Inschrift


Inschrift

Inschrift, 1) (gr. Epigramma, Epigraphe, lat. Titulus, Inscriptio), kurze Schrift auf einem Bau- od. andern Kunstwerke od. Denkmale, welche in sinnvoller u. gedankenreicher Kürze u. in gefälliger u. geschmackvoller Form den Zweck u. die Bestimmung des Denkmals angibt. Die I-en werden jetzt gewöhnlich in lateinischer, selten in griechischer, noch seltner in der Landessprache verfaßt. Von I. unterscheidet man Aufschrift, welche weniger ein Product der Kunst, oft blos den Künstler od. den Widmer eines Denkmals u. Kunstwerks angibt, wie auf Statuen, Gefäßen, Weihgeschenken etc. Eigentliche I-en finden sich auf Denkmälern aller Art, Grabmälern, auf Tempeln etc. Sie sind entweder öffentliche I-en od. Privatinschriften, entweder prosaisch od. auch metrisch abgefaßt, entweder in Einer od. auch bei gemischten Bevölkerungen od. auch nach erfolgtem Sprach- u. Schriftwechsel in verschiedenen Sprachen od. Schriftweisen (Inscriptiones bilingues, trilingues). Neben den I-en im eigentlichen Sinne, welche die Bestimmung eines Denkmals anzeigen, gibt es. 2) aus dem hohen Alterthum, in Griechenland, Ägypten u. bes. in Asien herrührende Schriften historischen Inhalts auf Steinplatten od. Metalltafeln, für welche der Stein u. das Metall nur als Schreibmaterial dienen. I-en sind wichtig sowohl für die Geschichte, unter deren Quellen sie um so mehr einen hohen Platz einnehmen, da sie oft statt aller andern Urkunden dienen, als auch für Sprache u. Schrift. Daher ist die Inschriftenkunde (Epigraphik) ein besonderer Theil der Philologie, welcher die Schriftzüge nach ihrem verschiednen Alter u. ihren Abänderungen, die zum öffentlichen Gebrauch eingeführten Formeln u. den besondern auf I-en gewöhnlichen Styl (Lapidarstyl) kennen, ferner den Unterschied der Wichtigkeit zwischen öffentlichen u. Privatinschriften würdigen, den Inhalt der I-en mit der sonst bekannten Geschichte der Personen u. Zeiten vergleichen u. die Beweise u. Erläuterungen, die sich aus ihnen ergeben, richtig würdigen lehrt. Vgl. Oudendorp, De veterum inscriptionum et monumentorum usu, Lond. 1745; Zaccaria, Instituzione antiquario-lapid., Vened. 1770, 2. Aufl. 1793; Maffei, Artis crit. lapidariae quae exstant, Lucca 1785 f.; Orelli, Handbuch der Epigraphik, Heidelberg 1850; Franz, Elementa epigraphices graecae, Berl. 1840. Unter den klassischen I-en sind zu bemerken die Amykläische u. Sigeische I., das Marmor Adulitanum, Parium etc. (s.u. Marmora), die Solonischen Gesetze auf den hölzernen Axones u. Kyrbeis (s. b.) eingeschnitten, der Hymnos auf Isis etc.; Monumentum Ancyranum, Tabulae Heracleenses, Fasti capitolini, Columna Duilii etc. Das Sammeln u. Studiren der alten I-en begann bes. seit dem 15. Jahrh.; die erste Sammlung lateinischer I-en war die von Mazocchi (1521), der dazu durch des Cyriacus aus Ancona u. Marcanova Reisen u. Sammlungen in den Stand gesetzt war; dieser folgte 1544 in Deutschland eine Sammlung der durch Fugger, Pirkheimen, Peutinger, Choler u. A. gemachten Entdeckungen; in Holland veranstaltete 1588 Janus Douza eine beträchtliche Sammlung der von Smetius in 6 Jahren in Italien gesammelten I-en. Nach diesen haben in dieser Hinsicht große Verdienste unter den Engländern Arundel, in Frankreich Spon, in Italien Fabretti, Ferreti, Tomasini, Malvasia, Maffei, Gori, Doni, Muratori u. Andre. Seitdem fuhr man fort zu sammeln, u. Ludwig XIV. stiftete eine eigne Akademie der I-en (Académie des Inscriptions, s.u. Akademie II. C) b), welche eine vollständige Sammlung aller bisher bekannten lateinischen Inschriften vorbereitet. Fernere Sammlungen erschienen von I. Gruter u. Scaliger, Thesaurus inscriptionum, Heidelb. 