Staaroperation


Staaroperation

Staaroperation, die mechanische Verfahrungsweise, durch welche man mittelst schneidender od. stechender Instrumente beim Grauen Staar den verdunkelten Krystallkörper aus dem Auge od. nur aus der Sehachse entfernt. Die S. ist bei dem ausgebildeten Grauen Staar das gewisseste u. in vielen Fällen das einzige Mittel dem Kranken das Gesicht wiederzugeben, doch ist sie nicht in allen Fällen anzuwenden u. verspricht nur einen günstigen Erfolg, wenn der Staar nicht zu alt, od. nicht zu neu ist, wenn er nicht in bedeutender Ausdehnung an die Traubenhaut (s.d.) angewachsen ist, wenn er nicht sehr groß u. in die Pupille hervorragend ist, wenn er nicht nach sehr heftigen äußern Verletzungen entstanden ist, wenn er nicht mit allgemeinen unheilbaren Übeln verbunden ist etc. Man operirt übrigens ungern, wenn nur ein Auge vom Staar behaftet ist. A) Die zur S. nöthigen Instrumente sind: a) das Staarmesser (Ceratotomus), ein stählernes messerförmiges Instrument zur Bewirkung des Hornhautschnitts bei der Extraction des Staars, von sehr mannichfaltiger, fast von jedem berühmten Augenarzte modificirter Form, mit einem hölzernen Griffe, ein- od. zweischneidig u. nach u. nach an Breite so zunehmend, daß es an der größten Breite dem Halbmesser der Hornhaut gleich ist, mit convexem, concavem, od. geradem Rücken u. gerader, convexer od. concaver Schneide, mit gewöhnlich 11/2 Zoll langer u. etwas über 4 Linien breiter Klinge. Die bekanntesten sind das Sharpsche, Wenzelsche, Richtersche, Lobsteinsche, Casamattasche, Pelliersche, Bellsche, Weidmannsche, Sigristische, Bahrdsche, Beersche, Langenbecksche, Gräfesche, Himlysche, Rosassche Staarmesser; b) die Staarnadel, ein stählernes nadelförmiges Instrument zur Depression, Reclination od. Zerstückelung des Staars, gerade mit runder, od. dreieckiger, od. zweischneidiger lanzett- od. myrthenblattähnlicher Spitze, od. gekrümmt u. zweischneidig; die bekanntesten sind die Richtersche, Scarpasche, Schmidtsche, Langenbecksche u. Gräfesche Staarnadel. Der von Beer erfundene Staarnadelhaken ist eine Staarnadel mit einem Widerhaken, um durch letztern die Linsenkapsel bei der Extraction des Staars hervorzuziehen, u. die von demselben erfundene Staarlanze eine gerade, breitspitzige Staarnadel mit scharfen Rändern. Das Staarnadelmesser stellt vorn eine Staarnadel, nach hinten ein Staarmesser dar u. vereinigt beider Bestimmungen in sich, indem die Nadel. die Linsenkapsel öffnet, das Messer den Hornhautschnitt bewirkt. Die von Weinhold erfundene Staarnadelschere besteht aus zwei platten, auf einander liegenden u. durch ein Charnier verbundenen Staarnadeln, welche als solche u. zugleich als Schere zum Zerschneiden des Staars dienen. c) Der Staarhaken hat seine stählerne Häkchen, womit nach der Ausziehung des Staars kleine Überreste der Kapsel od. auch die Linse selbst aus dem Auge entfernt werden. d) Der Staarlöffel, bes. der Daviel'sche, ist ein kleines, gewöhnlich silbernes Instrument, um Überreste des Staars nach der Extraction aus dem Auge zu entfernen. e) Die Staarzange ist eine gewöhnliche kleine Zange (Pincette) od. zwei mit einander pincettenartig verbundene Häkchen von Silber od. Stahl, dienen zu demselben Zweck wie der Staarhaken (man gebraucht sie übrigens auch bei der künstlichen Pupillenbildung). B) Die Operation selbst. Vorbereitungscuren sind nur dann nöthig, wenn neben dem Grauen Staare noch andere Krankheitszustände zugegen sind, auf deren möglichste Entfernung