Stangenkunst


Stangenkunst

Stangenkunst (Spielwerk), Vorrichtung zur Fortpflanzung einer geradlinig hin u. her gehenden Bewegung, bisweilen auf sehr bedeutende Entfernungen od. Tiefen, weil man nicht immer die Kraftmaschine (Wasserrad) in unmittelbarer Nähe bei dem Orte anbringen kann, an welchem man die Kraft braucht; so namentlich im Bergbau zum Betrieb der Pumpwerke, welche das Grubenwasser aus den Schachten od. in Salzwerken die Soole auf die Gradirhäuser heben. Eine S. in freiem Felde heißt Feldgestänge; eine nur kurze heißt Feldgeschleppe od. Geschleppe; geht sie in einen Schacht hinein, so heißt sie Schacht-, geht sie in einer Strecke fort, so heißt sie Strecken-S.; gehen die Stangen senkrecht herab, Seigergestänge. Die ganze Linie, welche ein Gestänge bildet, heißt Gestänglinie. A) Der Haupttheil der S. sind die Schub- (Schieb-)stangen, aus Holz od. aus Eisen. Wenn die S. eine sehr große Kraft zu übertragen hat, so gibt man ihr häufig zwei Schubstangen, welche die zwei entgegengesetzten Arme des Kunstkreuzes fassen, so daß, während die eine Stange hinwärts schiebt, die andere herwärts zieht u. dadurch jede so ziemlich die Hälfte der Kraft über trägt. a) Die hölzernen Gestänge sind vierkantig, aus Fichten- od. Eichenholz u. zwar haben die vertical hängenden einen quadratischen, die horizontal od. schräg liegenden einen rechteckigen Querschnitt. Um sie in ihrer Lage zu erhalten, umgibt od. stützt man sie gewöhnlich durch kleine Gestängwalzen, welche meist mit einem eisernen Mantel umgeben werden, während das Gestänge selbst an dieser Stelle durch eine aufgelegte eiserne Schleppschiene geschützt wird. Die Walzen liegen auf Böcken (Einstrichsböcken) u. werden durch kleine Dächer gegen das Wetter geschützt. Die 20–30 Fuß langen Stangen werden an ihren Enden durch ein Schloß (Kamm) mit einander verbunden; man kämmt sie an diesen Stellen über einander od. läßt sie blos stumpf od. schräg an einander stoßen, legt aber auf zwei gegenüberliegenden od. auf allen vier Seiten hölzerne od. eiserne Schienen (Backenod. Wangeneisen, Laschen, daher Laschenschlösser) auf u. verbindet diese untereinander mit den Stangenenden mittelst durchgehender Schraubenbolzen u. aufgetriebener eiserner Bänder od. Ringe. b) Die eisernen Gestänge sind meist aus 10 bis 15 Fuß langen, 11/2 – 21/2 Zoll dicken Quadrateisenstangen gebildet, welche ebenfalls mittelst Laschen u. durchgehender Bolzen u. Keile mit einander verbunden sind. B) Bei langen Kunststangen lediglich zur Unterstützung der Stangen (also anstatt der Gestängwalzen), vorzüglich aber an den Stellen, wo die Richtung des Gestänges sich ändert, wendet man einen Winkelhebel an, welcher gewöhnlich[685] eine Bruchschwinge od., wenn der Ablenkungswinkel einem rechten Winkel nahe kommt, Gestängskreuze od. Kunstkreuze genannt werden. a) Die Schwingen (Leit- od. Lenkarme, Lenker) theilen das Gestänge in zwei Theile; jeder Theil endigt in ein das Stangenende umschließendes Krückeneisen, welches mit der Schwinge durch einen Bolzen verbunden ist. Bei einem sehr kleinen Bruch- od. Ablenkungswinkel bildet die Schwinge nur einen einfachen Arm, u. es können dann auch beide Gestängarme an einem Bolzen hängen. Gewöhnlich aber hat jeder Gestängtheil seinen besonderen Arm; die beiden Arme der Schwinge (des Zwillings) werden auf einander geschmiegt u. durch schmiedeeiserne Bolzen (Schließen) u. Ringe, auch wohl noch durch eine eingesetzte hölzerne Strebe fest mit einander verbunden. Die Drehachse (das Walzeisen) der Schwinge ist innerhalb der Schwinge vierkantig u. fest eingekeilt. Bei den stehenden Schwingen liegt die Drehachse unten u. die Zapfenlager (Anwellen) sind meist auf einem Rahmen in ein gemauertes Fundament eingelassen; bei den hängenden Schwingen ist der Kopf der Schwinge unten u. die