Wohnhaus


Wohnhaus

Wohnhaus (Wohngebäude), Gebäude, welches nebst den dazu gehörigen Nebengebäuden nicht für öffentliche Zwecke bestimmt ist, sondern von Privatpersonen errichtet wird u. insbesondere zum Bewohnen dient. Die Anordnung solcher Gebäude im Innern u. Äußern hängt zwar zunächst von dem Willen u. dem Bedürfnisse des Bauherrn ab, aber unter Beobachtung der feuerpolizeilichen u. Baugesetze des Landes od. Ortes, weshalb auch an den meisten Orten der Plan zu einem W. vor der Ausführung der Prüfung einer sachverständigen Baubehörde unterliegt, welche über die Beobachtung der bestehenden Baugesetze zu wachen hat. – Feste Wohnhäuser hatten zuerst Ackerbau treibende u. überhaupt an eine feste Lebensart gewöhnte Völker. Die Hebräern. die übrigen Orientalen bauten ihre Wohnhäuser aus Ziegeln, seltner aus natürlichen Steinen; Quadern u. Marmor wurden nur bei Palastbauten angewendet; die Verbindung der [318] Ziegel wurde durch Erdpech, später durch Kalk od. Gyps hergestellt u. das Gemäuer dann übertüncht. Das Gebälk war aus Sykomoren-, Oliven-, Sandel-, Tannen- u. Cedernholz. Die Wohnhäuser der Vornehmen waren meist im Viereck gebaut, in dessen Mitte ein mit Säulenhallen, Alleen u. Gallerien umschlossener, mit Marmor od. Fließen gepflasterter, mit einem Zeltdache bedeckter Hof war. Jetzt sprudelt in der Mitte des Hofs eines orientalischen W-es eine Fontäne. Das Gebäude selbst hat gewöhnlich zwei Stockwerke, zwei bedeckte Gallerien laufen unten um dieselben, längs denen lange u. schmale Zimmer mit Nischen (Marabuts) sind; oben platte u. von niedrigen Brustwehren umzogene Dächer, deren Boden mit Ziegeln od. Estrich bedeckt ist u. welche als Versammlungs- u. Erholungsplätze dienen. Zum Dache führt gewöhnlich eine schmale steinerne Treppe in einer Ecke des Hauses. Paläste hatten Vorhöfe u. bedeckte Hallen mit Bänken an der Seite. Die hintersten Zimmer waren den Weibern angewiesen. Vornehme Hebräer hatten schon früh verschiedene Sommer- u. Winterzimmer; die letzteren wurden durch einen in der Mitte stehenden Feuertopf erwärmt, welche Sitte noch jetzt im Orient besteht, indem man einen Topf von gebrannter Erde in einer runden Vertiefung des Zimmers aufstellt, u. wenn das Feuer in demselben ausgebrannt ist, darüber einen Deckel u. dann einen Teppich deckt. Übrigens waren die Zimmer mit Tafelwerk u. Malereien geziert u. die Fußböden mit bunten Back-, auch Marmorsteinen gepflastert u. mit Matten u. Teppichen belegt. Jetzt stehen Divans in den Stuben, die auch mit Schränken ausmöblirt sind, auf welche man Vasen stellt. Die Fenster gingen, um das Eindringen des Straßenstaubs zu verhindern, in den Hof u. waren mit Gittern verschlossen; nach der Straße gehen jetzt nur in der Höhe angebrachte kleine bunte Fenster. In Griechenland hatten schon die Fürsten in der Heldenzeit ansehnliche Häuser (Oikiai): zuvorderst war der Wirthschaftshof, von einer Mauer umschlossen, an dessen äußerer Seite waren steinerne Sitze u. in ihn führte ein innen verriegeltes Thor. An der Seite des Hofs waren Ställe für Maulthiere u. Rinder. Gegenüber dem Thor zwei Hallen, rechts für die Wagen, links für das Schlachtvieh, dort auch die Küche. Zwischen den Hallen führte eine Doppelpforte in den gepflasterten Vorhof, in dessen Mitte ein Altar des Zeus stand u. in welchem oft auch ein Brunnen war. Um diesen Vorhof lief die Halle (Aithusa), ein bedeckter Säulengang, in deren hinterem Theile (Prodomos) die Fremden schliefen. Um die Halle, nach außen, waren Zimmer zum Wohnen u. zur Wirthschaft. Aus der Halle ging es durch die Hausflur in den etwas tiefer liegenden Saal (Megaron), an der Seite desselben war der Schenktisch, in der Mitte zwei Reihen Säulen; im Hintergrunde führte eine Thür nach dem Arbeitssaale der Hausfrau, welcher kleiner war, weil um ihn Zimmer, z.B. das eheliche Schlafgemach, lagen. Um diesen ganzen Bau des eigentlichen W-es zog sich ein Hofraum, in diesem führten Treppen in das obere Gestock (Hyperoon) für die Weiber. Sonst waren die Wohnhäuser der Griechen, selbst in der Zeit des Perikles, nicht bedeutend, z.B. in Athen hatten die Wohnhäuser der Vornehmen gemeiniglich zwei Stockwerke, von denen das untere von den Männern, das obere von den Weibern bewohnt wurde; oben hatten sie platte Dächer, welche weit über die Häuser vorsprangen, weil aber dadurch die Straßen verfinstert wurden, so wurden später solche Dächeranlagen gesetzlich verboten. Erst nach der Zeit Alexanders des Großen that man mehr für Bequemlichkeit u. Verschönerung der Privatwohnungen. Damals wurden die Wohnhäuser zuvörderst vergrößert, u. namentlich die Frauengemächer nicht mehr über denen der Männer, sondern neben denselben angelegt. Die Wohnhäuser waren so eingerichtet: auf dem Platze vor dem Hause (Prodomos) stand ein dem Apollo geweihter Altar od. eine diesen Gott vorstellende Spitzsäule; zuweilen führten zu dem Hause selbst einige Stufen (Anabathmoi), der vordere Theil des Hauses gehörte den Männern (Andronitis); hier trat man durch die Thür (Aulia Thyra) in das Vorhaus (Thyroreion, Thyron), an dessen einer Seite sich das Gemach des Thürhüters (Thyroros), an der andern Pferdeställe sich befanden, u. dann sogleich in den mit Säulengängen (Stoai) rings umher besetzten, mit Erde bedeckten u. mit Blumen bepflanzten Hof (Aule, Peristylion); hinter den Säulengängen waren verschiedene Gemächer für die Symposien (Andron), Conversationszimmer (mit Sitzen, Exedra) u. kleinere Zimmer (Domatia, Oikemata). Aus der Aule der Andronitis führte ein Gang (Mesaulos) in die Aule der hinteren Gynäkonitis, der Abtheilung des Hauses für die Weiber; diese Aule war nur mit drei Reihen Säulen umgeben u. auf der rechten u. linken Seite derselben waren die gewöhnlichen Speisezimmer u. Kammern zu wirthschaftlichen Zwecken, an der vierten, der Thür gegenüberliegenden Seite ein offener Raum (Prostas, Parastas). An der einen Seite der Prostas lag das Schlafgemach des Herrn u. der Frau vom Hause (Thalamos, Pastas), auf der andern eine andere Kammer (Amphithalamos). Hinter der Prostas, dem Thalamos u. Amphithalamos waren Gemächer für weibliche Arbeiten (Histones), aus deren mittelsten eine Thür (Kepaia Thyra) in den Garten führte. Die Fußböden waren von Estrich, später getäfelt; die Wände ursprünglich geweißt, dann auch gemalt od. mit Tapeten behängt. Die Dächer waren meist platt, doch kamen auch hohe vor. Fenster (Thyrides) hatten die Häuser schon früh, doch erhielten die Zimmer meist das Licht durch die nach dem Peristylion führenden Thüren. Die Heizung geschah theils durch Kamine, theils durch tragbare Herde (Escharides), theils durch Kohlenbecken (Anthrakia). Für die Beherbergung der Fremden waren einige kleine Häuser zu beiden Seiten des W-es angelegt, von