Apulien


Apulien

Apulien (Apulĭa), 1) (a. Geogr.), im weitern Sinne der südöstliche Theil von Italien, also Dauma. Peucetia u. SIapygia (Messapia u. Calabria) mit der Regio Salentinorum; im engern Sinne die Districte Daunia u. Peucetia; lag zwischen den Frentani, dem Adriatischen Meere, dem Tarentinischen Meerbusen, Samnium u. Lucanien; Gebirg Apenninen mit Mons Gargarus u. Mons Vultur; Flüsse: Frento, Aufidus, Bradanus; Boden fruchtbar; die Bevölkerung bestand aus den ausonischen Apulern u. eingewanderten Illyriern u. Hellenen; Stätte: Luceria, Arpi, Cannä, Brundisium, Teanum etc. Jetzt ist 2) A. (n. Geogr., ital. Puglia, franz. la Pouille) ein Theil des Königreichs Neapel, ist sandig, flach; die Ew. ziehen Vieh, weben in Wolle, treiben Fischfang, bauen Wein u. Südfrüchte; getheilt in die Provinzen Bari, Otranto u. Capitanata. 3) (Gesch.). Die alten Bewohner A-s hatten eine königliche Verfassung, welche jedoch nachher der republicanischen einzelner Städte wich. Auf die rohen Ureinwohner übten die griechischen Städte bildenden Einfluß. Die Römer lernten die Apuler zuerst 326 v. Chr. kennen, wo ihnen dieselben Hülfstruppen gegen die Samniter stellten; aber bereits 323 traten sie feindlich gegen die Römer auf, weshalb ein Heer unter Q. Aulius nach A. geschickt wurde, welches dieses Land verwüstete; 317 wurde Friede gemacht u. A. galt als den Römern unterworfen. Doch schlossen sich die A. wieder den Samniten gegen Rom an, erlitten aber 297 v. Chr. durch P. Decius bei Maleventum eine gänzliche Niederlage. Im 2. Punischen Kriege halfen sie dem Hannibal, wurden aber nach dessen Besiegung wieder unterworfen. Im Mittelalter kam A. theils zum Herzogthum Benevent (vom Frento bis zum Aufidus) u. hieß unter den Sächsischen u. Fränkischen Kaisern Capitanata; theils ward es griechisch (vom Aufidus bis an die südöstlichste Spitze Italiens, von den Griechen auch Longobardia genannt); hier war die Hauptstadt Bari, begriff also das bisherige Calabrien mit, welcher Name nun auf die SWSpitze Italiens übergetragen wurde. Die griechische Regierung war nicht beliebt, u. die Härte der Statthalter (Katapane) erregte mehrere Empörungen, wie 981 n. Chr. unter Ismael od. Melo; diese wurde zwar durch Hülfe der Saracenen unterdrückt, allein nun kamen die Saracenen öfter wieder u. verwüsteten das Land. Ähnlich machten es dann die Normänner: erst wurden sie von Sicilien aus von den Griechen gegen die Saracenen zu Hülfe gerufen, nachher aber blieben sie u. unterwarfen sich das Land, nachdem sie unter Wilhelm 1040 Melfi erobert hatten; 1043 ward Wilhelm I. der Eisenarm zum Grafen von A. erwählt u. das Land in 12 Grafschaften getheilt, mit denen Wilhelm seine tapfersten Gefährten belehnte. Oberlehnsherrn von A. waren die Könige von Italien. Wilhelm st. 1046, sein Nachfolger, sein Bruder Drogo, ward 1051 in Folge einer, von Griechen erregten Verschwörung ermordet. Sein Bruder Humfred schlug die Griechen, dann die Truppen des Papstes, welchen er selbst gefangen nahm, machte dann weitre Eroberungen in A. u. st. 1057. Nach ihm regierte sein Bruder, Robert Guiscard von Calabrien, eine Weile für seinen Neffen Becelard (Abecelard); bald aber machte er sich selbst zum Grafen von A. u. erhielt 1059 vom Papst Nicolaus II. den Titel eines Herzogs von A. u. Calabrien u. 1060 die Belehnung