Nordischer Krieg


Nordischer Krieg

Nordischer Krieg. Das Schwedische Reich hatte durch die Sache Gustav Adolfs u. seiner Nachfolger u. der daraus hervorgegangenen vortheilhaften Friedensschlüsse von Westfalen, Roeskilde, Kopenhagen u. Oliva eine bedeutende Vergrößerung seines Gebiets u. eine solche Macht erlangt, daß es bei den Nachbarstaaten Dänemark, Polen u. Rußland Neid u. Besorgniß erregte u. den Plan hervorrief durch gemeinsamen Angriff den Feind zu überwältigen u. das früher Verlorene wieder zu gewinnen. Der dazu günstige Zeitpunkt schien gekommen, als nach dem Tode Karls XI. 1697 dessen erst 15 Jahr alter Sohn den Thron bestieg. Friedrich IV., König von Dänemark, griff daher, ganz gegen die frühern Verträge, bes. gegen den zu Altona 1689, die Souveränetät seines Vetters, des Herzogs Friedrich IV. von Holstein-Gottorp, an, nöthigte diesen zu seinem Schwager, Karl XII., zu entfliehen u. schloß mit August, König von Polen u. Kurfürsten von Sachsen, u. Peter I., Czar von Rußland, ein Bündniß gegen Schweden, dem gemäß August im Februar 1700 in Livland einfiel u. Riga belagerte, während Friedrich IV. in Schleswig einbrach u. im März 1700 Tönningen belagerte. Bereits 1699 hatte indessen Karl XII. ein Bündniß mit dem Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg geschlossen u. die frühern Allianzen mit England u. Holland erneuert. Sogleich als Dänemark den Herzog von Holstein angegriffen hatte, ließ der Niedersächsische Kreis Truppen zu dessen Hülfe anrücken, England u. Holland sendeten Flotten u. Karl XII. vereinigte seine Flotte mit denen der Seemächte, belagerte Kopenhagen zu Lande u. zur See u. erzwang so nach sechs Wochen den Frieden von Travendal (18. Aug. 1700), worin Dänemark den Herzog Friedrich IV. von Holstein-Gottorp wieder in sein Besitzthum einsetzte, ihn zu entschädigen versprach u. sich von dem Bunde gegen Karl XII. lossagte. Nun schiffte Karl XII. Ende October nach Livland über. Die Polen u. Sachsen hatten die Belagerung von Riga bereits aufgehoben u. sich nach Kurland in die Winterquartiere gezogen, u. nur die Russen, welche unter dem Czar Peter im October in Ingermanland eingefallen waren, um die Ostseeprovinzen zu erobern, standen noch im Felde u. 80,000 derselben belagerten unter dem Herzog von Croy die Stadt Narwa. Karl XII. griff sie mit nur 8200 Schweden den 30. Nov. an, stürmte unter einem Schneegestöber ihre Schanzen, drängte den rechten Flügel gegen die Düna u. zwang den Herzog von Croy zu fliehen, den rechten Flügel unter Dolgoruck aber sich zu ergeben, worauf[88] der linke Flügel unter dem General Weide am andern Morgen ein Gleiches that. Gegen 40,000 Mann wurden gefangen, später aber in die Heimath entlassen, 18,000 waren getödtet od. ertrunken, 145 metallene Kanonen, 28 Mörser, 4 Haubitzen u. 170 Fahnen u. Standarten genommen. Die Schweden verloren nur 600 Mann. Peter rüstete neue Schaaren aus u. organisirte sie mehr nach europäischer Weise, während Karl sich gegen den König August von Polen wendete. In seiner Verachtung der Russen bestärkte den König ein verheerender Streifzug seines Generals Kronhjort