Schildkröten


Schildkröten

Schildkröten (Chelonii), Ordnung der Reptilien, kenntlich an dem Schilde, welches über den Rücken u. unter den Bauch sich ausbreitet, u. in dessen Höhlung der Körper des Thiers befestigt ist u. der Kopf, die vier Füße u. der Schwanz entweder ganz, od. doch theilweise zurückgezogen werden können. Das Rückenschild (Scheibe) besteht aus acht Paar breiten, mit den Rändern u. verlängerten Dornfortsätzen der Rückenwirbel verwachsenen Rippen; das Bauchschild aus dem Brustbeine bestehend, welches aus neun Knochenplatten zusammengesetzt ist. Beide Schilder sind mit einander verbunden, so daß das Thier dadurch in zwei Schilde eingeschlossen ist, unter welche es häufig Kopf u. Beine zurückziehen kann. Rücken- u. Bauchschild werden von einer lederartigen Haut, gewöhnlicher aber von Hornplatten bedeckt; letztere zerfallen in die auf dem Rücken liegenden Wirbelplatten (Scutella vertebralia), die zunächst denselben seitlich auf den Rippen liegenden Randplatten (S. costalia) u. die auf dem Bauchschilde liegenden Brustplatten S. sternalia). Der Körper der S. ist eiförmig, nur die Hals- u. Schwanzwirbel sind beweglich; der Kopf gleicht einem Schlangenkopf, die Kiefern sind zahnlos, aber mit einem hornartigen od. häutigen Überzug versehen; Trommelhöhle u. Gaumenbogen sind unbeweglich, die Zunge ist warzig od. stachelig u. dient beim Athemholen; das Gehirn ist verhältnißmäßig sehr klein (bei einer S-e von ungefähr 80 Pfd. wiegt es nur 1 Drachme), dafür sind das Rückmark u. die Nerven desto größer; das Herz hat zwei Ohren u. eine doppelte Kammer; die Lungen sind groß u. liegen mit den übrigen Eingeweiden in einer Höhle. Die S. haben ein sehr zähes Leben; eine lebte 18 Monate ohne Nahrung, eine andere 6 Wochen ohne Gehirn, noch eine andere bewegte sich mehre Wochen ohne Kopf; der Luft entzogen blieben sie doch mehre Stunden noch am Leben. Ihr Alter sollen sie auf 100 u. mehr Jahre bringen, dabei wachsen sie langsam, werden aber zum Theil sehr groß u. schwer (die Riesenschildkröte bis auf 800 Pfd.). Ihre Fortpflanzung geschieht durch Eier mit weicher, aber pergamentähnlicher od. kalkiger Schale, aus welchen die Jungen mit einer dünnen, durchsichtigen Schale ausschlüpfen; solche Eier legt eine S-e einige Hundert (in Sand) u. läßt sie von der Sonnenwärme ausbrüten. Der Fraß besteht in Schnecken, Würmern, Fischen, zartem Fleische der Wirbelthiere, auch Gras, Salat u. Krautblättern; die gefangen gehaltenen gewöhnen sich auch an Brod. Ihr Aufenthalt ist theils im Meere (Meer-S.), theils in Süßwasser (Fluß-S.), theils auf dem Lande (Land-S.). Die in kälteren Gegenden wohnenden halten Winterschlaf. Gegen ihre Feinde dient ihnen das Schild. Das Fleisch der S. ist meist wohlschmeckend, bes. das der grasfressenden S., von einigen, z.B. von der echten Carettschildkröte, aber ungesund. Die S. werden gekocht od. gebraten zu den Leckereien gerechnet; die Schildkrötensuppe wird mit Madeira, etwas Rum u. Wurzeln (Möhren, Sellerie, Petersilienwurzeln) bereitet, in welchem Gemisch das Schildkrötenfleisch zerschnitten gekocht wird. Von der falschen Schildkrötensuppe s. Mock-Turtle Suppe. Das Fleisch ist in manchen Gegenden Westindiens ein gewöhnliches Nahrungsmittel, in Jamaica steht es mit dem Rindfleisch in gleichem Preis. Auch Leber u. Fett wird geschätzt u. die Eier schmecken gut. Die aus den Eiern gewonnene Flüssigkeit ist das Schildkrötenöl; um dasselbe zu erhalten, werden die Eier aus dem Sand gegraben, in kalfaterte Barken geworfen, mit Holzgabeln aufgebrochen u. mit den Füßen zu einem gelben Brei zerstampft, auf welchen man Wasser gießt u. so den Sonnenstrahlen aussetzt. Die Wärme treibt den öligen Bestandtheil der Eier auf die Oberfläche; man