Soissons [1]


Soissons [1]

Soissons (spr. Soassong), 1) Arrondissement im französischen Departement Aisne; 22,8 QM., 73,600 Ew.; 2) Hauptstadt desselben, an der Aisne, mit steinerner Brücke über die Aisne; Sitz eines Bischofs u. eines Handelsgerichts; Kathedrale (mit Bibliothek, darin bes. viel Handschriften), altes festes Schloß, mehre Wohlthätigkeitsanstalten, 1674 gestiftete Gesellschaft für Wissenschaften u. Künste, Bibliothek, Fabriken in Leinwand, Baumwollen- u. Wollenwaaren, Leinwandbleichen, Brauereien, Handel, bes. mit Senf, Bohnen etc.; 10,000 Ew. S. hieß im Alterthum Noviodunum u. war die Hauptstadt der Suessionen im Belgischen Gallien. Unter Augustus nahm es den Namen Augusta Suessonum an, hieß auch blos Suessonae, woraus der jetzige Name entstand u. hatte ein kaiserliches Palatium. S. war die letzte Stadt, welche die Römer in Gallien besaßen, u. Ägidius u. Siagrius residirten daselbst; Chlodwig der Große zog gegen Letzteren, schlug ihn bei S. 486 u. nahm S. ein. Nach Chlodwigs. Tode u. nach der Theilung des Frankenreichs unter dessen vier Söhne wählte Chlotar I. S. zu seiner Residenz (s. Franken, Gesch. II. A) d), u. als dessen vier Söhne wieder theilten, erhielt Chilperich S. zum Antheil, s. ebd. Dessen Sohn Chlotar II. vergrößerte das Reich S. durch die Eroberungen von Austrasien u. Burgund, u. fortan blieb S. ein Theil von Neustrien. Bei S. 719 Sieg Karl Martells über Herzog Friedrich von Aquitanien u. in S. 743 Kirchenversammlung, wo den Geistlichen ein kirchliches Leben eingeschärft, u.a. die Ehe versagt, Strenge in der Ausrottung des Aberglaubens befohlen, der Genuß von Kirchengütern den Laien zugestanden wurde etc. Die zweite Kirchenversammlung 852 setzte Statuten fest über die Ungültigkeit der von abgesetzten Prälaten vollzogenen Priesterweihen. Auch die Kirchenversammlung von 866 bezogen sich darauf, da der abgesetzte Erzbischof Ebbo von Reims zu weihen fortfuhr. 923 bei S. Sieg des Grafen Robert von Paris über Karl den Einfältigen. S. kam unter den Karolingern zum Antheil Karls des Kahlen, im 10. Jahrh. an die Grafen von Vermandois (s.d.); als erster Graf von S. erscheint Guido, Sohn des Grafen Herbert III. von Vermandois; ihm folgte um 1047 sein Sohn Rainald I., welcher 1057 in der sogenannten Tour de Comtes, wo er vom König Heinrich I. belagert wurde, starb; darauf gab der König dessen Tochter Adelaide mit der Grafschaft S. an den Grafen Wilhelm von Eu. Unter ihm war die Kirchenversammlung zu S., wo der des Tritheismus beschuldigte Roscellin widerrufen mußte. Auf Wilhelm folgte 1099 sein Sohn Johann I. u. 1118 Rainald II.; unter diesem wurde 1121 eine Synode in S. gehalten, wo Abäliard[247] von dem päpstlichen Legaten Conon gezwungen wurde selbst seine Schriften zu verbrennen. Auf Rainald II. folgte als Graf dessen Bruder 1146 Ives von Nesle, Enkel Wilhelms, dessen Tochter Ramentrude an Ives von Nesle verheirathet war; auch dieser st. 1178 ohne Nachkommen, u. S. kam an Conon (Conan), Herrn von Pierre Pont, Sohn Rudolfs II. von Nesle, Besitzer von Nesle u. Falvie; alle diese Besitzungen erbte 1180 von ihm sein Bruder Rudolf III. der Gute von Nesle, auch als Dichter bekannt. Die 1201 hier gehaltene Synode betraf die Eheangelegenheiten des Königs Philipp August wegen seiner verstoßenen Gemahlin Ingeburge. Auf Rudolf III. folgten 1237 Johann II, der Gute, 1270 dessen Sohn Johann III., 1284 dessen Sohn Johann IV., 1289 dessen Sohn Iohann V. unter Vormundschaft seines Oheims, des Vicomten Rudolf von Ostel, u. da Johann V. 1297 unvermählt starb, sein Bruder Hugo. Dieser hatte blos eine Tochter, Margarethe, vermählt mit Johann von Hennegau, welche ihm 1306 folgte; auch diese hatte wieder blos eine Tochter, Johanna, welche nach Johanns Tode 1344 mit ihrem Gemahl Ludwig von Chatillon in S. folgte. Dieser blieb 1346 bei Crecy, u. Johanna führte die Vormundschaft über ihre drei Söhne, welche 1361 theilten, wo der jüngste, Guido, S. u. die Herrschaften Chimai, Argies, Clari u. Cathen bekam. Dieser ging an der Stelle seines ältesten Bruders Ludwig nach England in die Gefangenschaft u. übergab S. an Ludwig. Dieser cedirte 1366 S. wieder u. um seine Freiheit zu erlangen, verkaufte Guido 1367 S. an Enguerand VII., Herrn von Couci. Diesem folgte 1397 seine ältere Tochter Marie, seit 1396 Wittwe von Heinrich von Bar, dem Sohn des Grafen Robert von Bar, u. auf Marien folgte 1405 ihr Sohn Robert von Bar, welcher die eine Hälfte, in Folge eines zwischen seiner Mutter u. dem Herzog Ludwig von Orleans abgeschlossenen Kaufs, an dessen Sohn, Herzog Karl von Orleans, abtreten mußte, welche dann dessen Sohn Ludwig mit der Krone verband, doch so, daß sie besonders administrirt wurde, u. er schenkte sie nachher seiner Tochter Claudia, u. erst unter Heinrich II. wurde dieser Theil mit der Krone auf immer vereinigt. In der andern Hälfte folgte 1415 auf Robert von Bar dessen Tochter Johanna, welche sich 1435 mit Ludwig von Luxemburg vermählte. Auf Johanna folgte 1475 ihr ältester Sohn Johann von Luxemburg; nachher erhielt S. 1476 dessen Bruder Peter, Graf von Brienne u. 1482 dessen Tochter Marie, durch welche S. an das Haus Bourbon kam, da sie mit Franz von Bourbon vermählt war. Nach Mariens Tode 1547 kam S. an ihren Schwager Johann von Bourbon u. zuletzt an das Haus Savoyen-Carignan, in welchem die Grafen 1734 ausstarben, s. Soissons (Grafen von). Am 20. (21.) Mai 1414 wurde S. von Karl VI. erobert u. geplündert. Die letzte in S. gehaltene Synode, 1449, beschloß den Anschluß an die zu Basel erlassenen Decrete hinsichtlich der gottesdienstlichen Ordnung. In dem Kriege von 1814 wurde das blos nach alter Art durch Thurm u. Graben befestigte S. von Sacken u. Winzingerode den 3. März erobert (den feigen Commandanten ließ Napoleon erschießen), wogegen es Marmont u. Mortier den 5. März wieder einnahmen; 1815 wurde S. mit Laon von einem Theile des ersten preußischen Armeecorps eingeschlossen u. 14. Aug. nach geschlossenem Frieden übergeben.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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