Anfangs 1701 in das Russische Gebiet; er ließ nur 6000 Mann unter Schlippenbach zur Vertheidigung von Livland, 8000 Mann unter Kronhjort zu der von Finnland u. Ingermanland zurück u. ging selbst mit dem Hauptcorps im Juni 1701 den Polen entgegen, welche wieder gegen Riga gerückt waren, setzte über die Düna, schlug seine Gegner 20. Juni, verfolgte sie durch Kurland, nahm die Dünaburger Schanze u. rückte in Lithauen u. im Dec. 1701 in Polen ein. Der polnische Reichstag benutzte diesen Einfall der Schweden, um dem König August anzudeuten, die so verhaßten sächsischen Truppen aus dem Lande zurückzuziehen, keine Russen aufzunehmen u. sich mit dem Fürsten Sapieha, einem lithauischen Anhänger Schwedens, auszusöhnen. Diese Maßregeln öffneten Karl XII. ganz Polen, schwedische Manifeste verkündigten der Republik Freundschaft, der Reichstag löste sich tumultuarisch auf, eine Gesandtschaft ging an die Schweden ab, u. König August selbst fendete die Gräfin von Königsmark u. Vitzthum von Eckstädt an Karl XII., jene, um den jungen König durch ihre Reize zu bestechen, diesen, um Friedensanträge zu machen. Karl ließ aber die Königsmark nicht vor, schlug des Letztern Vorschläge, obgleich vom Kaiser Joseph I. unterstützt, ab u. rückte am 24. Mai 1702 ohne Widerstand in Warschau ein. Hier erklärte er, Polen nur dann Frieden gewähren zu wollen, wenn ein anderer König gewählt würde. König August aber sammelte die wenigen treu gebliebenen polnischen Truppen u. lieferte den 20. Juli 1702 bei Klissow eine Schlacht, die jedoch Karl XII. gewann, worauf er Krakau eroberte. In Folge eines Sturzes mit dem Pferde lag Karl sechs Wochen lang krank, u. August versuchte in der Zwischenzeit, wiewohl vergebens, die Conföderation von Sendomir u. dann die von Lublin gegen Karl XII. zu Stande zu bringen. 1703 unterwarf Karl, nach dem Sieg von Pultusk am 1. Mai, wo der sächsische General Steinau geschlagen wurde, das polnische Preußen u. eroberte Thorn. Nun berief der Erzbischof von Gnesen, Cardinal Radziejowski, welcher an der Spitze der schwedischen Partei stand, einen Reichstag, u. am 21. Jan. 1704 wurde der polnische Thron für erledigt erklärt u., da zwei Prinzen Sobieski von den Sachsen gefangen waren, der dritte aber sich weigerte, als Thronbewerber aufzutreten, der Woiwode von Posen, Stanislaus Leszczynski 19. Juli zum König gewählt. Dessen ungeachtet hielt sich August noch immer in einem Theile Polens, obgleich die Schweden am 21. Juli über die sächsische Reiterei an der Weichsel gesiegt u. Danzig, Elbing u. Lemberg erobert hatten. Karls Abwesenheit benutzend, überfiel König August 31. Aug. 1704 Warschau; doch der schnell herbeieilende Schwedenkönig nöthigte die Sachsen zum Rückzug, u. kaum konnte Schulenburg das sächsische Corps retten, doch bestand er am 21. October das glückliche Gefecht bei Punitz. Am 13. Febr. 1706 aber schlug der schwedische General Renskiold die Sachsen u. ein russisches Hülfscorps unter Schulenburg bei Fraustadt entscheidend, darauf räumten die letzten Sachsen das polnische Gebiet u. kehrten nach Sachsen zurück, wohin König August schon vorausgegangen war.

