein Muth gering. Seine Oeuvres choisies wurden von Laponneraye herausgegeben (Par. 1832, 3 Bde.).; vgl. Desessarts, La vie et les crimes de R., Par. 1798, 4 Bde.; Schulze, R. mit Beziehung auf die neueste Zeit, Lpz. 1837; Tissot, Histoire de R., Par. 1844, 2 Bde.; Theod. Mundt hat R-s Leben zu einem Roman benutzt (Berl. 1859) u. Griepenkerl zu einem Trauerspiel (Bremen 1851). 2) Augustin Bon Joseph, Bruder des Vorigen, geb. 1764 in Arras wiederholte als Conventsmitglied seit 1793 nur die Reden seines Bruders u. verfolgte die Gegner desselben. Vom Convente nach dem Süden geschickt, wohnte er der Belagerung von Toulon bei u. kehrte dann nach Paris zurück. Bei Verhaftung seines Bruders am 9. Thermidor erklärte er dessen Schicksal theilen zu wollen, stürzte sich aber später aus einem Fenster des Stadthauses u. brach ein Bein; er wurde dann mit seinem Bruder zugleich guillotinirt. 3) Charlotte, Schwester des Vor., sanft, tugendhaft, obgleich stark u. männlich, verehrte[206] ihre Brüder zwar hoch, war aber Gegnerin von deren Grundsätzen u. nahm an ihren Grausamkeiten keinen Theil. Sie erhielt später von Napoleon eine Pension von 2000 Francs ausgesetzt, welche Ludwig XVIII. zurückzog, Ludwig Philipp ihr aber wieder gab. Sie st. 1. Aug. 1834 in Paris u. schr. Memoiren über ihre Brüder, welche im 4. Bande der Mémoires de tous enthalten sind.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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