Wiederkäuer


Wiederkäuer

Wiederkäuer (Ruminantia, Zweihufer, Bisulca), Ordnung der Säugethiere, benannt nach der Eigenthümlichkeit, durch welche sie die verschluckte Speise zurück in das Maul bringen können, um es noch einmal zu kauen. Sie haben zu diesem Behuf einen vierfachen Magen: a) der erste (Pansen, Wanst, Wampe, Rumen, Ingluvies, Ventriculus magnus) ist der größte; in ihn kommt die nur grob zerstückelte Speise (die bei allen nur aus Vegetabilien besteht), er hat inwendig eine Menge kleiner Zäpfchen. Aus ihm geht das Futter in b) den zweiten runden, kleineren, innen zellig gebauten Magen (Haube, Mütze, Netz, Garn, Ollula, Reticulum); hier wird es eingeweicht, zu Ballen geformt, welche allmälig wieder zum Maule aufsteigen u. im ruhigen Zustande von dem Thiere völlig klar gearbeitet Von hier geht nun diese Masse in c) den dritten Magen (Buch, Psalter, Löser, Kalender, Blättermagen, Mannigfalt, Echinus, Omasum, Centipellio), den kleinsten, welcher aus einer Menge häutigen Blättern (beim Schafe über 40, beim Rind über 100) besteht Die Speiseröhre hat. ihren Ausgang in diese drei Mägen. Aus dem letzteren geht endlich der Speisebrei in d) den vierten (Laab, Ruthe, Fettmagen, Rohm, Facilus, Abomasum, Ventriculus intestinalis) über, welcher nach dem Pansen der größte u. das eigentliche Verdauungswerkzeug ist. Dies Alles ist durch folgende Einrichtung ermöglicht: die drei ersten Fächer sind unmittelbar mit der Speiseröhre verbunden, welche sich zuerst gleichmäßig in den Pansen u. der Haube öffnet u. sich dann in Form einer Rinne fortsetzt, welche sich längs des oberen Theiles der Haube hinzieht u. in den Blättermagen mündet. Das eben gegraste Futter gelangt nun zunächst in den Pansen u. von da in kleinen Portionen in die Haube, von wo, nach weiterer Durchweichung, es auf demselben Wege, auf welchem es dahin gelangte, in kleinen Portionen in den Schlund u. von da in den Mund getrieben wird, um von neuem u. sorgfältiger durchkaut zu werden. Beim wiederholten Niederschlucken geht es aber durch die gedachte Rinne, welche nun durch Muskelthätigkeit zur geschlossenen Röhre wird, in den Blättermagen u. von da in den Lab über. Flüssige od. ganz dünne Nahrungsmittel gelangen übrigens unmittelbar sogleich zum Blättermagen u. Lab. Bei saugenden Kälbern findet man daher auch die Milch sogleich nach dem Saugen im Labmagen geronnen. Die Schneidezähne im Oberkiefer fehlen bei den meisten W-n, dafür haben sie daselbst einen harten Wulst. Unten stehen aber acht Schneidezähne. Nur Kameel u. Lama haben oben zwei, unten sechs Schneidezähne. Auch die Eckzähne fehlen öfters. Die Backenzähne sind auf ihrer oberen Fläche schmelzfaltig. Manche, wie z.B. die Hirsche, haben am Auge eine Thränengrube, in welcher sich eine schmierige Feuchtigkeit absondert. An den Füßen sind zwei dreigliederige Zehen, deren letztes Glied mit einem Hufe überzogen, welcher an der Innenseite wie abgeschnitten erscheint, so daß beide zusammen wie ein in der Mitte gespaltener Huf erscheinen. Viele W. haben aber außer diesen zwei Hufen noch zwei kleinere, nicht auftretende, hinten stehende Hufe (Afterhufe). Entweder beide Geschlechter, od. nur die Männchen haben an der Stirne Hörner od. Geweihe, welche nur dem Kameel, Lama u. Moschusthiere fehlen. Bei vielen W-n findet man außer den erwähnten Thränendrüsen auch noch Klauendrüsen, in welchen über dem Hufe unter der Haut große, häutige mit Bälgen besetzte Beutel liegen, welche eine fettige, stark riechende Feuchtigkeit absondern u. vorn oberhalb der Klauenspalte sich öffnen. Die W. theilt man in Hornlose (Kameel, Lama, Moschusthier), Basthörnige (Giraffe), Geweihthiere (die Gattung Hirsch) u. Hornthiere (Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder). Unter diesen Thieren hat der [172] Mensch die für ihn am meisten durch Fleisch, Fell u.a. Theile, so wie durch Gebrauch ihrer Kräfte nutzbaren Thiere gefunden.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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