Karl XII. wendete sich aber nun gegen die Russen. Am 15. Septbr. 1701 hatten sich schon 20,000 Russen unter Scheremetew gegen Schlippenbach gewendet. Anfangs war der Sieg fast überall auf Seite der Schweden, aber am 26. Juli 1702 schlugen die Russen bei Erastser die Schweden u. drängten sie hinter den Embach, wo sie dieselben fast gänzlich vernichteten, konnten aber Dorpat nicht gewinnen, dessen Belagerung sie nach fünf Tagen aufgaben, wogegen sie Marienburg u. Nötaburg (später Schlüsselburg) nach tapferer Gegenwehr einnahmen. Eben so fielen 1703 Nyenschanz, Jama u. Kaporie in die Hände der Russen, u. der Czar begann nun unweit Nyenschanz, das er schleifen ließ, den Bau der Festung Kronstadt u. den der Festung u. des Hafens von St. Petersburg. Ankerstierna's Landung bei Kronstadt im Winter 1704, um diese Anlage zu verhindern, mißglückte. Obgleich Kronhjort am 12. Juni 1703 3000 Russen schlug, ward er doch den 9. Juli von Scheremetew besiegt, u. der Czar brach im Sept. in Esthland ein u. drängte Schlippenbach zurück, ließ 1704 im April Narwa durch Ogilvy u. Dorpat durch Scheremetew belagern, eroberte auch letzteres 26. Juli 1704 durch Capitulation u. ließ Narwa 20. Aug. erstürmen, worauf dessen Citadelle capitulirte. So war denn ganz Ingermanland in russischen Händen. 1705 brach Peter mit 60,000 Mann zur Hilfe des Königs August auf, während Scheremetew mit 20,000 Mann gegen den schwedischen General Löwenhaupt nach Kurland zog. Dieser hatte schon 1703 bei Schagarin u. 1704 bei Jakobsstadt Siege über die Russen erfochten, erwartete daher Scheremetew ruhig u. schlug denselben mit 6000 Schweden am 26. Juli 1705 bei Gemauerthof. Besser gelang den Russen ein späterer Zug, wo Löwenhaupt auf Riga beschränkt war u. bei Mangel an Subsistenzmitteln in große Verlegenheit kam. So standen die Sachen, als Karl XII. unvermuthet im Frühjahr 1706 persönlich in Lithauen erschien u. den Russen ein solches Schrecken einjagte, daß sie nicht nur Kurland räumten, sondern daß auch General Ogilvy von Grodno abzog, seine Artillerie in den Niemen versenkte u. sich nach Volhynien zog, wohin ihm Karl folgte, ihn bei Beresa schlug u. dieses Land besetzte. Nachdem so Karl Lithauen, Kurland u. Livland von den Russen gesäubert hatte, wendete er sich 1706 mit 16,000 Mann gegen Sachsen, durchzog das neutrale kaiserliche Schlesien, rückte Anfang. September in der Lausitz auf sächsisches Gebiet ein u. drang unaufhaltsam bis an den Thüringer Wald vor. Als er den gegen diesen Einmarsch protestirenden Regensburger Reichstag zufrieden gestellt u. die Befürchtungen Hollands, Englands u. Österreichs, welche seine Einmischung in den Spanischen Successionskrieg zu Gunsten Frankreichs befürchteten, niedergeschlagen u. dafür vom Kaiser Joseph I. die Zusicherung einer freiern Stellung für die protestantischen Niederschlesier erhalten hatte, schloß er am 24. Septbr. mit dem bedrängten Könige August den Frieden zu Altraustädt

[89] In demselben entsagte August der polnischen Krone, behielt jedoch den Titel eines Königs von Polen, erkannte Stanislaus Leszczynski als König an, gab die gefangenen Prinzen Sobieski frei, versprach alle Verbindungen mit den Feinden Schwedens, namentlich mit Rußland, aufzugeben, gestattete den Schweden Winterquartiere in Sachsen u. lieferte Patkul (s.d.) aus (welchen Karl XII. dann 10. Oct. 1707 viertheilen ließ). Karl hielt zwar strenge Mannszucht in Sachsen, schrieb aber über 23 Millionen Thaler Contribution aus, wies die Bemühungen Englands u. Hollands, welche sich zur Tilgung des Contributionsrestes aus eigenen Mitteln erboten, zurück, vermehrte sein Heer auf Kosten Sachsens von 16,000 bis auf 43,000 Mann u. zog erst Ende August 1707 nach Polen ab, welches er 19. Sept. wieder betrat.

