Thessalien


Thessalien

Thessalien (Thessalĭa), der östliche Theil von Nordgriechenland, begrenzt von Macedonien, Epirus, Ätolien, Doris, Lokris u. dem Ägäischen Meere; Gebirge: an den Grenzen gegen Westen der Pindos, Lakmon u. Tymphrestos, gegen Norden das Kambunische Gebirg, der Pieros u. Olympos; im Lande im Norden der Kerketios u. Titaros, im Osten der Ossa u. Pelion, im Süden der Othrys u. Öta; einzelne Berge waren der Chalkodonios u. Narthakios; die Pässe nach Th. waren von Norden das reizende Thal Tempe (s.d.) zwischen Ossa u. Olympos: im Westen der Pheka über den Pindos u. im Süden die Thermopylen (sd.) zwischen dem Öta u. dem Meere. Das Ägäische Meer bildete zwei große Binnenbusen in Th., den Malischen u. Pagasäischen; in letzteren ragten die Vorgebirge Äanthion u. Pyrrha, in das Ägäische Meer selbst Zelasion u. Sepias; Hauptflüsse waren im No, den der Peneos, welchem unmittelbar u. mittelbar zugingen der Enipeus, Apidanos, Kuarios, Jon, Lethäos, Titaresios, Eurotas, Krausindon, Brychon, Amphrysos; im Süden der Sperchios mit Inachos, Dyras, Melas u. Asopos, Onchestos u. Amyros; von Seen waren die Böbeis, Nessonis u. Xynias die bedeutendsten. Die Völkerschaften T-s waren Talares, Deuriopes, Pelasgiötä, Magnetes, Phthiötä, Dolopes, Ötäi, Anianes u. Malienses. Der Boden Th-s war fruchtbar, bes. gab es gute Weiden für Rinder u. Pferde, weshalb die Thessalier als Reiter u. Stierbändiger berühmt waren, ebenso als Zauberer, da das Land viel medicinische Kräuter hervorbrachte; an Öl, Wein u. Getreide war es so reich, daß vondiesen Producten viel ausgeführt werden konnte. Wegen der vielen Schlangen war der Storch ein heiliges Thier u. seine Tödtung wurde wie Menschenmord bestraft. Besondere Festlichkeiten waren die Taurokathapsien (s.u. Stiergefechte). Die Sprache der Thessalier war wahrscheinlich ein griechischer Dialekt. Die Münzen zeigen Pferde u. Stiergefechte im Gepräge. Gewöhnlich theilt man Th. in die Landschaften Phthiotis im Süden, Hestiäotis im Nordwesten, Thessaliotis im Nordosten u. Pelasgiotis im Norden; Andere aber trennen von Phthiotis als eigene Gaue Dolopia, Ötäa u. Malis, u. als besondere Landschaft den nordöstlichen Küstenstrich Magnesia; noch Andere nennen als Landschaft im Norden Perrhäbia, indeß dieser Name bezeichnet nur die Wohnsitze der barbarischen Perrhäbi. Die vornehmsten Städte waren: in Hestiäotis: Oxynia, Äginion, Phaloria, Pelimnäon, Trikka, Öchalia, Gomphi, Phakion, Mylä, Ithome, Lapethos, Gonni, Oloosson, die Tripolis Azoros, Doliche u. Pythion; in Pelasgiotis: Mopsion, Metropolis, Gyrton, Larissa, Krannon, Pherä, Kynoskephalä, Skotussa; in Magnesia: Kerkinion, Böbe, Glaphyrä, Pagasä, Jolkos, Demetrias, Meliböa, Magnesia, Olizon; in Thessaliotis: Metropolis, Arne, Pharsalos; in Phthiotis: Amphanä, Thebä, Eretria, Halos, Pteleon, Larissa Kremaste, Melitäa, Lamia, Phalara, Echinos; in Dolopia: Ktimene, Kerkinion, Menelais; in Ötäa: Hypata; in Malis: Trachis, Heraklea.

Der nördliche Theil Th-s soll in ältester Zeit ein See gewesen sein, dessen Wasser sich zwischen dem Ossa u. Olympos durch das Thal Tempe einen Durchbruch gebildet habe. Als die ältesten Bewohner werden die wilden Kentauren (s.d.) im Öta u. Pelion genannt, welche von den Lapithen vertrieben, westlich in den Pindos zogen. In der geschichtlichen Zeit erscheinen Pelasger dort, welche dem Lande den Namen Argos Pelasgikon gahen; nach Hämon, einem pelasgischen Fürsten[504] sohne, soll es Hämonia genannt worden sein. Die Pelasger wichen den hellenischen Einwanderern, von diesen saßen Dorier im Norden u. Westen, Ächäer u. Äolier im Süden. Nach dem Trojanischen Kriege kamen die Thessali, nach Einigen die alten Pelasger, nach Andern Thesprotier, nach Andern Hellenen nach Th. u. unterjochten die damaligen Besitzer des Landes, welche ihnen als Penestä (s.d.) od. Thessalökĕtä Frohndienste auf ihren Äckern thun u. sie als Knechte in den Krieg begleiten mußten. Die Eroberer bildeten einen Staatenbund; diese Staaten waren meist aristokratische Republiken; das Bundeshaupt hieß Tagos. Unter den edeln Geschlechtern Th-s waren schon in den Persischen Kriegen die Aleuaden zu Larissa u. die Dynasten zu Pherä, aus Jasons Familie, ausgezeichnet. Die Aleuaden, neidisch auf die Macht der Dynasten von Pherä, strebten nach der Oberherrschaft über Th. u. hielten sich deshalb an die Perser. Da diese jedoch in Griechenland unglücklich waren, wendeten sich die Aleuaden an Philippos von Macedonien, welcher zwar Lykophron u. Pytholaos, Dynasten von Pherä, verdrängte, aber sich dann selbst in den Besitz ihres Landes setzte. Von nun an blieb Th. in Abhängigkeit von den Macedoniern, bis die Römer sich in die Angelegenheiten Griechenlands mischten. Nach der Besiegung Philipps III. von Macedonien wurde Th. bei den Isthmischen Spielen für frei erklärt, nur einzelne Städte ausgenommen, auf welche die Ätoler Ansprüche machten; nachdem aber auch die Ätoler von den Römern besiegt worden waren, kam mit jenen Städten ganz Th. unter römischen Einfluß. Zwar behielt das Land seine Verfassung, doch behandelten es die Römer wie ihr Besitzthum. Unter den Kaisern wurde es zu einer Provinz gemacht, u. weil es zu klein war, zu Macedonien geschlagen; Constantin der Große erhob es zu einer eigenen Provinz u. ordnete es der Präfectur Illyrien unter. Darauf kam es mit dem Falle des Griechischen Reiches, 1453, unter türkische Botmäßigkeit. Th. bildet gegenwärtig das Liwa Trikala (s.d.) im türkischen Ejalet Selanik (Salonichi). Vgl. Hoche, Beiträge zur Chorographie T-s, Zeitz 1838.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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