Charlotte [1]


Charlotte [1]

Charlotte, weiblicher Vorname, von dem französischen Namen Charles gebildet, wie Karoline von Karl. 1) Ch. von Bourbon, Tochter Johanns I. von Bourbon, schön u. klug, 1409 an Johann II., König von Cypern, vermählt, Mutter Johanns III. Königs von Cypern. 2) Ch., Tochter Johanns III. von Cypern, vermählt mit Prinz Johann von Portugal, später an den Herzog Ludwig von Savoyen; folgte 1458 ihrem Vater auf dem Throne von Cypern bis 1464, wo sie ihr Stiefbruder Jakob verdrängte, s. Cypern (Gesch.); sie st. 1487 in Rom. 3) Ch., Tochter der Vorigen von Ludwig von Savoyen; wurde 1452 mit dem Dauphin, nachmaligem König Ludwig XI. von Frankreich, vermählt; von ihren 3 Söhnen überlebte sie nur Karl VIII., Nachfolger Ludwigs XI.; sie st. 1483. 4) Sophie Ch., Gemahlin Georgs III. von England, s. Sophie. 5) Ch. Joachime Therese von Bourbon, Tochter Karls IV. von Spanien u. Maria Louisens, geb. 25. April 1775, heirathete 1790 den Infanten Johann von Portugal, der schon 1792, bei der Geisteskrankheit seiner Mutter, Prinz-Regent wurde. Sie lebte bis 1805 anscheinend in gutem Verhältniß mit ihrem Gemahl, aber dann trennte sich der Prinz von ihr, welcher sie schon seit der Geburt des ersten Prinzen beargwohnt hatte. An der Verschwörung, die ihren Gemahl als regierungsunfähig absetzen u. sie an dessen Stelle bringen sollte, hatte sie wohl indirect Theil, doch wurde das Complot zeitig entdeckt u. vereitelt. 1807 folgte sie dem Hofe nach Brasilien. Hier lebte sie zurückgezogen in Rio Janeiro, legte aber, als Ferdinand VII. dem Thron entsagt hatte, eine Protestation deshalb u. eine Verwahrung ihrer Anrechte auf den spanischen Thron bei den Cortez in Cadix ein; 1816 wurde sie nach dem Tode ihrer Schwiegermutter Königin. Als 1820 die Revolution in Portugal ausbrach, kehrte Ch. mit dem König Johann VI. nach Lissabon zurück u. war Anfangs Anhängerin der Constitution, in der Hoffnung, sich so der höchsten Gewalt zu bemächtigen; als sie aber sah, daß die Cortez u. das Volk ihrem Gemahl anhingen, änderte sie plötzlich ihren Sinn, weigerte sich den Eid zu leisten u. stellte sich an die Spitze der Absolutisten. Ihr jüngerer Sohn, Dom Miguel, unterstützte sie. Der daraus entstehende Bürgerkrieg endete mit dem Siege ihres Gemahls (s. Portugal, Gesch.), u. Ch. ging in das Kloster; aber auch vom Kloster aus blieb sie den politischen Umtrieben nicht fremd; ihr Gemahl st. 1826, sie selbst 6. Jan. 1830. 6) Ch. Amalie, geb. Prinzessin von Hessen-Philippsthal, geb. 10. Aug. 1730, vermählte sich 1745 mit Herzog Anton Ulrich von Meiningen u. führte nach dessen Tode 1763, dem kaiserlichen Ausspruch gemäß, ungeachtet der Widersprüche der Agnaten, die Vormundschaft über ihren Sohn, August Friedrich, bis 1775 (s.u. Sachsen, Gesch.); sie st. 7. Sept. 1801. 7) Ch. Elisabeth, Tochter des Pfalzgrafen Karl Ludwig, geb. 1652 in Heidelberg, 2. Gemahlin Philipps von Orleans, des Bruders Ludwigs XIV., u. Mutter des nachmaligen Regenten, liebte ritterliche Übungen u. die Jagd; sie war geistreich, aber bei Hofe wegen ihrer Geradheit u. Redlichkeit nicht sehr beliebt, doch stand sie in freundschaftlichem Verhältnisse zu Ludwig XIV.; sie st. 1722 u. hinterließ: Fragments ou lettres originales de Madame, auch unter dem Titel: Mélanges historiques, anecdotiques et critiques, Par. 1788 u. 1807. Von ihr rührten die Ansprüche her, welche das Haus Orleans od. vielmehr Ludwig XIV. später auf das Allod des Kurfürsten Karl Ludwig machten, u. weshalb die französischen Heere diese Provinz 1682 verheerten, s. Pfalz (Gesch.). 8) Ch. Christine, Tochter des Herzogs Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel, geb. 1684; wurde[873] 1711 an Alexis Petrowitsch, Sohn Peters des Großen, verheirathet u. daher Großfürstin von Rußland. Nach der Sage gab sie sich, da sie schlecht von ihrem Gemahl behandelt wurde, für todt aus u. entfloh heimlich mit einem Diener, ging nach Paris u. von da nach Nordamerika, wo sie einen französischen Offizier d'Auban heirathete u. mit Ausnahme einer kurzen Reise nach Frankreich, bis zu Alexis Tode 1757 blieb; hierauf ging sie nach Brüssel, erhielt dort eine Pension von 20,000 Gulden von der Kaiserin u. st. 1770. Alles dies ist indessen ungegründet. Ch. grämte sich über die Ausschweifungen u. Mißhandlungen ihres Gatten zu Tode u. st. 1715, nachdem sie ihm einen Sohn geboren hatte, der als Peter II. den Thron bestieg. Die an d'Auban verheirathete Person war eine gewisse Marie Elise Danielson. 9) Ch. Auguste, Prinzessin von Wales, Tochter Georgs IV. von England u. Karolinens von Brgunschweig, geb. 7. Jan. 1796; wurde von ihrem Vater u. dem englischen Volke geliebt u. stand auch in kindlichem Verhältniß zu ihrer unglücklichen Mutter; sie vermählte sich 2. Mai 1816 an den Prinzen Leopold von Koburg, mit dem sie in Claremont lebte, u. st. 6. Nov. 1817.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.