Durch solches Glück übermüthig gemacht, wollte nun Karl XII., die Vermittelungsversuche Frankreichs abweisend, den Czar eben so demüthigen, wie den König August, überschritt zu Anfang des Jahres 1708 die Weichsel u. den Niemen, drang in Lithauen bis nach Wilna vor, welches er erst 10. Juni verließ, u. setzte über die Berezina, worauf er die Russen am 3. Juli bei Holowezyn schlug u. im September über Mohilew in Rußland einrückte. Gleich beim Beginnen des Feldzugs hatte er Löwenhaupt aus Kurland mit 16,000 M. berufen, welcher ihm ein großes Convoy von Kriegs- u. Mundvorrath zuführen sollte. Allein Löwenhaupt erhielt den Befehl hierzu durch eine Intrigue des ihm feindlichen Generals Renskiold erst 8 Tage nach dem zu seinem Abgange bestimmten Tage, u. der Convoy wurde daherungewöhnlich lange verzögert. Rasch war Karl XII. unterdessen gegen Smolensk vorgedrungen, um von da nach Moskau zu marschiren. Doch plötzlich wendete er sich nach der Ukraine. Hierzu hatte ihn der Kosackenhetmann Mazeppa bewogen, welcher, mit dem Czar unzufrieden, sich gegen denselben erheben wollte u. Karl XII. in der Ukraine ein ergiebiges Land u. eine Hülfe von 20,000 Kosacken vorspiegelte. Vergebens warnten den König seine Generale vor diesem gewagten Zuge, welcher auch Löwenhaupt von ihmtrennen würde. In der Ukraine angekommen, fand er indessen nur eine Wüste u. Mazeppa's Aufstand mißlungen; statt 20,000 Mann führte ihm Mazeppa nur 7000 Mann bei Nowogorod Severskoi am 25. Oct. zu. Karl selbst erlitt bei seinem Übergang über einen Fluß bedeutenden Verlust, Löwenhaupt, welcher sich seinem König mit starken Märschen näherte, wurde den 9. Oct. von dem Czar bei seinem Übergang über den Dniepr, bei Liesna angegriffen u. ihm sein Gepäck u. Geschütz abgenommen, u. kaum erreichte er mit 6000 Mann Flüchtlingen den König. Anstatt nun aber die Ukraine zu verlassen u. nach Polen zurückzukehren, bezog Karl dort Winterquartiere, wo ihm viele Leute an Krankheiten u. Mangel starben. Als der strenge Winter etwas nachließ, begann er 1709 wieder den Krieg; er nahm am 7. Jan. die Festung Wepriez u. wendete sich dann gegen Pultawa, welches er vom 10. Mai an belagerte. Peter rückte zum Entsatz heran. Karl, obgleich am 28. Juni bei einem Scharmützel am Fuß verwundet, so daß er sich auf einer Bahre in das Gefecht tragen lassen mußte, nahm die Schlacht am 7. Juli mit 30,000 Mann an, verlor sie aber u. floh, den Bitten seiner Generale nachgebend u. das Heer verlassend, mit Mazeppa u. einigen Andern nach Bender in der Türkei. Renskiold, welcher eigentlich den Oberbefehl in der Schlacht geführt hatte, u. der Minister Piper wurden während der Schlacht gefangen, der Rest des Heeres unter Löwenhaupt ergab sich, noch 14,000 Mann stark, an den Dniepr gedrängt u. aller Munition, Lebensmittel u. Schiffe zum Übergange beraubt, an 9000 Russen unter Menzikow bei Perewolotschna zu Kriegsgefangenen. Karl XII. verweilte nun, von der Pforte unterhalten, 5 Jahre auf türkischem Gebiet, um Einfluß u. Intriguen bei der Pforte zum Verderben Peters anzuwenden. Wirklich brachte er den türkischen Sultan zum Kriege gegen Peter am 22. Nov. 1710. Ein 200,000 Türken starkes Heer, vom Großvezier