Ehrenstücke


Ehrenstücke

Ehrenstücke (Herald.), Figuren, welche der Wappenkunst eigenthümlich u. nicht eigentliche Abbildungen natürlicher Gegenstände sind u. größtentheils aus der ungleichen Vertheilung der Tincturen in den Plätzen eines Schildes entstehen, wodurch sie sich von den Schildestheilungen unterscheiden, Sie stoßen zwar meist an den Rand, hören aber nicht auf, E. zu sein, wenn sie denselben nur an einer Seite (abgekürzt) od. gar nicht berühren (abgeledigt). Die Regel, daß sie 1/3 des Feldes einnehmen sollen, ist im Zeichnen zwar nie streng befolgt, doch dürfen die E., welche schmal gebildet werden (Faden), nicht unbeachtet bleiben. Dem Ursprung nach sollen sie nach Ein. alle eine kriegerische Bedeutung haben; nach And. gingen sie aus der Schwäche der Malerkunst des Mittelalters hervor, wo man es am leichtesten fand, den Schild mit Streifen verschiedener Farbe zu verschönern. Sind die Grenzlinien des E-s aus verschiedenen schrägen Linien gebildet, so heißt es eckig; wird eine Figur über die andere gelegt, so ist sie damit bezogen. Die E. werden eingetheilt in einfache, zusammengesetzte u. uneigentliche. A) Einfache E.: a) der Pfahl (wenn er schmal ist, Stab) entsteht, wenn der Schild durch zwei senkrechte Linien in drei Plätze getheilt wird, von denen die äußeren anders tingirt sind, als der innere; sind die äußeren Plätze anders tingirt, als das Übrige, so entsteht b) die rechte u. linke Seite (Seitenpfähle), auch rechts u. links getheilt genannt; c) der Balken entsteht, wenn der Schild durch zwei horizontale Linien in drei Plätze getheilt wird, von denen die äußeren anders tingirt sind, als der mittlere. Zuweilen ist er auch wellenförmig (Fluß), gezackt, gespitzt, geastet etc., seltener schwebend od. abgekürzt. Ist er schmäler, als gewöhnlich, so ist es ein Balkenstreif; sind zwei so neben einander gestellt, daß der Platz zwischen einem jeden Paar so breit ist, als die beiden Streifen zusammen genommen, so sind es Zwillings-, sind ihrer drei, so sind es Drillingsstreifen. Mehrere Balken im Schilde unterscheiden sich dadurch von gestreiften Schilden, daß die Zahl der Plätze ungleich ist, wo dann der obere u. untere Streif, welche dieselbe Tinctur haben, das Feld ausmachen. d) Schildeshaupt entsteht, wenn in der, beim Balken angegebenen Eintheilung der obere Theil eine besondere Tinctur hat (ist Schild u. Haupt beides von Metan der Farbe, so heißt es angestückt). Es wird gekerbt, belegt, wellenförmig dargestellt u. heißt erniedrigt (verschobener Balken), wenn noch ein kleiner Theil des Schildes über demselben erscheint; überstiegen, wenn eine andere Tinctur über ihm; unterstützt, wenn sie unter ihm erscheint; beides darf aber nie den dritten Theil des Hauptes einnehmen, Geschieht das Übersteigen mit einem nach unten gerundeten Spalte, so heißt es ein behangenes, ist der Spalt nach oben gerundet, ein überkapptes Haupt; e) Schildesfuß entsteht, wenn in der, beim Balken angegebenen Theilung der untere Theil eine besondere Tinctur hat; er ist in Frankreich am häufigsten u. neuerdings viel in Anwendung gekommen, um das Zeichen der Ritter darin aufzunehmen. Für den schmalen hat die deutsche Heraldik keinen eignen Namen, im Französischen[514] heißt er Plaine; erhöhet (erniedrigter Balken) heißt der Fuß, wenn unter ihm ein kleiner Theil des Schildes erscheint; f) Schrägbalken (schwebend als Beizeichen natürlicher Kinder, Einbruch) ist ein Balken, der von der Oberecke nach der Unterecke sich hinzieht u. ist nach dem Anfang