Weinsäure


Weinsäure

Weinsäure (Weinsteinsäure, rechtsdrehende W., Dextroracemsäure, Acidum tartaricum), – C8H4O10 + 2HO, zuerst von Scheele 1770 dargestellte organische Säure, findet sich selten frei, meist gebunden an Kali od. Kalk im Safte der Weintrauben u. des Weinstocks, in den Vogelbeeren, im Kraute von Chelidonium majus, von Rumex acetosa, in den Maulbeeren, in den Gurken, der Ananas, der Meerzwiebel etc., bildet den Hauptbestandtheil des Weinsteins, aus welchem man sie auch ausschließlich darstellt. Der rohe Weinstein, welcher hauptsächlich aus saurem weinsaurem Kali nebst etwas weinsaurem Kalk, Farbstoff u. Hefentheilchen besteht, wird gepulvert, in heißem Wasser aufgelöst u. durch Thierkohle entfärbt; aus der Flüssigkeit krystallisirt reiner Weinstein (Weinsteinrahm), welcher nun mit Wasser gekocht u. so lange mit Kreide versetzt wird, bis kein Aufbrausen mehr stattfindet u. die Flüssigkeit neutral reagirt; man hat nun unlöslichen weinsauren Kalk u. in der Lösung neutrales weinsaures Kali; letzteres wird durch Chlorcalcium ebenfalls in weinsauren Kalk übergeführt. Die vereinigten Niederschläge werden sorgfältig ausgewaschen u. noch feucht mit der erforderlichen Menge verdünnter Schwefelsäure zersetzt. Die saure Lösung wird nach dem Klären vom Gyps entfernt u. zur Krystallisation eingedampft. Die so gewonnene W. wird endlich durch Umkrystallisiren gereinigt. Die W. krystallisirt in wasserfreien großen farblosen schiefen rhombischen Säulen, zuweilen auch in sechsseitigen Tafeln, von 1,75 specifischem Gewicht; schmeckt stark, aber angenehm sauer; löst sich leicht in Wasser u. Alkohol, nicht in Äther; die Lösungen färben Lakmus stark roth; die wässerige Lösung lenkt die Polarisationsebene des Lichts nach rechts ab. Die Krystalle leuchten beim Reiben im Dunkeln u. werden beim Erwärmen thermoelektrisch. Die W. ist eine der stärksten organischen Säuren, ist zweibasisch u. bildet mit Basen die Weinsauren Salze (s.d.). Sie ist nicht flüchtig, bei 170° schmilzt sie ohne Veränderung, bei weiterem Erhitzen geht sie in Metaweinsäure, dann in Isoweinsäure u. wieder unter Wasserverlust in Weinsäureanhydrid über, bei höherer Hitze bilden sich Brenzweinsäure, Brenztraubensäure, Essigsäure, Wasser u. Kohlensäure unter Zurücklassung einer porösen Kohle. Bleisuperoxyd oxydirt die Säure schon bei gewöhnlicher Temperatur; reibt man 7 Theile getrocknete W. mit 16 Thln. Bleisuperoxyd zusammen, so kommt die Masse ins Glühen u. verglimmt unter Entwickelung von Ameisensäuredämpfen u. Kohlensäure. Bei Gegenwart von Wasser entsteht ameisensaures Bleioxyd. Chlor u. Brom verändern die W. nicht, concentrirte Salpetersäure bildet Dinitroweinsäure, beim Erhitzen Essigsäure u. Oxalsäure; schmelzendes Kali zerlegt sie in Essigsäure u. Oxalsäure, rauchende Schwefelsäure bildet Kohlenoxyd, schweflige Säure u. Kohlensäure. Die wässerige Lösung der W. reducirt Silber-, Gold- u. Platinsalze beim Kochen, man benutzt sie daher zum Versilbern von Glas. Es existiren zwei Verbindungen von der Zusammensetzung des Weinsäureanhydrids (Tartranhydrids), C8H4O10, die eine, unlösliche, wird durch Erhitzen von W. über freiem Feuer bis zum Aufblähen u. dann im Ölbad auf 150° erhalten, sie bleibt nach dem Auswaschen mit Wasser als poröse, weiße, in Wasser, Alkohol u. Äther unlösliche Masse zurück, welche bei längerem Kochen mit Wasser wieder in W. übergeht. Die andere Verbindung ist löslich, wird durch rasches Erhitzen der W. als eine gelbe, poröse, zerfließliche, sauer reagirende Masse erhalten, welche wohl nicht Weinsäureanhydrid, sondern eine eigenthümliche Säure, die Tartrelsäure, ist; sie bildet mit Basen Salze u. ist einbasisch; längeres Erhitzen auf 180° verwandelt sie in die unlösliche Form. Liebig fand die W. neuerdings unter den Producten, welche aus der Zersetzung von Milchzucker u. Gummi durch Salpetersäure hervorgehen, u. vermuthet, daß sie dabei aus Zuckersäure gebildet werde. Auch diese künstlich erzeugte W. lenkt, wie die natürliche, den polarisirten Lichtstrahl nach rechts ab. Man benutzt die W. zu Brausepulvern, in der Druckerei u. Färberei.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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