Roman [1]


Roman [1]

Roman, eine Gattung der neueren Literatur, welche namentlich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Aufnahme gekommen ist, die weiteste Ausdehnung u. Verbreitung erfahren hat u. gewissermaßen dazu berufen scheint der neuern Zeit zum Ersatz für die epischen Dichtungen der früheren Jahrhunderte zu dienen. In der weitesten Bedeutung des Worts nennt man im gewöhnlichen Leben jede Erzählung, welche eine erdichtete Begebenheit ebenso darstellt, als wäre sie wahr u. in Wirklichkeit geschehen. In dieser Weise würden auch die Novelle, die Sage, die Erzählung, das Mährchen in das Gebiet des R-s fallen; doch sind diese Gattungen der erzählenden Poesie nur Geschwister u. Verwandte des R-s im engeren Sinne. Da die Grenzlinien jedoch schwer zu ziehen sind, so ist es nicht leicht, das Wesen des eigentlichen R-s schärfer zu bestimmen, wie sich denn auch in der Literatur selbst mancherlei Übergänge, z.B. zwischen R. u. Novelle, finden. Als erstes charakteristisches Merkmal ist festzuhalten, daß er eine erdichtete u. in sich abgerundete Begebenheit enthalten muß, welche sich jedoch durch ausführliche Entwickelung der in ihr wirkenden Motive u. Charaktere zu einer fortlaufenden Handlung gestaltet. Gewöhnlich läßt der R. einen Charakter (den Helden des R-s) hervortreten, auf welchen alle erzählte Begebenheiten in Bezug stehen müssen, u. diese sind um so interessanter, je mehrfach durchkreuzt sie durch Neben- u. Zwischenhandlungen (Episoden) sind, welche jedoch mit dem Gange der Geschichte in unverkennbarem Zusammenhang stehen u. auf die Entwickelung einen wesentlichen Einfluß haben müssen u. im Verhältniß zum Ganzen einzeln nicht zu ausgesponnen sein dürfen (dadurch unterschieden von der Novelle). Es muß demnach Alles, was im R. erzählt wird, mit dem Laufe der Welt übereinstimmen, die Charaktere aus dem Leben genommen sein, in der Entwickelung derselben die innere u. relative Möglichkeit, die Beschaffenheit des menschlichen Herzens u. der Leidenschaften mit allen Farben u. Schattirungen, welche sie durch Individualität, Erziehung u. die weitern Verhältnisse bekommen, genau beibehalten u. dargestellt, dabei auch das Land-, Ort- u. Zeitgemäße, wohin die Erzählung versetzt wird, genau beobachtet werden. Weil es hier Wahrheit gilt, so dürfen die Helden des R-s auch nicht vollendete Muster der Tugend, nicht frei von menschlichen Fehlern u. Schwächen sein, aber groß in ihrem Verhältniß u. ausgezeichnet in ihrem Fach u. ihrer Stellung. Unwahrscheinlichkeit ist nicht Unwahrheit; der Zufall kann hier herrschen, in so fern er den Handlungen eine andere bestimmte Richtung gibt, ohne dem Charakter wesentlich dadurch zu schaden. In Bezug auf die äußere Gestaltung muß der R. die Form der Erzählung behaupten; das Dramatische in den Wechselreden der Personen, zu denen er öfter seine Zuflucht nimmt, darf nicht als Hauptsache hervortreten; es darf sich daher die Begebenheit nur in der Erzählung, nicht durch dramatische Vorstellung entwickeln. Der Gegenstand des R-s kann so mannigfaltig sein, als das Leben selbst ist, wie denn auch in der That in neuerer Zeit fast alle Verhältnisse des Lebens in den R. aufgenommen worden sind. Die ersten Spuren des R-s finden sich bei den Griechen, doch erst in nachchristlicher Zeit, da die älteren sogenannten Milesischen Mährchen u. in anderer Weise die Cyropädie Xenophons nur mit Unrecht auf dieses Gebiet gezogen werden. Doch[298] auch die griechischen R-e des Antonius Diogenes, Lucius aus Paträ, Jamblichus u. Späterer, sowie die der Römer (Appulejus etc.) haben nur weniges mit dem modernen R. gemein. Als Vorläufer des letztern kann der Ritterroman des Mittelalters gelten, welcher bes. im nördlichen Frankreich seine Heimath hatte, seine Stoffe dem Ritterthum entnahm (s. Ritterpoesie) u. sich einerseits nach den Niederlanden, Deutschland u. England, andererseits nach Spanien u. Italien verbreitete. Anfangs bewegte er sich noch in gebundener Rede, gegen Ausgang des Mittelalters entstanden jedoch die prosaischen Auflösungen der beliebtesten Dichtungen dieser Art, von denen wiederum