Gewohnheit


Gewohnheit

Gewohnheit (Consuetudo, Mos), die in öfterer Wiederholung begründete Bestimmung zu einer Verrichtung od. Handlung; sie übt eine verbreitete Gewalt im Leben aus, daher man sagt, G. ist die andere Natur (Consuetudo est altera natura.) Die christliche Ethik erinnert daran, daß die Macht der G. sehr groß ist, daß sie oft mit Trägheit, Stolz u. Eigennutz sich verbindet u. daß sie dem Fortschritt in der wahren Vollkommenheit oft hemmend in den Weg tritt. Alle Erziehung geht darauf aus, Kinder zu dem, was ihnen zu ihrem Heil gereicht, durch G. zu leiten u. bösen G-en Einhalt zu thun. Auf Gewöhnung, aber auch Entwöhnung, eben so auf Verwahrung gegen Verwöhnung kommt im physischen, wie im moralischen Leben viel an. In rechtlicher Hinsicht kommt die G. in Betracht theils als Erscheinungsform für das Gewohnheitsrecht (s.d.), theils für das Gebiet des Criminalrechts als ein besonderer Erschwerungsgrund der Strafbarkeit, wenn Jemandem die Verübung eines Verbrechens zur G. geworden ist. Früher wurde die G. in dieser Beziehung zuweilen sogar als Strafmilderungsgrund aufgefaßt, indem man sie als eine eingetretene Beschränkung der freien Selbstbestimmung betrachtete Allein dies kann nur da angenommen werden, wo die G. auf einer krankhaften physischen od. psychischen Disposition, wie z.B. öfter bei Epileptischen, beruht. Wo sich dies nicht nachweisen läßt, gilt die G., gleich dem Rückfall, als eine Erschwerung. Manche neueren Strafgesetze zeichnen gewisse Arten von Verbrechen, wenn sie zur G. geworden sind, als besondere Verbrechen unter dem Namen von Gewohnheitsverbrechen aus u. drohen für sie eigene Strafen an, welche den Gewohnheitsverbrecher nicht blos strafen, sondern zugleich möglichst unschädlich machen sollte. Die Strafe steigt[331] daher hier zuweilen bis zu lebenslänglichem Zuchthaus, wie namentlich bei Gewohnheitsdieben u. Gewohnheitsbetrügern, od. es wird doch neben kürzerer Freiheitsstrafe zugleich auf längere Stellung unter polizeiliche Aufsicht, wie bei den Gewohnheitsraufen, erkannt.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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  • Gewohnheit — Gewohnheit: Das Substantiv mhd. gewon‹e›heit, ahd. giwonaheit ist eine Bildung zu dem im Nhd. untergegangenen Adjektiv mhd. gewon, ahd. giwon »der Gewohnheit gemäß, üblich, herkömmlich« (vgl. ↑ gewohnt und ↑ gewöhnlich) …   Das Herkunftswörterbuch

  • Gewohnheit — ist die durch öftere Wiederholung der nämlichen körperlichen oder geistigen Tätigkeit sich ergebende Disposition, vermöge deren sie fortan bei dem geringsten äußern Anstoß ohne besondere Willensanstrengung (selbst unwillkürlich) und mit… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Gewohnheit — ↑Habit, ↑Routine, ↑Tradition, ↑Usus …   Das große Fremdwörterbuch

  • Gewohnheit — [Aufbauwortschatz (Rating 1500 3200)] Auch: • Angewohnheit Bsp.: • Fluchen ist eine schlechte Angewohnheit …   Deutsch Wörterbuch

  • Gewohnheit — 1. Alle gute Gewohnheit soll man behalten. – Graf, 12, 145; Lünig, I, 360. Frz.: Les bonnes coustumes sont à garder et les mauvaises à laisser. (Leroux, II, 250.) 2. Alte Gewohnheit ist stärker als Brief und Siegel. – Pistor., IX, 38; Graf, 12,… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Gewohnheit — Gepflogenheit; Angewohnheit; Sitte; Brauch; Regel; Konvention; Usus * * * Ge|wohn|heit [gə vo:nhai̮t], die; , en: das, was man immer wieder tut, sodass es schon selbstverständlich ist; zur Eigenschaft gewordene Handlungsweise: das abendliche Glas …   Universal-Lexikon

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  • Gewohnheit — Ge·wo̲hn·heit die; , en; 1 die Gewohnheit (+ zu + Infinitiv) eine Handlung, eine Verhaltensweise o.Ä., die durch häufige Wiederholung meist automatisch und unbewusst geworden ist <eine alte, feste, liebe, schlechte Gewohnheit; etwas aus reiner …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache