Schleier


Schleier

Schleier, 1) leichtes, locker gewebtes, einigermaßen durchsichtiges Zeug aus Leinen od. Baumwolle (vgl. Linon); man hat weißen u. gefärbten, glatten u. gemusterten S. Die feineren Arten heißen auch Schleierflor, die stärkeren Schleierleinwand, s. Leinwand; 2) ein Stück solches seines Zeug, welches bei uns vorzüglich von den Frauen zur Bedeckung des Kopfes u. des Gesichts, anderwärts zugleich der Brust od. des ganzen Körpers benutzt wird. Wird es zu einer Kopfbedeckung gebraucht, welche hoch in die Höhe gebt u. mit Draht ausgesteift ist, so heißt es Schleierhaube; bedeckt es mehr das Gesicht u. die Brust, Schleierkappe.– Bei allen Völkern des Alterthums war es Sitte der Weiber S. zu tragen. Bei den griechischen Weibern verhüllte der S. (Kredemnon, Kalyptron, Kalymma) nicht das ganze Gesicht, sondern blos den oberen Theil des Kopfes bis an die Augen u. fiel dann über die Wangen bis auf die Schultern herab, daß man sich auch das Gesicht damit bedecken konnte. Nicht allein Verheirathete, sondern auch Mädchen u. selbst Sklavinnen erscheinen bei Homer mit S-n bedeckt. Bei der Trauer war der S. schwarz, sonst vermuthlich weiß, vielleicht auch bunt. Übrigens war der S. in den griechischen Mysterien als Symbol des Geheimnißvollen u. Unergründlichen bedeutsam; nicht allein trugen die in die Mysterien Eingeweihten S. um den Kopf, sondern auch die Heiligthümer u. Gottheiten wurden bei den Festen der Mysterien verschleiert getragen, so der Kopf des erschlagenen Kadmilos, die heiligen Krüge in Kanopos, die Kugel bei der bakchischen Pompa. Das verschleierte Bild der Isis (Neith) zu Sais in Ägypten stellte die in ihrem Wirken unerforschliche Natur dar. Bei den Römern gehörte der S. (Vitta) ebenfalls mehr zum Kopfputz als zur Verhüllung des Gesichts; er hing wie bei den Griechinnen bis auf die Schultern herab. Im ganzen Orient war es von jeher Sitte der Frauen im S. zu geben, bei den Hebräern hatte schon Sarah einen S. Sie hatten auch solche, welche den Kopf bis an die Stirn bedeckten u. dann in zwei Zipfeln auf die Schultern herabhingen (Radid); andere (Raol) waren in der Gegend der Augen, welche jedoch selbst frei blieben, befestigt u. bedeckten Kopf u. Brust; der große S. (Zaith) hing über den vorderen u. hinteren Kopf u. ließ nicht einmal das Auge frei. Vornehme Frauen trugen auch wohl mehre S. über einander, wenigstens gilt diese Sitte jetzt im Morgenlande noch. In der späteren Zeit waren diese S. so dünn (von Nesseltuch), daß man die verhüllten Theile hindurch erblicken konnte. Jetzt besteht der S. im Orient aus zwei Binden, von denen eine über Stirn u. Augenbrauen, die andere über Kinn u. Mund läuft, nur die Nase u. Augen bleiben frei u. werden durch einen größeren S. verdeckt. Die Orientalinnen zeigen sich sowohl zu Hause vor Fremden, als bes. auf der Straße nur mit verschleiertem Gesicht; dagegen Sklavinnen, bisweilen auch Weiber aus niederem Stande u. die Tänzerinnen, welche zugleich die Stelle der Buhlerinnen vertreten, gehen unverschleiert. Die nordischen Weiber trugen sonst auch S. von Linnen, bes. bei festlichen Gelegenheiten, aber ohne das Gesicht zu bedecken; in der Trauer wurden sie abgelegt. Der Kopfputz ist noch jetzt bei den Isländerinnen gebräuchlich, welche ihre S. aber nicht herabhängen lassen, sondern sie turbanähnlich nach oben gewunden tragen. Auch in [226] Deutschland war der S. von ältester Zeit her gebräuchlich. Mit dem Gebrauch des S-s in den Mysterien hängt vielleicht die schon alte Sitte Bräute u. verschleiern zusammen. In christlichen Landen ist der S. Symbol des Nonnenstandes (daher den S. nehmen, in das Kloster gehen) u. verheiratheter od. verheirathet gewesener Frauenzimmer. 3) Die kreisförmig um den Kopf mancher Vögel stehenden Federn.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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