alle Sorge zu wenden ist. Um eine künstliche Erweiterung der Pupille zu erzeugen, wird vor der Operation Belladonna od. Bilsenkrautextract od. jetzt gewöhnlich Atropin ins Auge eingetröpfelt. Bei der Operation muß der Kranke eine gehörige Lage erhalten u. der Operateur seine Stellung so einnehmen, daß der Kopf des Kranken der Brust des Arztes sich gegenüber befindet u. an der Lehne eines mit hoher Lehne versehenen Stuhls angelegt wird. Manche Operateure stellen, manche setzen sich vor den Kranken. Zuviel u. doppeltes Licht ist bei der S. hinderlich, daher operirt man meist in einem Zimmer mit nur einem Fenster od. verhängt die übrigen u. läßt nur eins offen, an welches der Kranke so gesetzt wird, daß das Licht schief über die Nase ins Auge fällt; das andere Auge muß während der Operation immer verbunden bleiben. Ein Gehülfe unterstützt den Kopf des Kranken an der Rücklehne des Stuhls u. fixirt mit der einen Hand das obere Augenlid, entweder mittelst des Zeige- u. Mittelfingers, od. bei unruhigen Augen, wo sich die Augenlider krampfhaft zusammenziehen, mittelst eines Hakens von Silberdraht od. Silberblech. Bei der S. gibt es verschiedene Methoden. Man verrichtet dieselbe: a) indem man die verdunkelte Linse mittelst einer Nadel aus der Sehachse entfernt u. entweder auf den Boden des Auges gerade abwärts drückt (Depressio) od. so umlegt, daß ihre hintere Fläche nach unten sieht, od. sie zugleich zur Seite des Auges legt (Reclination, Hyalonyxis), od. aufwärts dislocirt u. in den Glaskörper schiebt (Sublatio, Hyalouyxis), wo die Nadel entweder durch die harte weiße Augenhaut (Scleronyxis), od. nach Buchhorns Erfindung durch die Hornhaut (Ceratonyxis) eingeführt wird; od. b) indem die Linse zerstückelt u. der Aufsaugung überlassen wird (Discissio), entweder auf dem Wege der Sclero-, od. der Keralonyxis; od. c) indem die Linse ganz aus dem Auge entfernt wird (Extractio), u. zwar entweder durch Eröffnung der Hornhaut (Ceratotomia) od. der Sclerotica (Scleroticotomia). Der Werth der verschiedenen vorzüglich in neuester Zeit vermehrten Methoden ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Streitfragen.

Die Depression ist die älteste Methode, welche schon Celsus beschreibt. Man sticht die Staarnadel, wenn man durch die Sclerotica operirt. 1–11/2 Linie vom Rande der Hornhaut auf der äußern Seite des Auges 1 Linie unterhalb des Querdurchmessers des Auges so tief ein, daß die Spitze der Nadel hinter der Pupille unmittelbar vor der Linse erscheint, legt dann die Nadel (auf den [618] Rank der Linse auf, drückt sie nach unten u. hinten in den Glaskörper hinab u. zieht, nachdem man sich versichert hat, daß die Linse dort verbleibt, die Nadel wiederhervor. Operirt man durch die Hornhaut, so sticht man die Nadel 11/2 Linie unter dem Mittelpunkte dieser ein, führt sie durch die Pupille bis an den obern Rand der Linse u. drückt sie nach unten u. hinten in den Glaskörper hinab. Die Reclination, zuerst von Willburg ausgeübt u. von Scarpa verbessert, hat vor der Depression den Vorzug, daß die unter den Glaskörper gebrachte Linse nicht so leicht wieder in die Höhe kommt, als bei der Depression. Sie wird wie die Depression ebenfalls durch die Sclero- od. Ceratonyxis ausgeführt. Im ersten Falle sticht man die Staarnadel 1 Linie unter dem Querdurchmesser des Auges u. 1–11/2 Linie vom Rande der Hornhaut entfernt in die Sclerotica ein, schiebt sie zwischen der vordern Kapselwand u. der Iris bis zu deren innerem Rande vor, legt dann