Stoß [1]


Stoß [1]

Stoß, 1) eine schnelle u. heftige Bewegung eines Körpers gegen einen anderen. In der physikalischen Lehre vom Stoße unterscheidet man den centralen S., wenn die Richtung, in welcher sich der Schwerpunkt des stoßenden Körpers bewegt, auch durch den Schwerpunkt des gestoßenen Körpers geht; ist dies nicht der Fall, so heißt der S. excentrisch. Gerade heißt ein S., wenn jene Richtung auf der Ebene, welche beide Körper in dem Punkte des Zusammenstoßes gemeinschaftlich berührt, senkrecht steht; wenn dies nicht der Fall ist, schief. Auch macht es einen Unterschied, ob die stoßenden Körper elastisch sind, od. nicht. Unter Bewegungsgröße eines Körpers versteht man das Product seiner Masse u. Geschwindigkeit. Stoßen nun zwei unelastische Körper gerade auf einander, so drücken sie einander zusammen, wodurch sich die Geschwindigkeiten verändern, bis sie einander gleich sind, ohne daß die Summe der Bewegungsgrößen dabei verändert würde. Bewegten sich also die Körper hintereinander, der nachfolgende natürlich mit größerer Geschwindigkeit, so findet man die Geschwindigkeit, mit welcher beide Körper nach derselben Richtung den Ort des Zusammenstoßes verlassen, indem man die Summe der Bewegungsgrößen durch die Summe der Massen dividirt. Bewegten sich die Körper einander entgegen, so ist die eine Bewegungsgröße als positiv, die andere als negativ zu berechnen; man findet also die gemeinschaftliche Endgeschwindigkeit, indem man die Differenz der absoluten Bewegungsgrößen durch die Summe der Massen dividirt, u. zwar ist sie im Sinne der größeren Bewegungsgröße zu nehmen. Insbesondere ist die Endgeschwindigkeit in diesem letzteren Falle = 0, od. die Körper kommen durch den S. zur Ruhe, wenn vorher die Bewegungsgrößen absolut gleich waren. Man kann hieraus die Geschwindigkeitsänderung berechnen, welche jeder von beiden Körpern erfährt u. findet, daß sie sich umgekehrt wie die Massen verhalten. Stoßen zwei vollkommen elastische Körper auf einander, so suchen sie sich nach der Zusammendrückung mit derselben Kraft wieder auszudehnen. Der Gewinn od. Verlust an Geschwindigkeit verdoppelt sich also bei jedem von beiden Körpern; man findet daraus, daß der Unterschied der Geschwindigkeiten beider Körper nach dem S. demjenigen vor dem S. gleich, aber entgegengesetzt gerichtet ist; vollständiger ist die Geschwindigkeit nach dem S. für den einen Körper =

Stoß [1]

für den anderen =

Stoß [1]