ein großer Theil sich zu Volksbüchern (sd.) umgestaltete. Die letzten Nachklänge des mittelalterlichen Ritterromans enthalten die R-e von Amadis, welche noch ganz Europa durchwanderten. In Spanien erhielt der üppig wuchernde Ritterroman mit dem Don Quixote des Cervantes seinen Todesstreich, worauf in dieser neuen Richtung fortbauend durch Mendoza u. Quevedo dio Schelmen- u. Bettlerromane in Aufnahme kamen u. auch in das Ausland durch Übersetzungen u. Nachahmungen Verbreitung fanden. In Frankreich entwickelte sich neben dem immer noch beliebten Ritterroman gegen die Mitte des 16. Jahrh. der humoristisch-satyrische R., welcher in Rabelais seinen ausgezeichnetsten Vertreter, in Deutschland an Fischart einen trefflichen Bearbeiter fand. Gleichzeitig aber entstand als Gegenstück auch der galante Schäferroman, der außer in Frankreich bes. in Spanien u. Portugal viel Beifall u. Pflege fand. In England brachte das 18. Jahrh. eine Reihe von Erscheinungen hervor, welche die eigentlichen Ausgangspunkte der ganzen modernen Romanliteratur wurden u. bes. auch darum wichtig sind, weil sie auf den Gang der deutschen Romandichtung einen entschiedenen Einfluß ausübten. Dahin gehören bes. Richardson mit seinem Grandson, Fielding u. Smollet, der humoristische Sterne u. Goldsmith mit seinem Vicar of Wakefield. In Deutschland, wo neben den alten Rittergeschichten seit dem zweiten Viertel des 17. Jahrh. zahlreiche ausländische R-e aller Art übersetzt wurden u. einige Jahrzehnte hindurch die Hauptunterhaltungsbücher der gebildeteren Klassen blieben, kamen eigene Schöpfungen etwa seit Mitte des 17. Jahrh. auf, welche jedoch in Form des R-s alle möglichen Dinge behandelten. Vorherrschend wurde die Gattung der Liebes- u. Heldengeschichten od., wie sie auch öfters heißen, die Wundergeschichten, neben denen jedoch eine volksthümlichere Gattung von Prosaerzählungen entstand, welche in Grimmelshausens Simplicissimus, dem besten deutschen R-e des 17. Jahrh. ihre Vollendung fand. Letzter bildete wieder den Anknüpfungspunkt für eine lange Reihe von Robinsonaden (nach dem Vorbilde des Engländers Defoe) u. der sogenannten Avanturiers, bis um die Mitte des 18. Jahrh. der englische Familienroman auch in Deutschland heimisch wurde. Eine Reihe vortrefflicher Erscheinungen auf diesem Gebiete traten während der Glanzepoche der Deutschen Literatur ans Licht; auch in dieser Gattung der Literatur gab sich Goethe als Meister kund. Nachdem der R. eine Zeit lang durch die Novelle in den Hintergrund gedrängt worden war, wurde ihm bes. durch die R-e Walter Scotts, die bei allen abendländischen Völkern anregend wirkten, von Neuem die Liebe der Dichter wie der Leser zugewandt; bes. seit 1830 ging der deutsche R. nach allen Richtungen aus einander. Im Zeitroman suchten die Dichter die verschiedensten Tendenzen darzulegen, politische u. sociale Ideen, kirchliche u. religiöse Fragen, die Emancipation der Frauen u. der Juden wurden in der Form von R-en behandelt. Es entstanden Schilderungen aus dem Salon (High Life) u. diesen gegenüber die Dorfgeschichten; auch in Deutschland traten Seeromane u. Schilderungen aus dem militärischen Leben ans Licht. Der historische R. wurde nach den verschiedensten Seiten hin u. zum Theil vortrefflich angebaut; auch entstand der Memoirenroman, welcher berühmte Persönlichkeiten, bes. Dichter, Künstler u. Schauspieler, zu seinen Helden wählt. Über die Geschichte des R-s bei den einzelnen Nationen s. die bezüglichen Literaturartikel, z.B. Deutsche Literatur, Englische Literatur, Französische Literatur, Italienische Literatur etc. Der Name R. stammt aus Frankreich, wo im frühern Mittelalter solche Dichtungen, welche, weil für das Volk bestimmt, in der Lingua Romana u. nicht in der lateinischen Schrift- u. Gelehrtensprache abgefaßt werden. Vgl. Blankenburg, Versuch über den R., Lpz. 1771; O. L. B. Wolff, Allgemeine Geschichte des R-s, Jena 1841; Dunlop, History of fiction, 3. Aufl. Lond. 1843 (deutsch von Lebrecht, Berl. 1851).


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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