Wirbel [2]


Wirbel [2]

Wirbel (Wirbelbeine, Vertebrae), die an sich gesonderten, in ihrer Verbindung das Rückgrath bildenden Knochen; werden eingetheilt in wahre, d.h. für sich bestehende, abgesonderte W., u. falsche, welche mit einander verwachsen od. verkümmert sind (s. Kreuzbein u. Steißbeine unter Becken A) a) u. b), erstere wieder in Hals-, Brust- u. Lendenwirbel. Im Allgemeinen besteht jeder wahre W. (den Atlas u. Epistropheus ausgenommen) aus[280] dem Körper, dem Bogen u. den Fortsätzen. a) Der Körper ist ein solider, nach vorn (bei aufrechter Stellung des Körpers) convexer, nach hinten concaver, oben u. unten platter u. daselbst mit dicken Knorpelscheiben belegter Theil, welcher in ihrer Zusammenfügung, der Wirbelsäule, eigentlich ihren Stützpunkt gibt; b) der Bogen, fügt nach hinten halbkreisförmig mit einem dickeren rundlichen Theile, der Wurzel, an dem vorigen sich an u. hilft so das Wirbelloch (Rückenmarksloch), in welchem das Rückenmark liegt, bilden; Ausschnitte an den Bogen bilden Lücken od. Löcher (Foramina intervertebralia), durch welche die Rückenmarksnerven heraustreten; c) Wirbelfortsätze (Processus vertebrales) sind sieben: der Stachelfortsatz (P. spinosus), ein unpaariger, nach hinten gerichteter, von der Mitte des Bogens ausgehender, an den Brustwirbeln am längsten hervortretender, daselbst nach unten gerichteter, zum Theil den nächsten W. deckender Fortsatz; zwei Querfortsätze (Processus transversi), welche zu beiden Seiten des Bogens nach dem Körper des W-s zu hervorragen u. zur Anlage mehrer Muskeln dienen; zwei obere u. zwei untere schräge od. Gelenkfortsätze (Processus obliqui sive articulares superiores et inferiores), von denen die ersteren am oberen, die letzteren am unteren Rande des Bogens befindlich sind, welche sämmtlich zur Gelenkverbindung der W. unter sich dienen u. deshalb eine Knorpelfläche haben (vgl. Wirbelbänder u. Wirbelmuskeln). Neuere Naturforscher, bes. Oken, Carus, Meckel, haben sich bemüht die Wirbelbildung als Grundlage der ganzen Skeletbildung darzustellen.

