Tübinger


Tübinger

Tübinger Schule, ein Kreis von Theologen in Tübingen, Vertreter einer besonderen theologischen Richtung. A) Die ältere T. S. Nachdem sich die Tübinger Theologen der seit Brenz u. Andreä in Württemberg geltenden streng lutherischen Richtung zugeneigt u. dieselbe vertheidigt hatten,-machte sich im 18. Jahrh. eine mildere, im Geiste von Calixtus u. Spener wirkende, dem Schulgezänk ab- u. dem Leben zugewendete Richtung bemerklich, welche namentlich den im 18. Jahrh. hervortretenden, gegen das kirchliche System u. die Schriftlehre kämpfenden destructiven Tendenzen durch eine der veränderten Bildung der Zeit entsprechende Form, in welche sie die alten unvergänglichen Religionswahrheiten brachte, entgegenzuwirken suchte. Der Begründer dieser Richtung war Gottlob Christian Storr (s.d. 2), welcher zunächst das Ansehen der göttlichen Offenbarung in der Bibel als das Fundament der theologischen Anschauung bezeichnete, deshalb die Authentie u. Integrität, wie die Axiopistie auf historisch-kritischem Wege feststellte, die Lehrsätze in grammatisch-historischer Weise daraus entwickelte u. auf diesem Grunde Christum als den höchsten, göttlich beglaubigten Gesandten Gottes anerkannte, daraus aber das Ansehen u. die Wahrheit der in den biblischen Büchern niedergelegten Lehren ableitete u. als alleinige Norm des Glaubens u. der Lehre annahm. Zu dem Behuf legte er kein Gewicht auf die Erfahrungen von der Herrlichkeit des Christenthums, welche der Christ in seinem eigenen Gemüthsleben macht, sondern er suchte vor Allem durch die historischen Beweismittel, wie Wunder, Weissagungen etc. die außerordentliche Offenbarung Gottes in Christo nachzuweisen u. stellte aus den gewonnenen Schriftlehren die christliche Glaubens- u. Sittenlehre auf, wobei er von diesem Grunde aus die Übertreibungen des orthodoxen Systems zu beseitigen wußte. Zu den bedeutendsten Nachfolgern u. Schülern Storrs gehörten Joh. Friedr. Flatt, Friedr. Gottlieb Süskind u. Karl Christian Flatt, welche in dem Geiste ihres Lehrers fortwirkten u. von denen die beiden Letzteren den Kampf gegen die Fichtesche u. Schellingische Schule führten. Zu seinen Anhängern gehört auch Ernst Gottlieb Benzel, weicht jedoch darin von der Storrschen Schule ab, daß er in der außerordentlichen Offenbarung eine übernatürliche Bestätigung der religiösen Vernunftwahrheiten findet u. sich hierdurch von dem Storrschen Supernaturalismus weg zu dem rationalen Supernaturalismus wendet. Die nachfolgenden Tübinger Theologen, wie Steudel, Kleiber, Christ. Friedrich Schmidt u. A. hielten zwar fester an den Storrschen Grundsätzen, konnten sich aber der Einwirkung der Schleiermacherschen Theologie nicht entziehen, u. nach ihrem Tode fand diese ältere T. S. keine bedeutenden Vertreter mehr. Die ältere T. S. hat dadurch, daß sie in der Zeit der seichten, alles in das Bereich der natürlichen Erklärung herabziehenden Richtung, in wissenschaftlicher Weise für eine außerordentliche Offenbarung Gottes in Christo kämpfte, der Vertheidigung des Evangeliums ersprießliche Dienste geleistet. B) Die neuere T. S. Der Begründer der selben ist Christian Ferdinand Baurs (s.d.). Sowohl er, wie die Anhänger dieser Schule, haben sich vorzüglich mit der Erforschung der Evangelischen Geschichte in den ersten christlichen Jahrhunderten u. mit der Kritik über den neutestamentlichen Canon beschäftigt u. sind hierbei zu Resultaten gekommen, welche von denen der früheren Forschungen wesentlich abweichen. Baur suchte bei seiner Beschäftigung mit der Geschichte des Urchristenthums bes. die Entstehung der biblischen Schriften des Neuen Testamentes zu erforschen; darauf beziehen sich außer mehren kleineren Schriften u. Abhandlungen in den Tübinger Theologischen Jahrbüchern die Arbeiten über die vier Evangelien, über die Pastoralbriefe u. über den Römerbrief des Apostel Paulus, über das Apostolat desselben, sowie über andere epistolische Bücher u. über das Christenthum u. die christliche Kirche der drei ersten Jahrhunderte (s.u. Baur). Die Resultate dieser Untersuchungen waren folgende: von sämmtlichen Schriften des Neuen Testamentes sind nur die Paulinischen Briefe an die Römer, Korinthier u. Galater u. die Offenbarung Johannes als unzweifelhaft echt u. in das Apostolische Zeitalter gehörend anzusehen, die übrigen erscheinen gewissermaßen als Tendenzschriften der Nachapostolischen Zeit, welche in den in der Zeit des Urchristenthums hervortretenden verschiedenen Richtungen, Entwickelungen u. damit verbundenen Kämpfen nach der einen od. anderen Seite hin geschrieben wurden. Nach der Ansicht Baurs findet sich nämlich in der christlichen Urkirche ein scharf ausgeprägter Gegensatz zwischen dem Judenchristenthum, welches von den älteren Aposteln u. namentlich von Petrus, u. dem Heidenchristenthum, welches von Paulus vertreten wurde. Diese Gegensätze machen sich schon in den Korintherbriefen bei dem Streit über die apostolische Selbständigkeit des Paulus, noch viel mehr aber im Galaterbrief bemerklich. Johannes u. Jakobus u.[913] mit ihnen die große Menge der Judenchristen wollen die Verbindlichkeit des Jüdischen Gesetzes mit allen Gebräuchen auch im Christenthum beibehalten wissen, dagegen faßt Paulus das Christenthum vom universalen Standpunkt auf u. sucht die Gültigkeit jenes Gesetzes für die Christen, wie die nationale Verschiedenheit zwischen Juden u. Heiden zu beseitigen. Der darüber unter den Aposteln entstandene Streit wurde auf der Apostelversammlung in Jerusalem zwar beigelegt, indem die Verkündigung des Evangeliums von diesen verschiedenen Standpunkten aus freigegeben wurde, er brach aber bald darauf in Antiochien wieder aus, hatte wiederholte Anfeindungen des Heidenapostels Paulus zur Folge u. die Trennung der petrinischen u. paulinischen Partei dauerte nicht blos in der Apostolischen, sondern auch in der Nachapostolischen Zeit fort. Von diesem Gesichtspunkte aus beurtheilte Baur die Schriften des N. T. u. sah in den meisten derselben nur Tendenzschriften, welche in dem Meinungskampfe jener Zeit für die petrinische od. paulinische Richtung in die Schranken traten. Unter den Evangelien, deren Echtheit bestritten u. deren Abfassung in die zweite Hälfte des 2. Jahrh. versetzt wird, reicht das des Matthäus, welches aus dem weitverbreiteten Hebräerevangelium entstand, der Zeit nach am weitesten zurück u. vertritt die Richtung des Judenchristenthums, obschon auch freiere Darstellungen des Evangeliums vorkommen, während das Evangelium des Lukas, eine Überarbeitung der Urschrift des Gnostikers Marcion, der paulinischen Richtung folgt u. das des Marcus als ein Auszug aus jenen beiden bezeichnet wird. Von Johannes rührt nur die Apokalypse her, welche das strengste Judenthum vertritt u. die größte Abneigung gegen die Heiden zeigt, u. dieser dem Judenchristenthum zugewendete Geist, welcher die Lehren vom Tausendjährigen Reich u. von der Wiederkunft Christi mit den jüdischen Hoffnungen auf das Genauste zu verflechten wußte, machte sich bes. in den von Johannes gepflegten kleinasiatischen Gemeinden geltend, weshalb hier der Montanismus (s.d.) seine Anhänger fand u. die Streitigkeiten über die Beibehaltung der jüdischen Gebräuche bei der Osterfeier sehr lebhaft geführt wurden. Hiernach kann Johannes bei seiner judaisirenden Richtung in der Apokalypse nicht zugleich der Verfasser des in freierem Geiste geschriebenen u. die Logoslehre enthaltenden vierten Evangeliums sein, vielmehr entstand dasselbe im 2. Jahrh. zur Ausgleichung der Gegensätze durch den von nun an in der Kirche herrschenden Logoschristus (vgl. darüber den Briefwechsel zwischen K. Hase u. Baur 1855). Die Apostelgeschichte muß ebenfalls einer späteren Zeit angehören, indem sie den damals herrschenden Gegensatz zwischen Petrus u. Paulus nicht kennt u. den letzteren ganz anders darstellt, als er sich selbst in seinen Briefen darstellt. Sie hat vielmehr den Zweck die früheren Gegensätze zu verdecken od. zu vermitteln. In ähnlicher Weise erscheinen alle die für unecht erklärten Briefe als Tendenzschriften späterer Zeit, welche der Versöhnung u. Ausgleichung unter den verschiedenen Richtungen dienen sollten. In diesen Kämpfen standen die älteren Apostel sämmtlich dem Apostel Paulus gegenüber u. hielten auch nach dessen Tode an ihrer judenchristlichen Ansicht fest, welche sich nach späteren Berichten bei Matthäus, Petrus u. Jakobus selbst in ihrer Lebensweise abspiegelte, bis endlich theils die immer zunehmende Zahl der Heidenchristen, theils die Zerstörung Jerusalems ihre Siegeshoffnungen sehr erschütterten, obschon sie, wie sich aus den Schriften des Hermas, Papias, Hegesippus u. A. ergibt, bis in die Mitte des 2. Jahrh. ihre Stellung, wenn auch unter manchen Modificationen, behaupteten. Allmälig glichen sich diese Gegensätze aus u. es bildete sich die altkatholische Kirche, in deren kirchlicher Gestaltung aber, z.B. in dem Episcopat, sich die judenchristliche Richtung ebensowenig verkennen läßt, wie in der Lehrentwickelung das Hervorheben der Werke neben dem Glauben u. die Betonung der Tradition u. der Autorität im Gegensatz zu den universellen Tendenzen bis herauf in die Gegenwart. Bei diesen Forschungen u. ihren Resultaten wurde Baur durch seine Schüler u. Anhänger Schwegler, Plank, Schnitzer, Köstlin, Ritschl, Volkmar u. Hilgenfeld wesentlich unterstützt, namentlich wurden die Untersuchungen über den Zweck der Apostelgeschichte von Haller, über den Montanismus u. das Nachapostolische Zeitalter von Schwegler, über die Evangelien, das Urchristenthum, den Paschahstreit u. v. a. von Hilgenfeld, über den johanneischen Lehrbegriff u. die synoptischen Evangelien von Köstlin, über die Entstehung der altkatholischen Kirche von Ritschl u. über das Evangelium des Marcion von Volkmar näher begründet u. weiter fortgeführt. Jedoch betraten diese Anhänger sehr verschiedene Wege u. kamen, obschon in einzelnen Grundanschauungen einig, zu ganz verschiedenen Resultaten. Die T. S. hat viel Aufsehen erregt u. viel Widerspruch erfahren, man sah durch ihre Arbeiten die kirchliche Lehre vom Canon in ihrem Fortbestand bedroht u. fand, daß trotz der verschiedenen Lehrtypen der gemeinsamen apostolischen Lehre eine in den Hauptpunkten hervortretende apostolische Differenz sich bemerklich mache, welche erst im 2. Jahrh. zur Einheit in der Lehre führte. Auf der anderen Seite hat man anerkannt, daß die Forschungen der T. S., wenn man auch mit ihren Ergebnissen nicht immer übereinstimmt, doch in wissenschaftlicher Beziehung sehr anregend gewesen sind, daß viele Partieen der urchristlichen Geschichte dadurch in ein helleres Licht gesetzt wurden, u. daß man hierbei den neutestamentlichen Canon nach allen Seiten hin zum Gegenstand einer tief eingehenden Kritik gemacht hat. Vgl. Mackay, The Tübingen school and its antecedents, Lond. 1863.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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