Starrsucht


Starrsucht

Starrsucht (Catalepsis), diejenige Krankheit, welche entweder überhaupt nur in einem od. in mehrern, in regelmäßigen od. unregelmäßigen Perioden wiederkehrenden Anfällen die Sinnenthätigkeit, das Bewußtsein u. die Muskelbewegung gänzlich aufhebt, wobei ein verschiedener Grad von krampfhafter Zusammenziehung der Muskeln mit Steifigkeit der Glieder eintritt, indem dieselbe entweder nicht im Stande ist, die Sehnen der Glieder zu überwinden, so daß diese vielmehr, wenn man sie in die Höhe gehoben allmälig zusammensinken, od. in jeder Lage starr bleiben, so daß sich die Glieder wie Wachs biegen lassen, od. völlig starr erhalten, wie beim Starrkrampf. Der Kranke verharrt dann in den beiden letzten Fällen in der Lage u. Stellung, worin ihn der Anfall traf. Das Wesen der Krankheit besteht in einer temporären Beschränkung der Hirn- u. Nerventhätigkeit. Die S. kommt, als überhaupt seltene Krankheit, bei Frauen u. im mittlern Lebensalter häufiger. vor, als bei Männern u. Kindern, wird bes. durch psychische Ursachen, lange Beschäftigung mit einem Gegenstande, bes. einem religiösen, durch Affecte u. Leidenschaften, geistige Getränke, Würmer, unregelmäßige, fehlende Katamenien, Onanie, die Pubertätsentwicklung, Schwangerschaft, unterdrückte Ab- u. Aussonderungen, gestörte Hautausdünstung, schlimme od. gestörte Wechselfieber, Leiden des Gehirns etc. erzeugt u. kommt selten als selbständige Krankheit vor, häufiger mit anderen nervösen Erscheinungen in Verbindung, z.B. bei Hysterischen. Als unbeständige u. oft fehlende Vorboten des Anfalles beobachtet man Angst, Ohrenklingen, Schwindel, Gähnen, Kopfschmerz, Unruhe, Krämpfe, Herzklopfen, Schluchzen, Empfindung als ob von der Herzgrube Luft in die Höhe stiege etc. Gewöhnlich tritt der Anfall plötzlich ein. Das Ansehen, Puls u. Athem sind oft unverändert, od. der Puls ist klein, häufig od. stark u. langsam, das Athmen manchmal unmerklich, das [702] Gesicht geröthet od. blaß, die Hautwärme ungestört od. ungleich, Stuhl u. Urin sind unterdrückt, selten erfolgen sie unwillkürlich; die Augen sind fast immer offen, selten geschlossen, immer unbeweglich u. stier; die Pupille ist meist gegen den Lichtreiz unempfindlich. Nur als Ausnahme sind bisweilen einzelne Sinnesthätigkeiten unversehrt od. selbst erhöht. Die Anfälle dauern von 3–5 Minuten bis zu mehren Tagen u. enden unter Seufzen, Gähnen u. Dehnen der Glieder. Die Krankheit verläuft bald acut, bald chronisch. Als eine besondere Form der letztern hat man auch die Steifsucht (Catochus), wobei neben Unbiegsamkeit der Glieder Integrität der Sinne besteht, unterschieden. Der Kranke vollendet die angefangene Periode od. das Wort, welches durch den Anfall unterbrochen wurde, er weiß nichts von dem, was im Paroxysmus ihm begegnet ist, in kurzer Zeit befindet er sich dann so, wie vor dem Anfalle, welcher bald an bestimmten Tagen, Stunden wieder zurückkehrt, bald durch äußere zufällige Einwirkungen erregt wird, bisweilen längere Zeit aussetzt, aber auch öfters an einem Tage beobachtet wurde. Es verbindet sich außerdem die S. mit anhaltenden u. intermittirenden Fiebern, mit Somnambulismus, mit Schlafreden u. Exstase, mit Veitstanz. Mit der Heilung dieser Krankheiten verschwindet auch die S. Ist die S. nur symptomatische Erscheinung der Hysterie u. Entwickelungsperiode, so geht sie gewöhnlich bald vorüber u. macht anderen Symptomen Platz. Als selbständige Krankheit ist sie zwar meist gefahrlos, aber sehr hartnäckig u. oft unheilbar. Man hat eine Menge Nervenmittel dagegen empfohlen, von welchen sich jedoch keines bes. ausgezeichnet hat; am hülfreichsten hat sich bis jetzt der Magnetismus bewiesen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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  • Starrsucht — (Katalepsie), ein eigentümlicher Zustand der Muskeln, bei dem die Glieder in jeder ihnen gegebenen Stellung unwillkürlich festgehalten werden. Die S. ist keine Krankheit für sich, sondern nur ein Symptom verschiedener Krankheitszustände. Sie… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Starrsucht — Starrsucht, Katalepsie, seltener krampfartiger Krankheitszustand mit plötzlicher Unterdrückung des Bewußtseins, der freien Bewegung und der Sinnestätigkeit, wobei der Körper eine wachsartige Starre annimmt und stunden , selbst tagelang in… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Starrsucht — Starrsucht, Katalepsie, eine eigenthümliche u. seltene, bei Hysterischen, Somnambulen, auch bei bösartigen Wechselfiebern vorkommende Art von Krämpfen, bestehend in einer plötzlichen Unterdrückung der willkürlichen Bewegung, des Bewußtseins und… …   Herders Conversations-Lexikon

  • Starrsucht — Starrkrampf * * * Stạrr|sucht, die <o. Pl.> (Med.): selten für ↑Katalepsie …   Universal-Lexikon

  • Starrsucht — Stạrrsucht vgl. Katalepsie …   Das Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke

  • Starrsucht — Stạrr|sucht, die; (für Katalepsie) …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Starrsucht, die — Die Starrsucht, plur. car. bey den Ärzten, eine Art der Lähmung eines oder mehrerer Glieder, da selbige starr und unbiegsam werden und bleiben; catalepsis …   Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart

  • Starrkrampf — Starrsucht * * * Stạrr|krampf 〈m. 1u; unz.; kurz für〉 Wundstarrkrampf * * * Stạrr|krampf, der: Kurzf. von ↑ Wundstarrkrampf. * * * Starrkrampf,   der Wundstarrkrampf.   * * * Stạrr|krampf, der: kurz für ↑Wundstarrkrampf …   Universal-Lexikon

  • Scheintod — (auch lat. Vita reducta oder Vita minima = das reduzierte bzw. geringe Leben) ist eine veraltete Bezeichnung für einen Zustand, in dem ein Mensch ohne Bewusstsein war und leblos wirkte, so dass unklar war, ob er noch lebte oder tot war. Das… …   Deutsch Wikipedia

  • Vita minima — Scheintod (auch lat. Vita reducta oder Vita minima = das reduzierte bzw. geringe Leben) ist eine veraltete Bezeichnung für einen Zustand, in dem ein Mensch ohne Bewusstsein war und leblos wirkte, so dass unklar war, ob er noch lebte oder tot war …   Deutsch Wikipedia