Melanchthon


Melanchthon

Melanchthon (Melanthon, gräeisirt für Schwarzerd od. Schwarzerdt), Philipp, geb. 16. Febr. 1497 zu Bretten in der Rheinpfalz, wo sein Vater, Georg Schwarzerd, Rüstmeister des Pfalzgrafen war; Reuchlin (s.d.) war sein Großoheim; er besuchte seit 1507 die Lateinische Schule in Pforzheim u. seit 1509 die Universität in Heidelberg, wo er, 14 Jahre alt, Baccalaureus wurde u. die Erziehung zweier jungen Grafen von Löwenstein übernahm. In Tübingen, wohin er sich 1512 gewendet hatte, gab er schon 1513 eine Griechische Grammatik heraus, wurde 1514 Magister u. begann sofort über die alten Klassiker u. über die Philosophie des Aristoteles zu lesen; auch dirigirte er dort eine Buchdruckerei u. gab des Nauclerus Chronicon heraus; 1518 wurde er nach Wittenberg berufen, wo durch seine Vorlesungen über das N. T. sein Ruf bald so stieg, daß sich oft gegen 2000 Zuhörer um ihn versammelten; im Jugendunterricht strebte er eine humanistisch-griechische Richtung an. Luthers Freund geworden, wurde er dessen treuer Gehülfe in dem Reformationswerk der Kirche; er begleitete ihn 1519 nach Leipzig zur Disputation mit Eck, wurde in demselben Jahre in die Theologische Facultät aufgenommen, verheirathete sich am 26. Novbr. 1520 mit Katharina, Tochter des Wittenberger Bürgermeisters Hieronymus Krapp (st. 27. September 1557), versah Luthers Geschäfte während dessen Abwesenheit auf dem Reichstage in Worms 1521 u. auf der Wartburg; 1524 machte er eine Erholungsreise in seine Heimath Bretten, wohin der päpstliche Legat Campegius seinen Secretär sandte, um M. von der Sache der Reformation abzubringen. 1526 wurde er nach Nürnberg berufen, um das neue Schulwesen zu reguliren, wohnte 1527 u. 1528 der ersten Kirchenvisitation in Sachsen[101] bei u. gab eine Summa doctrinae für die Lehrer in Kirchen u. Schulen heraus. 1529 begleitete er den Kurfürsten Johann von Sachsen auf den Reichstag zu Speier, wo er gegen eine Verdammung der Schweizer Reformirten von Seiten der Katholiken entschieden protestirte, war bei dem Religionsgespräch in Marburg, auf dem er mit Zwingli disputirte, u. ging 1530 nach Augsburg zum Reichstag, für den er die Augsburgische Confession bearbeitet hatte u. nach welchem er, gegen die Consutationsschrist der Päpstlichen, die Apologie der Augsburgischen Confession verfaßte. Nach Wittenberg zurückgekehrt, mußte er wegen des Umsichgreifens der Pest mit der Universität auf einige Zeit nach Jena übersiedeln. Er war bei den Colloquien in Leipzig u. Marburg 1534 u. wurde 1535 von den Königen Franz I. u. Heinrich VIII. nach Frankreich u. England eingeladen, um in beiden. Ländern der einzuführenden Reformation die Bahn zu brechen, erhielt aber vom Kurfürsten Johann keine Erlaubniß hierzu. 1537 brachte M. mit Bucer die Wittenberger Concordie zu Stande u. verfaßte in demselben Jahre den den Schmalkaldischen Artikeln angefügten Tractat von der Gewalt u. Oberkeit des Papstes. Nachdem M. 1539 auf Einladung des Kurfürsten Joachims II. von Brandenburg nach Berlin gegangen war, um eine neue Kirchenordnung für Preußen zu verfertigen, wohnte er 1540 dem Religionsgespräch in Worms u. 1541 dem Convente in Regensburg bei; 1543 von dem Kurfürsten Hermann von Köln nach Bonn berufen, sah er sein Werk bald darauf durch die Entstehung des Erzbischofs durch einen päpstlichen Nuntius zerstört. Nach Luthers Tode 1546, als in dem ausgebrochenen Religionskriege Herzog Moritz nach Wittenberg rückte, begab sich M. nach Zerbst, dann nach Magdeburg u. Nordhausen, kehrte aber schon 1547 wieder nach Wittenberg zurück, welches er aber bald wieder verließ. In Magdeburg ungern gesehen, begab er sich nach Weimar u. von da, mit dem Titel eines fürstlichen Raths, als Professor der Theologie auf die Universität Jena, gab aber auch diese Stelle bald wieder auf, indem er vom Kurfürsten Moritz auf den Convent nach Leipzig berufen wurde. Durch seine Gelindigkeit beidem Interim gab er viel Anstoß. 