Gewissen


Gewissen

Gewissen, 1) so v.w. Bewußtsein; 2) das Vermögen, die eignen Gesinnungen u. Handlungen nach dem Sittengesetz zu beurtheilen u. zu richten. Jeder Mensch hat einen Gewissenstrieb, d.i. das unwillkürliche Bestreben, seine Gesinnungen u. Handlungen vor den Richterstuhl des G-s zu ziehen u. seinem Urtheil zu unterwerfen, dem auch der größte Bösewicht, bes. in gewissen Stunden u. Lagen des Lebens, nicht zu entgehen vermag. Bei dem sittlich gebildeten Menschen ist der Gewissenstrieb die Geneigtheit u. Kraft, den Reizungen der Sinnlichkeit entgegen, der Stimme des G-s zu folgen. Man unterscheidet ein vorhergehendes G., sofern es sich vor der Handlung durch Billigung od. Mißbilligung (vgl. Sittengesetz), u. ein nachfolgendes G. (G. im engern Sinn), sofern es sich nach der Handlung durch Beifall (Zufriedenheit) od. Tadel (Vorwurf) äußert. Wer den Anregungen seines G-s folgt u. das thut, von dessen Rechtmäßigkeit er überzeugt ist, heißt gewissenhaft; im Gegentheil gewissenlos. Die Unruhe des Gemüthes, wenn uns das G. Vorwürfe macht, heißt Gewissensangst, im höheren Grade Gewissensqual. Die einzelnen beunruhigenden Regungen des G-s über unrechtmäßige Handlungen bezeichnet man bildlich als Gewissensbisse. Die Alten dachten die Folgen des bösen G-s als Wirkungen besonderer furchtbarer Göttinnen (s. Erinyen). Zweifelhafte Fälle, wo das G. nicht weiß, was es zu thun od. zu lassen hat, heißen Gewissensfälle; Pflichten, deren Erfüllung nicht erzwingbar sind (Rechtspflichten), sondern dem G. eines Jeden überlassen werden müssen, Gewissenspflichten; Sachen, wozu man nicht durch ein äußeres Gesetz od. eine Zwangspflicht, sondern blos durch das G. verbunden ist, Gewissenssachen; Regungen des G-s, die sich unter großer Sorgfalt, ja Ängstlichkeit, besonders bei gleichgültigen Dingen zeigen, Gewissensskrupel In der christlichen Ethik nimmt die Lehre vom G. eine wichtige Stelle ein. Schon im A. T. u. in den Apokryphen, bes. aber im N. T. (Röm. 2, 15) wird das G. genannt, als ein Richter der Handlungen nach dem Gesetz Gottes bezeichnet u. ein reines, ein irrendes, ein gutes u. böses G. unterschieden. Vgl. Stäudlin, Geschichte der Lehre vom G., Gött. 1824.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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  • Gewissen — Gewissen: Als Lehnübersetzung von lat. conscientia »Mitwissen; Bewusstsein; Gewissen«, das seinerseits Lehnübersetzung von griech. syneídēsis ist, erscheint im Ahd. gewiz̧z̧enī »‹inneres› Bewusstsein, ‹religiös moralische› Bewusstheit«. Das ahd …   Das Herkunftswörterbuch

  • Gewissen — (mittelhochd. gewizzen, »Kenntnis, Bewußtsein«, dann auch »Gewissen«), das Pflichtbewußtsein, insofern es sich neben den natürlichen Trieben und Neigungen und bisweilen sogar im Gegensatz zu ihnen als Triebfeder des Wollens geltend macht oder… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Gewissen — Sn std. (11. Jh.), mhd. gewizzen f., ahd. giwizzanī f. Stammwort Lehnübersetzung zu l. cōnscientia f., ursprünglich ein Ausdruck der Rhetorik vor Gericht, mit dem die Auswirkungen des Schuldbewußtseins (Unruhe, Unsicherheit usw.) bezeichnet… …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Gewissen — [Aufbauwortschatz (Rating 1500 3200)] Bsp.: • Robert hatte ein reines Gewissen …   Deutsch Wörterbuch

  • Gewissen — Gewissen, das Bewußtsein der Schuld oder Unschuld, vor oder nach einer That oder Absicht; die gewaltige Stimme des innern Menschen, die jeden Gedanken, jede Handlung richtet und ungestraft nie überhört wird; – des eignen Urtheils Richterin, und… …   Damen Conversations Lexikon

  • Gewissen — (lat. conscientia, Bewußtsein), das von Gott in jedes Menschenherz geschriebene Gesetz (Röm. 2, 12 bis 17), woraus das Innewerden des Werthes oder Unwerthes unserer Gedanken, Worte und Werke sowie des Verhältnisses der Seele zu Gott fließt. Das G …   Herders Conversations-Lexikon

  • Gewissen — 1. Ae gut Gewissen schläft ruhig ufen Kissen. (Waldeck.) – Curtze, 363, 585. 2. An Gewêten üs an Schlaghterhünj. (Nordfries.) – Firmenich, III, 6, 91. 3. Bei gutem Gewissen und trocknem Brot leidet man nicht Noth. 4. Besser in einem unverletzten… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Gewissen — Das Gewissen (lateinisch conscientia, wörtlich „Mit Wissen“) wird im Allgemeinen als eine besondere Instanz im menschlichen Bewusstsein angesehen, die sagt, wie man urteilen soll. Es drängt, aus ethischen bzw. moralischen und intuitiven Gründen,… …   Deutsch Wikipedia

  • Gewissen — Ge|wis|sen [gə vɪsn̩], das; s, : ethisch begründetes Bewusstsein von Gut und Böse: er hat ein sehr kritisches, kein Gewissen; mein Gewissen ist rein (ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen); ein gutes, schlechtes Gewissen haben (sich keiner …   Universal-Lexikon

  • Gewissen — Das ist eine Gewissensfrage: es ist eine Frage, die eine ehrliche Antwort verlangt, aber mehrere Möglichkeiten zuläßt, die man nur nach bestem Wissen und Gewissen beantworten kann. Unter ›Gewissen‹ versteht man allgemein den Ort in der Seele des… …   Das Wörterbuch der Idiome