Polypen


Polypen

Polypen, 1) in älterer Zeit so v.w. Tintenfische, bes. Octopus, s. u. Tintenfische; 2) nach Cuvier u. in neuester Zeit 13. Klasse des Thierreiches aus der Abtheilung der Pflanzen- od. Strahleuthiere; gallertartig, länglich od. kegelförmig, mit einem zusammenziehbaren Körper, einer Eingeweide höhle u. einer von Armen od. Fühlfäden umstellten[326] Mundöffnung. Außer diesen Armen findet man an ihnen keine anderen Sinnesorgane, obgleich sie gegen das Licht sehr empfindlich sind. Sie pflanzen sich durch Eier, oft aber zugleich auch durch Sprossentheilung fort; oft lösen sich die Sprossen od. Thierkeime auch nicht vom Mutterkörper ab, so daß dadurch zusammengesetzte Thiere entstehen. Da viele dieser Thiere durch ihre Gestalt u. Farbe eher an Pflanzen als an Thiere erinnern, so nannte man sie Zoophyten (Thierpflanzen) u. betrachtete den Polypen- u. Korallenstock als den Stamm u. die P. darauf als die Blumen, bis 1723 der Arzt Pryssonnel in Marseille jene Blumen als Thiere erkannte. Die P. sind entweder nackt od. mit einem mehr od. weniger harten Körper versehen, welchen sie wie eine Rinde überziehen, od. von dem sie umschlossen sind. Man theilt sie in die Ordnungen: A) Moosthiere (Bryozoa), Speisekanal nach oben wieder zurücklaufend u. mit einer Öffnung in der Nähe des Mundes endigend, da hingegen bei allen übrigen P. er nur einen blinden Sack bildet; Fühler lang, mit Flimmerwimpern, den Mund umgebend, äußerer Theil des P-s weich; Gattungen: Flustra, Retepora, Alcyonella (s. Plumatella) Eschara etc. B) Pflanzenpolypen (Phytocorallia s. Polyactinia), P. mit zwölf u. mehr nicht gefiederten, einzelnen od. in Gruppen stehenden Fühlern, Speisekanal in der Körperhöhle aufgehangen; eine äußere Öffnung des Speisekanals verrichtet den Dienst des Mundes u. Afters zugleich: a) P. mit mehr als zwölf Fühlern: aa) P., deren ganzer Körper weich u. fast lederartig, theils sich fortbewegen könnend, theils angewachsen, theils einzeln, theils in Gesellschaft vereinigt; mit den Familien der Seeanemonen (Actinina) u. der Thierblumen (, Zoanthina), mit den Gattungen Zoanthus, Mamillifera, Palythoa u. Hughea; bb) P., die eine feste Masse ausscheiden, einen steinartigen Polypen- od. Korallenstock, welcher eigentlich eine innere Verhärtung des Thieres ist; nur die Familie der Pilzkorallen (Fungina), mit den Gattungen Fungia, Polyphyllia, Herpolitha u. Haliglossa; cc) P., die einen steinernen Polypenstock absondern, welcher festsitzt; die Familien der Greiskorallen (Gyrona), mit den Gattungen Maeandra, Agaricia, Paponia etc.; b) höchstens zwölf Fühler: die Familie der Sternkorallen (Madreporina), mit den Gattungen Millepora, Madrepora, Phyllopora, Porpites, Pocillipora, Heteropora, Seriatopora, Calamopora, Ceriopora etc. C) Achtarm- od. Rindenkorallen (Octactinia s. Corticifera), Thiere mit acht Fühlern, Stamm mit horniger od. kalkiger Achse festgewachsen u. mit dünnem Kalküberzuge, den die weiche, fleischige Rinde absetzt, in welcher die Thiere in Gruben sitzen: a) die Familie der Edelkorallen (Isidea), s.d.; b) Familie der Hornkorallen (Gorgonina), mit den Gattungen Gorgonia, Plexaura, Eunicea, Antipathes u.a.; c) Familie der Röhrenod. Orgelkorallen (Tubiporina), mit der Gattung Tubipora; d) Familie der Seefedern (Pennatulina); e) Familie der Schwamm- od. Korkkorallen (Halcynonina), mit den Gattungen Halcyonium, Lobularia; f) Familie der Strauskorallen (Xenina), mit der Gattung Xenia. D) Armpolypen (Hydriformia). Fühlerzahl verschieden, Speisekanal in der Körperhaut selbst ausgehöhlt; weder von einer harten Hülle umgeben, noch dieselbe im Inneren hervorbringend; Körper gallertartig, mehr od. weniger kegelförmig: a) die Familie der Glockenpolyen, s. u. Federbuschpolypen (Sertularina), mit den Gattungen Sertularia, Campanularia, Plumularia etc.; b) Röhrenpolypen (Tubularina), mit den Gattungen Tubularia, Pennaria etc.: c) Armpolypen: die Gattungen Clava s. Coryne, Hydra. 3) (Chir.), Schleimhautgeschwülste, welche mittelst eines mehr od. weniger deutlichen Stieles in den Schleimhautsack hineinragen. Sie können sehr verschiedenen Geschwulstformen angehören, zunächst sind es Wucherungen der Schleimhaut u. des submukösen Zellstoffes (Schleimpolypen, eigentliche P.) u. finden sich vorzüglich in der Nase, im Magen, Dickdarm, zumal am Mastdarm, in der Gebärmutter, seltener im Rachen, Kehlkopf, in der Speiseröhre, im Dünndarm, in der Harnblase u. der Harnröhre. Zuweilen sind die P. Erweiterungen der Haargefäße im submukösen u. Schleimhautgewebe (Teleangiektasie) od. submuköse Fettansammlungen (Lipome); od. Fibroide (fibröse P.), neben den Schleimpolypen die häufigste Art, od. Faserstoffgerinnsel von zurückgehaltenem ausgetretenem Blute (fibrinöse P.), zumal in der Gebärmutter, wo diese Gerinnsel durch Gefäßverbindungen an die Gebärmutterwand angeheftet sind. Herzpolypen sind Faserstoffgerinnungen, welche erst nach dem Tode (falsche P.) entstehen, manchmal aber auch im Leben schon längere Zeit vor dem Tode entstanden sein sollen (wahre P.). Die eigentliche Entstehungsursache der P. ist unbekannt. Die P. sind zumeist von einer leichten Schleimhautentzündung begleitet u. haben Neigung zu Hämorrhagien, könuen die Durchgängigkeit der Schleimhautkanäle sehr behindern zumal in engen Räumen, ja selbst, wie in der Stimmritze, lebensgefährliche Erstickungszufälle bedingen Die P. können verschwären u. verknöchern. Die Heilung ist, nebst Berücksichtigung des allgemeinen Zustandes, nur durch Ausrottung des P. mit seinen Wurzeln möglich. Man sucht dies zu bewerkstelligen entweder durch Abschneiden mit einer Scheere od. dem Messer, öfter unsicher, wegen der Nichtentfernung der die Wiedererzeugung der Geschwulst bewirkenden Wurzel; od. durch die Unterbindung des P. mittelst einer Schlinge von Seide, Pferdehaaren etc., wozu es auch eigene Apparate Polypenunterbinder gibt; od. durch Ausreißen od. Ausziehen des P. mittelst einer Zange (Polypenzange), od. durch Anwendung von Ätzmitteln.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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