Baltaschi Muhammed angeführt, überschritt den Pruth u. schloß die kaum 30,000 Mann starke Armee Peters bei Falczy (Falschi), südwestlich von Jassy, ein. Peters Gemahlin, Katharina, brachte aber den Großwesir durch Bestechung dahin, daß er das russische Heer ungestört abziehen ließ u. den Frieden von Hucz od. Kusch (23. Juli 1711) schloß, dessen hauptsächliche Bedingungen die Abtretung Asows, Zerstörung von Taganrog, Kamienka u. Jenikale, Zurückziehung der russischen Truppen aus Polen u. ungestörte Rückkehr Karls waren, die von Peter jedoch nur sehr mangelhaft ausgeführt wurden. Zwar bewirkte Karl die Entsetzung des Großveziers, u. eine neue Kriegserklärung der Pforte am 17. Dec. 1711 erfolgte, indessen kam es am 18. Nov. 1712 durch die Bemühungen der Seemächte zum Frieden, noch ehe der Krieg ausgebrochen war. Durch die Kosten, welche Karl XII. der Pforte verursachte, durch die Intriguen, welche er anspann, u. durch das Drängen Rußlands, seinen gefährlichen Gegner zu verbannen, wurden endlich die Türken der langen Bewirthung ihres Gastes müde u. kündigten demselben Anfangs 1713 an, daß er das türkische Gebiet verlassen müsse. Aber Karl weigerte sich hartnäckig, diesem Befehl zu gehorchen, bis er endlich, mit Feuer u. Schwert aus seiner Wohnung vertrieben, gefangen u. am 3. Febr. 1713 nach Demirtasch (Demotika) bei Adrianopel gebracht wurde. Auch hier setzte er seine Intriguen fort, bis er endlich die Erfolglosigkeit derselben einsehend, die Türkei am 25. Oct. 1714 verließ u. als schwedischer Hauptmann Frisch mitten durch Ungarn u. Deutschland nach Stralsund ging, wo er den 22. Nov. ankam.

Während seines Aufenthaltes in der Türkei hatte Schweden die Folgen der Schlacht von Pultawa furchtbar empfunden. Während in Schweden sich zwei Parteien, die des Sohnes einer älteren Schwester Karls, des Herzogs von Holstein-Gottorp, u. die der jüngeren Schwester Karls, Ulrike Eleonores, um die künftige Succession stritten, hielten sich sowohl August, König von Polen u. Kurfürst von Sachsen, durch den Altranstädter Frieden, welchen er wégen unchristlicher Härte für ungültig erklärte, als auch Friedrich IV., König von Dänemark, durch den Travendaler Frieden nicht mehr gebunden, vielmehr erneuerten Beide die Feindseligkeiten. August bemächtigte sich 1709 Polens wieder, Friedrich landete 12. Nov 1709 in Schonen u. eroberte fast diese ganze Provinz, wurde jedoch am 16. März 1710 von dem schwedischen General Stenbock bei Helsingborg geschlagen. In Polen floh der König Stanislaus Leszczynski allenthalben vor den sächsischen Truppen u. mußte, da der Papst den ihm geschworenen[90] Eid für ungültig erklärte, nach Pommern entweichen. Schon jetzt hätte er zu Gunsten Augusts abgedankt, doch Karl XII. gestattete es nicht, u. als er 1713 selbst nach der Türkei ging, um dessen Genehmigung zu erlangen, kam er eben zur Katastrophe von Bender u. wurde nebst Karl von den Türken gefangen genommen. Gleichzeitig strebte Preußen nach Pommern, Mecklenburg nach Wismar, Hannover u. Münster nach Bremen u. Verden, obschon keine von diesen Mächten noch offen gegen Schweden aufstand. Zwar schlossen England, Holland u. der Kaiser das Haager Concert (am 31. März 