Räuber [1]


Räuber [1]

Räuber, derjenige, welcher einen Raub (s.d.) begeht, bes. den offenen Straßenraub als Geschäft u. Lebenserwerb treibt. Der Erwerb von Lebensgütern ohne Arbeit, dazu das Leben im Freien, unter Waffen u. Gefahren, der Aufenthalt in tief versteckten, wohl verwahrten Räuberhöhlen, das Zusammenleben in Banden (Räuberbanden), welche ein Räuberhauptmann mit unumschränkter Macht befehligt, sind für[842] ungebildete Gemüther sehr verlockend. Daher stehen u. standen bei den noch nicht cultivirten Völkern R. wegen ihres Muthes, ihrer Tapferkeit, selbst wegen einer gewissen Generosität, da sie die Armen u. Wehrlosen noch unterstützten, dagegen nur die Reichen zum Gegenstand ihrer Angriffe u. Ausbeutung machten, selbst in einer gewissen Achtung bei eben so Ungebildeten. Daher war in den ältesten Zeiten jeder Krieg ein Raubkrieg, u. in Griechenland gehörte im Heroischen Zeitalter Räuberei sowohl zu Lande als zur See zu den Beschäftigungen der Edeln. Zuerst reinigte Herakles den Peloponnes von R-n; eben so tödtete er in Italien den Cacus u. Lacinius, in Thessalien den Termeros u. andere R. Auch Theseus machte sich um die Vertilgung der R. verdient, indem er den Periphetes, Prokrustes, Sinis, Skiron u. Kerkyon tödtete. Nachdem so in Griechenland u. anderen Gegenden das bebaute Land von R-n gereiniget worden war, blieben bes. die unbebauten, gebirgigen Gegenden u. die Steppen Aufenthalt der R. Besonders hausten im inneren Asien u. in den Sandwüsten Afrikas ganze Räuberstämme, u. nicht selten ereignete es sich, daß ein Räuberführer mit seiner Bande die regierende Dynastie stürzte u. sich mit ihr an die Spitze eines neuen Staates stellte. Noch jetzt sind jene Landstrecken die Wohnungen der gefürchtetsten Raubvölker, in Asien der Kaukasus, die Länder der Kurden u. die Steppen am Euphrat u. Tigris u. in Afrika die inneren Sandwüsten. Das Römerreich rottete die R. beinahe ganz auf seinem Gebiet aus, nur die Grenzen wurden von kriegerischen Raubvölkern, den Parthern u. anderen Asiaten, den Skythen, Picten, Mauren, Basken u.a. beunruhigt. Fast das ganze Mittelalter ist ein Gewebe von Räubereien; am besten ging es noch in dem Reich der Franken unter Karl dem Großen u. seinen Nachfolgern, obschon die Normannen (s.d.) hier auch Raubzüge bis tief ins Land hinein thaten. Am schlimmsten war es im 10.–14. Jahrh., wo jeder Vasall auf seiner Scholle gebot u. die Vorüberreisenden nach Belieben ausplünderte. Vorzüglich trieben diese Ritter von dem Stegreif (Raubritter) ihr Wesen in Deutschland, wo die sächsischen u. schwäbischen Kaiser, u. namentlich Rudolf von Habsburg u. seine Nachfolger, in Thüringen viele Raubburgen zerstörten u. Raubritter hinrichten ließen, ohne doch dem Unwesen gründlich steuern zu können. Endlich half Maximilian I. durch den Ewigen Landfrieden u. durch Strenge dem Übel ab. In der neuesten Zeit hat das Räuberwesen in Europa fast ganz aufgehört, etwa mit Ausnahme der Staaten, wo die Regierung zu schwach ist (in Italien, der Türkei u. der Pyrenäischen Halbinsel). In Italien vereinigen sich R. bandenweise u. erwählen den Kühnsten zum Hauptmann; sie lauern auf Vorrüberreisende. Hinter Bäumen versteckt, ihre Trompones (Blunderbüchsen) angelegt, erwarten sie den herankommenden Wagen u. rufen ihm Halt! zu. Hält er nicht od. setzen sich die Reisenden zur Wehr, so geben sie Feuer u. tödten Fuhrmann u. Reisende. Hält der Wagen an, so müssen die Reisenden aussteigen u. sich platt auf die Erde legen, während die R. den Wagen u. die Taschen der Reisenden durchsuchen. Ist die Plünderung vollendet, so entfernen sich die R. u. erlauben den Reisenden unter scharfer Androhung des Todes erst nach etwa 1/2 Stunde aufzustehen. Zuweilen nehmen sie auch Personen als Geißeln mit sich, welche dann um hohe Summen ausgelöst werden müssen. Auch Gutsbesitzer u. andere wohlhabende Leute versuchen sie aus ihren Häusern wegzuschleppen u. auf gleiche Weise mit ihnen zu verfahren. Harte Strafe trifft zwar die ergriffenen R., gewöhnlich werden sie hingerichtet u. ihre Glieder auf der Straße, wo sie den Raub verübten, aufgesteckt, aber wegen des mangelhaften