Pali


Pali

Pali (Magadhi), die heilige Sprache bei den südlichen Buddhisten in Ceylon, Birma u. Siam, eine Tochter des Sanskrit, eine Volksmundart, welche zur Zeit der Ausbreitung des Buddhismus im mittleren Indien gesprochen wurde, eine nahe Verwandtschaft mit den in Volksmundarten abgefaßten Inschriften des Asoka zeigt u. älter erscheint als die sogenannten Prakritdialekte. Das Material des P. findet sich größtentheils im Sanskrit u. nach gewissen Regeln modificirt wieder; die Grammatik ist dieselbe, nur sind die Formen nach der Eigenthümlichkeit einer jüngeren Sprache weniger zahlreich, weniger voll u. mehr abgeschliffen. Für das P. sind mehre Schriftarten üblich, welche alle aus dem Dewanagari entstanden sind. Frühzeitig wurde das P. als Schriftsprache verwendet u. namentlich viele buddhistische Werke aus dem Sanskrit in diese Volksmundart übersetzt, theilweise wohl auch gleich in derselben abgefaßt. Mit diesen heiligen Schriften kam das P. nach Ceylon u. Hinterindien, wo es jedoch nie als eine lebende Sprache im Gebrauche war, sondern sich als Sprache der Priester u. Gebildeten traditionell fortpflanzte, während sie in Indien mit der Reaction des Brahmanismus u. der Unterdrückung des Buddhismus ausstarb. Auf Ceylon ist die Kenntniß der P. unter den Gebildeten noch heute allgemein, ihre Anwendung entspricht vollkommen der des Lateins in Europa im Mittelalter; noch jetzt werden die Schriften, welche auf eine etwas weitere Verbreitung berechnet sind, u. bes. die, welche über Religion handeln, in P. geschrieben. Die älteste Grammatik ist das Kaccayana, sie ist verloren u. nur noch im Auszug vorhanden; die geschätztesten unter den einheimischen Grammatiken sind die von Balavatara (herausgegeben von Clough u. erläutert von vielen Andern) u. die des Moggalana. Unter den Wörterbüchern ist bisher nur die Abhidhana ppadipika (herausgeg. von Clough, Colombo 1824) von Moggalana näher bekannt geworden. Vgl. Burnouf u. Lassen, Essai sur le P., Par. 1826; W. Storck, De declinatione nominum subst. et adject. in lingua palica, Berl. 1858.

Unter den Erzeugnissen der Paliliteratur stehen die heiligen Schriften oben an. Der Canon der letztern heißt Tripitakam od. Pitakattayam, in Singhalesischer Sprache Tunpitaka, u. zerfällt in drei Abtheilungen (Pitakas od. Behälter), nämlich Vinaya, Sutra u. Abhidharma, von denen jede wieder verschiedene Werke umfaßt. Das Vinaya besteht aus fünf Werken: Parajika, Pacitinam, Manavagga, Culavagga u. Parivarapata; die beiden ersten bilden eine Art Criminalgesetzburch, das dritte u. vierte ein kirchliches u. bürgerliches Gesetzbuch, das fünfte eine Art von Erklärung der vier ersten in der Form eines Katechismus. Zusammen wird das Vinaya in 169 Abschnitte (Banavaras), jede zu 250 Strophen, eingetheilt. Hierzu kommt noch ein Commentar, die Samantapasadika, von 27,000 Strophen. Die Sutras od. das Suttapitakam bilden den bedeutendsten Theil der ganzen Tripitakam, umfaßt ohne den Commentar 200,000 Strophen u. besteht aus folgenden Werken: das Dighanikaya mit 64 Banavaras od. 16,000 Strophen, enthaltend 34 längere Sutras; Madjimanikaya mit 152 Sutras in 80 Banavaras u. 21,250 Strophen; Sanyuttakanikaya mit 7762 Sutras u. 25,000 Strophen; Anguttaranikaya mit 9557 Sutras u. 44,250 Strophen; Khudakanikaya mit 44,250 Strophen. Weniger umfangreich sind die übrigen Schriften im Suttapitakam, nämlich: Khudakapatam; Dhammapadam, d.i. Lehrsprüche, 423 Strophen enthaltende Aussprüche des Buddha (herausgegeben von Fausböll, Kopenh. 1855; deutsch von Weber in der Zeitschrift der deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Bd. XIV. S. 34 ff); Udanam; Itti-uttakam; Suttanipatam (Bruchstücke in Spiegels Anecdota palica, Lpz. 1845); Vimanavattu, Petavatthu, Theragatha, Therigatha, Jatakam (die 550 Wiedergeburten Buddhas beschreibend); Niddesa; Buddhavamsa (die Genealogie des Buddha), endlich Cariyapitaka. Der Abhidharma od. metaphysische Theil umfaßt sieben Werke mit 96,250 Strophen; sie sind: Dhammasangani, Vibhangam, Kathavatthu, Puggalam, Dhatu, Yamakam u. Patthanam. Diese 32 Werke wurden nach der kirchlichen Tradition zur Zeit des großen Asoka durch Mahinda aus Magadha nach Ceylon gebracht. Die sie begleitenden Commentare werden fast ebenso heilig gehalten, wie die Texte selbst; sie heißen Atthakatha u. wurden im 1. Jahrh. v. Chr. durch Mahinda in das Singhalesische übertragen. Mit der Zeit wurde der Palitext über der singhalesischen Übersetzung ganz vergessen u. ging verloren, bis Buddhagosa um 420 n. Chr. die singhalesische Übersetzung Mahindas wieder in das P. zurückübersetzte u. mit Commentaren begleitete. Diesen Schriften von canonischem Ansehen schließen sich nun Zusammenstellungen (Sangaho) an, welche sich etwa mit unseren Dogmatiken vergleichen lassen; sie handeln in einzelnen Capiteln über die Natur der Buddhas u. deren Wesen, über das Wesen der buddhistischen Mönchsversammlungen etc. Ähnliche Werke behandeln die nämlichen dogmatischen Gegenstände für die Laien. Von den Pflichten der buddhistischen Priester handelt das Kammarakyam (herausgeg. von Spiegel, Bonn 1841). Von den zahlreichen Legendensammlungen ist erst die Rasavahini näher bekannt geworden. Von Wichtigkeit für die Kenntniß der älteren indischen Geschichte sind die historischen [574] Schriften. Die älteste u. wichtigste derselben ist das Mahavanso, eine Geschichte Ceylons von 543 v. Chr. bis 1758 n. Chr., in 100 Kapiteln u. 9175 Versen; als Verfasser wird der König Mahanama genannt (410–432 n. Chr.), welcher die Geschichte bis zum Jahr 310 n. Chr. schreiben ließ, worauf sie von Anderen, wie Dhammakitti etc. fortgesetzt wurde (mit Übersetzung herausgeg. von Turnour, Bd. 1, Cotta 1837). Dem Mahavanso zunächst an Ansehen steht der Dipavansa, welcher schon unter Dhatusena (459–477 n. Chr.) berühmt war. Zu den historischen Büchern muß auch das Dathadhatuvansa od. die Geschichte des heiligen Zahns gerechnet werden. Die Literatur des P. steht in steter Wechselwirkung zur Singhalesischen Literatur u. wird durch dieselbe ergänzt. Vgl. Singhalesische Sprache u. Literatur.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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