Girardin


Girardin

Girardin (spr. Schihrardäng), 1) René Louis, Marquis de G., stammte aus der adligen florentinischen Familie Gherardini, geb. 1735 in Paris, wurde früh Soldat u. dem Könige Stanislaus von Polen in Nancy zugetheilt, machte den Feldzug 1760 mit u. wurde Dragoneroberst, faßte nach einigen Reisen den Plan zur Landesverschönerung u. führte ihn zuerst mit seinem Wohnort Ermenonville (s.d.) aus, wo er J. J. Rousseau einen Zufluchtsort bot. Der Revolution anhängend, wurde er doch 1793 angeklagt u. entging nur mit Mühe durch die allgemeine Achtung, in der er stand, der Hinrichtung; er st. 1808 u. schr.: De la construction des paysages, Par. 1777, 4. Ausg. 1807 (deutsch Lpz. 1779, englisch Lond. 1785); Sur la nécessité de la ratification de la loi par la volonté générale, Par. 1791. 2) Graf Cécile Stanislas Xavier, Sohn des Vorigen, geb. 1768 in Luneville, wurde Soldat u. bald Cavalleriecapitän; Anfangs eifriger Anhänger der Revolution, trat er 1790 in die Nationalversammlung u. gehörte hier zur äußersten Linken, näherte sich aber, als das Schreckenssystem begann, der Rechten, vertheidigte am 10. Aug. 1792 das Königthum, ließ, den Jacobinern verdächtig geworden, sich nach England senden u. verbarg sich, zurückgekehrt, in Ermenonville, wurde aber entdeckt, verhaftet u. entging nur dadurch dem Tode, daß er in der Tischlerwerkstatt des Gefängnisses arbeitete u. dadurch vergessen wurde. 1704 befreit, wurde er 1798 Präfect im Departement der Oise, bald aber als des Royalismus verdächtig entsetzt u. lebte nun wieder in Ermenonville, wo er mit Joseph Bonaparte bekannt u. durch diesen nach dem 18. Brumaire Tribun wurde, trat dann als Begleiter Joseph Bonapartes wieder in Militärdienste, ging mit demselben 1806 nach Neapel u. 1808 nach Spanien, wo er Brigadegeneral wurde, kam zurückgekehrt in das Corps législatif u. wurde 1812 Präfect im Departement Nieder-Seine u. 1815 in dem der Seine u. Oise. Durch die Bourbons entsetzt, wurde er erst 1819 wieder als Präfect des Departements Cote d'or angestellt. Gleichzeitig zum Deputirten gewählt, verlor er, weil er sich den Ausnahmegesetzen beim Tode des Herzogs[364] von Berry widersetzte, 1820 seine Stelle. Er zeigte sich nun als sehr eifriges Mitglied der Linken u. starb 1827. Er schr.: Discours, Par. 1828, 5 Bde. 3) Graf Erneste Stanislas, Sohn des Vorigen, geb. 1802, ist jetzt Besitzer von Ermenonville u. seit 1851 Mitglied des Senats. 4) Graf Alexander, in der Restaurationszeit französischer Generallieutenant u. Oberjägermeister Karls X., welcher in jener Periode eine glänzende Rolle in der Gesellschaft spielte u. in nahen Beziehungen zu Emil de G. stand; er st. 5. August 1852 in Paris. 5) François Auguste Saint Marc, geb. 21. Febr. 1801 in Paris, wurde 1826 Professor am College de France u. Redacteur beim Journal des Debats; 1836 wurde er Mitglied der Deputirtenkammer, 1840 Mitglied der Akademie u. wurde Ende 1845 zum Präsidenten gewählt. Er wurde später Mitglied des königlichen Raths des öffentlichen Unterrichts, Staatsrath u. gehörte am Tage vor der Februarrevolution zu den Candidaten für das Ministerium des öffentlichen Unterrichts. Im August 1850 wurde er Mitglied des Oberstudienrathes u. zugleich Secretär dieses Instituts. Er schr.: Eloge de Lesage, Par. 1822; Eloge de Bossuet, 1827; Tableau de l'histoire de la littérature franç. en 16. siècle, 1828 (Preisschrift); Notices polit. et lit. sur l'Allemagne. 1835; De l'instruction intermédiaire sur l'Allemagne, 1835; Rapport sur l'état de l'instruction publique dans le midi de l'Allemagne, 1835; Mélanges de lit. et de morale, 1840; Cours de lit. dramatique, 1843; Essais de lit. et de morale, 1845; De l'instruction intermédiaire et de ses rapports avec l'instruction secondaire, 1847; De l'usage des passions dans le drame, 1847; Cours de lit. franç., 1851. 