Wunder [1]


Wunder [1]

Wunder (Mi raculum), 1) eine Begebenheit od. ein Ereigniß, welches nach dem Laufe der Naturgesetze u. der Wirksamkeit der natürlichen Ursachen unmöglich ist u. als dessen Ursache das außerordentliche Eingreifen einer über die Natur erhabenen Macht zu denken sein würde. Dieser Begriff des W-s beruht also darauf, daß die Wirksamkeit der Naturursachen u. die Regelmäßigkeit der Naturgesetze theils überschritten, theils aufgehoben wird (absolutes W.), während im gewöhnlichen Leben W. häufig auch solche Begebenheiten genannt werden, welche man sich aus der eben vorhandenen Kenntniß der Naturgesetze nicht erklären kann (relatives W.). Ereignisse, von welchen diese Merkmale gelten, nennt man wunderbar. Dem unwissenden u. ungebildeten Verstande erscheint daher Vieles wunderbar, wofür die Naturwissenschaft den gesetzmäßigen Zusammenhang nachzuweisen sehr wohl im Stande ist; die wissenschaftliche Forschung selbst kann ihrer Natur nach niemals von der Voraussetzung eines absoluten W-s ausgehen, wo sie ein solches anzuerkennen genöthigt wäre, wäre zugleich ihre Grenze. Je nachdem ein wunderbares Ereigniß in das Gebiet der äußeren Natur od. des geistigen Lebens fällt, unterscheidet man physische u. moralische W. In der Ästhetik bezeichnet das Wunderbare in den darstellenden Künsten das Phantastische, von dem gewöhnlichen Laufe der Ereignisse Abweichende, den Naturgesetzen Zuwiderlaufende. Der zulässige Gebrauch desselben zu ästhetischen Zwecken ist in den Künsten, deren Gegenstände im Gebiete der Wirklichkeit liegen, an enge Grenzen gebunden; seine eigentliche Stelle findet es da, wo das Kunstproduct sich ganz u. gar in einer phantastischen Welt bewegt, wie namentlich in Märchen. 2) (Theol.) Thatsachen der äußern Natur od. Geschichte, die ihren Grund nicht in dem gewöhnlichen Lauf der Gesetze, sondern in höhern, göttlichen, unmittelbar eingreifenden Kräften haben. Sind diese Thatsachen durch natürliche Ursachen zu Stande gekommen, welche wir nicht kennen, so erscheinen sie uns als W., ohne es wirklich zu sein (relative W.), während bei den wirklichen W-n diese natürlichen Ursachen gar nicht vorhanden sind (absolute W.). Schon im Alten Testamente kommt der Wunderbegriff vor, jedoch so, daß damit mehr das Ungewöhnliche u. Unerwartete bezeichnet wird, weil die Natur noch nicht als ein in sich zusammenhängendes, von Gott getrenntes Ganze aufgefaßt wurde. Im Neuen Testament wird das W. als eine von der gemeinsamen Erfahrung, od. von dem gewöhnlichen Laufe der Welt abweichende Thatsache dargestellt, deren Grund in der übermenschlichen Kraft liegt, welche Gott seinem Sohne mitgetheilt hat (Matth. 12,28). Christus selbst betrachtete sie als Beweise seiner Messianität, was auch von seinen Jüngern u. vom Volk geschah (Matth. 11,3 ff.), er mißbilligte aber die Wundersucht des Volkes (Joh. 4,48). Die von Jesu und den Aposteln verrichteten W. sind ganz verschiedener Art, am öftersten kommen die Krankenheilungen vor. In der ältesten Kirche sah man in den W-n Beweismittel für die Göttlichkeit des Christenthums und wies ihnen deshalb eine. wichtige Stelle in der Apologetik (s.d.) an. Jedoch weichen die Kirchenväter darin von einander ab, daß z.B. Irenäus die Fortdauer der Wundergabe (Charisma), d.h. der besondern Kraft Wunder zu thun, in einzelnen Männern behauptete, Augustinus aber dieselben nur auf die apostolische Zeit beschränkte. Die von Heiden u. Gottlosen vollbrachten W. nannte man dämonische W. In der scholastischen Zeit wurden die W. bes. von Thomas von Aquino, Abälard u. Albertus Magnus beleuchtet u. vertheidigt, u. die an sich wunderbaren, unerklärlichen Ereignisse (Miracula) von dem, was subjectiv unerklärlich ist (Mirabile), unterschieden. Luther hielt an den W-n fest u. die altprotestantischen Dogmatiker, welche sich den scholastischen Meinungen zuneigten, stellten mehre dogmatische Unterschiede fest, z.B. äußere u. innere od. geistliche W. (Miracula naturae et gratiae), Miracula potentiae et praescientiae (Inspiration), jedoch erklärten sie sich gegen die Katholische Kirche, welche die Wiederholung der W. zu jeder Zeit zur Beglaubigung der Kirche voraussetzte. Auch die Socinianer u. Arminianer sprechen sich für die W. aus, Hugo Grotius benutzte sie zum Beweis der Göttlichkeit des Christenthums