die Nadel diagonal auf die Linse auf u. drückt sie in den Grund des Auges so nieder, daß ihre hintere Fläche die untere wird. Bei der Ceratonyxis führt man die Nadel auf gleiche Weise wie bei der Depression ein, setzt sie auf dem obern Rande der Linse auf u. drückt dieselbe, sie umkehrend, nieder. Manche Augenärzte durchschneiden vor dem Niederdrücken die Kapsel. Bei der Sublation nach Pauli wird die Staarnadel in der Mitte der Hornhaut eingestochen, bis zum obern Linsenrande in die Höhe geführt u. oberhalb desselben ein halbmondförmiger Einschnitt in den Glaskörper gemacht, welcher dem Durchmesser der Linse gleicht od. wo möglich noch etwas größer ist. Hierauf wird die Nadel an der untersten Spitze des Randes der Linse angesetzt u. diese durch die erzeugte Öffnung in den Glaskörper hineingeschoben. Die Discission wird ebenfalls durch die Sclero- od. Ceratonyxis bewirkt u. dabei zuerst die Kapsel, dann die Linse nach mehren Richtungen durchschnitten. Einzelne Stücke der Linse sucht man zu recliniren od. führt sie in die vordere Augenkammer. Die weitere Entfernung der Kapsel u. Linse geschieht durch Aufsaugung. Die Extraction ist die sicherste, aber am meisten verletzende Weise der Operation. Sie geschieht nur durch den Hornhautschnitt, da der Schnitt durch die Sclerotica viel zu verletzend ist. Derselbe wird vermittelst eines Staarmessers bewirkt, indem dieses in die Hornhaut 1/4 Linie von dem Verbindungsrande derselben mit der Sclerotica an der äußern Seite, gerade in ihrem größten Querdurchmesser senkrecht eingestochen, dann in der vordern Augenkammer nach dem innern Augenwinkel hin fortgeschoben u. an einer dem Einschnittspunkte gerade gegenüber liegenden Stelle in gleicher Entfernung vom Rande der Hornhaut wie bei diesem durch die Hornhaut durchgeführt u. diese dann in ihrer untern Hälfte in möglichst gleicher Entfernung von ihrem Rande getrennt wird. Abweichend hiervon hat man auch die obere od. die äußere Hälfte des Umfangs der Hornhaut zu trennen empfohlen. Ist der Schnitt gehörig groß, so dringt oft, ohne weiteres Zuthun, blos durch Zusammenziehung der Augenmuskeln die Linse hervor u. fällt heraus. Geschieht dies nicht, so wartet man einige Augenblicke, öffnet dann mit einer durch den Hornhautschnitt eingeführten Nadel die Kapsel, worauf nun der Staar heraustritt, od. dies durch einen gelinden Druck auf das Auge veranlaßt wird. Gewöhnlich sieht nun der Kranke u. die Operation ist vollendet, od. es sind noch Überreste von der Kapsel zurück, welche noch durch besondere Zängelchen od. Haken od. den Davielschen Löffel entfernt werden müssen. Zuweilen ereignen sich üble Zufälle bei dieser Art der Operation, so namentlich Vorfälle der Iris, Vorfallen u. Heraustreten des Glaskörpers u. Zusammensinken des Auges, welche jedoch bei vorsichtigem Verfahren meistens vermieden werden können. Nach beendigter S. wird das Auge sogleich geschlossen, von einigen Augenärzten auch durch Anlegen von Heftpflaster geschlossen erhalten, u. dann mit einigen Compressen, welche durch eine um den Kopf laufende Binde befestigt werden, leicht bedeckt. Die Nachbehandlung erfordert Abhaltung jedes Reizes u. namentlich des Lichts auf mehre Tage. Treten doch üble Folgen, wie z.B. Entzündung etc. ein, so müssen diese gehörig beseitigt werden, indem sie nicht selten die Fähigkeit zum Sehen unwiederbringlich zerstören; s. auch Nachstaar.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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