Kriebelkrankheit


Kriebelkrankheit

Kriebelkrankheit (Kribbelkrankheit, Kornstaupe, Ergotismus, Raphania), eine durch den Genuß von schlechtem, aus unreinem od. verdorbenem Getreide gebackenem Brote, gewöhnlich kurz nach der Ernte entstehende, epidemisch herrschende Krankheit, die in den Jahren 1588 bis 1593 zuerst, als Epidemie von Schwenkfeld beobachtet wurde; im 17. u. 18. Jahrh. traten Epidemien in Frankreich, England, Skandinavien, der Schweiz, Oberitalien u. dem südlichen Rußland auf; ferner 1770 u. 1771 in Niedersachsen u. Hannover; wieder an vielen Orten in Europa 1805, 1814, 1817, bes. aber 1833 in Deutschland als einzelne örtlich beschränkte Epidemien. Früher scheint sie unter dem Namen des heiligen Feuers od. St. Antoniusfeuer (s.d. 1) bekannt gewesen zu sein. Die Ursachen der K. sucht man in Verunreinigung des Getreides Mutterkorn, wozu in Mißwachsjahren noch andere Beimischungen giftiger Kräuter kommen mögen; ferner Verderbniß des Getreides durch schlechte Aufbewahrung u. Noch u. Trübsal solcher Zeiten. Die K. ist eine Vergiftungskrankheit des Rückenmarks, mit verschiedenen gastrischen Zufallen, welche theils dem Gifte u. den schlechten Nahrungsmitteln, theils dem Hunger zuzuschreiben sein mögen. Sie tritt theils als Krauts u. Lähmungen (Erg. convulsivus), theils in den Empfindungsnerven, bes. der Haut, als Knebeln auf, theils verursacht sie Blutstockungen, Entzündung u. Brand (E. gangraenosus); Hirnzufälle treten erst als Folgeerscheinungen auf. Man unterscheidet die acute K., sie beginnt nach vorhergehenden Erscheinungen eines gastrischen Fiebers mit Nervenzufällen, bes. Krämpfen, u. einem eigenen, höchst peinigenden Knebeln od. Ameisenkriechen, welche von den Händen u. Füßen beginnt u. sich m dem übrigen Theile der Glieder verliert. Zur innern Hitze gesellt sich Marmorkälte der Gliedmaßen, Mattigkeit, Schmerzhaftigkeit u. endlich Gefühllosigkeit. Bisweilen erfolgt nach einer[812] rosenartigen Entzündung Brand u. Abfallen einzelner Glieder, gewöhnlich an den Gelenken ringförmig abgegrenzt (so bei der Maladie de Sologne, Morbus Soloniensis), später treten typhöse Erscheinungen (Delirien, Tobsucht etc) ein, u. der Tod erfolgt dann in einigen Tagen. Die chronische K. zeigt ähnliche Vorboten, tritt in Paroxysmen auf u. zieht sich in die Länge. Das Kriebeln ist ein mehr hervorstechendes Symptom. Auch Krämpfe stellen sich ein bis zu völligem Starrkrampf u. Epilepsie. Später erst gesellt sich Betäubung hinzu, Lähmungen, endlich Wassersucht u. Durchfälle, die ebenfalls den Tod herbeiführen können. Außer zum Tode führt die K. auch zu Lähmung, Blödsinn, Epilepsie, nervöse Blindheit u. Taubheit od. hinterläßt chronische Unterleibsleiden (bes. Durchfälle), bes. giftig wirkt in Amerika das Mutterkorn des Mais, welches Ausfallen der Haare u. Zähne, selbst der Nägel, u. Querlähmungen an Menschen u. Thieren hervorruft. Die Behandlung der K. war bisher unsicher, da ein wirkliches Gegengift noch fehlt; man hat Gerbsäuren, Campher, Opium empfohlen. Im Anfange sind kräftige Abführ- u. Brechmittel zu empfehlen, später Magenmittel. Vgl. Tissot, Nachrichten von der K., deutsch Lpz. 1770; Wichmann, Beiträge zur Geschichte der K. im Jahre 1770, Lpz. 1771; Marcard, Von einer der K. ähnlichen Krampfsucht in Stade, Stade 1772; Rödder, Von der in Deutschland grassirenden Seuche etc., Frankf. 1772; Taube, K. in Celle, Götting. 1782; vgl. Mutterkorn.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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