Beugung


Beugung

Beugung, 1) die Veränderung der Ausdehnung in gerader Richtung eines Gegenstandes; 2) (Anat.), Gegensatz der Ausstreckung, Muskelwirkung, durch die ein Glied, das mit einem andern in freier Gelenkverbindung steht, aus der geraden Richtung gegen denselben gebracht u. in einen Winkel zu ihm geneigt wird; die Seite, nach welcher die B. Statt findet, heißt die Beugeseite; die Muskeln, welche dieselben bewirken, Beugemuskeln (Beuger); ihre, die B. aufhebenden Antagonisten: Streckmuskeln; die Flechse, durch welche ein Beugemuskel sich an den Knochen anheftet, der vorzüglich durch ihn gebogen wird, Beugeflechse. B. des Dickdarms (Flexura coli), s. Dickdarm; ebenso machen der Zwölffingerdarm u. einzelne Arterien B-en, so die B. der inneren Carotis, s. Gehirnarterien; 3) (Phys.), a) B. der Lichtstrahlen (Inflexio od. Diffractio luminis), die Eigenschaft der Lichtstrahlen, sich nicht nur in gerader Richtung, sondern auch nach beliebigen anderen Richtungen hin fortzupflanzen. Sie kann nur da sichtbar werden, wo eine dunkle Wand die Fortpflanzung der directen Lichtstrahlen hindert u. den an der Wand vorüberstreifenden Strahlen gestattet, in den Schattenraum sich zu verbreiten. Grimaldi machte im 17. Jahrh. die erste hierher gehörige Beobachtung, Newton führte die Untersuchung im Sinne der Emanationstheorie weiter fort, ohne daß es ihm gelingen konnte, alle Erscheinungen vollständig zu erklären. Später haben namentlich Young (1800), Frauenhofer u. Schwerd die Beobachtungen vervielfältigt u. nach den Principien der Undulationstheorie vollständig erklärt, so daß die Erscheinungen der B. eine Hauptstütze der Richtigkeit der letzteren Theorie sind. Die wichtigsten hierher gehörigen Erscheinungen sind folgende: Wenn das Sonnenlicht durch eine seine Öffnung in ein dunkles Zimmer fällt, so ist der Schatten eines schmalen in den Lichtraum gestellten dunklen Körpers mit Streifen eingefaßt u. von hellen u. dunklen Streifen durchzogen. Wenn man ferner durch einen schmalen Spalt nach einem leuchtenden Punkte blickt, so sieht man neben dem direct gesehenen hellen Streifen nach beiden Seiten im Schattenraume noch eine große Zahl farbiger Streifen. Wenn man durch eine feine Öffnung von der Form eines Parallelogramms nach dem leuchtenden Punkt sieht, so stellen sich in der Umgebung des direct gesehenen hellen Parallelogramms, namentlich aber nach den beiden, den Seiten desselben entsprechenden Richtungen, Reihen von ähnlichen farbigen Bildern dar. Wenn man die Zahl der Öffnungen in regelmäßiger Anordnung vervielfacht, so wird die Erscheinung noch um vieles mannichfaltiger u. prachtvoller. Am leichtesten kann man sich dieselbe bilden, indem man durch ein dunkles seidenes Tuch nach einem entfernten Lichte sieht, noch besser, indem man durch eine Feder eines Singvogels nach einem hellleuchtenden Punkte, etwa nach dem Sonnenbild, in einem geschwärzten Uhrglas od. Metallknopf sieht. Nach der Undulationstheorie erklärt sich die Erscheinung folgendermaßen: Wie das strömende Wasser, welches durch eine Öffnung, etwa einen Brückenbogen, fließt, auch in dem Raume hinter den Pfeilern seine Wellen verbreitet, so geschieht dies auch mit den Wellen des Äthers, welche einen Lichtstrahl ausmachen. Die schwingenden Äthermolecüle, welche sich also im Spalte einer dunklen Wand befinden, sind Ausgangspunkte für Wellenzüge, welche sich von hieraus auch in den Schattenraum verbreiten. Jede Welle besteht nun aber aus einem Wellenberge u. einem Wellenthale, u. jedes in der Richtung eines Lichtstrahles befindliche Äthertheilchen wird also abwechselnd auf einen Wellenberg erhoben u. in ein Wellenthal gestürzt. Da nun aber ein seitwärts liegender Punkt von den beiden Grenzpunkten des noch so seinen Spaltes verschieden weit entfernt ist, so kommt es, daß er je nach seiner Lage entweder von dem einen Molecüle aus in derselben Zeit auf den Wellenberg versetzt wird u. von dem anderen in das Wellenthal, so daß beide Bewegungen sich aufheben u. der Punkt also noch leuchtend erscheint, od. daß er von beiden Molecülen gleichzeitig auf den Wellenberg u. in das Wellenthal versetzt wird, so daß die Schwingungen nur um so größer werden u. der Punkt leuchtet. Weil aber mit der seitlichen Entfernung des betrachteten Punktes vom leuchtenden Spalte je nach der Breite des letzteren die Zahl derjenigen Molecüle sich mehrt, deren Wirkung auf jenen Punkt sich aufhebt, so geht hieraus eine Reihe von nach u. nach schwächer werdenden Bildern der Öffnung an den Seiten der direct gesehenen hervor, u. diese Bilder sind desto weiter von einander entfernt, je schmäler der Spalt ist. Nach diesen Principien haben sich die complicirtesten Figuren aus beliebigen Gestalten u. Anordnungen der Öffnungen vor der Beobachtung auf das genaueste vorhersagen lassen. Vgl. Grimaldi, Physico-mathesis de lumine, Bol. 1665; Schwerd, Die Beugungserscheinungen aus den Fundamentalgesetzen der Undulationstheorie mathematisch entwickelt, Manh. 1835. b) B. der Wellen, die Verbreitung der durch eine verhältnißmäßig enge Öffnung gegangene Welle nach Richtungen, Kelche zur Seite ihrer ursprünglichen Bewegung liegen, s. Wellenbewegung; c) die B. des Schalles beruht auf denselben Gesetzen, s.u. Schall; 4) B. des Rechts, s.u. Amtsverbrechen III. D); 5) (Grammatik), so v.w. Flexion.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

Synonyme:

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