1710), nach welchem die schwedischen u. dänischen Besitzungen in Deutschland für neutral gelten sollten, u. der schwedische Reichsrath ergriff begierig diese Rettung; allein Karl verweigerte seine Zustimmung, u. die Dänen setzten sich nach Pommern in Marsch, nahmen dies Land bis an die Peene ein u. trafen mit den sächsischen u. russischen Contingenten, welche von Schlesien angerückt waren, vor Stralsund zusammen, mußten jedoch, von der schwedischen Flotte bedroht, die Belagerung aufgeben; ebenso mußten sie von Wismar abziehen u. Pommern verlassen, ließen jedoch ihre Verbündeten daselbst zurück u. griffen nun die Stifter Bremen u. Verden an, welche sie nach der Capitulation von Stade, am 6. Sept. 1712, in Besitz nahmen. Zwar schlug General Stenbock dieselben am 20. Dec. 1712 bei Gadebusch, mußte sich aber nichts desto weniger nach Holstein bis Tönningen, welches der Administrator von Holstein-Gottorp den Schweden öffnete, zurückziehen. Auf diesem Rückzuge zündete er, gegen alles Völkerrecht, mitten im Winter, 9. Jan. 1713, Altona zur Vergeltung für Stade an. Doch schon am 6. Mai 1712 mußte er sich, von Dänen, Sachsen u. Russen eingeschlossen, bei Oldesworth unweit Tönningen mit Capitulation ergeben. Jetzt schloß der Administrator von Holstein mit Preußen einen Sequestrationstractat über Stettin u. Wismar u. Gegend, um zu vermeiden, daß russische Truppen dies Land besetzten. Aber nur durch förmliche Belagerung konnte sich Preußen in den Besitz Stettins setzen, indem der dortige Commandant den Sequestrationsvertrag hartnäckig verwarf, sich aber endlich durch Zahlung von 40,000 Thalern beschwichtigen ließ.

Auch Peter der Große hatte, den Sieg bei Pultawa benutzend, die schwedischen Ostseeprovinzen angreifen lassen. Scheremetew eroberte schon 1709 Livland u. Kurland, wo der Gouverneur Nils Stromberg alle seine Kräfte in Riga concentrirte. Die Russen belagerten diese Stadt u. eroberten sie am 1. Juli 1710. Die Besatzung erhielt freien Abzug, die Capitulation wurde aber gebrochen u. die Schweden kriegsgefangen abgeführt. Schon früher hatte der Czar persönlich Wiborg (am 10. Juni) eingenommen, u. bald darauf wurde Dünamünde (am 18. Aug.), Pernau (am 21. Aug.), Kexholm (am 8. Sept.) u. Reval (am 28. Sept.) erobert u. so Ingermanland, Livland, Esthland, so wie die Insel Ösel für immer erobert. Der 1711 beginnende Türkenkrieg, sowie 1712 der Kampf in den deutschen Provinzen, hemmte den Siegeslauf Peters in den Ostseeländern eine Zeit lang, doch kaum war jener Krieg geendet, als der Czar die Eroberungen in Finnland fortsetzte. Die Russen nahmen Helsingfors, welches von Armfeld tapfer vertheidigt wurde, drängten die Schweden unter dem General Lybecker bis nach Åbe u. besetzten diese Stadt, aus welcher sie die Universitätsbibliothek entführten u. ließen dieselbe jedoch wieder, als die schwedische Flotte herannahte. Darauf schlug sie Armfeld am 6. Oct. 1713 in seinen Verschanzungen bei dem Paß Palkene, worauf dieser nach Osterbothnien zurückging u. dort die Winterquartiere bezog. Daselbst in der Ebene von Napoby erwartete er 1. März 1714 die anrückenden Feinde u. hatte bereits durch die Tapferkeit seiner Infanterie den Sieg erfochten, als