Sattel [1]


Sattel [1]

Sattel, 1) der Sitz, welcher zur Bequemlichkeit des Reiters auf dem Rücken des Pferdes befestigt wird. Die Grundlage des S-s sind zwei hölzerne Bogen (Sattelbäume), Vorder- u. Hinterbaum, welche nach der Gestalt des Pferderückens gearbeitet sind u. durch zwei Querhölzer (Stege, Schaufeln) verbunden werden. Die Stege haben nach der Gestalt des Rückens eine Krümmung (Tracht). Dieses Gestelle des S-s (Sattelbaum) wird zusammengeleimt, beädert od. befleckt, d.h. mit in Fäden zertheilten Rindsflechsen bedeckt, welche aufgeleimt werden, u. endlich behäutet. Zu mehrer Festigkeit wird unter der Krümmung des Vorder- u. Hinterbaumes noch eine eiserne Platte angeschlagen. In Bezug auf das Polstern u. den Beschlag des Gestelles gibt es verschiedene Arten S. A) Bei dem deutschen S. besteht der Sattelbaum aus mehren Stücken; der Vorderbaum (Kopfgestell) besteht aus den zwei Vordertheilen u. den zwei Heftern; der Ort, wo die zwei Vordertheile an einander gefügt sind, heißt Tracht, der damit gemachte Bogen Widerhorst od. Widerriß, der obere Theil des Vorderbaumes heißt auch Halsstück u. weiter herab die Schulterstücke. Der Hinterbaum (Hintergestell) besteht aus dem Brückholze, den zwei Hinterspitzen u. den zwei Pauschenden. Zwischen dem Vorder- u. Hinterbaum werden zwei starke Längen- (Grund-, Grundsitz-)gurte genagelt u. über diese ein Stück Leinwand (Grundsitz) angeleimt. Darüber werden die auf beiden Seiten herabgehenden Satteltaschen gewöhnlich von schwarzem od. braunem, starkem geglättetem Leder od. auch von Saffian, Wildleder, Sammet od. Plüsch genagelt. Über die Taschen wird der falsche Grundsitz angebracht, er bedeckt die Gurte, die Stege u. den Raum zwischen Vorder- u. Hinterbaum, ist von einwand, mit Wolle od. Haaren ausgepolstert u. mit Leder überzogen. Unter dem Grundsitz wird der eigentliche Sitz des S-s angebracht, er ist nach der Größe der Stege abgemessen, von Leder mit Wolle od. Haaren ausgepolstert, so durchnäht, daß Streifen (Pfeifen) gebildet werden, u. an die Satteltaschen genäht. Unter dem Sattelbaume wird ein gepolstertes u. durchnähetes Kissen von Leinwand (Sattelkissen) angenagelt. Auf dem Vorderbaume sind zwei senkrechte Stücken Holz (Vorderpauschen) angebracht, welche nach innen ausgepolstert u. mit Leder beschlagen sind; auf dem Hinterbaume ist ein ähnlicher, nach dem Gefäße des Reiters gebildeter, schräger Rand (Hinterpauschen, After, Äster, Ester). Bei dem Schulsattel, welcher in der Reitschule gebraucht wird, u. bei dem ehemaligen Turniersattel sind die Vorder- u. Hinterpauschen sehr hoch, um dem Reiter einen recht sicheren Sitz zu geben. Der mehr od. wenig spitzige Winkel des Vorderbaumes endiget sich oben in einem Knopf (Sattelknopf) von verschiedener Größe u. Gestalt. Da der Reiter, wenn er mit dem Pferde stürzt, durch den Sattelknopf beschädigt werden kann, so wird er jetzt gewöhnlich weggelassen. Bei dem Fuhrmannssattel ist an der Stelle des Sattelknopfes ein Haken (Entenschnabel) angebracht, um die Zügel daran zu hängen. Der S. wird auf dem Rücken des Pferdes[943] durch einen breiten Gurt (Sattelgurt) befestigt, welcher in einem Ringe (Sattelkloben) am Stege angemacht ist, od. mit mehren Struppen (Sattelstruppen) u. Schnallen zugemacht wird. B) Der englische S. ist leichter, etwas länger, vertieft ausgeschweift u. gemeiniglich ohne Vorder- u. Hinterpauschen. Er bietet einen minder bequemen u. minder sicheren Sitz u. liegt nicht sehr ruhig auf dem Pferde. Man hat davon verschiedene Arten: der englische Wurstsattel, die Vorder- u. Hinterpauschen laufen über den S. als gepolsterte Würste; der englische Froschsattel hat Vorderpauschen, aber