mit diesen Ländern nebst allen Theilen Italiens u. Siciliens, die er den Saracenen entreißen würde; seinen Bruder Roger setzte er als Grafen von Calabrien ein. (Hiervon schreibt sich noch das Lehnrecht, welches der Papst über die Besitzungen des Königs von Neapel prätendirt). Robert vernichtete die Vorrechte u. die Selbständigkeit, welche der apulische Adel bis dahin genossen hatte, unterdrückte mehre hierdurch erregte Verschwörungen u. vereitelte die (bis 1079 sich immer wieder[630] erneuernden) Versuche von seines Bruders Kindern, ihn von dem usurpirten Thron zu verdrängen. 1060 eroberte sein jüngster Bruder Roger für ihn einen Theil von Sicilien, erhielt dafür, nach einem darüber ausgebrochnen Streit, 1062 die Hälfte von Calabrien, vollendete dann bis 1072 die Eroberung Siciliens u. vereinigte so die Staaten, welche das jetzige Königreich Neapel bilden, unter seinem Scepter. 1070 nahm er auch Bari, 1076 u. 1077 Amalfi u. Salerno ein u. griff die päpstlichen Besitzungen an, weil sich Gregor VII. auf die Seite des Fürsten Jordan von Capua schlug, der, mißtrauisch auf Roberts immer wachsende Größe, sich mit demselben entzweit hatte. Robert ward in den Bann gethan, söhnte sich aber 1080 mit dem Papste zu Benevent wieder aus. Die Verlobung seiner Tochter Helena mit Constantin Dukas, Sohn des griechischen Kaisers Michael VII., verwickelte ihn in die Händel des Byzantinischen Reichs; er erklärte 1080 dem Kaiser Alexios Komnenos den Krieg, belagerte Durazzo, schlug 1081 den Kaiser u. drang in Epirus ein. Als er aber die Nachricht erhielt, daß Kaiser Heinrich IV. den Papst Gregor VII. in der Engelsburg belagre, eilte er dem Papste zu Hülfe, befreite denselben u. brachte ihn nach Salerno in Sicherheit (1083). Robert ging nun wieder nach Griechenland, schlug die Venetianer 1084 bei Korfu u. nahm mehrere Inseln, st. aber, als er sich eben auf Constantinopel loszugehen rüstete, auf Cephalonien 1085. In dem nun folgenden Successionsstreite zwischen Roberts Söhnen, Bohemund u. Roger, behielt Roger zwar die Oberhand, er ging indessen 1088 eine Theilung ein, nach welcher er seinem Bruder Bohemund Citta d'Oria, Otranto, Gallipoli u. Tarent abtrat. Roger erhielt das Kirchenbanner u. verlegte seine Hauptstadt nach Salerno; er st. 1111. Ihm folgte sein Sohn Wilhelm II.; dieser stand dem Papst gegen den Kaiser Heinrich V. bei u. bat, als sich Jordan, Graf von Ariano, gegen ihn empörte, von Roger II. von Sicilien Hülfe, wofür er diesem die Hälfte von Calabrien abtrat, u. als 1127 Wilhelm plötzlich kinderlos starb, besetzte Roger II. alle Staaten desselben. Aber in A. u. Calabrien sagten sich alle Große von der Oberherrschaft Rogers los, u. da Papst Honorius II., der selbst Erbe von Wilhelms Lande werden wollte, Rogern in den Bann that, erklärte sich auch Rogers Schwager Rainulf, Graf von Alise u. Avellino, gegen Roger. Dieser fiel in Calabrien ein, u. viele Städte u. Grafen traten zu ihm über; doch der Papst, der seine Partei so geschwächt sah, machte Frieden mit Roger u. belehnte ihn 1128 mit A. u. Calabrien. Nun sahen sich auch die andern Grafen u. Barone zur Unterwerfung genöthigt, u. so kam A. u. Calabrien an Sicilien, u. später mit Sicilien an Neapel.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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