dieser durch die schimpfliche Flucht der Reiterei unter de la Barre wieder verloren ging. Die Russen nahmen nun die Städte Nyslot u. Kajaneborg ein, verbrannten Umeå u. verheerten Osterbothnien. Bei der Insel Aland griff ihre Flotte, 27. Juli 1714, unter Apraxin u. Peter dem Großen selbst, sieben schwedische Schiffe unter Ehrenskiold an u. besiegten dieselben. Nach der Rückkehr in seine Staaten vertrieb Karl XII. zunächst die Preußen aus Usedom u. Wollin, welche jedoch bald wieder verloren gingen, u. drohte auch seine Waffen nach Niedersachsen zu tragen. Nun machten Georg I., König von England u. Kurfürst von Hannover, u. Friedrich Wilhelm I. von Preußen, offen gemeinschaftliche Sache mit den Feinden Karls (im Febr. 1715), Erster erkaufte am 7. Juli 1715 Bremen u. Verden für eine bedeutende Summe von Dänemark, welches diese Provinzen besetzt hielt, u. verstärkte das dänische Belagerungsheer vor Wismar; Letzter aber belagerte mit einem preußischen, dänischen u. sächsischen Corps Stralsund vom 5. Octbr. bis 24. Dec. 1715. Zwei Tage vor dem Fall dieser Festung rettete sich Karl, welcher die Vertheidigung in Person geleitet hatte, nach Schoonen. Noch vor dem Falle Stralsunds war Rügen den Schweden entrissen worden. Auch zur See waren die Schweden meistens unglücklich gewesen u. namentlich 25. April 1715 bei Femern u. 25. September bei Rügen von den Dänen geschlagen worden. Ein Einfall der Dänen in Norwegen. im März 1716 wurde durch den Patriotismus der Norweger u. Zerstörung der schwedischen Transportflotte vereitelt. Am 19. April 1716 fiel auch Wismar.

In diesem überwältigenden Unglück zeigte sich dem König Karl plötzlich in dem Zerwürfniß seiner Gegner ein neuer Hoffnungsschimmer. Peter der Große hatte nämlich seine. Nichte Anna mit dem Herzog von Mecklenburg vermählt, besetzte dieses Land im Oct. 1710 u. verlangte von demselben die Abtretung seines Besitzes, wogegen er, wie er ihm 1717 antrug, in Livland od. Kurland entschädigt werden sollte. Sogleich betrachteten nun die norddeutschen Fürsten Petern als gefährlichen Nachbar u. daher als gemeinschaftlichen Feind. Der neue Vertraute Karls XII., Baron von Görtz, ehemaliger Minister des Herzogs von Holstein-Gottorp, benutzte dies Mißverständniß u. schlug Karl vor, sich mit dem Czar durch Abtretungen im Osten auszusöhnen, um mit dessen Hülfe über seine Feinde herzufallen, u. die deutschen Besitzungen wieder zu gewinnen. Vorzüglich waren seine Plane gegen Georg I., König von England u. Kurfürsten von Hannover, gerichtet, u. deshalb wurde dem Cardinal Alberoni, welcher Georg durch den Prätendenten zu entthronen strebte, die Hand gereicht u. 1718 auf der Insel Losö bei Åland geheime Unterhandlungen mit Peter angeknüpft, um sich mit ihm gegen Dänemark, Preußen, Polen u. England zu verbinden. Da vereitelte der Tod Karls XII. alle [91] Pläne. Schon im August 1718 hatte dieser einen neuen Kriegszug gegen die Dänen in Norwegen unternommen u. belagerte die Festung Friedrichshall. Hier traf ihn in der Nacht des 11. Dec. 1718 in den Laufgräben vor der Festung, welche er ganz allein besuchte, eine Kugel u. tödtete ihn auf der Stelle. Sogleich wurde die Belagerung aufgehoben, u. das