1603, 1663, n. A. von Grävius u. Burmann, Inscriptiones ant. totius orbis rom., Amst. 1707, Fol.; Doni, Inscriptiones ant., von Gori herausgeg., Fol., 1731; Salvini u. Gort, Inscriptiones ant. in urbibus Etruriae, Flor. 1743, 3 Bde., Fol.; Muratori, Novus thesaurus veterum inscriptionum, Mail. 1739–42, 4 Bde., Fol., Supplemente dazu von Donati, Lucca 1765, 3 Bde., Fol.; Erklärungen u. Verbesserungen in Hagenbusch, Epistolae epigr., Zür. 1747; Orelli, Inscriptionum latinarum selectarum collectio, Zür. 1828, 2 Bde.; Jahn, Specimen epigraphicum, Kiel 1841; Mommsen, Inscriptiones Neapolitanae, Lpz. 1852, u. Inscriptiones confoederationis Helveticae, Zür. 1854. I-en anderer italischer Sprachen, namentlich der Umbrischen (Eugubinische Tafeln) u. Oskischen, sammelten u. erklärten Mommsen (Die unteritalischen Dialekte, Lpz. 1850) u. Kirchhoff. Sammlung griechischer I-en von Corsini, Inscriptiones atticae, Flor. 1752; R. Chandler, Inscriptiones ant. in. Asia minori et Graecia praesertim Athenis collectae[930] , Lond. 1774, Fol.; Böckh, Corpus inscriptionum gr., Berl. 1824–53, 3 Bde., Fol.; Roß, Inscriptt. graecae, Naupl. 1834–45, 3 Hste. ff.; Osann, Sylloge inscriptionum, Jena 1822; Welcker, Sylloge epigrammatum, Bonn, 2. A. 1828. I-en in Skandinavien mit Runenschrift geschrieben, finden sich bes. auf Grabsteinen, Särgen, Glocken, Gefäßen, u. überhaupt mehr auf Gegenständen zum Privatgebrauch. Die I-en in asiatischen Ländern sind erst seit neuerer Zeit zu erklären angefangen worden; vor allen berühmt sind die babylonischen, assyrischen etc. Keilinschriften, namentlich die auf den Felsen von Bisutun, s.u. Keilschriften; die Entzifferung dieser I-en ist bes. von Grotefend, Lassen u. Rawlinson gefördert worden; himjaritische I-en finden sich viele in Südarabien, sie sind, wie die Keilschriften, historischen Inhalts u. an Felswänden eingehauen; erklärt von Seetzen, Wellsted, Rödiger (Halle 1841) u. Gesenius (ebd. 1841). In Indien, wo es alte Sitte war, geschichtliche Vorfälle auf Säulen u. Beschlüsse der Könige, welche Ländereintheilungen betrafen, auf Metall- od. Steintafeln schreiben zu lassen, hat man in neuerer Zeit viele I-en gesammelt. Sie gehen nicht weit über die christliche Zeitrechnung hinaus, aber bis in das Mittelalter herunter, u. sind in Sanskrit mit Devanagarischrift od. mit einer, aus dieser erklärbaren Schrift geschrieben; bes. Wilkens, Polier, Paullino, Jones. u. A. haben sich um die Erklärung derselben verdient gemacht. Außerdem Pehlviinschriften bei Kermanschah, Erklärung eines Königsbildes enthaltend, von Sacy erklärt. Von chinesichen I-en ist die berühmteste die des Kaisers Yü auf einem viereckigen Stein auf dem Gipfel des Hang-schang, von 2278 v. Chr., mach glücklicher Ableitung der Gewässer bei einer Überschwemmung (herausgegeben von Klaproth, Halle 1811). In Sibirien findet sich eine Mongolische von Dschingiskhan, auf Stein, die einen dort erfochtnen Sieg erzählt; der Stein ist jetzt in Petersburg, die I. erklärt von Schmidt u. v. d. Gabelentz; vgl. Schaßky, De antiquis quibusdam inscriptionibus in Sibiria repertis. Petersb. 1822. In Ägypten sind zahlreiche I-n an Obelisken, in Tempeln, an Gräbern, Mumien etc., bes. die Rosettesche I. (s.d.). In Nordafrika hat man außerdem viele punische od. phönizische I-en gefunden, die meist historischen Inhalts, auch Grab- u. Votivsteine sind; sie sind meist Bilingues, punisch-libysch od. punisch-griechisch; erklärt bes. von Gesenius (De inscr. Punica-libyca, Lpz. 1836; Scripturae linguae gr. phoen. monumenta, ebd. 1837. 3) (Münzw.), die Schrift, welche in dem inneren Raum einer Medaille steht, vgl. Aufschrift 3).


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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