Polizeiwesens u. weil die Polizisten od. Verräther ihre Rache zu fürchten haben, entkommen die R. meist. Am nachdrücklichsten wurde den Räubereien zur Zeit der französischen Herrschaft Schranken gesetzt, u. auch jetzt fallen in dem österreichischen u. überhaupt in dem nördlichen Italien selten derartige Räubereien vor. Bei aller Ruchlosigkeit halten sie auf eine Art romantische Ehre, brechen selten ihr Wort, u. ihre Anführer geben, einmal von der Regierung erkauft, ihr Handwerk für immer auf u. dienen oft später der Polizei, um das Land frei von R-n zu erhalten. Auf ähnliche Weise verhält es sich mit den türkischen R-n. Diese bestehen meist aus ehemaligen Kriegern, Arnauten, Serbiern, Bosniern, Walachen. Grausamkeit u. Blutgier zeichnet die türkischen R. aus. Zuweilen gehen die türkischen R. auch wohl in stammverwandte Grenzländer, Dalmatien, Kroatien u. Siebenbürgen, über. Doch vereitelt die dortige Polizei das Überhandnehmen der R. In Spanien waren schon die Guerillas in dem Französischen Kriege halb R., halb Krieger, u. verschmähten es oft nicht, nachdem sie eine französische Abtheilung niedergemetzelt hatten, ihre Landsleute u. Kampfgenossen, Spanier u. Engländer, auszuplündern. Als die Restauration das Heer auflöste u. fast alle Civilbeamten brodlos machte, zwang die Noth viele das Räuberhandwerk zu ergreifen, u. der Staat war zu entkräftet, um ihnen Schranken zu setzen. Bes. seit die letzten Franzosen wieder aus Spanien abgezogen waren, trieben die Räuberbanden daselbst ihr Wesen kühner als je, u. dann gaben die politischen Verfolgungen oft brodlosen Soldaten u. Offizieren Vorwand zu Räubereien aller Art unter irgend einer Maske. In England gab es sonst auch R., Highwaymen, welche beritten, vermummt u. mit bemaltem Gesicht die Postkutschen od. andere Reisende anfielen, ihnen mit vorgehaltener Pistole die Börsen abfordernd. Außerhalb Europa sind die Völker Mittelasiens die gefürchtetsten R. Bes. zeichnen sich die Bewohner des Kaukasus u. die Kurden u. andere Völker an der türkisch-persischen Grenze als R. aus. Hier stürzen starke Reiterabtheilungen aus einem Hinterhalte über die Karavanen her, berauben sie u. schleppen die Mannschaft in die Sklaverei, wo sie nur ein hohes Lösegeld befreit, od. sie ewig schmachten müssen. Ähnlich verfahren die arabischen R., bei welchen, u. noch mehr bei den Mauren in Nordafrika, es bes. auf Menschenraub ankommt. Ein großer Theil des Sklavenhandels an der afrikanischen Küste wurde durch Überfälle der Negervölker unterhalten, u. Menschenraub ist hier oft der alleinige Zweck der Kriege. Auch die Räubervölker im südlichsten Amerika, größtentheils Mischlinge aus wilden Eingebornen u. spanischen Abkömmlingen, sind furchtbar. In Reiterhaufen durchstreifen sie die dortigen ungeheueren Grasebenen, überfallen die sparsam gelegenen Ansiedelungen in ihnen u. tödten Alles, was Leben hat. Dir geschickte Führung der Lassos macht sie ihren Feinden beim Widerstande vorzüglich furchtbar. R. ganz eigener Art sind die Seeräuber (Piraten), s.[843] Seeräuber. Das Interesse, welches das Räuberwesen erregt, u. der Antheil, welchen die Phantasie ungebildeter Menschen an demselben nimmt, verbunden mit dem Wohlgefallen der meisten Menschen an dem Entsetzlichen u. Grausenerregenden, ist Ursache, warum die Räubergeschichten ein so großes Interesse erregen. Sie wurden zu Ende des vorigen Jahrh. als Räuberromane ausgebildet, bes. in Deutschland, doch mit der Romantik auch in Frankreich u. in England Mode. Schillers Trauerspiel »Die Räuber« gab in Deutschland den Anstoß zu diesem Genre der Literatur, welches bes. an Cramer u. Spieß fruchtbare Bearbeiter fand, denen sich mit einzelnen Producten auch Zschokke (das Schauspiel: Abällino, der große Bandit) u. Vulpius, (Rinaldo Rinaldini) vorübergehend anschlossen. Jetzt haben solche Geschichten nur noch die niederen Klassen zu ihrem Publicum; vgl. Deutsche Literatur VI. S. 910. Auch Räuberscenen sind in der neueren Malerei Mode, bes. zeichnen sich die Räubergemälde von Robert aus.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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