demselben aber durch Zwischenräume geschieden; gewöhnlich waren aber die Fremdenzimmer auch in dem Hyperoon angebracht. Obgleich die Römer die Einrichtung ihrer Wohnhäuser von den Griechen entlehnten, so waren dieselben doch den griechischen nicht ganz gleich; denn z.B. die Weiber wohnten nicht in einem abgesonderten Theil des Hauses, sondern mit den Männern zusammen. Nach Vitruvius hatte das W. (Domus) eines vornehmen Römers diese Einrichtung: vor dem Eingange in das Haus war das Vestibulum, ein von. drei Seiten eingeschlossener Raum, entweder wenn zwei Flügel des Hauses bis an die Straße reichten od. wenn die Hausthür einige Schritte in das Haus eingerückt war. Aus dem Vestibulum kam man[319] durch die Hausthür in die Hausflur (Ostium), an deren beiden Seiten Zimmer (Tabernae) waren, wo hinter der Hausthür auch der Portier (Janitor, Ostiarius) eine kleine Zelle hatte, wobei gewöhnlich der Haushund an der Kette lag. Aus dem Ostium trat man in das Atrium, den überdeckten Familien- u. Empfangsaal, wo die Imagines (s.d.) aufgestellt waren u. der Hausaltar sich befand. In der Mitte des von Säulen gestützten Daches war eine Öffnung (Impluvium) u. unter derselben ein kleines Bassin mit Cisternen für das herabfließende Regenwasser, zuweilen auch ein Springbrunnen. An den beiden Seiten des Atrium waren Wohn-, Speise- u. Ruhezimmer; dem Eingang gegenüber das Tablinum, das Geschäftslocal mit dem Familienarchiv. Neben dem Tablinum führten ein od. zwei Corridors (Fauces) in den Hof (Cavaedium), welcher mit Säulengängen (Perystilium) umgeben, mit Wasserbehältern u. Gartenanlagen (Viridaria) versehen war u. um welchen herum mehre Zimmer (Conclavia), das Studirzimmer, der Speisesaal (Triclinium, Oecus) u. die Küche (Culina) lagen. Andere Räume, um das Atrium od. das Cavädium gruppirt, waren: das Sacrarium, od. die Hauskapelle mit den Hausgöttern; das Lararium, eine Nische mit Gemälden, welche den Laren dargebrachte Opfer darstellen, worin eine Lampe brannte; die Exedra, der Xystus (s. b.), die Pinakothek, Bibliothek, Bäder, Keller, Speise- u. Ölkammer etc., die letzteren meist im Souterrain. Kleine söllerartige Vorbaue od. Balcone hießen Pergulae. Nach der Straße gingen selten Fenster, zuweilen mit dickem u. trübem Glas geschützt, gewöhnlich mit Läden geschlossen od. mit Vorhängen behängt; auf den flachen Dächern waren allerhand Sträucher u. Blumen (Solaria). Große Wohnhäuser waren gewöhnlich einstöckig, nur kleinere hatten bisweilen mehr als ein Stockwerk, zu welchem schmale, steile Treppen führten; so bekamen auch die an den Wohnhäusern liegenden Hintergebäude (Insulae) oft drei u. noch mehr Stockwerke über einander, welche an arme Leute vermiethet wurden, während die Hausherrn in dem unteren Stocke wohnten. Erst Nero untersagte die allzu hohen Bauten, weil sie bei Feuersbrünsten gefährlich waren. Der Fußboden bestand aus Estrich (Pavimentum) od. aus Mosaik; die Wände waren vor Alters geweißt, später mit Marmor belegt od. bemalt; die Decken mit Cassetten (s.d. 2), Lacunaria) verziert. Die Heizung geschah durch Kamine od. durch tragbare Öfen u. Kohlenbecken, auch durch Heizapparate unter dem Fußboden (Hypocaustum). Von den Wohnhäusern der alten Germanen. Deutschland S. 5 u. Skandinavien S. 157.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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