benannt: Rechtsschrägbalken u. Linksschrägbalken. Wird diese Heroldsfigur schmal dargestellt, so heißt sie Schrägstäbe, u. erhöhet od. erniedrigt gibt sie das Schräghaupt od. den Schrägfuß; g) Vierung entsteht, wenn eine senkrechte u. eine Querlinie in dem Mittelpunkte zusammenlaufen, wo der von ihnen eingeschlossene Raum anders tingirt ist, als das Übrige. Sie kann an einer Ober- od. Unterecke des Schildes stehen, jedoch ist ihre gewöhnliche Stelle im Oberwinkel (Freiviertel, Franc quartier) in der neueren französischen Heraldik angewandt, um die Standeszeichen der Grafen, wo es im rechten Oberwinkel blau, u. der Barone, wo es im linken roth ist, aufzunehmen. Verkleinert heißt sie eine kleine ledige Vierung; h) Spitze entsteht, wenn zwei gegeneinander laufende Schräglinien den Schild in drei Theile theilen u. die beiden äußeren einerlei Tinctur haben, die von der mittleren verschieden ist. Sie erscheint aufsteigend (Flammenspitze), gestürzt, schrägrechts u. links (Dreieck), erniedrigt u. abgekürzt; sie ist eingepfropft, wenn sie am untersten Rande eingefügt ist, ist gebogen (Beutel-, Taschenzug), eben sowohl Figur als Section; i) Ständer entsteht, wenn man einen Platz des geständerten Schildes abgesondert darstellt, besteht also aus einer halben, aus der Oberecke hervorkommenden Diagonale, welche an eine, gegen diese gezogene quere od. senkrechte Linie in des Schildes Mitte stößt u. steht ordentlich in der rechten Oberecke; geht er ganz durch, so nannte man ihn früher Brustlatz, jetzt aber Winkelmaß. B) Zusammengesetzte E.: a) Gemeines Kreuz; b) Andreaskreuz; c) Schächerkreuz, über diese drei s.u. Kreuz; d) Sparren, ist aus einem halben rechten u. linken Schrägbalken zusammengesetzt; steht er mit der Spitze nach oben, so ist er aufrecht; kehrt er sie nach unten, gestürzt; auch steht er quer u. schräg. Bisweilen sind auch die Spitzen von zwei gegen einander gekehrt, sie kommen auch in mehrfacher Zahl häufig vor, sind wellenförmig gebildet od. belegt, der Sparren ist oben abgebrochen, wenn die Spitze fehlt, ge- od. zerbrochen, wenn er nicht zusammengefügt ist od. in der Mitte einen Bruch hat; e) Einfassung umgibt den Schild von allen Seiten; es wird eine innere, wenn die Schildesfarbe außerhalb wieder hervortritt; eine doppelte, wo das Innere u. Äußere nicht dieselbe Farbe; eine schmale, wenn sie nicht die gewöhnliche Breite hat. Man findet sie gekerbt, gespitzt, gestückt, sie dient auch zur Schildesvereinigung u. als Beizeichen. C) Uneigentliche E.: a) Ringe, rund u. lassen in der Mitte die Farbe des Schildes durchscheinen, kommen auch in einander geschlungen vor; b) Ballen (Kugeln), runde Figuren, die nicht mit Metall (wo sie Pfenige heißen), sondern mit Farbe tingirt sind; c) Schindeln, längliche Vierecke, welche meist auf einer der schmalen Seite stehen; liegen sie quer od. schräg, so muß es gemeldet werden; d) Raute, Parallelogramm mit schiefen Winkeln u. gleichen Seiten, der gemeiniglich mit der Spitze aufwärts gestellt wird. Hat die Raute ein viereckiges Loch, so heißt sie mit einem aus dem Französischen entlehnten Worte: Macklen; Quergetheilte Rauten nennt man, obgleich nicht richtig, das reihenweis Gespitzte; e) kleiner Schild entsteht, wenn eine breite Einfassung den äußeren Theil des Schildes umgibt u. der innere Raum nur eine Farbe hat. Kommen ihrer mehrere in einem Felde vor, so rechnet man sie zu den gemeinen Figuren.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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