6) Emil de G., geb. 1802 wahrscheinlich in Paris od. nach Andern 1803 in der Schweiz, illegitimer Sohn G-s 3), muthmaßlicher Sohn Louis Philipps, kam ohne alle Mittel nach Paris, wurde bei einem Bankier Copist u. begründete unter dem Schutze der Herzogin von Berry das belletristische Journal La Mode, später Le Voleur, verheirathete sich 1831 mit der Folgenden u. ließ sich in verschiedene journalistische u. national-ökonomische Speculationen ein. So gründete er nach u. nach das Journal des connaissances utiles; Musée des familles; Journal des instituteurs primaires; Courrier des électeurs; Atlas de la France; Physionotype u. Panthéon littéraire. Da er 1835 das Journal La Presse für den Jahrespreis von 40 Frcs. gründete, so kam er darüber mit anderen Journalisten sowohl wegen Herabsetzung des Preises, als auch wegen seiner schroffen Sprache gegen Alles, was nicht ministeriell war, in Streit u. erschoß am 24. Juli 1836 Armand Carrel im Duell; 1839 wurde er in die Kammer gewählt, da aber seine Eigenschaft als geborener Franzose nicht hinreichend bewiesen werden konnte u. die Regierung deshalb seine Wahl annullirte, so wurde er aus einem Vertheidiger des Ministeriums ein Feind desselben; bald jedoch gab er diese Feindschaft auf u. vertheidigte das Ministerium vom 29. October, trat aber 1843 in der Presse wieder gegen Guizot auf. Seitdem 24. Febr. 1848 folgte er der republikanischen Partei u. sprach für die Provisorische Regierung, da aber dieselbe seine ihr angebotenen Dienste nicht angenommen hatte, schrieb er nun wieder gegen alle Regierungsmaßregeln, sowie auch gegen die Dictatur Cavaignacs; Ludwig Napoleon, dessen Candidatur zur Präsidentschaft er befürwortet hatte, bekämpfte er nach dessen Wahl als Tyrannen. 1850 vom Departement des Niederrheins in die Nationalversammlung gewählt, gehörte er hier Anfangs zur Bergpartei, die er aber auch im Laufe des Jahres verließ. In Folge seiner Wahl zum Deputirten trat er die Redaction der Presse an Neffzer ab. Nach dem Staatsstreiche vom 2. Dec. 1851 aus Frankreich verbannt, ging er nach Brüssel, erhielt jedoch im Herbst 1852 die Erlaubniß zur Rückkehr u. übernahm nun die Redaction der Presse wieder, trat jedoch im Novbr. 1856 gänzlich davon zurück u. verkaufte seinen Antheil an Milhaud. 1857 bereiste er Italien u. steht seit 1858 zum Prinzen Napoleon (Jérome) in intimer Beziehung. Nach dem Tode seiner ersten Gattin, 1855, verheirathete er sich 1856 in zweiter Ehe mit Fräulein von Tiefenbach, der Tochter eines hessischen Prinzen aus morganatischer Ehe. Er schr.: Au hasard (als Adolphe Bréant), 1828; Moyens législatifs de régénérer la presse périodique, 1835; De la presse périodique au XIX. siècle, 1837; Etudes politiques, 1838; Emile, 1839; Question de presse, 1842; Réforme de la poste aux chevaux, 1847; De la liberté du commerce et de la protection de l'industrie, 1846 f.; u. das Lustspiel La fille du Millionaire (Komödie), 1857. 7) Delphine de G., Tochter der Madame Sophie Gay, geb. 1805 in Aachen; 1831 mit dem. Vorigen verheirathet, wurde 1827 Mitglied der römischen Akademie u. erhielt von Karl X. eine Pension von 1500 Frcs.; sie st. 30. Juni 1855. Für die Presse u.a. Blätter schrieb sie unter dem Pseudonym Le Vicomte Charles de Launay; außerdem Devouement des médecins français et des soeurs de Saint Camille pendant l'épidémie de Barcelone, ein Gedicht, 1822; Essais poétiques, 1824, 4. Aufl. 1829; Nouveaux essais poét., 1828; La Pélérine, 1828; Le Lorgnon, 2. Aufl. 1832; Qu'on est heureux d'être curé (Schäfergedicht), 1833; Napoline, 1833; Contes d'une vieille fille à ses neveux, 1833; Monsieur le Marquis de Pontanges, 1835; La canne de M. de Balzac, 1836; Poésies complètes, 1842; Lettres parisiennes, 1843; mit Méry, Th. Gautier u. J. Sandeau La croix de Berny, 1846; für das Theater schrieb sie das Lustspiel L'école des journalistes, 1840, die Tragödien Judith, 1840, Cléopâtre u. das Lustspiel Lady Tartuffe, 1853.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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