A) Halswirbel (Vertebrae colli), die zwischen dem Kopf u. den Brustwirbeln liegenden W., welche also den obersten Theil der Rückenwirbelsäule bilden, sieben an der Zahl: a) der Atlas (Träger), der erste Halswirbel als unmittelbare Unterlage des Kopfes; von den übrigen W-n durch seine runde Gestalt, seine größere Aushöhlung u. dadurch unterschieden, daß er nur aus zwei Bogen ohne Körper in der Art, wie solcher bei den übrigen W-n Haupttheil ist, besteht, an dessen Stelle zwei Seitentheile treten, welche oberwärts in ihren Articulationsflächen die Gelenkhügel des Hinterhauptbeines aufnehmen, unterwärts durch gleiche, mit den aufsteigenden schiefen Fortsätzen des zweiten Halswirbels verbunden sind. Die Wurzel des Querfortsatzes des Atlas (Radix processus transversi atlantis) sind die beiden schmalen Knochentheile, mit welchen der Querfortsatz des Atlas an den beiden Seitentheilen desselben seinen Anfang nimmt. Man unterscheidet die vordere u. hintere Wurzel, zwischen denen das Wirbelloch befindlich ist. b) der Epistropheus, der zweite Halswirbel, auf welchem der Atlas ruht, also hierdurch ein Träger für den Kopf, auf welchem zugleich der Kopf in den Seitenwendungen (mit dem Atlas) sich dreht, weswegen er, außer den übrigen Theilen, welche er (wiewohl in etwas abweichender Form) mit den übrigen Halswirbeln gemein hat, auch noch mit einem besonderen zahnförmigen Fortsatz (Processus odontoideus) versehen ist, welcher, von der oberen Fläche seines Körpers ausgehend, in eine eigene Aushöhlung des vorderen Bogens des Atlas, gleich einem Zapfen, aufgenommen ist, wo seine Ausweichung zugleich durch eigene Ligamente verhütet wird. Der Anfang dieses Fortsatzes heißt die Wurzel des zahnförmigen Fortsatzes (Radix processus odontoidei). c) – g) Die übrigen fünf zeichnen sich bes. dadurch vor den ersteren W-n aus, daß sie, abnehmend von unten nach oben, kleiner u. schwächer werden; daß die oberen Flächen der Körper von einer Seite zur anderen ausgeschweift sind u. die Seitenwände sich kantig erheben; daß die unteren Flächen aber entgegengesetzt gestaltet sind; daß die Öffnung für den Rückenmarkskanal dreieckig ist; daß die Gelenkflächen der Gelenkfortsätze eben sind u. sich der horizontalen Richtung nähern; daß die Gelenkflächen der oberen Gelenkfortsätze schräg nach oben u. hinten, die der unteren nach unten u. vorn gerichtet sind; daß die Gelenkfortsätze überhaupt die kleinsten sind; daß die Querfortsätze mit einem eigenen Loche, die unteren zuweilen mit noch einem zweiten versehen sind, weswegen eine vordere u. eine hintere Wurzel zur Bildung dieses Loches an ihnen bezeichnet wird, welches Loch zum Durchgang der Wirbelarterie dient; daß sie mehr nach vorn gerichtet sind; daß die Dornfortsätze, mit Ausnahme des siebenten Halswirbels, hinterwärts eine eigene gabelförmige Spaltung haben u. ziemlich gerade nach hinten gerichtet sind, an Länge u. Abwärtsrichtung aber von oben nach unten zunehmen. Der siebente Halswirbel (Vertebra prominens) kommt, außerdem daß er der längste u. am weitesten abwärts gerichtete Dornfortsatz ist u. statt der Spaltung ein rundliches Köpfchen hat, in mehren Eigenschaften mit den Brustwirbeln überein. Sämmtliche Halswirbel stehen theils unter sich, theils mit dem Kopf u. dem tieferen Theil der Rückenwirbel durch Bänder in Zusammenhang (s. Wirbelbänder), welche, in so fern sie meist zur Verbindung der Halswirbel unter sich selbst dienen, als Halswirbelbänder unterschieden werden. B) Brust- od. Rückenwirbel (Pars thoracica s. dorsalis columnae vertebralis), sind die zunächst auf die Halswirbel folgenden zwölf W. Ihr Körper ist größer u. höher als bei den Halswirbeln, die obere u. untere Fläche platt u. herzförmig, die vorderen gewölbter. Zu beiden Seiten der oberen zehn Brustwirbel befindet sich oben u. unten am Rande an jedem eine halbe Gelenkfläche, welche je zusammen eine ganze bilden, in welcher das Köpfchen der entsprechenden Rippe aufgenommen wird. An den beiden unteren Brustwirbeln ist die Gelenkfläche vollständig. Das Rückenmarksloch ist eng u. kreisförmig; die Querfortsätze sind länger, nach hinten gerichtet u. enden in eine knopfförmige Erhabenheit, an deren innerer Fläche sich bei den zehn oberen eine kleine Gelenkgrube für das Höckerchen der entsprechenden Rippe befindet. Die Gelenkfortsätze stehen fast aufrecht, die Flächen der oberen sind nach hinten, die der unteren nach vorn gerichtet. Die Stachelfortsätze sind lang, abwärts gerichtet u. dachziegelartig über einander gelegt, am Ende stumpf angeschwollen; die der unteren Brustwirbel nähern sich mehr denen der Lendenwirbel. C) Lendenwirbel (Vertebrae lumborum), die tiefsten (bei Thieren hintersten) W. der Rückenwirbelsäule, von den Rippen aus (hier mit den Brustwirbeln sich verbindend) bis zu dem Kreuzbein herab. Sie sind die stärksten u. nehmen von oben nach unten auch an Stärke zu. Auch ihre Zwischenräume sind ansehnlich u. die diese ausfüllenden Knorpelscheiden dick. Meist hat der Mensch fünf Lendenwirbel, selten sechs, noch seltener sieben; die meisten Affen u.[281] viele Vierfüßler haben deren mehre u. zwar im Verhältniß ihrer Beweglichkeit; das trägste aller Säugethiere, das Faulthier, hat deren nur zwei, der Elephant, auch das Rhinoceros drei, der Tapir vier, die schwerfälligen Raubthiere, wie die Hyäne, haben auch nur vier, so wie auch der Orang-Utang u. der Pongo; dagegen haben die flinken Maki sechs od. sieben, der Lori sogar neun; Pferd, Bär, Hund, Marder, Otter, Hase, Murmelthier, Maus haben sechs; Eichhörnchen u. Springmäuse sieben. Die Gelenkflächen der Körper sind einander ziemlich parallel. Die Öffnung für den Kanal des Rückenmarks ist in dem oberen unter allen W-n die größte; in dem unteren ist sie dreieckig. Die Gelenkfortsätze sind ebenfalls sehr stark u. weit auslaufend, die Querfortsätze ebenfalls stark, dabei aber kurz; die Dornfortsätze sind nur sehr wenig abwärts gerichtet. Häufig finden sich auch noch zwei kleine Nebenfortsätze (Processus accessorii) an ihnen, zwischen den oberen Gelenkfortsätzen u. dem Querfortsatze. In Verbindung zusammen treten sie in natürlicher Stellung des Körpers am weitesten vorwärts u. unterstützen dadurch den Oberkörper im Stehen, Gehen u. Sitzen in seinem Schwerpunkte.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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