nimmt ihn dann mittelst Löffeln ab u. bringt ihn in einen Kessel, welchen man einem gelinden Feuer aussetzt. Nach u. nach wird diese fettige Masse hell u. bekommt die Festigkeit u. Farbe geschmolzener Butter. Ist sie abgekühlt, so gießt man sie in große irdene Töpfe, welche man mit Palmbaumblättern verschließt. Das gute Öl wird als Speise, das geringe als Brennöl benutzt. Dieses Öl wird bes. in Rio Negro (Brasilien) gewonnen. Die Schildkrötenschale (Schildkrot, Schildpadd) wird zu mancherlei Geräthschaften verwendet, sie ist honig- u. wachsgelb, braun u. schwärzlich geflammt, durchsichtig, hart u. läßt sich sein spalten. Das beste Schildpadd kommt von der echten Carettschildkröte (Chelonia imbricata), u. zwar liefern es die 13 Schuppen,[181] welche in der Mitte des Rückenschildes dachziegelig liegen, da hingegen die 24 kleineren Schuppen dünner sind u. geringeren Werth haben. Um die Schuppen mit einem Messer leicht vom Schilde ablösen zu können, wird dasselbe der Hitze über einem Kohlenfeuer ausgesetzt. Auch soll das Schildpadd schöner sein, wenn das Schild von dem lebendigen Thiere abgenommen ist. Das Carett kommt von der europäischen Carettschildkröte (Ch. europaea s. Caretta), welche kleinere u. ovalrunde Schuppen von geringerem Werthe hat; das neapolitanische Schildpadd kommt von der griechischen S-e (Tesiudo graeca). Das Schildpadd läßt sich fast ganz wie Horn verarbeiten u. nimmt eine sehr schöne Politur an; man kann es in heißem Wasser erweichen, zwischen warmen Pressen dünner u. ganz eben pressen, od. ihm eine beliebige Gestalt geben; man kann es sogar über dem Feuer schmelzen u. in Formen gießen; auch kann man dünne Platten fest an einander fügen, wenn man sie erst an einander paßt u. dann heiß preßt. Das Schildpadd wird zu Messer schalen, Etuis, zum Überzug der Taschenuhrgehäuse, zu Dosen u. vorzüglich zu Haarkämmen verarbeitet. Aus den größeren Schalen macht man auch Spatzierstöcke. Die Schale war schon den Alten bekannt u. diente bes. im Orient zur Verzierung der Betten vornehmer u. reicher Leute, zu gleichem Gebrauch brachte sie Carvilius Pollio nach Rom. Die S. werden eingetheilt in: 1. Familie: Ruder- od. See-S. (Chelonae), Kopf u. Beine nicht zurückziehbar, Füße flossenartig, Vorderbeine länger, die drei vorderen Zehen mit flachen Nägeln, Kiefern mit Hornüberzug, Bauchschild klein, nur durch Knorpelbänder mit dem Rückenschilde verbunden, leben im Meere; um die Eier zu legen, gehen sie auf das Land; Gattungen: See-S. (Chelonia), Leder-S. (Sphanchis). 2. Familie: Lippen-S. (Chiloti), Beine weniger flossenartig, mit deutlichen Zehen u. Schwimmhaut, wie der Kopf nicht zurückziehbar; Kiefern mit fleischigen Lippen, Nase rüsselförmig; leben in außereuropäischen Flüssen; Gattungen: Dreiklaue (Trionyx), Rachen-S. (Chelys). 3. Familie: Fluß-S. (Emydae), Kopf u. Beine etwas od. ganz einziehbar, Schilder mit Hornplatten, Zehen deutlich getrennt, mit Schwimmhaut u. großen Krallen, vorn fünf, hinten vier; an u. in süßen Gewässern; Gattungen: Fluß-S. (Emys), Klappbrust od. Dosen-S. (Cinosternon), Einklappe (Clemmys), Langschwanz- od. Alligator-S. (Chelys). 4. Familie: Land-S. (Chersinae), Rückenschild hoch gewölbt, Kopf u. Gliedmaßen völlig einziehbar, Beine dick, plump, mit verwachsenen Zehen, vorn fünf, hinten vier Krallen; leben auf dem Lande in wärmeren Gegenden; Gattung: Land-S. (Testudo). Den Alten war die S-e Symbol der Dichtkunst, weil Hermes zuerst die Leier aus der Schale einer S-e gebildet hatte; auch war die S-e dem Pan geheiligt. Man kennt bereits die Überreste von mehr als 60 vorweltlichen Arten (Cheloniten, s.d.).


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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