Haarseil


Haarseil

Haarseil (Setaceum), 1) eine ehemals aus Pferdehaaren verfertigte, jetzt meist baumwollene[821] od. seidene auch leinene Schnur, od. ein Bändchen aus Leinwand, od. ein an den Seiten ausgezogener Leinwandstreif. Man braucht es, um ein künstliches Geschwür zu bewirken. Man sticht eine hinlänglich breite Nadel (Haarseilnadel), in deren Öhr das mit Digestivsalbe bestrichene H. eingebracht ist, in eine zu diesem Zweck mit dem Finger od. einer eignen Zange (Haarseilzange) aufgehobene Hautfalte, zieht dann das Haarseil durch und läßt es nun in der Wunde liegen, wo sich bald eine erhebliche Eiterung bildet, die dadurch, daß man das H. ein- bis zweimal täglich nachzieht, unterhalten wird. Ehedem galt es bei Lungen- u. Herzleiden, Schwerhörigkeit, zumal aber bei Gehirn- u. Augenleiden als heilsamstes Ableitungsmittel; jetzt ist es ziemlich außer Gebrauch, außer etwa bei Thierärzten. Außerdem diente es auch eine Geschwulst durch Eiterung zu verkleinern od. zu zerstören, auch um Kanäle wegsam zu machen u. wird dann durch diese mit der Haarseilnadel od. einem Stilet eingeführt. Bei Thieren dient als H. gewöhnlich ein mit Salbe bestrichener Riemen (Abflußriemen, Abflußschnur), damit die bösen Säfte eines kranken Theils, aus einer absichtlichen Wunde (Abflußwunde) abfließen. 2) (Criminalr.), s.u. Tortur.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Haarseil — (Eiterband, Setaceum), ein früher beliebtes, jetzt nicht mehr gebräuchliches Mittel, das die Erregung einer künstlichen Entzündung bewirkt, um dadurch eine tiefer gelegene, unzugängliche Entzündung gleichsam abzuleiten und den ursprünglichen… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Haarseil — (Setacĕum), Schnur von Haaren, später Wollfaden u. dgl., die man früher häufig zur Ableitung des Eiters in die Wunde legte …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Haarseil — (setaceum), eine in der Wundarzneikunst gebrauchte Schnur aus Haar od. Garn, Seide etc., die mit einer eigenen Nadel unter die Haut eingeführt u. daselbst liegen gelassen wird, um ein künstliches Geschwür zu erregen, meist im Nacken, auf der… …   Herders Conversations-Lexikon

  • Haarseil — Beim Haarseil (auch Eiterband oder Setaceum genannt) handelt es sich um eine Therapiemethode der Bader Chirurgie des 17. bis 19. Jahrhunderts.[1] Dem Patienten wird mit einer Haarseilzange ein Stück Nackenhaut angehoben, durch dieses wird eine… …   Deutsch Wikipedia

  • Haarseil, das — Das Haarseil, des es, plur. die e, ein aus Haaren gedrehetes Seil, besonders so fern dasselbe durch die Haut gezogen wird, ein künstliches Geschwür dadurch zu erwecken; eine Haarschnur. Einem Pferde ein Haarseil legen, stecken, oder setzen;… …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Eiterband — Beim Haarseil (auch Eiterband oder Setaceum genannt) handelt es sich um eine Therapiemethode der Bader Chirurgie des 18. und 19. Jahrhunderts. Dem Patienten wird mit einer Haarseilzange ein Stück Nackenhaut angehoben, durch dieses wird eine… …   Deutsch Wikipedia

  • Setaceum — Beim Haarseil (auch Eiterband oder Setaceum genannt) handelt es sich um eine Therapiemethode der Bader Chirurgie des 18. und 19. Jahrhunderts. Dem Patienten wird mit einer Haarseilzange ein Stück Nackenhaut angehoben, durch dieses wird eine… …   Deutsch Wikipedia

  • Anton Ludwig Ernst Horn — (auch: Ernst Horn; * 24. August 1774 in Braunschweig; † 27. September 1848 in Berlin) war ein deutscher Mediziner. Durch einen Todesfall während einer durch Horn veranlassten Behandlung kam es zum ersten Arzthaftungsprozess in Deutschlan …   Deutsch Wikipedia

  • Fontanelle (Begriffsklärung) — Fontanelle steht für: Fontanelle, eine Knochenstruktur am Schädel von Wirbeltieren und Menschen Fontanell/Fontanelle: Eine historische Therapieform, siehe Haarseil Fontanelle (Instrumentenbau), eine Klappenabdeckung an historischen… …   Deutsch Wikipedia

  • Nackensistel — (Maulwurf), bei Pferden auf vorherige Entzündung oben am Nacken sich bildende Eiterung, welche hier leicht fistulös wird u. wegen ihrer Verbreitung schwer zu heilen ist; die Jauche muß durch das Haarseil einen Ausfluß erhalten …   Pierer's Universal-Lexikon