Schreien


Schreien

Schreien, 1) die natürlichste Anstrengung der Stimme in lauten unarticulirten Tönen; ist einfacher, durch den Instinct gebotener Ausdruck eines lebhaften Gefühls. Da aber das Gefühl zunächst an ein Bedürfniß geknüpft ist, so ist das S. zugleich eine Naturforderung, entweder von etwas Belästigenden entledigt, od. etwas Ermangelnden theilhaftig zu werden. Es ist die erste Lebensäußerung des neugebornen Kindes, u. bleibt die Andeutung eines Mißbehagens od. des Bedürfnisses nach Nahrungsmittel, bis es sprechen lernt. Das S. des Kindes im Mutterleibe (Vagitus uterinus) ist eine vielfach aus physiologischen Gründen bestrittene, doch aber nach zerrissenen Eihäuten, abgeflossenen Wassern u. geeigneter Lage des Kindes nicht geradezu als unmöglich u. ungeschehen zu erachtende Erscheinung. Diese Möglichkeit ist bes. in der gerichtlichen Medicin von Wichtigkeit, weil ein Kind, welches im Mutterleibe geschrieen, also geathmet hat, u. dann vor geendigter Geburt gestorben ist, also todtgeboren wird, doch die, als Zeichen des nach der Geburt Statt gehabten Lebens angenommenen Veränderungen an den Lungen zeigen kann (vgl. Embryo, Geburt, Lungenprobe). Aber auch wenn der Mensch im Besitz der Sprache ist, macht das S. als natürlicher Ausdruck eines tief angeregten Gefühls sich geltend, theils als Schmerzlaut od. Freudenschrei, theils, indem es sich der Sprache zugesellt, um dieselbe eindringlicher zu machen, od. auch zur Erhöhung des Eindrucks, um entweder, Vielen u. weit in den Raum hinaus vernehmlich zu werden, od. als Andeutung aufgeregter Leidenschaft. Jedes Thier mit Lungen (mit nur seltener Ausnahme) schreit von seiner Geburt in gleicher Art angeregt. Das Geschrei bleibt aber, wiewohl die Modulationen, welche die Art des Gefühls od. des Bedürfnisses andeuten, bei ihnen Stellvertreter der Sprache. Doch wird diese Naturstimme der Thiere nicht bei allen S. genannt, nur von Eseln, Hirschen, Hafen, ja selbst Eulen, Kauzen, sagt man wohl sie schreien. Beim natürlichen S. der Menschen sind blos Selbstlauter vernehmbar, beim Kindergeschrei das E als einfachster u. zugleich als Mittellaut zwischen A u. I; im Geschrei Erwachsener aber werden alle Selbstlauter, nach Verschiedenheit der Veranlassung, warum sie schreien, vernehmbar: das A bei freudigem Geschrei u. lebhaftem Zuruf; das I bei Jammertönen u. wo Klagende in hinschwindender Kraft den Leiden sich überlassen; das O u. U, wo Reflexion u. Reaction sich in dem Gefühl mischt, welches das Geschrei erregte, Unmuth u. Erbitterung sich in Naturtönen verlauten läßt. Der Schrei An wird mehr bei plötzlichem Schmerz ausgestoßen. 2) Vom Thon, indem, wenn man ihn bei der Reinigung durchschneidet u. das Messer auf einen Stein stößt, dadurch ein kreischender Ton hervorgebracht wird.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • schreien — Vst. std. (9. Jh., duruhscrian 8. Jh.), mhd. schrī(e)n, ahd. scrīan, as. scrīan Stammwort. Zu wg. * skreia Vst. schreien , auch in afr. skrīa. Hierzu eine Erweiterung in nschw. skrika Vst. Weiter hierher me. scrǣman schreien . Das Wort hat keine… …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • schreien — schreien: Das nur im dt. und niederl. Sprachgebiet altbezeugte starke Verb mhd. schrīen, ahd. scrīan, mniederl. scrīen steht neben den schwach flektierten Verben niederl. schreeuwen, niederd. schrēwen »schreien«, engl. to scream »kreischen«.… …   Das Herkunftswörterbuch

  • schreien — [Basiswortschatz (Rating 1 1500)] Auch: • Schrei • Ruf • rufen • kreischen • weinen Bsp.: • …   Deutsch Wörterbuch

  • schreien — schreien, schreit, schrie, hat geschrien 1. Kinder, hört bitte auf, so laut zu schreien. – Ich muss arbeiten. 2. Unser Baby hat heute Nacht viel geschrien …   Deutsch-Test für Zuwanderer

  • schreien — V. (Grundstufe) sehr laut rufen oder sprechen Synonyme: brüllen, kreischen Beispiele: Sie schrie vor Schmerz. Alle schrien seinen Namen …   Extremes Deutsch

  • Schreien — 1. Am Schreien erkennt man den Esel. 2. Der muss laut schreien, der den Teufel schrecken will. Dän.: Han skal skrige høyt, som vil forskrekke fanden. (Prov. dan., 509.) 3. Der schreit allzeit, der Schläge bekommt. Schwed.: Den gnäller alltid, som …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • schreien — plärren (umgangssprachlich); brüllen; johlen; laut werden; grölen; kreischen (umgangssprachlich); krakeelen (umgangssprachlich); rufen; krähen ( …   Universal-Lexikon

  • Schreien — erstes Schreien Das Schreien ist eine Funktion der Stimme, die sich durch eine hohe Lautstärke und meist durch starke Emotionalität auszeichnet. Das Schreien ist wohl die erste kommunikative Lautäußerung des neugeborenen Menschen und stellt damit …   Deutsch Wikipedia

  • schreien — Etwas schreit zum Himmel: es klagt laut an und fordert Gottes strafende Gerechtigkeit heraus, wenn die irdische versagt. Diese Redensart und die ähnliche Wendung Etwas ist himmelschreiend beruhen auf Gen 4, 10; 18, 20; 2. Ex 3, 7. 9; 22, 22 und… …   Das Wörterbuch der Idiome

  • schreien — schrei·en; schrie, hat geschrien; [Vt/i] 1 (etwas) schreien etwas mit sehr lauter Stimme rufen ↔ flüstern <Hurra / hurra, um Hilfe schreien>: lautes Schreien hören; Die Musik war so laut, dass man schreien musste, um sich zu verständigen;… …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache