Verdacht


Verdacht

Verdacht, die aus objectiven Gründen entstandene Vermuthung, daß Jemand ein Unrecht gethan habe od. noch thun wolle. Der V. hat seine besondere Bedeutung im Criminalprocesse, theils als Grund zur Einleitung einer strafrichterlichen Untersuchung überhaupt, od. zur Vornahme eines einzelnen Untersuchungsvorschrittes, wie einer Haussuchung od. Verhaftung; theils als mögliche Unterlage für die Überführung eines Angeschuldigten. Die Verdachtsgründe führen hier den Namen Inzichten, Indicien (s.d.). Außerdem kann der V., welchen eine Partei gegen den Richter um deswillen hegt, weil sie befürchtet, daß derselbe ihre Rechtssache nicht richtig u. gesetzmäßig erörtere od. entscheide, zur Recusation (Perhorrescenz, s.u. Perhorresciren) des Richters führen. Die Verdachtsgründe müssen aber hier entweder auf ein persönliches Verhältniß des Richters zu der einen od. andern Partei, od. auf irgend ein mittelbares Interesse, welches der Richter selbst an dem Ausgange des Processes haben könnte, Bezug haben u. überdies von dem Antragsteller bewiesen werden, wozu nöthigenfalls auch der Perhorrescenzeid (s.u. Perhorresciren) dienen kann. Ein Zeuge ist verdächtig, wenn es zweifelhaft von ihm ist, ob er die Wahrheit sagen werde. Die hierbei vorkommenden Verdachtsgründe theilen sich in absolute, welche schon in den persönlichen Eigenschaften u. Verhältnissen eines Zeugen, für sich betrachtet, liegen; u. in relative, welche entweder aus dem Verhältniß des Zeugen zur Sache selbst, od. zu einem der streitenden Theile hervorgehen. In die erste Klasse gehören namentlich Unmündigkeit, Ehrlosigkeit, schlechter Lebenswandel; in die zweite besondere Vorliebe für eine Partei, Verwandtschaft mit derselben, ein besonderes Pflichtverhältniß, wie z.B. bei Dienstboten, Advocaten etc., besondere Feindschaft od. Abneigung. Die bloße Verdächtigkeit eines Zeugen hindert nicht dessen Abhörung an sich; die Entscheidung aber darüber, ob u. wie viel der Aussage des verdächtigen Zeugen zu glauben sei, hängt von den Umständen ab u. ist in der Regel dem jedesmaligen Ermessen des Richters überlassen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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  • Verdacht — Verdacht …   Deutsch Wörterbuch

  • Verdacht — wird im Deutschen seit dem 16. Jahrhundert in der Bedeutung „Übles von jemandem denken“ verwendet. Bereits im Mittelniederdeutschen existierte jedoch der vordacht in der Bedeutung von Argwohn. Das abgeleitete Adjektiv verdächtig ist in einer… …   Deutsch Wikipedia

  • Verdacht — Verdacht, auf bloßer Wahrscheinlichkeit beruhende Mutmaßung, daß jemand Urheber oder Teilnehmer einer strafbaren Handlung sei (s. Indiz). Schon ein solcher V. genügt für die Anordnung gewisser Maßregeln im Strafverfahren, so der Beschlagnahme,… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Verdacht — Verdacht, Wahrscheinlichkeit im Schlimmen. V. surtheil im Strafproceß, daß die Beweisgründe die Schuld des Angeklagten höchst wahrscheinlich, aber doch noch nicht gewiß machen (absolutio ab instantia) …   Herders Conversations-Lexikon

  • Verdacht — Sm std. (16. Jh.) Stammwort. Verbalabstraktum zu verdenken in der alten Bedeutung schlecht von jmd. denken, übelnehmen, verdächtigen . Adjektiv: verdächtig; Verb: verdächtigen. deutsch s. denken …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Verdacht — Verdächtigung; Vermutung; Misstrauen; Argwohn * * * Ver|dacht [fɛɐ̯ daxt], der; [e]s: argwöhnische Vermutung, besonders dahin gehend, dass eine bestimmte Person eine heimliche [böse] Absicht verfolge oder in einer bestimmten Angelegenheit der… …   Universal-Lexikon

  • Verdacht — Ver·dạcht der; (e)s; nur Sg; 1 ein Verdacht (gegen jemanden / etwas) die Annahme, dass jemand etwas Verbotenes oder Illegales getan hat <ein (un)begründeter Verdacht; der dringende, nicht der leiseste Verdacht; Verdacht (gegen jemanden)… …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

  • Verdacht — 1. Der Verdacht ist s Teufels. (Ulm.) 2. Ein geringer Verdacht kann ein ganzes Haus zerrütten. Dän.: Ringe mistanke kand spilde godt rygte. (Prov. dan., 416.) 3. En falsche Verdacht het Tüfelsmacht. – Sutermeister, 128. 4. Kommt Verdacht ins Haus …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Verdacht — denken: Das gemeingerm. Verb mhd., ahd. denken, got. Þagkjan, engl. to think (aengl. đencan), schwed. tänka gehört mit der Sippe von ↑ dünken zu der idg. Wurzel *teng »empfinden, denken«, vgl. z. B. alat. tongere »kennen, wissen«. Die alten… …   Das Herkunftswörterbuch

  • Verdacht — der Verdacht, e (Grundstufe) eine Vermutung, dass jmd. die Schuld an etw. trägt Beispiele: Der Verdacht fiel auf ihn. Er wurde unter dem Verdacht des Diebstahls verhaftet. Kollokation: in Verdacht geraten …   Extremes Deutsch