Belagerungsheer ging unter dem Befehl des Prinzen Friedrich von Hessen, des Schwagers Karls XII., nach Schweden zurück. Ein Seitencorps unter General Armfeld wurde bei dem Marsch durch die Gebirge fast vernichtet. Ulrike Eleonore wurde nun mir Übergehung der Rechte des Herzogs von Holstein zur Königin von Schweden ernannt. Den Minister ihres Bruders, Grasen Görtz, ließ sie sogleich verhaften u. 13. März 1719 hinrichten u. zerriß so die mit Rußland angeknüpften Unterhandlungen, indem sie, durch England gewonnen, sich weigerte Rußland das Mindeste abzutreten. Während daher Schweden mit Hannover 20. Nov. 1719, mit Preußen 1. Febr. 1720, mit Dänemark 14. Juli 1720 u. mit Polen 7. Nov. 1720 Frieden schloß, dauerte der Krieg mit Rußland fort. Mit Rußland kamen die Friedenspräliminarien am 11. Juli 1719 u. der Definitivfriede am 9. Sept. zu Stande. In diesen Friedensschlüssen trat Schweden an Hannover die Herzogthümer Bremen u. Verden ab u. erhielt dagegen 1. Million Thaler; an Preußen überließ es Vorpommern bis an die Peene, mit Stettin, so wie die Inseln Usedom u. Wollin, dagegen bezahlte Preußen 2 Millionen Thaler; von Dänemark erhielt Schweden alles Eroberte zurück, namentlich Wismar, Stralsund, Rügen u. Marstrand, es unterwarf sich dagegen dem Sundzolle, zahlte 600,000 Thaler u. erkannte den dänischen Besitz vom Gottorpischen Antheil von Schleswig an; mit Polen wurde der Friede von Oliva erneuert, was jedoch erst 1729 völlig ins Reine kam, August II. wurde als König von Polen anerkannt, doch behielt Stanislaus Leszczynski den königlichen Titel u. erhielt 1 Million Thaler von Polen. Mittlerweile hatte Rußland, als Schweden sich weigerte, ihm die verlangten Abtretungen zuzugestehen, eine Flotte von 30 Kriegsschiffen, 120 Galeeren u. 100 kleineren Fahrzeugen, unter des Czars persönlicher Führung, ausgerüstet, um seinen Gegner hierdurch zu nöthigen in jene Bedingungen zu willigen. Diese Flotte landete im Sommer 1720 auf Lemland unweit Åland u. verwüstete von hier aus die schwedische Küste; nur die Ankunft des englischen Geschwaders unter Admiral Norres u. Friedensvorschläge der Königin Ulrike Eleonore, worin diese Ingermanland u. Esthland, so wie Theile von Finnland u. Livland abzutreten Hoffnung machte, bewog die Russen zum Abzug. Endlich sah sich die Königin, da auch die englische Hülfe immer schwächer wurde, genöthigt, den 10. Sept. 1721 den sehr nachtheiligen Frieden in Nystad zu schließen, vermöge dessen Schweden an Rußland Livland, Esthland, Ingermanland, Karelien u. Kexholmlän, einen Theil von Wiborglän, die Inseln Ösel, Dagö, Moon u. die von der kurischen Grenze bis Wiborg abtrat, wogegen es Finnland zurückerhielt u. 2 Mill. Ducaten von Rußland gezahlt bekam. Auch erhielt Schweden das Recht, jährlich für 50,000 Rubel Getreide zollfrei aus Livland auszuführen, u. Rußland verhieß, sich in die inneren Angelegenheiten Schwedens nicht mischen zu wollen. Durch diesen Krieg wurde die Übermacht, welche Schweden seit 150 Jahren im Norden behauptet hatte, gebrochen u. es sank zu einer Macht zweiten Ranges herab.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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