Vesuv


Vesuv

Vesuv (bei den Alten Vesuvius, ital. M. Vesuvio), der einzige bedeutende Vulkan des europäischen Continents, ein isolirt liegender Berg der Apenninen, zwei Meilen südöstlich von Neapel; er steigt von Südosten her in einem ganz flachen Kegel, dem Piane, an, auf diesem erhebt sich in einer Steigung von 10 bis 30 Grad der mittlere, theils mit großen scharfen Schlackenblöcken, theils mit seiner Asche bedeckte Auswurfskegel, auf dessen abgestumpfter Spitze sich der Krater öffnet, dessen Wand im Nordwesten in der Punta del Palo am höchsten (zu 3650 Fuß) ansteigt. Auf der Ostseite des Berges legt sich um ihn ein halbkreisförmiger Wall, der sogenannte Somma, ein aus Schichten von Leucitporphyr bestehender Rest eines Erhebungskraters, der nach Innen, dem Aschenkegel gegenüber steil abfällt u. in seinem fast überall gleich hohen Rande, der Punta Nasone, eine Höhe von 3540 Fuß erreicht. Der V. ist daher zweigipflig, durch die Punta del Palo u. die Punta Nasone. Zwischen dem Sommamantel u. dem Aschenkegel befindet sich die mit Ginster bewachsene, lavaerfüllte Ebene Atrio del Cavallo (d.h. Pferdehalle). Der Krater, welcher fast bei jedem Ausbruch eine andere Gestalt u. Tiefe annimmt u. vor der letzten Eruption (1861) an der einen Seite die eigentliche Öffnung von nur 15 bis 20 Fuß Durchmesser hatte, ist jetzt ein riesiger mehre hundert Schritte breiter Schlund. Aus dem Krater steigt in der Regel ein gleichmäßiger Dampf auf Unzweifelhafte Anzeichen von nahen Ausbrüchen gibt es gar nicht; in der Regel folgt nach vorausgegangener gänzlicher Ruhe eine Eruption; eine solche beginnt mit unterirdischem Brausen u. Versiegen der Brunnen, dann wird der Berg durch die Wasserdämpfe, welche sich in Folge von Zersetzung u. neuer chemischer Verbindung unorganischer Massen entwickelt haben, zerrissen, große Schlackenmassen werden emporgeschleudert, gewaltige Dampfwolken in Begleitung von Blitz u. Donner steigen auf, glühende Lavaströme wälzen sich den Berg herab u. am Ende folgt ein Aschenregen. Die Lava besteht aus Leucit, Augit u. Glimmer, wird später fruchtbar u. die Asche bildet die Düngung. Der V. war den Griechen als Feuerspeiender Berg unbekannt, obgleich man aus den Erscheinungen auf dem Gipfel, einer kraterförmigen Ebene mit Asche u. durchbrannten Steinen seine vulkanische Eigenschaft vermuthete. Auch Plinius der Ältere rechnet ihn nicht unter die thätigen Vulkane. Zur Zeit von Christi Geburt hatte der Kegel des Berges eine sehr regelmäßige Gestalt u. endigte sich nicht, wie jetzt, in zwei Spitzen, sondern hatte einen flachen Gipfel, auf welchem die Reste des alten, fast ausgefüllten Kraters eine kleine Vertiefung zurückgelassen hatten; die Abhänge des Berges waren bewaldet u. cultivirt u. an seinem Fuße lagen Pompeji u. Herculanum. Im Jahre 63 n. Chr. fand ein Erdbeben statt, welches diesen Städten großen Schaden zufügte; dieselben wiederholten sich in den nächsten 16 Jahren, wurden aber endlich im August des Jahres 79 sehr zahlreich u. endigten in dem ersten uns bekannten Ausbruche, bei welchem der ältere Plinius, welcher die Naturerscheinung in einem Schiffe beobachtete, umkam u. welchen der jüngere Plinius in seinen Briefen (VI, 16) beschrieben hat. Drei Tage u. Nächte wurden die umliegenden Gegenden durch die in die Höhe geworfenen Stein- u. Aschenmassen verfinstert, ja bis an die Afrikanische Küste soll die Asche getrieben worden sein (Übertreibungen ließen sogar in Ägypten u. Syrien Spuren davon entdecken); die Städte Herculanum, Pompeji u. Stabiä (s.d. a.) gingen unter u. die ganze umliegende Küste erlitt eine große Veränderung. Seitdem hat man bis jetzt 54 bedeutendere Ausbrüche gezählt; es sind diese: 203, 472, 512, 685, 993, 1036, 1040, 1138, 1139, 1306, 1500, 1631, 1660, 1682, 1694, 1701, 1704, 1712, 1717, 1730, 1737, 1751, 1757, 1760, 1766, 1767, 1769, 1771, 1773, 1774, 1775, 1776, 1777, 1778, 1779, 1786, 1790, 1794, 1804, 1805, 1806, 1810, 1811, 1813, 1817, 1820, 1822, 1831, 1833, 1834, 1839, 1848, 1850, 1861. Die großartigsten Eruptionen u. Lavaergießungen in der neueren Zeit waren den 5. Aug. 1779, wo die Lavanach allen Seiten hinströmte, dann den 11. April 1820, bei welcher sich ein neuer Krater bildete, den 22. Oct. 1822, in der Nacht vom 2. zum 3. Aug. 1839, im März 1848, 7. Febr. 1850 u. der letzte am 8. Dec. 1861, wobei sich 8 Krater öffneten, u. Torre del Greco (s.d.) fast gänzlich verschüttet wurde. Der V. wird gewöhnlich von Resina, auch von Pompeji aus in 4 bis 5 Stunden bestiegen; es befindet sich auf ihm eine Eremitage u. dabei das 1844 neu erbaute meteorologische Observatorium. An seinen Abhängen wächst der berühmte Wein Lacrymae Christi. Vgl. F. Förster, Briefe eines Lebenden, Verl. 1830; Roth, Der V. u. die Umgebung von Neapel, Verl. 1857. Karte der Umgebungen von Neapel u. dem V., Freiberg 1821.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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