1554 war er auf dem Convente in Naumburg, 1555 in Nürnberg, u. da er hier das sichere Geleit zum Tridenter Concil nicht erhielt, ging er wieder nach Torgau zurück, wohin, der grassirenden Pest halber, die Universität Wittenberg verlegt worden war, u. 1557 nach Worms, von wo er auf Einladen des Kurfürsten Otto Heinrich von der Pfalz sich nach Heidelberg begab u. dort die Universität reformirte. M. war auch in die Antinomistischen, Osiandrischen, Adiaphoristischen, Synergistischen u. Kryptocalvinistischen Streitigkeiten (s.d.) verwickelt; seine Anhänger nannte man bei der ausbrechenden Spaltung der Lutherischen Kirche Philippisten u. Kryptocalvinisten (s.d.); er st. 19. April 1560 in Wittenberg. In Nürnberg ist ihm ein Denkmal errichtet worden, auch wurde an seinem 300jährigen Todestage in Wittenberg der Grundstein zu einem solchen gelegt. M. war, als er seine öffentliche Laufbahn antrat, noch von fast knabenhaftem Äußern, aber der Reichthum seines Geistes imponirte, u. Wittenberg schätzte sich glücklich, daß es ihn besaß; er war der treueste Rathgeber u. Gehülfe Luthers, in welchem M. etwas Göttliches achtete, auch wenn ihm Luthers stürmisches Wesen oft nicht zusagte. M. mild, schüchtern u. zuweilen nachgiebig, schwankend u. ängstlich ohne Luther, besaß nicht dessen Kraft des Charakters, tiefsinniges Gemüth u. schöpferische Begeisterung; aber er war der größte Gelehrte seiner Zeit u. sein Beruf am Werke der Reformation war, das neuerwachte religiöse Leben wissenschaftlich zu erläutern u. darzustellen, weshalb er auch der Lehrer Deutschlands (Praeceptor Germaniae) genannt ward; seine innere Entwickelung zeigt nicht die Angst u. den Kampf Luthers um die ewige Seligkeit, sondern ein frommes Leben u. Liebe zur Heiligen Schrift, die er schon 1519 als alleinige Quelle des Glaubens betrachtet wissen wollte u. um deren deutsche Übersetzung er großes Verdienst hat. Schriften: a) theologische: Loci communes rerum theol., Wittenb. 1521 u.ö., deutsch 1522 (vgl. Strobel, Versuch einer Literaturgeschichte von M-s Locis, Altdorf u. Nürnb. 1776, 2. A. 1782); Confessio doctrinae saxonicarum ecclesiarum synodo tridentinae oblata, 1552 u.ö., deutsch Augsb. 1552; Corpus doctrinae christianae, Lpz 1560, Fol., u. Ausg. Strasb. 1580, deutsch Lpz. 1560, Fol.; Postilla Melanchthonia, Heidelb. 1594–1596, 8 Bde.; b) philosophische: Dialectice Wittenb. 1520 u.ö.; Philosophiae morum epitome Strasb. 1538 u.ö.; De anima, Wittenb. 1540 u.ö.; Ethicae doctrinae elementa, ebd. 1550 u.ö.; De consideratione humani corporis, Nürnb. 1552; Initia doctrinae physicae, Wittenb. 1555 u.ö.; c) rhetorische: Elementa rhetorices, ebd. 1532 u.ö.; Selectae declamationes, Strasb. 1566, Wittenb. 1571, Zerbst 1586 ff.; Orationes selectae, herausgeg. von Friedemann, Wittenb. 1822; d) philologische: Institutiones graecae grammaticae, Haag 1518 u.ö.; Grammatica latina, ebd. 1525 u.ö.; e) vermischte: Epigrammata, Wittenb. 1560 u.ö.; Epistolae, ebd. 1565–1586, u. in mehren Sammlungen. Auch hat er den Hesiodos, Virgilius, Euripides, Terentius u. einzelne Schriften von Plutarchos, Demosthenes, Cicero etc. herausgegeben, auch Luthers Lebensbeschreibung, lateinisch, Wittenb. 1548, u. Ausg. von I. Augusti, Lpz. 1820. Opera omnia, Bas. 1541 ff., 5 Bde., Fol., u. die meisten theologischen von K. Peucer herausgeg., Wittenb. 1562–1564, 4 Bde.; Auswahl von. Köthe, Lpz. 1828 f., 6 Bde.; Gesammtausgabe begonnen im Corpus Reformatorum, von Bretschneider, nach diesem von Bindseil, Halle u. Braunschw. 1834 ff. Vgl. Camerarius, De Ph. Melanchthonis ortu, totius vitae curriculo, morte narratio, Lpz. 1566, u. Aufl. von Strobel, Halle 1777, von Augusti, Bresl. 1817; Strobel, Melanchthoniana, Altdorf 1771; A. H. Niemeyer, M. als Praeceptor Germaniae, Halle 1817; Facius, M-s Leben u. Charakteristik, Lpz. 1832; Heyd, M. u. Tübingen, Tüb. 1839; Galle, Charakteristik M-s als Theologen, Halle 1840, 2. Aufl. 1845; K. Matthes, M., sein Leben u. Wirken, Altenb. 1841; Burdach, M. der Lehrer Deutschlands, Hamb. 1858; Wohlfahrt, Ph. M., Lpz. 1858; P. Pressel, Ph. M., Stuttg. 1860; Ad. Planck, M. Praeceptor Germaniae, Nördl. 1860.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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  • Melanchthon — (Melanthon, gräzisierter Name für Schwarzerd), Philipp, Luthers Kampfgenosse, der »Lehrer Deutschlands « (praeceptor Germaniae), geb. 16. Febr. 1497 zu Bretten in der damaligen Pfalz, gest. 19. April 1560 in Wittenberg. Sein Vater Georg M. war… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

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