Drehachse ruht oben mit ihren Zapfen auf einem Gerüste (Kunstbock); bei den schwebenden Schwingen ist der Arm horizontal u. in ein senkrechtes, um zwei Zapfen drehbares Säulchen eingezapft, welches an einem Hauptpfosten (Geschleppsäule) angebracht ist; an der Seite desselben ist ein starkes Stück Holz (der Backen) eingelassen, welches das Zapfenloch für den unteren Zapfen des Säulchens enthält. Ein schräges Holzstück (Bug) verbindet den Arm u. das Säulchen u. hilft den Arm tragen. Die ganze Vorrichtung heißt auch ein Kunstbock. Wo man die Schubstange tiefer od. höher, aber in paralleler Richtung fortführen muß, wird das Gestänge abgebrochen (gebrochenes Gestänge) u. eine doppelte Schwinge (Bruchschwinge) angebracht, welche ihre Drehachse in der Mitte hat, so daß der eine Arm eine stehende, der andere eine hängende Schwinge bildet. b) Die Kreuze haben verschiedene Einrichtung: aa) das ganze Kunstkreuz, besteht aus zwei rechtwinkelig sich durchkreuzenden, starken Hölzern, deren vier Enden durch eiserne Schienen (Wangeneisen) od. schmiedeiserne Kopfstangen verbunden sind; durch die Mitte des Kreuzes geht eine eiserne Welle, welche in Pfannen ruht; empfängt das senkrechte Holz des Kreuzes (die Schwinge), die Bewegung von der S. in horizontaler Richtung, dann pflanzt das horizontale Holz (die Wage), die Bewegung in verticaler Richtung fort; bb) das halbe Kunstkreuz, unterscheidet sich dadurch, daß die Schwinge nur halb ist, d.h. nicht über den Mittelpunkt des Kreuzes hinausragt; cc) das Viertelkunstkreuz ist ein einfaches rechtwinkeliges Knie, dessen beide Schenkel einen rechten Winkel mit einander einschließen. Muß man die Bewegung in der horizontalen Richtung in einem Winkel ablenken, so wendet man ebenfalls ein Kunstkreuz od. Zwillinge an, deren Arme sich horizontal bewegen u. deren Achse senkrecht in einem dazu geeigneten, starken Gerüste steht; diese Vorrichtung heißt ein gebrochenes Kreuz (Wendebock od. Werkstämpel). C) An dem einen Ende empfängt das Gestänge die Bewegung von der Kraftmaschine, gewöhnlich von einem Wasserrade od. einer Dampfmaschine; am Ende des Gestänges ist daher eine Schwinge od. ein Kreuz, durch welches das Gestänge mit dem Bläuel (Korb-, Stoß-, Bläuelstange) verbunden ist, das andere Ende der Bläuelstange aber ist an dem Krummzapfen des Kunstrades befestigt, u. so überträgt die Bläuelstange die Drehbewegung des Kunstrades als geradlinige Bewegung auf das Gestänge. Das Gewicht der Bläuelstange wird bisweilen durch ein Gegengewicht (Bläuelgewicht) äquilibrirt. Statt des Bläuels wird wohl auch eine Bläuelschwinge angewendet; sie ist fast in der Mitte beweglich, der kürzere Schenkel mit der S. verbunden, der längere mit einem Schlitze versehen, in welchem der Krummzapfen des Kunstrades geht u. dieselbe von u. nach sich bewegt. D) An dem anderen Ende hängt die Schudstange mit dem einen Arme eines Kunstkreuzes (Kreuzes) zusammen, an dessen anderem Ende die Kolbenstange der Pumpe hängt, indem in das an dem Kreuze angeschlagene Krummeisen die an der Kolbenstange befestigte Krummeisenschiene gehängt wird. Das Ende der Wage, welches die Kolbenstange zieht, versieht man bisweilen bei diesen Kreuzen mit einem Bogenstück u. befestigt die Kolbenstange mit einer Kette daran, wodurch man eine seitliche Verschiebung der Pumpenstange verhindert u. bewirkt, daß dieselbe mit dem Pumpenkolben ganz geradlinig hin u. her geht, wobei zugleich die Reibung am geringsten ist. Wenn sich nun das Wasserrad herumdreht u. dadurch die Warze der Kurbel abwechselnd rück- u. vorwärts zu stehen kommt, so wird hierdurch die Schubstange hin- u. hergezogen u. hierdurch wieder das Kunstkreuz u. die Kolbenstange in Bewegung gesetzt.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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