Kinderschriften


Kinderschriften

Kinderschriften (Jugendschriften), im Allgemeinen alle Schriften, welche für den Unterricht, die Belehrung u. Unterhaltung der Jugend bestimmt sind, bes. diejenigen Schriften, welche weniger als Hülfsmittel für die eigentliche Schulbildung dienen, als vielmehr eine erheiternde u. nützliche Beschäftigung gewähren sollen, u.K. heißen dann vorzugsweise solche Schriften, welche für ein zarteres Aller berechnet sind. Der Inhalt, welcher den Gesichtskreis u. die Fassungskraft des Kindes nicht übersteigen darf, kann sehr mannigfaltig sein, doch sind es namentlich das Märchen, die Fabel u. das Lied, welche sich zunächst an die mündlichen Erzählungen der Mutter anschließen u. in früher Jugend am meisten ansprechen. Viel schwieriger ist es bei Erzählungen mit erdichtetem Inhalt, sowie bei längeren Darstellungen in roman- od. novellenartiger Form, den richtigen Ton zu treffen. Mehr für ein reiferes Alter angemessen sind geschichtliche u. biographische Darstellungen, sowie Reisebeschreibungen, die dann aber sehr anschaulich gehalten sein n, ins Einzelne angehen müssen. Größere Dichtungen für die Jugend sind zwar versucht worden, aber ohne Glück: in noch höherm Grade gilt dies von den Schauspielen für Kinder (s. Kinderschauspiele). Die Abfassung guter Ingendschriften ist mit großen Schwierigkeiten verknüpft u. erfordet ein besonderes Talent. Wesentliches Erforderniß ist eine sittlich reine u. ernste Haltung, ohne jedoch in den Ton der moralischen Vorlesung od. ausführlichen religiösen Belehrung zu Verfallen. Verhältnismäßig die tüchtigsten Jugendschriften hat Deutschland hervorgebracht; in Frankreich, wo diese Literaturgattung in ausgedehnterem Maße in Aufnahme kam, haben sich dieselben, wie z.B. die Schriften der Gräfin Genlis, doch nie ganz von Frivolität u. Eitelkeit frei gehalten. Epochemachend in Deutschland wirkte Chr. F. Weiße besonders durch seinen »Kinderfreund« (Lpz. 1775–1784, 24 Bde.), der mehrfache Fortsetzungen u. Nachbildungen (z.B. von Engelhard u. Merkel, Rochow, Wilmsen, Zerrenner, Engelmann u.A.) fand. Auf Weiße folgten im Sinne realistischer Aufklärung u. philanthropinischer Bildung I. H. Campe (s. d,), unter dessen Jugendschriften (zuerst Braunschw. 1806–9, 30 Bdch.), namentlich de »Robinson der Jüngere« unglaublichen Anklang fand, ferner der Erzieher E. G. Salzmann u. I. Glatz. Auf dem Gebiet der erdichteten Erzählung wirkte der Verfasser der »Ostereier« (1810), Christoph von Schmid, bahnbrechend; in seiner Art arbeiteten Friedrich Jacobs, sowie Houwald u. Agnes Franz weiter. Unter den Märchenbüchern für Kinder sind die Kinder- u. Hausmärchen der Gebrüder Grimm noch unübertroffen; denselben nachzueifern suchten Löhr, Bechstein, Pröhle u.A.. Als Dichter von Kinderfabeln ist vor Allem Hey glücklich gewesen; nächst ihm ist der Katholik F. Güll zu nennen, der seine Arbeiten auch auf das Lied u. den Spruch ausdehnte. Treffliches hat Robert Remise in seinem Jugendkalender geleistet. G. Pfizer u. F. Bäßler haben geschichtliche Darstellungen für die Jugend geliefert. Die fruchtbarsten Jugendschriftsteller der neuesten Zeit sind G. Nieritz u. Franz Hoffmann, die sich in allen Zweigen dieses Gebiets versuchten. Einen neuen caricaturartigen Ton hat in den letzten Jahren H. Hoffmann in seinem »Struwwelpeter« angeschlagen, der viele Nachahmungen gefunden hat. Viele Andere haben ernstere, wie namentlich geographische u. naturhistorische Stoffe für die Jugend bearbeitet u. zu Sammlungen vereinigt, wie Th. Dielitz, H. Kletke, Grube u. N,; auch fehlt es nicht an Zeitschriften mit u. ohne Illustrationen für diese Zwecke. Zu den Jugendschriften für das zartere Alter gehört auch der Orbis pictus (s.d.). Vgl. Bernhardi, Wegweiser durch die deutschen Volks- u. Jugendschriften, Lpz. 1852, mit Supplementen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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