u. Leibnitz rechtfertigte das Eingreifen Gottes in die Naturgesetze, indem er dieselben einer höheren Ordnung unterstellte. Dagegen wurden vom 17. Jahrh. an viele Summen gegen die W. laut, z.B. von Spinoza vom pantheistischen Standpunkte aus, von den englischen Deisten, bes. Hume, welche Alles auf Selbsttäuschung u. Betrug zurückführten, vom Rationalismus, welcher in der Annahme der W. eine Verletzung des Moralgesetzes fand od. ein unmittelbares Eingreifen Gottes in äußere Erscheinungen geradezu verwarf. Von Schleiermacher wurde der Werth der W. für apologetische Zwecke bestritten, dabei auf die Neigung der Menschen zum Wunderglauben in Zeitperioden wichtiger religiöser Entwickelungen hingewiesen u. das Bedürfniß der W. für fromme Gemüther geläugnet. In neuester Zeit bekämpfte man die W. bes. vom Standpunkt der fortgeschrittenen Naturwissenschaft u. von dem immer mehr erkannten Zusammenhang aller Dinge. Die wichtigsten Gründe gegen die W. sind folgende: der Begriff von W-n, als außerordentlichen, ohne Mittelursachen mit Aufhebung der Naturgesetze erfolgenden u. unmittelbar von Gott selbst bewirkten Thatsachen streitet zunächst mit den Gesetzen der Vernunft, nach welchen keine Wirkung ohne eine hinreichende Naturursache erfolgen u. überhaupt kein bestimmter Unterschied zwischen natürlicher u. übernatürlicher Wirksamkeit aufgestellt werden kann; ferner steht jene Annahme in Widerspruch mit den geläuterten Vorstellungen von Gott, als einem unveränderlichen, allmächtigen, allwissenden u. allweisen Wesen, welches die Welt so geschaffen hat, daß es nicht von Zeit zu[384] Zeit einer Nachhülfe bedarf; sodann je ungebildeter ein Volk war, desto mehr Wundererzählungen waren vorhanden, was sich leicht daraus erklärt, daß in früheren Zeitaltern Vieles als außerordentlich galt, was man später aus natürlichen Gründen erklärte, so daß im Fortgange der Zeit u. Cultur immer weniger W. wurden; endlich entbehren die Wunderberichte der alten Welt der überzeugenden Kraft, da sie auf dem Glauben an die Berichterstatter beruhen, welche dem Irrthum unterworfen waren, oft auf alte Tradition u. Mythen sich beziehen u. nicht selten Ereignisse erzählen, welche nichts Wunderbares sind, ja sogar die deutlichsten Hinweisungen auf die natürlichen Ursachen enthalten. Dabei suchte man die W. zu erklären (Wundererklärungen), indem man, wie Spinoza, Paulus u. andere Rationalisten, sie auf natürliche Ursachen zurückführte, od., wie die meisten Naturalisten, als eine Mischung von Täuschung u. Betrug annahmen, od., wie Strauß im Leben Jesu, in der Wundererzählung keine Thatsache, sondern die Darstellung einer höhern Idee fand (mythische Wundererklärung). Gegen diese Wundererklärungen kämpfte bes. der Supernaturalismus, obschon er hierbei mehr an dem relativen Wunderbegriff festhielt. Die neuern Theologen, wie Nitzsch, Twesten, Rothe u. Andere, haben sich in tief eingehender Weise mit dem W. beschäftigt, indem sie auf der einen Seite einen geordneten, auf Gesetzen beruhenden Naturzusammenhang festhielten, auf der andern Seite aber denselben nach seiner innern Beschaffenheit so darstellten, daß dabei eine höhere Einwirkung statthaft erscheint, welche aber immer wieder an eine göttliche Ordnung gebunden ist. Der Zweck dieser W., welche nur von solchen Menschen verrichtet werden können, welche der Offenbarungsgeist vorzugsweise ergriffen hat u. welche nach den einzelnen Offenbarungsepochen verschieden sind, ist die Menschen anzuregen u. für das Höhere empfänglich zu machen. Vgl. Hollmann, De miraculis, Frankf. 1724; Ploncquet, De miraculorum indole, Tüb. 1755; Hume in Essays and treatises on severals subjects; W. Adams, Essay on Hume's essay on miracles, Lond. 1752; G. Campbell, Dissertation on miracles, ebd. 1762; Ammon, De notione miraculi, Gött. 1795–97; Böhme, De miraculis, 1805; Grässe, Philosophische Vertheidigung der W., Gött. 1812; v. Meyer, Dreierlei W., in den Hesperiden, 1. Samml. 135 ff.; Derselbe, Über das Wesen des W-s, in den Blättern für höhere Wahrheit, III, 54. Julius Müller, De miraculorum. Jesu Christi natura, 1839 u. 1841; I. Köstlin, De miraculorum natura et ratione, quae Christus et primi ejus discipuli fecerunt, Bresl. 1860.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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