Kybĕle


Kybĕle

Kybĕle, phrygische Gottheit, an deren Stelle in ältern griechischen Dichtern Rhea, eine Titanide, Tochter des Uranos u. der Gäa, steht, war die große Mutter der olympischen Götterfamilie; denn von Kronos gebar sie Hestia, Demeter, Here, Hades, Poseidon u. Zeus. Nachdem sie ihren Gatten, der ihre Kinder stets nach der Geburt fraß, zum Erbrechen gebracht hatte, beginnt ihre Verschmelzung mit K. Rhea-K. ist nun die große Mutter der Götter, sie repräsentirt im Allgemeinen die Zeugungskraft der Erde in weiblicher, empfangender Bedeutung, die Mutter Natur, weshalb sich auch oft ihr u. der Aphrodite Cultus durchdrang; auch war sie Göttin des Weinbaus u. Ackerbaus, weshalb sie oft mit Demeter verschmolz; auch Begründerin der Städte u. Burgen (daher ihre Beinamen Mater turrita, M. turrigera). Aber in ihrer ursprünglichen kleinasiatischen Bedeutung ist K. die Bergmutter; ihre Heimath sind die Felsgeklüfte u. die Höhlen des Waldgebirges; auf den Gipfeln der Berge wird sie verehrt. Nach Diodor, der ihrer unter den Griechen zuerst gedenkt, war K. Tochter des phrygischen Königs Mäon u. der Dindyme. Aus Verdruß, daß das Kind kein Sohn war, setzte sie der Vater auf dem Berg Kybelos in Phrygien aus, wo sie von Löwen u. Panthern gesäugt, nachher aber von Hirtenweibern aufgezogen wurde. Sie erfand Pfeifen u. Trommeln, wodurch sie die Krankheiten des Viehs u. der Kinder heilte. Unglücklich war ihre Liebe zu Atys (s.d.); mit Marsyas durchirrte sie alle Länder, um ihren Liebling wiederzuerlangen. Da verlor sie auch diesen in einem Wettstreit mit Apollon, der sie nun begleitete. Die Heimath ihres Cultus war das Dindymenische Gebirge in der Gegend von Pessinus in Phrygien, von welchem[934] sie auch den Beinamen Dindymene u. von einem Berge desselben (Agdos) den Beinamen Agdistis führt. Dort befand sich auch das älteste Heiligthum der Göttin, welches aus einer Höhle mit einem Meteorstein, ihrem ältesten Bilde, bestand. Der phrygische König Midas, Sohn der K. u. des Gordios, sollte ihr in Pessinus den ältesten Tempel erbaut haben u. ihr erster Priester gewesen sein. Von Phrygien aus verbreitete sich der Cultus der K. über fast ganz Kleinasien, bes. die Gebirge Ida in Troja, Sipylos in Mysien, Tmolos in Lydien, auch nach Bithynien, Galatien u. in die Städte der Westküste des Hellespontus u. der Propontis, Aus den asiatischen Colonien wurde ihr Dienst um die Zeit der Perserkriege nach Griechenland übergebracht, zuerst nach Athen, wo man ihr in der Nähe des Rathhauses ein eignes Metroon baute, welches Phidias od. sein Schüler Agorakritos mit einem Bilde der großen Göttin schmückte; dann kam der Cultus in den Peloponnes, nach Kreta u. über ganz Griechenland. Doch muß man von diesem älteren u. allgemein verbreiteten Cultus der K. die durch die Orphiker ausgebreiteten u. seit den Zeiten des Peloponnesischen Krieges in Griechenland bestehenden ausschweifenden Winkelmysterien des Bacchus u. der Rhea unterscheiden; obgleich die Eigenthümlichkeit auch des älteren Cultus der K. immer eine besondere Wildheit u. fanatische Aufgeregtheit blieb. Die Priester u. Verehrer der K. durchschwärmten mit wildem Geschrei u. tobender Musik von Cymbeln, Hörnern, Pauken u. Pfeifen u. mit brennenden Fackeln Wälder u. Gebirge. Die Begleitung der K. waren die wilden Thiere des Gebirges, Panther u. Löwe, dann die Schaar der wildtanzenden u. dumpf ihre Schwerter zusammenschlagenden Korybanten u. Kureten, der Daktylen u. Kabiren. Ihre Feste wurden im Anfang des Frühlings mit Begeisterung u. wilden, tobenden Geberden u. Lärmen von ihren Priestern (Korybanten), die als Entmannte Galli hießen, vollzogen. In Griechenland zogen ihre Priester auf Eseln reitend im Lande umher u. bettelten im Namen der Göttermutter ihren Unterhalt, weshalb sie Metragyrtä (Mutterbettler) genannt wurden. In Rom wurde ihr Dienst um 204 v. Chr. eingeführt, u. ihr Stein von Pessinus nach Rom gebracht. Ihr fünftägiges Hauptfest vom 23_–27. März, Megalesia genannt, wurde nur von den patricischen Frauen gefeiert Der orgiastische Dienst aber blieb in Rom immer ein ausländischer. Am ersten Tage wurde eine abgehauene Fichte, der Stamm mit Fellen, die Zweige mit violetten Bändern u. Kränzen umwunden, in den Tempel gebracht; am zweiten Tage begingen die Galli ihre mystischen Ceremonien; am dritten wurden die Hilarien mit Gastfreundschaft, Scherz u. Lachen gefeiert; am fünften wurde das Bild der K im Flüßchen Almo vor dem Capenischen Thor gewaschen (Lavatio matris deûm). Lärmende, schreiende Männer u. Weiber begleiteten den Zug; unzüchtige Lieder ertönten, die Galli verwundeten sich selbst, stürzten sich mit dem Messer unter die Menge etc. K. hieß hier vorzugsweise Magna mater deûm. Dargestellt wird sie gewöhnlich auf einem Throne zwischen zwei Löwen sitzend, die Mauerkrone auf dem Haupte u. das Tympanon in der Hand. Heilig sind ihr die Löwen, die Eiche u. die Fichte. Vgl. Gerhard, Über das Metroon zu Athen u. über die Göttermutter der Griechischen Mythologie, Berl. 1851.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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