einen niedrigen Äster u. hinten einen Frosch od. Löffel, d.h. am hinteren Ende eine erhabene Wulst; der englische Jagdsattel hat Vorderpauschen u. keine Äster; die englische Pritsche ist kurz, hat einen schmalen harten Sitz, keine Vorderpauschen u. einen unmerklichen Äster. Die englischen S. werden außer dem eigentlichen Sattel- od. Un tergurte, noch mit einem Obergurte auf dem Pferde befestigt. C) Der alte französische S. glich dem deutschen, hatte einen kleinen od. gar keinen Sattelknopf u. After; er gewährt nach dem deutschen S. den sichersten u. bequem sten Sitz; wenn er mit Sammet od. anderen kostbaren Stoffen beschlagen war, hieß er Königssattel. D) Dem deutschen S. ähnlich ist auch der ungarische S., nur ist er einfacher, schlecht gepolstert u. beschlagen. E) Der polnische od. gemeine Husarensattel (auch ungarischer S.), hat keine Polster, sondern Leder über die Sattelbäume gezogen, zu welchen oft nur ein zwieselig gewachsenes Stück Holz (ungarischer Bock) genommen wird, daher sie auch Vorder- u. Hinterzwiesel heißen. Der Husarensattel ist jedoch häufig auch nur mit starken Riemen verbunden u. statt des Leders nur mit einem Schafpelze als Schabracke bedeckt. Dieser haltbare u. einfache, leichte u. für das Pferd bequeme, aber nicht sehr fest aufliegende S. ist bei den nomadischen Völkern Asiens allgemein in Anwendung. Der Offiziersattel ist jetzt gewöhnlich ein englischer S. An dem Reitsattel befinden sich in der Regel Steigbügel. Eine besondere Art S. ist noch der Damensattel, dessen sich gewöhnlich Frauenzimmer beim Reiten bedienen; er ist so eingerichtet, daß die Reiterin nicht mit ausgespreizten Beinen, sondern quer, das Gesicht nach der linken Seite gewendet, auf dem Pferde sitzt; er hat daher vorn eine Gabel, worin das rechte Knie ruht, u. einen kurz geschnallten pantoffelförmigen Steigbügel, worein der rechte Fuß gesetzt wird, der andere Steigbügel ist wie gewöhnlich angebracht; der ganze S. ist breiter als ein gewöhnlicher u. gehörte sonst zu den Meisterstücken der Sattler. Ferner der Feld-, Saum- od. Packsattel (s. d). Den alten Griechen u. Römern war der S. unbekannt, sie ritten selbst im Kriege auf dem nackten Pferde od. bedeckten die Reitpferde mit Fellen, Decken u. Kissen. Die Erfindung od. allgemeinere Einführung der S. fällt in die Mitte des 4. Jahrh.; oft wurden die S. luxuriös ausgestattet, so namentlich die alten Turnier- od. Rittersättel. 1380 führte Anna von Luxemburg, die Gemahlin Richards II. von England, die Damensättel ein. 2) Ein Stück Holz, welches an ein Seil gebunden wird, damit sich ein Bergmann darauf setzen u. in die Grube lassen kann; 3) bei Malzdarren das obere Gewölbe, welches auf den Seitenwänden aufliegt; 4) an der Ziehmaschine ein Stück Eisen, in welches die Platte befestigt wird, durch welche man das Fensterblei zieht; 5) ein Werkzeug zum Vogelsang, s.u. Sattelsang; 6) (Kissen), kleiner Wulst an den Bogenin strumenten, welcher das Anfliegen der Saiten auf dem Griffbret verhindert; 7) die obere Bedeckung eines doppelseitigen Wehres; 8) das Dach über das äußere Räderwerk einer Panstermühle; 9) so v.w. Galgen 3); 10) Stück Holz, durch welches eine Spindel gesteckt wird, auf demselben ruht das Gestänge einer Stangenkunst, um sich leichter bewegen zu können; 11) so v.w. Actensattel, s.u. Acten; 1 2) ehemals so v.w. Rittergut, s. Sattelhöfe; 13) der Kopf des Holländers (s.d.); 14) mit Eisenblech ausgefütterte Pfannen an der Kupferdruckerpresse; 15) die convexen od. ausspringenden Falten bei den Ammoniten, s.d.; 16) Art der Gattung Bastardmuschel.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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