wo C die Geschwindigkeit des sich schneller bewegenden Körpers u.M. seine Masse u. c u. m das Analoge für den andern Körper bedeutet, das obere od. untere Zeichen aber zu nehmen ist, je nachdem die Körper sich hinter einander od. gegen einander bewegen. Stößt ein elastischer Körper gegen eine feste Ebene, so wird er so zurückgeworfen, daß das im Einfallspunkte auf der Ebene errichtete Perpendikel (Einfallsloth) mit der ursprünglichen u. mit der schließlichen Richtungslinie des bewegten Körpers nach entgegengesetzten Seiten gleiche Winkel (Einfallswinkel, Zurückwerfungswinkel) bildet. Befinden sich die Schwerpunkte mehrer ruhender elastischer Körper in einer geraden Linie, u. stößt in derselben Richtung ein gleicher elastischer Körper gegen den ersten von ihnen, so bewegt sich nur der letzte mit der gleichen Geschwindigkeit fort, alle zwischenliegenden bleiben in Ruhe. Um diese Lehren vom Stoße anschaulich zu machen, hat man verschiedene Percussionsmaschinen erfunden. Stößt ein harter Körper auf einen weichen u. widersteht dieser dem Eindringen dergestalt, daß er jenem in gleichen Zeiten gleiche Geschwindigkeiten raubt, so wird die Bewegung ebenso verzögert, wie durch die Schwere beim Steigen eines Körpers. Wie bei letzterem die Höhen sich wie die Quadrate der Zeiten verhalten, u. die Zeiten wie die Geschwindigkeiten wachsen, so verhalten sich hier die Tiefen, bis zu denen ein Körper bei verschiedener Geschwindigkeit eindringen kann, wie die Quadrate dieser Geschwindigkeiten. Ein Körper mit mehr Masse dringt tiefer ein, weil bei gleicher Geschwindigkeit seine Bewegungsgröße größer ist. Der Widerstand des getroffenen. Körpers vermindert die Bewegung des anderen; ist jener schwach, so ist auch der Verlust, sowie die mitgetheilte Bewegung, gering. Die Mittheilung der Bewegung erfordert Zeit, da sie von dem gestoßenen Theilchen zu den übrigen fortgepflanzt werden muß. Eine Zimmerthür läßt sich daher wohl durch einen sanften Stoß od. Druck, nicht aber durch eine gegen sie abgeschossene Flintenkugel schließen. Dagegen schlägt letztere in eine Glasscheibe ein rundes Loch, ohne sie zu zerschmettern, was ein Faustschlag thun würde. Auf obigen Sätzen beruht auch das Sprengen der Felsen durch Pulver, wenn gleich das Bohrloch nur mit losem Sande gefüllt ist; das Abschleifen harter, ruhender Körper durch weichere Scheiben, welche rasch auf demselben gedreht werden, u. mehre andere Erscheinungen; 2) in der Fechtkunst so v.w. Stich, im Gegensatz zu Hieb, s.u. Fechtkunst I. C) u. G); 3) ein einzelner, starker Ton, welcher aus einem Blasinstrumente hervorgebracht wird; 4) plötzlicher Druck u. Knall, in Folge einer Gasentwickelung, z.B. bei Meilern (s. Gestöße unter Kohlenbrennen A); 5) so v.w. Eisgang; 6) (Minirk.), die nach dem Feinde zugewandte Seite des Minenschachtes, s.u. Mine B); 7) (Bergw.), die vordere Seite der Strossen; 8) die Wände der Stollen u. Strecken, s.u. Schacht 2); 9) (Wagn.), der hintere Theil der Nabe, s.d.; 10) an der Säge die Seite des Blattes, nach welcher die schräge Seite der Zähne steht u. ebenso der Griff an der Seite des Armes der Spannsäge; 11) eiserne Nägel mit breiten, langen Haken, welche an beiden Seiten des Rungstockes da eingeschlagen werden, wo der Stoßring des Rades an den Tragring stößt; 12) (Anstoß), eine Längenverbindung zweier Hölzer, bei welcher dieselben entweder mit rechtwinkelig verschnittenen[880] Hirnflächen (dann: stumpfer S., gerader S.), od. mit schrägen Hirnenden (schräger S.), od. auf doppelte Gehrung (Gratstoß, Gehrungsstoß) aneinander gefügt werden; 13) (Jagdw.), so v.w. Habichtsstoß; 14) der Punkt, an welchem zwei Faschinen derselben Reihe zusammentreffen, s.u. Faschinen; 15) übereinandergeschichtete Gegenstände, z.B. ein S. Holz etc.; 16) bei Vögeln so v.w. Steiß; 17) die Keule eines geschlachteten Thiers; 18) in Schlesien ein Klafterholzmaß, hält 5041 rheinische Kubikfuß; 19) in der Schweiz eine Menge Vieh, welches ungefähr 30 Gulden werth ist, daher zwei junge Rinder, od. sieben Schafe, od. eine Kuh gleich ein S.; daher 20) im Schweizercanton Glarus soviel Weideland, als für eine Kuh während des Sommers den Bedarf liefert od. einzelne Abtheilungen der Alp, welche man nach u. nach abweidet, s. Alp; 21) ein Streif Zeug, womit der Rand eines Kleidungsstückes eingefaßt wird.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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