Athēne [1]


Athēne [1]

Athēne (Pallas, lat. Minerva), eine der 12 Olympischen Gottheiten, die Tochter des Zeus, des starken Vaters (daher Obrimapatre). Zeus verschlang seine erste Gemahlin, Metis (Klugheit), in schwangerem Zustande, u. nach Erfüllung der Zeit sprang A., in Waffenschmuck, aus seinem Haupte, welches Hephästos mit seinem Hammer geöffnet hatte. Die mutterlose Tochter war von ewiger Jungfräulichkeit u. die Personification der Klugheit; sie ist die Schirmerin der Städte u. Staaten in Krieg u. Frieden, leitet alle männliche u. weibliche Thätigkeit, schützt alle kluge u. tapfere Männer u. alle verständige u. geschickte Frauen, verleiht Helle des Verstandes, so dem Odysseus, dessen Hauses Schutzgöttin sie ist, daher sie sich auch in Mentors Gestalt des jungen Telemach bei der Aufsuchung seines Vaters u. bei seinen Plänen gegen die Freier annimmt. Aber was ihre Gunst gewährt u. erhöht, das verweigert od. entzieht ihre Abgunst; so verführt sie die Atriden, die trunkenen Achäer am Abende zusammenzurufen u. zu einer Schlußfassung aufzufordern, welche auf die ganze Rückkehr mit ihren Unfällen Einfluß hatte, bes. wegen der Nichtbestrafung des Ajax, des Oileus Sohn, der die Kassandra im Tempel der A. geschändet hatte. Zu ihren Thaten gehören noch besonders: im Gigantenkampfe besiegt sie den Pallas u. Enkelados; sie leitet den Herakles zum Olymp empor, lehrt den Bellerophon den Pegasos zähmen u. die Chimära besiegen, begleitet den Perseus auf seinem Zuge gegen die Gorgonen u. schenkt dem Tydeus Unsterblichkeit. Als Städteschirmerin heißt sie Polias, Poliuchos, Akräa (Burggöttin), Pylätis (Thorhüterin), Kleduchos (Schlüsselhalterin), u. ihr Bild als Städteschutz (Palladion, s.d.) war in vielen Städten aufgestellt; sie lehrt u. schützt Alles, was zum Wohl einer Stadt u. eines Staates beiträgt, Ackerbau, Künste, Gewerbe, darum heißt sie überhaupt Ergane (die Arbeitsame), Chalinitis (Erfinderin des Zaumes), Hippia (Roßbändigerin), Boarmia (weil sie die Stiere an den Pflug spannen lehrte), auch Wagen, Schiffahrt u. Anzünden des Feuers gelten als ihre Gabe, sie lehrt alle weibliche Kunstfertigkeit, bes. das Weben (so die Weiber der Phäaken u. die Töchter des Pandareus) u. übte[884] diese Kunst selbst, wie sie die Gewänder der Götter, namentlich den Peplos der Here, wirkte; u. ist Geberin aller Weisheit u. Wissenschaft, steht den Gerichten (daher Agoräa) u. den Berathungen u. Volksversammlungen (daher Buläa) vor; daher hat sie scharfe glänzende Augen u. heißt Oxyderkes (die Scharfblickende) u. Glaukopis (Caesia, Glanzäugige). Auch die Feinde wehrt sie von den Städten ab, daher Alalkomeneïs (Abwehrerin), wie sie denn im Gegensatz zu Ares (s.d.), dem Gotte des wilden Kampfgewühls, Göttin der geordneten Kriegsführung ist u. Promachos (Vorkämpferin), Laossoos (Völker zum Kampf Antreibende), Atr ytone (Unbezwungene), Ageleian. Laphria (Beutebringerin) heißt, Trompete u. Flöte, Kriegsmusikinstrumente, erfindet u. den Griechen den Rath zum Erbauen des hölzernen Pferdes vor Troja gibt. Auch Heilgöttin ist sie u. hat als solche die Beinamen Hygiea, Päonia, Minerva medica, Soteira. Sonst erscheint sie auch als Naturgöttin u. mit dem Wasser in Beziehung gedacht worden zu sein; so wurde sie in Böotien am See Kopais verehrt, wo der Fluß Triton mündet (daher Tritonis, Tritogeneia), u. hier sollte Poseidon ihr Vater sein; von Minyeru war ihr Cultus auch von da nach Libyen gebracht, u. sie wurde dort am See Tritonis verehrt, daher die Sage, ihre Verehrung wäre aus Libyen nach Griechenland gekommen. Der Hauptort ihrer Verehrung war Athen, welche Stadt nach ihr genannt war, da sie im Streit mit Poseidon (s. u. Athen [Gesch.] I.) den Ölbaum für dieses Land geschaffen hatte; hier stand sie den Phratrien vor, hier wurden ihr die Panathenäen (s.d.) gefeiert, hier stand auf der Akropolis im Parthenon ihre berühmteste Bildsäule von Phidias aus Gold u. Elfenbein, 52 Fuß hoch, stehend, mit Schild (in dessen Mitte die Medusa, um diese der Gigantenkampf, um diesen der Amazonenkampf) u. langem, eng anschließendem abnehmbarem Gewande von Gold (726,500 Thaler Metallwerth), in der Rechten die Lanze, in der Linken eine Nike; der Helm oben mit einer Sphinx, auf den Seiten mit Greisen. Außerdem wurde sie verehrt in Sparta, wo sie Tempel als Chalkiokos (Erzhäusige) u. als Axiopönos (d.i. Rächerin wegen verdienter Schuld), weil sie dem Herkules beigestanden hatte in der Ermordung der frevelnden Söhne Hippokoons (s.d.), in Korinth, wo sie den Beinamen Hellotia (von unbekannter Bedeutung) hatte, u. wo ihr das gleichnamige Fest gefeiert wurde; im ganzen nördlichen Peloponnes, daher Panachäis; in Theben als Onka, in Delphi als Pronoia (Vorsichtige), in Böotien als Telchinia, in Thessalien als Itonia. In Rom hatte sie als Minerva dieselben Bedeutungen, wie die A. der Griechen, sie war die Schützerin aller Künste u. Gewerbe, der Wissenschaften bis auf die Elementarbildung der Kinder herab (vergl. Minerval), die kriegerische Göttin u. Mitschützerin der Stadt Rom, daher sie auch nebst Jupiter u. Juno einen gemeinschaftlichen Tempel auf dem Capitolium hatte; eine Capelle stand auf dem Cölius, wo ihre, nach der Eroberung von Falerii durch Camillus nach Rom gebrachte Bildsäule angefesselt war (daher ihr Beiname Capta), eine nahe am Fuße des Capitoliums von Q. Lutatius Catulus errichtet (daher ihr Beiname Catuliana). Dargestellt wird sie ruhig ernst, etwas gesenkten Hauptes, mit in sich gekehrtem Blick, das Haar kunstlos gestrichen fällt über den Nacken u. die Schultern hinab; sie. trägt auf dem Kopfe einen Helm, um die Brust die Ägis, die mit Schlangen umzogen ist u. in der Mitte das Gorgonenhaupt hat, außerdem Speer u. Schild, ebenfalls mit dem Gorgonenhaupte. Geheiligt waren ihr der Ölbaum, die Schlange, die Eule u. der Hahn. Ein sehr schönes Bild von A. ist in der Villa Albani. Hier befindet sich noch eine kolossale Büste u. mehrere weniger beträchtliche Bilder; eine andere schöne A. verwahrt das Capitol zu Rom. Vergl. E. Rückert, Der Dienst der A., Hildburgh. 1829.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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